# Jenseits der Schriftkultur — Band 5

## Part 5

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Die Aufzählung jener nützlichen und für sehr viele Menschen segensreichen Anwendungen, die gleichwohl von vielen Menschen abgelehnt werden, noch bevor sie wirklich ausgereift sind, wäre endlos. Sie alle sind erst denkbar in einer Welt jenseits der Schriftkultur, denn sie basieren auf strukturell unterschiedlichen Ausdrucks-, Kommunikations- und Signifikationsmitteln. Wir haben alle auf diese oder jene Weise erste Eindrücke von den Möglichkeiten dieser neuen Verfahren gewonnen: Gelähmte können sich mit Hilfe von Sensoren, die an unversehrten Nervenzentren angeschlossen sind, wieder bewegen; an den Rollstuhl gebundene Kinder können unabhängig von der Welt, in der sie als behindert gelten, in der virtuellen Realität Entfaltungsmöglichkeiten finden; durch Übertragung von Verhaltensmustern der körperlichen Welt in simulierte Welten können wichtige neue Fertigkeiten entwickelt werden; Simulationen führen zu erfolgreicheren Rehabilitationsformen nach Unfällen und Krankheit; in Japan bereiten sich die Menschen mittels virtueller Realität auf Erdbeben und das richtige Verhalten in entsprechenden Notsituationen vor; die vernetzten virtuellen Welten fördern Interaktionen im Bereich wissenschaftlicher, dichterischer oder künstlerischer Interessen und nähren die Hoffnung auf eine neue Renaissance.

Nicht alles muß dabei virtueller Natur sein. Active badgesTM, d. h. aktive Namensschilder, speichern und vermitteln Daten, die die Identität eines Individuums ausweisen. Das heißt nicht nur, daß man Personen leichter lokalisieren kann, sondern daß auch alle Formen der Interaktion--in Form von digitalen Spuren gespeichert--als Gedächtnishilfe für Menschen und Maschinen dienen. Auch das Gedächtnis nimmt digitale Formen an. Von jemandem, der einen Raum betritt, wird automatisch Kenntnis genommen. Der Computer informiert sofort darüber, wie viele Botschaften auf ihn warten und wer die Absender sind. Er berechnet eigenständig die Entfernung der Person vom Bildschirm und bietet die Information auf eine Weise dar, daß man sie aus der entsprechenden Entfernung sehen kann. Er führt den Terminkalender und er erinnert selbständig an Termine. Er führt auf Wunsch auch ein persönliches Tagebuch mit allem, was notiert werden soll: Handlungen, Gespräche, gedankliche Notizen usw. Diese Art der Speicherung von Daten aus den active badges und aus Bildern, die im Verlauf bestimmter Tätigkeiten aufgezeichnet wurden, ist weniger aufdringlich als Sekretärinnen oder Assistenten, die einen ständig umgeben. Jeglicher Datenschutz ist in jedem gewünschten Maße gewährleistet. Ein solches Tagebuch kann auch Routineereignisse aufzeichnen, die zunächst irrelevant erscheinen--Bewegungsabläufe, Gespräche, Essen, Trinken, Zeichnen, Entwerfen, Datenanalyse. Verhaltensmuster, die einen besonderen emotionalen oder kognitiven Wert haben, Angeln, Bergsteigen oder auch Tanzen oder Nichtstun können je nach Bedarf aufgezeichnet werden. Und schließlich kann dieses Tagebuch am Ende des Tages per e-mail an seinen Verfasser geschickt werden. Er kann die Ereignisse des Tages dann noch einmal vor sich ablaufen lassen oder diejenigen Augenblicke herausfiltern, die im Verlauf des Tages besondere Bedeutung gewonnen haben.

Natürlich können wir in dieser Welt jenseits der Schriftkultur auch künstlerische Erfahrungen sammeln. Wir können uns eine Shakespeare-Aufführung auf die Monitore unserer Augen projizieren lassen, dort, wo die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion beginnen. So bekommen wir die Inszenierung unserer Wahl oder die Schauspieler unserer Wahl. Wir können uns an die Stelle der Schauspieler setzen und eine Rolle selbst übernehmen. In Sport und Spiel wird eine ähnliche Teilnahme möglich. Wir können mit jeder gewünschten Person in Beziehung treten oder Kontakt aufnehmen zu einer Gemeinschaft, zu der wir gehören wollen. Überhaupt bekommen "Dazugehörigkeit" und "Dabeisein" einen anderen Sinn. Sie ergeben sich nicht mehr zufällig, sondern aus unserer bewußten Wahl. Dabeisein heißt nicht mehr, nur Nachrichten und politische Ereignisse auf dem Fernsehschirm zu sehen und dabei ein Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins zu empfinden. Alle diese Erfahrungen können sich als sehr private intensive Erfahrungen vollziehen oder als Interaktion mit anderen, ob sie nun physisch gegenwärtig sind oder nicht. Die Welt anders zu sehen heißt auch, den Standpunkt eines anderen Menschen oder einer anderen Kreatur im wahrsten Sinne des Wortes einzunehmen. Wie sieht ein Immigrant oder ein ausländischer Besucher ein bestimmtes Land? Wie erscheint der Mensch einem Wal, einer Biene, einer Ameise oder einem Hai? Mit den neuen Möglichkeiten können wir uns nicht nur in die Lage, sondern in den Körper von Schwerbehinderten versetzen und auf diese Weise am "eigenen Leibe" erfahren, wie sich zum Beispiel ein Blinder in unserer gnadenlosen Welt rasender Autos und hastender Menschen zurechtfindet. Indem wir diese Erfahrung im Rahmen der Identität des anderen nachvollziehen, lernen wir sehr viel mehr voneinander und können die Möglichkeiten und Grenzen anderer besser teilen oder verstehen. Im günstigsten Falle tritt an die Stelle leerer Sympathiebekundungen aufrichtige Solidarität.

Es kann gar nicht genug betont werden, wie all diese semiotischen Mittel--Ausdrucksmittel in sehr komplexen dynamischen Zeichensystemen--die Natur unserer individuellen Erfahrungen und unseres gesellschaftlichen Lebens verändern. Alles Erdenkliche kann gesehen, kritisiert, gefühlt, empfunden, durchgespielt und evaluiert werden, bevor wir es tatsächlich produzieren. Auch simulierte Personen können mit einem active badge versehen werden und als Avatar durch die Pläne für ein neues Gebäude wandern oder auf den geplanten Wegen einer schwierigen Gebirgsexpedition. Ein Tagebuch der Raumforschung ist mindestens ebenso wichtig wie das persönliche Tagebuch eines Menschen, der in einer Fabrik, einer Forschungseinheit oder zu Hause arbeitet. Bevor weitere Bäume abgeholzt, weitere Flußbetten verlegt, Wohnsiedlungen geplant oder in irgendeinem anderen Bereich ein neuer Weg beschritten wird, können wir herausfinden, welche unmittelbaren und langfristigen Folgen sich ergeben würden.

Wir können auch noch einen Schritt über die integrierte Welt der digitalen Verarbeitung hinausgehen und höchst komplizierte Abläufe und Verfahren neuronalen Netzwerken überantworten, die darauf ausgerichtet sind, Befehls-, Kontrolls-, Evaluationsfunktionen auszuführen. Unvorhersehbare Situationen werden so zu Lernerfahrungen. Und dort, wo Menschen z. B. unter emotionaler Belastung gelegentlich versagen, können neuronale Netzwerke an ihre Stelle treten, ohne daß wir damit das Risiko des letztlich unvorhersagbaren menschlichen Verhaltens eingehen müssen. Ein active badge kann mit neuronalen Netzwerkverfahren verknüpft werden, die die oftmals verschwendeten zahlreichen Fragmentpartikel unseres Wissens verarbeiten. So erfahren wir mehr über unsere Kreativität und die damit verbundenen kognitiven Prozesse. Aus der Masse unserer nicht-aktivierten Gedanken und Handlungen können wir eine Menge zusätzlichen Wissens beziehen. Und die Allgegenwärtigkeit, unbegrenzte Einsatzfähigkeit und Unaufdringlichkeit solcher Mittel macht sie besonders geeignet für medizinische Versorgung, Kindererziehung und Altenbetreuung. Optische Computer und Verarbeitungsmittel für biologische Daten werden letztendlich unser Verhältnis zu Daten und Informationsverarbeitung und die zwischenmenschlichen Beziehungen völlig neu strukturieren. Der einzelne Mensch wird seine individuellen Merkmale genauer erkennen und fortentwikkeln und auf diese Weise seine Position im Netzwerk der sozio-politischen Interaktion verbessern.

Noch immer gibt es eine Reihe von Bereichen, in denen wenige Menschen die Entscheidungen für andere treffen: Wie sollen unsere Kinder spielen? Wie sollen sie lernen? Welche Verhaltensregeln gelten in Familie und Gesellschaft? Wie versorgen wir die alten Menschen? Welche medizinischen Eingriffe sind gerechtfertigt? Wie definieren wir Leben und Tod? Die Menschen, die darüber entscheiden, üben eine Macht aus auf der Grundlage von Werten, die in einer hierarchisch strukturierten Lebenspraxis entstanden sind und die wir gemeinhin mit Schriftkultur und Bildung verbinden. Das muß nicht zwangsläufig so sein, vor allem wenn wir uns vor Augen halten, welche komplexen Fragen und Entscheidungsprozesse hinter diesen scheinbar so offensichtlichen Fragen stehen. Auch unser Verhältnis zum Leben und zum Tod, zu Universalität, Dauerhaftigkeit, zu nicht-hierarchischen Lebens- und Arbeitsformen, zu Religion und Wissenschaft, vor allem aber zu all den anderen Menschen, die unsere Erfahrungswelt konstituieren, wird sich verändern. Unser Begriff von Politik wird neu definiert werden müssen, wenn wir die Individualität neu definieren als eine durch umfangreiche Zeichensysteme konstituierte Interaktionsinstanz, und nicht mehr nur als eine Identität, die sich in einer Allgemeinheit verflüchtigt, in welcher Individualität gnoseologisch aufgehoben ist.

Falsche Vermutungen

Die Geisteswissenschaften haben sich in einzelnen Fällen den Herausforderungen gestellt, die sich aus der immer zentraleren Rolle der Naturwissenschaften und der damit einhergehenden Marginalisierung der schriftkulturell bezogenen Geisteswissenschaften ergeben. Dies geschieht nicht ohne das entsprechende Selbstbewußtsein und nicht ohne eine provokante Note. So behauptet George Steiner, daß kein Forschungsergebnis der Genetik an das heranreicht, was Proust über den Zauber oder die Last von Abstammung und Blutsverwandtschaft zu sagen hat. Eine solche Feststellung ist weder wahr noch falsch, denn es gibt für sie keine objektiven Kriterien. Eine solche Feststellung besagt lediglich, daß in Steiners Lebenspraxis nicht die Pragmatik der Genetik, sondern die Pragmatik der Literatur und Literaturwissenschaft die zentrale Rolle spielt. Diese Tatsache ist nicht zu widerlegen und ihr ist nichts hinzuzufügen. Aber abgesehen davon heißt das keineswegs, daß für die Mehrheit der Menschen, die vermutlich nie etwas von der Genetik verstehen werden, diese nicht doch erhebliche Folgen hat. Wir könnten weitere Beispiele anführen. Der Hinweis, daß Othellos Worte über die vom Tau rostigen, blanken Schwerter uns mehr über die sinnliche, vergängliche Wirklichkeit erfahren lassen als die Physik es je wollte und könnte, entbehrt nicht einer gewissen rhetorischen Eleganz, verkennt aber die Tatsache, daß die physikalischen Berechnungen über die ersten Minuten oder Sekunden bei der Entstehung des Universums ebenso metaphysisch und bewegend sind wie irgendein Beispiel aus den Künsten oder der Philosophie. Die Naturwissenschaften sind lediglich von unterschiedlichen Erkenntnisinteressen geleitet und drücken sich in einer jeweils anderen Sprache aus. Als solche sind sie jedoch eine Herausforderung für jegliches Denken und Empfinden und für die Art und Weise, wie wir uns unserer selbst und anderer, wie wir uns des Raumes und der Zeit bewußt werden; sie stellen somit auch eine Herausforderung für die Literatur dar, deren Entwicklung im übrigen in dem Maße zu stagnieren scheint, indem sich das Potential der Schriftkultur erschöpft hat. Sie muß sich fragen lassen, inwieweit diese Art des Schreibens den neuen Erfahrungen von Selbstkonstituierung und Identitätsfindung in dem heutigen Stadium jenseits der Schriftkultur noch gerecht wird. Wie lassen sich solche Fragen überhaupt beantworten? Gar nicht oder ganz einfach: Das Ausmaß, in dem irgend etwas--Kunst, Arbeit, Wissenschaft, Politik, Sexualität, Familie--etwas bedeutet, ergibt sich aus den Formen der Selbstkonstituierung, die der Mensch findet, und kann von nichts durch außen diktiert werden, nicht einmal durch unsere humanistische Tradition. Die Luft, ob sauber oder verschmutzt, ist wichtig, soweit sie zur Lebenserhaltung beiträgt. Homer, Proust, Van Gogh, Beethoven oder auch der unbekannte Künstler eines afrikanischen Stammes sind alle wichtig, sofern sie Teil einer bestimmten Form menschlicher Selbstsetzung sind. Menschen erfahren und bestimmen ihre natürliche Wirklichkeit, indem sie ihre biologische Anlage in die Welt hineinprojizieren--wir alle atmen, sehen, hören, benutzen unsere Körperkraft und erkennen die Welt. Die Erfahrung der Selbstkonstituierung kann sich in ganz einfachen Formen, etwa der Nahrungsoder der Schutzsuche, vollziehen oder sehr komplex verlaufen--durch das Komponieren oder den Genuß einer Symphonie, eines Bildes, eines literarischen Werkes oder aber auch durch Nachdenken über die eigene Lage. Und wenn man für diese Erfahrung einen Stein oder einen Stock benötigt, ein Geräusch, einen Rhythmus, oder wenn sich das Individuum in eine Plastik oder ein Musikstück hineinprojiziert, dann ist die Bedeutung eines jeden solchen Elementes durch den pragmatischen Zusammenhang im Vollzug der Selbstkonstituierung bestimmt.

Es gibt zahlreiche Zusammenhänge, aus denen auch die Bedeutung von Erfahrungen hervorgeht, die auf der Schriftkultur basieren. Geschichte zum Beispiel, auch in den rechnergestützten oder genetischen Formen, gehört zweifellos dazu. Eine Reihe auch heute wichtiger praktischer Erfahrungen ist aus der Schriftkultur erwachsen: Bildung und Ausbildung, die Massenmedien, politische Arbeit und industrielle Produktionsweisen. Das heißt aber nicht, daß diese Bereiche auf ewig an die Schriftkultur gebunden sein müssen. Wichtige, noch heute bedeutsame Formen der Lebenspraxis, wie z. B. das Handwerk, sind der Schriftkultur vorausgegangen. Informationsverarbeitung, Visualisierung nichtalogorithmischer Rechenverfahren, Genetik und Simulation sind ebenfalls aus einer Pragmatik heraus entstanden, die an die Schriftkultur gebunden war. Gleichwohl sind sie relativ unabhängig von ihr. Einer anderen Feststellung George Steiners wollen wir zustimmen, nämlich, daß wir die Möglichkeit in Betracht ziehen müssen, daß die Beschäftigung mit Literatur zukünftig eher von marginaler Bedeutung sein wird, ein wichtiger Luxus wie die Bewahrung des Alten. Nur müssen wir seine These von der Literatur auf die gesamte Schriftkultur ausweiten.

Die Einsicht, daß wir die Schriftkultur hinter uns lassen müssen, kann sich nur mühsam durchsetzen und steht durchaus im Widerspruch zum gegenwärtigen modus operandi jener Wissenschaftler und Pädagogen, die fest in der Schriftkultur und in der Tradition verwurzelt sind, so sehr, daß sie den Verlust der Schriftkultur mit dem Verlust der fundamentalen Dimension des Menschen gleichsetzen. Sie gehen fälschlicherweise davon aus, daß der Erfahrungsbereich der Sprache identisch mit dem der Schriftkultur ist. Wir wissen, daß das nicht stimmt. Mündlichkeit, die heutzutage viel wichtiger ist, als es die Mehrheit von uns realisiert, und darüber hinaus in vielen Sprachen ohne ein Schriftsystem fungiert, bildet die Grundlage sehr ausdrucksreicher und vielfältiger Erfahrungen in der heutigen Welt.

Seit den frühen Argumenten der Antike gegen die Schriftlichkeit ist immer wieder Kritik an den beengenden Auswirkungen der Schriftkultur vorgebracht worden, die, so die Argumentation, die zahlreichen Dimensionen der Sprachen beschränkt, indem sie den Menschen regelhafte Verwendung aufzwingt. Auch hier können wir Steiners pluralistischer Ansicht folgen, derzufolge die Sprachmatrix keineswegs die einzige Form sein müssen in der sich geistige Arbeit vollzieht und artikuliert. Ikonen und Musik dienen ihm als Beispiele für eine auf Geist und Empfindungen gründende Wirklichkeit, die andere kommunikative Energien freisetzt. Er erinnert daran, wie sich unter dem Einfluß Leibniz und Newtons die Mathematik als eine eigene dynamische Sprache entwickelt hat, die es Mathematikern unterschiedlicher Kulturkreise ohne Kenntnis der jeweiligen anderen Sprache ermöglicht, mit Hilfe ihrer mathematischen Symbole, gewissermaßen in stiller Kommunikation, gemeinsam zu arbeiten.

Netzwerke kognitiver Energie

Chemie, Physik, Biologie und eine ganze Reihe anderer Erfahrungsbereiche haben ihre eigene Sprache entwickelt. Das Ausdrucksmedium, innerhalb dessen sich eine bestimmte Erfahrung ergibt und äußert, ist nicht bloß deren passive Ausdruckskomponente; es weist vielmehr durch alle seine Merkmale die Notwendigkeit auf, mit der es aus der spezifischen Erfahrung heraus entstanden und daher zugleich ein konstitutiver Bestandteil dieser Erfahrung geworden ist. Das gilt für alle Sprachen und für alle Entwicklungsstufen der einzelnen Sprachen. Dementsprechend tragen alle Entwicklungsstadien der Schrift ihre eigenen Charakteristika und verfolgen unterschiedliche Funktionen.

Alle Merkmale, die wir mit Schriftlichkeit und Schriftkultur verbinden, kennzeichnen eine Grundstruktur praktischer Erfahrungen, Werte und Sehnsüchte, die in der Druckmaschine verkörpert sind. Linearität und Sequentialität sind die Modi des Maschinenzeitalters, denen auch die Schriftkultur unterworfen ist: als Sprachmaschine, die den Sprachgebrauch vereinheitlicht. Der sequentielle Modus wird auch für elaboriertere Arbeitszusammenhänge wie etwa für vollautomatisierte Produktionsketten kennzeichnend bleiben. Gleichwohl werden sich daneben auch Parallelfunktionen durchsetzen. Handlungsabläufe ähnlicher und unterschiedlicher Art, die sich gleichzeitig an verschiedenen Orten vollziehen, unterscheiden sich qualitativ von sequentiellen Tätigkeiten. Die sich daraus ergebenden veränderten Bedingungen der Selbstkonstituierung setzen neue kognitive Merkmale und entsprechend neue, effizientere kognitive Ressourcen frei. In der deterministischen Komponente, die wir aus den schriftkulturell bestimmten Erfahrungen in unsere Zeit hinüber genommen haben, spiegelt sich unser Denkund Erfahrungsmuster von Aktion und Reaktion, Ursache und Wirkung. Dieser dualistische Grundzug setzt sich fort in den Unterscheidungen unseres Sprachgebrauchs zwischen richtig und falsch und in der dazugehörigen Logik.

Eine ganze Reihe unserer pragmatischen Effizienzerwartungen mündete auch in den Versuch, eben diesen deterministischen Denk- und Arbeitsmodus zusammen mit Linearität, Sequentialität und Dualismus zu überwinden. Eine neue Grundstruktur führt zu einer durch nicht-lineare Relationen, durch eine andere Dynamik, durch Konfigurationen und Systeme mehrwertiger Logik ausgewiesenen Pragmatik, die Zentralismus und Hierarchien durch (Um-) Verteilung der Aufgaben und nicht-hierarchische Interaktionsformen ersetzt. Die weltweite Vernetzung verleiht ihr globale Dimensionen, wobei die neue, integrative Rolle der Vermittlung die Effektivität dieser Lebenspraxis entscheidend erhöht. Anstelle der tradierten analytischen Strategien setzen sich dadurch aber auch synthetisierende Ansätze zu einer Gesamtschau aller partikularen Hypothesen durch. All das läuft auf eines hinaus: Die Weiterentwicklung von Computern in Leistungsfähigkeit und Design, ihre Produktion, Distribution und vor allem ihre Integration in unser Leben; die Anwendungsbereiche reichen dabei von der simplen Datenverwaltung zur hochentwickelten Simulation, und dies stets vor einem globalen Horizont.

Die klügsten Köpfe aus vielen Ländern sind heute an der Entwicklung von neuen Rechnerkonzepten beteiligt. Viele unterschiedliche Berufsfelder tragen zur Entwicklung von Computern bei, Maschinenbau, Chipdesign, Betriebssysteme, Telekommunikation, Ergonomie, Interfacedesign, Produktdesign und Kommunikationsforschung. Die Leistungsskala unterscheidet sich dabei von allem, was wir bislang kennengelernt haben. Bevor ein solcher Computer als Hardware und als Software auf unseren Schreibtischen landet, sind alle seine Funktionen modelliert, simuliert und schließlich getestet worden; er verkörpert zahllose Hypothesen und Ziele, die im neuen Produkt zu einer leistungsfähigen Synthese zusammengefügt worden sind.

Für die neue Pragmatik jenseits der Schriftkultur wird die Digitalisierung zu einer zentralen Ressource, so wie Elektrizität und andere traditionelle Ressourcen in der Vergangenheit zur Steigerung menschlicher Effizienz angezapft wurden. Die Digitalisierung wird in den kommenden Jahren unser Leben bestimmen. So wie die Industrie im Industriezeitalter bestrebt war, jeden Haushalt mit Autos und anderem Gerät auszustatten, so möchte sie heute auf jedem Schreibtisch einen Computer sehen. Die Priorität sollte aber nicht darin liegen, jedermann mit Geräten auszustatten, sondern jedem einen Zugang zu den Computerressourcen zu verschaffen. Und diejenigen, die sich mit dem Internet und dem World Wide Web noch nicht haben anfreunden können, sollten sich darüber klar werden, daß sie nicht etwa wegen ihres Surfingpotentials oder ihrer enormen Publikationsmöglichkeiten so vielversprechend sind, sondern als Zugang zu kognitiven Energien, die über das Netzwerk transportiert werden.

Unebenheiten und Schlaglöcher

Mit neuen Möglichkeiten stellen sich auch neue Risiken ein. Zu Fuß zu gehen ist weniger riskant als zu reiten, Fahrrad oder Auto zu fahren. Mit dem Flugzeug können wir uns zu jedem Punkt auf dem Erdball bringen lassen, aber damit sind wieder größere Risiken verbunden. Die von uns neu erschlossenen kognitiven Ressourcen sind effizienter als Wasserkraft, Dampfmaschine und Strom; aber in dem Maße, in dem wir sie in unsere Lebenspraxis integrieren, nehmen wir entsprechende Unwägbarkeiten in Kauf. Simulierungen komplexer und waghalsiger Projekte lassen sich nicht mit Städtebauprojekten oder massiven technischen Eingriffen in die Natur vergleichen, wie sie unter kognitiven Voraussetzungen von geringerer Komplexität in vergangenen Zeiten durchgeführt worden sind. Natürlich sind nicht zustande kommende Verbindungen im Internet oder entsprechende Störungen im World Wide Web in den Anfangsstadien zu erwarten und ganz normal. Wir sollten indes auch niemals vergessen, daß kognitive Zusammenbrüche sehr viel mehr bedeuten als den Zusammenbruch eines Betriebssystems oder einer Anwendung im Netz, und daß sie entsprechende Folgen zeitigen.

Bei der Entwicklung der neuen Sprachen in den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen und den Künsten lernen wir mehr über uns, als wir in der gesamten bisherigen Menschheitsgeschichte gelernt haben. Diese Sprachen verbinden das in diesen Bereichen akkumulierte Wissen mit unseren genetisch angelegten, auf Intellekt und Emotion gründenden kognitiven Prozessen. Die damit einhergehenden Veränderungen im allgemeinen Zuschnitt des Menschen spiegeln sich in seinen verbesserten Fähigkeiten im Umgang mit Abstraktionen, in der fortschreitenden Verlagerung von Unmittelbarkeit auf Vermittlung und in neuen zwischenmenschlichen Verpflichtungen, die sich aus bislang unerreichten Ausdrucks-, Kommunikations- und Bezeichnungsmitteln ergeben.

Im Verlauf dieser Entwicklung wurden uns zugleich ernsthafte Grenzen aufgezeigt. Zwar hat sich unser Wissen erweitert und vertieft, gleichzeitig ist es aber auch für den einzelnen zusammenhangloser geworden. Die von uns entwickelte Effizienz setzt uns auch Bedrohungen aus, die mehr an die primitiven Stadien des Menschen als an die vermeintlichen geistigen Errungenschaften anknüpfen. Die neuen Möglichkeiten verändern Politik und Wirtschaft, vor allem anderen verändern sie jedoch die Natur menschlicher Beziehungen und Transaktionen. Und sie verändern unser Zukunftsverständnis.

