# Jenseits der Schriftkultur — Band 4

## Part 6

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Sport ist Arbeit mit hohem Marktwert ohne schriftkulturellen Status. Die Effizienz einer Sportart wird an ihrer Attraktivität gemessen, und das heißt an der Fähigkeit, Botschaften von allgemeinem Interesse zu vermitteln. Weit entfernt davon, integrativ zu wirken oder das Ideal eines vollkommenen Menschen zu verwirklichen, ist Leistungssport heutzutage so spezialisiert wie jede andere herausgehobene Tätigkeit. Er stellt einen eigenen Kompetenz- und Leistungsbereich mit einer eigenen partiellen Literalität dar. Da er bestimmte körperliche Eigenschaften und geistige Funktionen erfordert, ist er zu einer Gußform, zu einer zweiten Natur der Sportler geworden, mit allen daran geknüpften Folgen. Weltweit werden heute in den verbreiteten, durch hohe Effizienzerwartungen gekennzeichneten Sportarten die späteren Athleten praktisch von Geburt an herangezogen. Kinder werden nach ihrer genetischen Veranlagung und spezifischen Befähigung ausgewählt, nach individuell zugeschnittenen Trainings- und Ernährungsplänen ausgebildet und mit psychologischer und anderer Hilfe so lange begleitet, bis sie sich als fertige Sportler dem Wettkampf stellen.

Ideeller und profaner Gewinn

Die in den Sport getätigten Investitionen müssen sich auszahlen. Niemand erwartet, daß der erfolgreiche Sportler über diesen Profit Rechenschaft ablegt. Denn niemand fragt auch nach dem Preis der körperlichen oder psychischen Schäden, mit dem er erkauft wurde. Diese gehören zur zynischen Erfolgsformel dazu, die offenbar jeder begeistert akzeptiert. Die enorm hohen Summen, die die auf dem Markt gehandelten Spieler vertraglich zugesichert bekommen, spiegeln fast bis auf den letzten Pfennig die Höhe die Zahl derer wider, die ihnen zuschauen oder die Produkte kaufen, die deren Namen tragen. In einigen Ländern ist die Sportwette, ob legal oder illegal, der Hauptwirtschaftszweig.

Dabei ist die Wette, obwohl sie ihre eigene partielle Literalität entwickelt hat und ohne die Vermittlung von Schreiben und Lesen auskommt, keineswegs eine neue Erfindung. Das Spielen mit dem Glück hat die Menschheit schon immer fasziniert. Seitdem indes die Vernetzung der Welt jedem jederzeit den Zugang zu jedem gewünschten Sportereignis ermöglicht hat, ist die Wette wichtiger geworden als das Ereignis selbst. Unsere Sehnsüchte und Träume werden von denen getragen, durch die wir uns repräsentiert sehen und auf deren Siege wir nicht nur hoffen, sondern auch setzen. Der Sport hat eine ideelle Seite, den erfolgreichen Spieler, und eine profane, den finanziellen Einsatz. Die Hoffnung auf ein gutes Ergebnis leitet sich aus den Erwartungen der Schriftkultur her. Hier liegt der naive Glaube zugrunde, daß sich geistige Bildung und körperliche Extremleistung zu einer harmonischen Persönlichkeit zusammenfügen lassen. Warum dies nicht möglich ist, brauche ich nicht zu wiederholen. Wichtig ist indes, daß die ideelle und die profane Seite nicht getrennt voneinander zu sehen sind. Das verleiht dem Wettkampf eine zusätzliche, undurchschaubare Dimension, die aus sportfremden, durch diese indirekte Wette repräsentierten Faktoren besteht.

Den größten indirekten Wetteinsatz stellen die Kosten für Vermarktung und Werbung dar. Die hierfür aufgebrachten Dollarbeträge in Milliardenhöhe gehören vermutlich zu den spektakulärsten olympischen Rekorden. Mit der Verlagerung von der Produktions- zur Dienstleistungsgesellschaft ist aus dem Sport eine Unterhaltungsindustrie geworden. Die neuen Medien tragen die internationalen Großereignisse weltweit in jeden Haushalt. Früher haben wir uns mit den Bildern vom Sieger begnügt. Heute besitzen wir, so wir es wollen, eine Videoaufzeichnung des gesamten Spiels und können uns jede Spielphase noch einmal ansehen; mit noch mehr Breitband können wir uns das Ereignis live auf den Monitor holen, natürlich gegen Bezahlung (wie im Pay-TV).

Sport ist eine Ware geworden, die wir gegen hohe Bezahlung konsumieren, je nachdem, wohin uns das jeweilige Angebot eines Reisebüros bringt: nach Atlanta, Barcelona oder Sydney. Wir können uns sogar die besten Trainer der Welt für eine Trainingseinheit oder eine ganze Fitneßwoche leisten. Tatsachen spielen, wie überall, kaum noch eine Rolle; was zählt, ist das Image. Im Mittelpunkt des Schulsports stehen nicht mehr Autorität und Selbstdisziplin, sondern die freie Wahl zwischen zahlreichen Sportarten und eine allgemein verbreitete Lässigkeit und Genußsucht, die bisweilen die ganze Welt als ein einziges großes Sportereignis erscheinen läßt. Der Sport wird von vielen Anliegen und Interessensgruppen vereinnahmt. Auf der Bühne der sportlichen Großereignisse konkurrieren die größten Firmen der Welt mit feministischen und Menschenrechtsorganisationen, mit AIDS-Hilfe- und Behindertengruppen um die Aufmerksamkeit und das Geld der Zuschauer. Sponsoring ist sehr wählerisch und steht oft genug im krassen Gegensatz zu den Werbeslogans, die es verbreitet. Diese Formen des indirekten Wetteinsatzes haben den riesigen Markt der Unterhaltungsindustrie im Auge, innerhalb dessen die Interessensgebiete abgesteckt werden.

Der Wetteinsatz erfolgt über Produktwerbung auf Kleidung und Banden, allgemeine Werbemaßnahmen und durch Öffentlichkeitsarbeit. Bei der Olympiade in Atlanta wurden eine halbe Million Markennamen vermarktet. Allein ihre Auflistung und Verwaltung erforderte einen ungeheuren Aufwand, der mit "Wahrung des Olympischen Gedankens und der Rechte der offiziellen Sponsoren" begründet wurde. Jeder Quadratzentimeter am Körper eines Sportlers wird vermarktet. Je besser der Manager (nicht unbedingt die sportliche Leistung), desto höher der Werbevertrag. Detailaufnahmen von höchster Schärfe bringen den Herstellernamen einer Armbanduhr aufs Bild, ein Firmenlogo auf den Socken, Hemden und Stirnbändern den Getränkelieferanten oder den Schnee- und Eisproduzenten der Olympischen Winterspiele. Der Wettkampf in der Arena und der Wettkampf um die sportlichen Werbeträger nähren sich gegenseitig.

In der Tat ist die Welt ein Dorf, und zwar eines, das dem Ergebnis geringere Bedeutung beimißt als den neuesten Werbespots. Die Botschaft ist dabei verlorengegangen. Der Sportschuh ist die Botschaft oder irgend etwas anderes, was den kurzen Triumphzug in der Welt des Konsums antritt. Ist dieser Triumph erreicht, halten wahnwitzige Handelsaktivitäten mit dem Original und dessen zahlreichen Derivaten und Kopien die Welt zwischen New York und Sambia, Paris und den Stämmen des tropischen Regenwaldes, Frankfurt und der hungerleidenden Bevölkerung Asiens und Afrikas in Atem. Die Verführungskraft des Sportmarketing wird allenfalls noch erreicht von den ebenso illiteraten Stars der Unterhaltungsindustrie, die bisweilen auch für den Hunger in der Welt singen, was allerdings ihr Werbepotential noch erhöht.

Mit all diesen Erscheinungsformen hat der Sport seinen Bezug zu Natur und Natürlichkeit verloren. Es sieht ganz so aus, als falle der Sport in sich selbst zusammen, als erlebe er eine Art Implosion, die Raum freigibt für die vielen Geräte, an denen wir daheim unsere verweichlichten Körper ertüchtigen. Radfahren, Rudern, Laufen und Bergsteigen üben wir in der künstlichen Zurückgezogenheit unseres Eigenheims und haben dabei den Blick auf die wenigen gerichtet, die das alles noch wirklich tun, freilich aus Gründen, die immer weniger mit sportlicher Leistungsfreude zu tun haben. Bald schon werden wir uns in den Swimming Pools und auf den Abfahrten der virtuellen Realität tummeln, und damit wäre dann eine neue Phase in der Geschichte der Olympischen Spiele eingeläutet.

Kapitel 3:

Wissenschaft und Philosophie--mehr Fragen als Antworten

In einigen führenden Wissenschaftsbereichen werden Forschungsergebnisse ausgetauscht, sobald sie vorliegen. Der geradezu behäbige Prozeß der Drucklegung und des vorausgehenden Begutachtungssystems wollen nicht so recht in dieses Bild passen. Auf den Web-Seiten einiger Forschungseinrichtungen tritt an die Stelle des Begutachtungsverfahrens, das von geriatrischen Hierarchien beherrscht wird, der direkte Austausch zwischen den wirklichen Leistungsträgern in der Forschung: Bahnbrechende Hypothesen werden diskutiert, kritisiert, weiterentwikkelt. Die Kommunikationsmedien sind Instrument und zugleich Vermittler vieler Forschungsprojekte. Bilder, Daten und Simulationen als Teil der Arbeit sind allgemein zugänglich und in Formaten verfügbar, die sofort weiterverarbeitet oder in technologische Testverfahren überführt werden können.

Der neue Rahmen wissenschaftlicher Arbeit wirft natürlich eine Reihe von Fragen und Problemen auf, von denen nicht zuletzt die des geistigen Eigentums und der wissenschaftlichen Seriosität dringend einer Lösung bedürfen. Dennoch hat sich das allgemeine Umfeld von Forschung und Wissensvermittlung nachhaltig geändert, und die meisten Wissenschaftler wissen, daß die traditionellen, aus der Schriftkultur erwachsenen Modelle keine ausreichende Antwort darauf darstellen. So schön die durch die Technologie des Industriezeitalters verkörperte Forschung ist, trägt sie doch wenig oder gar nichts zum wissenschaftlichen Fortschritt in der Nanotechnologie, der Bioinformatik, der Flüssigkeitsdynamik oder anderen Grenzbereichen moderner Forschung bei. Genexpression und Proteinsynthese sind--gemessen an Arbeitsaufwand und Ergebnissen--Jahrhunderte weiter als alles, was in der Vergangenheit je erforscht wurde. Wenn man die ständig neu entstehenden Wissenschaftsdisziplinen hinzuzählt, dann kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die Menschheit sich jenseits der Schriftkultur neu erfindet.

Der folgende Überblick vermittelt einen Eindruck vom Umbruch in den Wissenschaften, vom Gegensatz zwischen den fast schon plumpen wissenschaftlichen Bemühungen einer durch Maschinenverarbeitung gekennzeichneten Ära und der wissenschaftlichen Ebene der atomaren und subatomaren Reorganisation.

Identische Komponenten können in unterschiedlicher Anordnung einmal als Graphit oder Diamanten, ein anderes Mal als Sand oder Silikon für Chips Gestalt annehmen. Die Liste dieser Möglichkeiten verweist auf eine Wirklichkeit, die unvorstellbare Folgen für uns haben wird, die aber fast täglich durch eine nicht endende Serie neuer Entdeckung bestätigt wird. Leben auf dem Mars, molekulare Selbstorganisation, Proteinfaltung, Abbildung mit atomarer Auflösung, Nanowerkstoffe mit unvorhersehbaren Eigenschaften, Fortschritte in der Neurologie--diese Auflistung sieht aus wie eine Sammlung reißerischer Schriftentitel, spiegelt aber eine Wissenschaftswirklichkeit wider, die beständig durch neue und noch kreativere Untersuchungen weiterentwickelt wird. Deshalb hat es gar keinen Sinn, das gesamte Spektrum neuer Forschungsansätze aufzulisten. Wir wollen statt dessen die Gesamtentwicklung unter einem dynamischen Gesichtspunkt verfolgen. Vor allem möchte ich dabei den Eindruck vermeiden, die Wissenschaft als die eigentliche Antriebskraft des Umbruchs hinzustellen, als könnten die ihr zugrundeliegenden Motivationen und Mittel Richtung und Zweck der Menschheit definieren.

Rationalität, Vernunft und die Skala der Dinge

Die aufgewiesene Dynamik des Umbruchs in Wissenschaft und Philosophie steht im Zusammenhang mit der zugrundeliegenden Struktur jener Lebenspraxis, die die Abkehr von der Schriftkultur herbeigeführt hat. Beide weisen eine Rationalität auf, die die praktischen Erfahrungen zu überzeugenden Schlußfolgerungen (gelegentlich auch logische Schlüsse genannt) und zu Aussagen über zukünftige Ereignisse (in Natur und Gesellschaft), bis hin zu deren Beeinflussung und Kontrolle führt. Rationalität hängt insofern mit Effizienz zusammen, als sie bei der Auswahl der Mittel zur Erreichung bestimmter Zwecke mitwirkt oder bei der Abwägung der Voraussetzungen, die zu bestimmten Handlungsweisen führt. Rationalität ist zielorientiert. Vernunft dagegen ist wertorientiert; sie begleitet den Menschen bei der Entfaltung seiner Identität unter dem Gesichtspunkt der Angemessenheit. Rationalität und Vernunft bedingen sich gegenseitig. An den Achsen richtig und falsch, gut und schlecht wird menschliches Handeln und Empfinden in der unter dem Schutz der Schriftkultur entworfenen Matrix von Leben und Arbeit dargestellt.

Der Prozeß, in dem Rationalität und Vernunft zu Merkmalen der menschlichen Selbstkonstituierung werden, ist lang und mühsam. Menschen, die sich in unterschiedlichen Lebenszusammenhängen bestimmen, gehen ein Netz von Abhängigkeiten und Verbindungen ein. In einer begrenzten Skala des Daseins finden Vernunft und Rationalität zusammen. Sie entwickelten sich jedoch bald schon unabhängig voneinander, bereits in den frühen Siedlungs- und Bewirtschaftungsformen wurde man sich der Unterschiede in den Zielen und Mitteln beider Prinzipien bewußt, bis dann in der Kulturphase, in der Werkzeuge und andere Gegenstände hergestellt wurden, Vernunft und Rationalität getrennte Wege einschlugen. Mit dem Aufkommen der Wissenschaften schließlich gerieten beide nicht selten in Konflikt miteinander: Manches kann richtig, muß aber nicht gleichzeitig gut sein. Es gibt eine Rationalität (zielorientiert auf Vermehrung von Besitz und Vermeidung von Verlust gerichtet), die sich den Anschein der Vernunft gibt--Handlungen zur Unterstützung jener Kräfte, die Natur und Materie unter Kontrolle bringen. Parallel zur Wissenschaft manifestierten sich Magie und Aberglaube--Alchemie, Astrologie, Zahlenmystik--mit dem Ziel, den sich nach den Maßstäben des Guten entfaltenden Menschen mit der ihn behausenden Welt zu versöhnen.

In einigen Kulturkreisen förderte die Rationalität einen Hang, die Natur zu bearbeiten, zu verändern und letztendlich zu beherrschen--also: die Natur einem gewünschten Ordnungsprinzip zu unterwerfen. Die Vernunft hingegen suchte nach praktischen Möglichkeiten, das Verhältnis zwischen Mensch und Natur zu harmonisieren.

Die Schrift diente beiden. In ihr wurde Sprache zu einer Gußform für neue Erfahrungen, einem Hort für Wissen und einem wirksamen Instrument zur Evaluation und Selbstevaluation. Fast alle auf die Schrift hinführenden menschlichen Leistungen ergaben sich aus den schriftlichen Formen der Identitätskonstituierung. Die wissenschaftliche Revolution und die Neubestimmung der Geisteswissenschaften (besonders der Philosophie) im 16. und 17. Jahrhundert sind fest in der Lebenspraxis verwurzelt, die notwendig zur Schrift hinführte. Diese Entwicklung wird üblicherweise mit drei Errungenschaften verknüpft: 1. der Entstehung eines neuen Weltbildes, das sich wissenschaftlich in der heliozentrischen Astronomie und philosophisch als radikal verändertes, diesseitsorientiertes Menschenbild äußerte; 2. der mathematischen Beschreibung von Bewegung; 3. einer neuen Begrifflichkeit für die Mechanik.

Die in diesen Leistungen zutage tretende naturwissenschaftliche und humanistische Erneuerung gab den eigentlichen Anschub für die industrielle Revolution. Der Wandel von der Agrarwirtschaft als Ausdruck einer relativ begrenzten Bevölkerungs- und Arbeitsskala zu industrieller Produktion erhöhte die Effizienz in einer Größenordnung, die die in jener Zeit erreichte kritische Masse der Menschheitsentwicklung widerspiegelt.

Die verlorene Balance

In der Industriegesellschaft lief die Naturwissenschaft der Philosophie den Rang ab. Aus einer ursprünglich sehr elitären, von den Hütern der Schriftkultur (der Religion) kontrollierten Tätigkeit wurde ein fest in der Gesellschaft verwurzeltes Denk- und Arbeitsprinzip. Die Philosophie nahm eine gegenteilige Entwicklung; sie opferte ihren Status als allgemeine Instanz des Fragens und der wissenschaftlichen Neugier und wurde zum Privileg einiger weniger, die sich die geistige Anschauung der Welt leisten konnten. Die Rationalität der Naturwissenschaften fand eine allgemeine Umsetzung in Technik und Technologie und erreichte mit Nahrungsmittelverarbeitung und Massenproduktion von Nahrung, mit den modernen Transportmitteln (Auto und Flugzeug), dem allgemeinen Wohnungsbau und der Verwendung von Strom als effizienter Energiequelle ihren Höhepunkt.

Einstein hat eine gewagte Hypothese aufgestellt: "Die Tragödie des modernen Menschen liegt darin, daß er Existenzbedingungen geschaffen hat, für die er selbst nach seiner phylogenetischen Entwicklung gar nicht geeignet ist." Die verlorene Balance zwischen Rationalität und Vernunft zeigt sich am deutlichsten in all den Folgen der Industriellen Revolution, die zum zügellosen Kapitalismus des 19. und 20. Jahrhunderts geführt haben. Erschöpfender Abbau von Rohmaterialien, Luft- und Wasserverschmutzung, Erosion von fruchtbarem Acker- und Weideland und geistige und körperliche Belastung des Menschen gehören zu den unmittelbaren Auswirkungen dieses Ungleichgewichts.

Diese Folgen allein würden indes nicht ausreichen, um die Vorherrschaft der Schriftkultur in der Wissenschaft in Frage zu stellen. Die eigentliche Infragestellung erfolgt durch die neue Skala der Menschheit, für die sich das Modell der industriellen Revolution und der Schriftkultur als unzureichend erwiesen hat. Die Effizienzerwartungen in ganz neuen Größenordnungen erfordern eine ganz neue Dynamik, neue Vermittlungsformen und -instanzen und damit verbundene Prinzipien der Nicht-Linearität, der Vagheit und Nicht-Determiniertheit. Die Naturwissenschaft und deren Formen der philosophischen Selbstreflexion haben schon heute Wissensbereiche erschlossen, die jenseits der von der Schriftkultur gezogenen Grenze liegen. Die frühen Erfolge in der Mikrophysik führten zur Entwicklung relativ rudimentärer Waffensysteme: als Antwort auf die erste substantielle technologische Herausforderung nicht-schriftkultureller Art. Mittlerweile ist deutlich geworden, daß wir eine neue Physik, eine neue Chemie und viele andere, erst jenseits der Schriftkultur konstituierte Wissenschaftsdisziplinen mit systemischem Fokus benötigen. Die erwähnten Wissenschaftsbereiche deuten bereits an, wie und in welche Richtung sich die Naturwissenschaften entwickeln werden; zugleich lassen sie eine neue Epistemologie erkennen, die neue Erklärungsmodelle der Welt hervorbringt und auf ihre Angemessenheit und Kohärenz überprüft. Für die wissenschaftliche Praxis spielen dabei kognitive Ressourcen, die nicht mehr durch das empirische Prinzip der Beobachtung eingeschränkt sind, eine besondere Rolle. Epistemologisch zweifelsfrei ist dabei die Tatsache, daß nahezu alle neuen Wissenschaftsformen ein Interesse am Lebendigen zeigen. Bei diesen neuen Wissenschaften, die allesamt auch philosophische Implikationen aufweisen, handelt es sich um computationale Biophysik, Biochemie, Molekularbiologie, Genetik, Medizin und um die Erforschung der Mikro- und Nanowelt.

Die Schriftkultur mit ihren strukturalen Merkmalen ist für diese neuen Erfahrungen weder die geeignete Form noch der geeignete Wissensspeicher oder auch nur ein effizientes Evaluationsinstrument. Als eine unter vielen anderen Alphabetismen behält sie ihren Bereich, für den sie angemessen ist und in dem sie die an sie gerichteten Effizienzerwartungen erfüllt. Der in der Ausdifferenzierung in viele Alphabetismen zum Ausdruck kommende Umbruch vollzieht sich als Konflikt zwischen Mitteln von nur begrenzter Effizienz und neuen Mitteln, die den Problemen enorm gestiegener Bevölkerungszahlen und dem neuen Anspruch auf Wohlstand und sogar Überfluß eher gerecht werden. Aus fast allen neuen Wissenschaftsdisziplinen entwickeln sich neue Technologien. Einige davon kennen wir bereits: Wir wissen, daß Taschenrechner, hitze- und kältebeständige Gewebe und neue Werkstoffe zu erschwinglichen Preisen die Nebenprodukte großer wissenschaftlicher Projekte (Raumforschung, Genforschung, Biophysik) sind. An andere beginnen wir uns zu gewöhnen: intelligente Stoffe, die ihre Struktur selbständig verändern können, und selbstorganisierende Stoffe.

Gedanken über das Denken

Nach weit verbreiteter Auffassung ist--wie weiter oben schon ausgeführt--das Denken an die Sprache gebunden, also ist die Sprache das Medium des Denkens. Andere (und hier beruft man sich immer wieder auf Einstein) behaupten demgegenüber, ihr Denken würde sich in Bildern, Geräuschen oder einer Mischung aus verschiedenen Sinneseindrücken vollziehen. Bis heute ist ungeklärt, ob dies eine metaphorische Umschreibung oder eine Tatsache ist. Das gleiche gilt aber auch für die Sprache. Daß wir unsere Gedanken sprachlich ausdrükken, und zwar durchaus mit Mühen und meist ungenügend, muß nicht heißen, daß wir nur in der Sprache denken. Die Tatsache, daß die Sprache ein Medium der Erklärung und Interpretation ist, Schlußfolgerungen, Ableitungen und gelegentlich hypothetisches Denken (sogenannte Abduktionen) ermöglicht, ist kein Beleg dafür, daß sie das einzige Medium dafür ist. Naturwissenschaftler denken in der Sprache mathematischer oder logischer Formeln oder in neueren Programmiersprachen, ohne sie deshalb zur alltäglichen Verständigung oder für Gedichte oder Liebesbriefe zu verwenden.

Die Schriftkultur gründet den Primat der allgemeinen Bildung auf die Überzeugung, daß das Denken sprachlicher Natur sei. Dementsprechend ist eine gute Sprachbeherrschung, wie sie in den Regeln der Schriftkultur kodifiziert ist, Voraussetzung für erfolgreiches Denken. Abgesehen davon, daß dies ein Zirkelschluß ist, der die Voraussetzung zum Ergebnis macht, hätten Wissenschaft und Philosophie dieser kühnen Annahme so manches entgegenzusetzen. Sie ist niemals bewiesen worden, und angesichts der Verbindungen zwischen allen Zeichen, die am Denkprozeß beteiligt sind, ist sie wohl auch nicht zu beweisen. Bilder lassen Wörter assoziieren, aber andere Sinneseindrücke tun dies auch. Worte wiederum rufen Bilder, Musik und ähnliches hervor. Die integrative Natur des Denkens ist vermutlich durch freiwillige Entscheidungsmechanismen oder durch genetische Mechanismen bestimmt, die so strukturiert sind, daß sie ein bestimmtes Zeichensystem (Sprache, die Formelsprache der Mathematik, Diagramme) als vorherrschend anerkennen, ohne dabei Denkweisen auszuschließen, die nicht auf diesen Voraussetzungen beruhen.

Das Verständnis von Denken als sprachlichem Denken hat zu bestimmten Formen der Lebenspraxis geführt, die nur unter dieser Voraussetzung entstehen konnten. Wir können Denken aber auch anders definieren, was wiederum zu anderen notwendigen und nützlichen Denkweisen führen kann oder bereits geführt hat. In diesem Zusammenhang stellt sich besonders eine Frage: Müssen wir denkende Maschinen--d. h. Programme, die vollkommen autonom solche Operationen durchführen, die wir üblicherweise mit menschlichem Denken verbinden--deshalb von der Diskussion ausnehmen, weil sie keine schriftkulturelle Bildung besitzen? Viele wissenschaftliche Versuche wären unter solchen Voraussetzungen gar nicht erst auf den Weg gebracht worden, dazu gehören vor allem die vielen neuen Entwicklungen von intelligenten, selbstregenerierenden Werkstoffen. Diese wissenschaftlichen Disziplinen, die auf ungewohnten Denk- und Arbeitsweisen beruhen, welche relativ unabhängig von Sprache, Bildung und Schriftkultur funktionieren, haben zu anderen, komplementären Definitionen von Denken und Rationalität geführt. Indem man Denken mit anderen menschlichen Regungen--mit Emotionen, Humor, Ästhetik oder der Fähigkeit, Gedanken durch verschiedene Medien, Sinne oder Sprachen zu projizieren--zusammen sieht, wird man vermutlich zu noch kühneren wissenschaftlichen Ansätzen und Fragestellungen gelangen.

