# Jenseits der Schriftkultur — Band 4

## Part 3

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Es drängt sich die Frage auf, ob die Sprache des Films die Schriftkultur überflüssig gemacht oder ob der um sich greifende Analphabetismus erst das Bedürfnis nach Filmen hervorgerufen hat. Natürlich gibt es dafür keine einfache Erklärung, und es spielen eine ganze Reihe von Faktoren zusammen. Das Schlüsselelement ist die zugrundeliegende Struktur. Bücher verkörpern die Eigenschaften der Sprache und setzen Erfahrungen in Gang, die im Rahmen dieser Eigenschaften liegen. Wenn sich der Mensch neuen lebenspraktischen Bedürfnissen und Herausforderungen ausgesetzt sieht, die sich aus einer neuen Skala des Daseins ergeben, dann sinnt er nach Alternativen, die der Dynamik des Umbruchs besser gerecht werden als Bücher und die damit verbundenen Erfahrungen.

Bücher, in denen selbst hochgebildete Menschen bisweilen den Faden verlieren oder für deren Lektüre wir heute nicht mehr die Zeit oder die Geduld aufbringen, werden für uns im Film interpretiert oder zusammengefaßt. Dadurch--und nur dadurch--hat mehr als eine Generation einen allgemeinen Zugang zu etablierten Meisterwerken der Prosa und des Theaters, zu wissenschaftlichen, historischen oder geographischen Berichten gefunden. Das hatte und hat seinen Preis--zwischen Buch und Film gibt es keine direkte Entsprechung; aber darum geht es hier nicht. Es geht darum, daß sich die Kinematographie in einem Rahmen herausgebildet hat, in dem Schriftkultur und schriftkulturelle Bildung diejenigen Erfahrungen, die außerhalb ihrer Strukturen liegen, nicht mehr zu tragen vermögen.

Die Ausdrucksmittel des Films konnten bestimmte Aspekte des sozialen Lebens besser vermitteln, als es die sprachlichen Mittel vermochten. Auch sind die filmischen Ausdrucksmittel für die Dynamik des Umbruchs und die Globalität unseres Lebens besser geeignet. Sie haben uns auf die elektronischen Medien vorbereitet und verkünden das Zeitalter der Obsession mit Berühmtheit (Stars).

Hier und dort gleichzeitig

Wenn das Filmische die Grenzlinie zwischen der Schriftkultur und einer Phase jenseits von ihr markiert, dann verkörpert das Fernsehen den Konflikt zwischen einer auf Schriftkultur basierenden Zivilisation und der Zivilisation der Illiteralität. Das Fernsehen hat das Gewicht eindeutig zu Gunsten des Visuellen verlagert. Es wurde in genau jenem Zusammenhang erfunden, in dem sich die Skala des menschlichen Lebens änderte. Mit ihm vollzog sich der Übergang von einer Welt der Mechanik und der Chemie, die noch die Produktion und Wiedergabe von Filmen bestimmte, zu einer Welt der Elektronik und der digitalen Technologie.

Das Fernsehen ergab sich aus den Veränderungen der Natur und Struktur unserer theoretischen und praktischen Erfahrungen; es entwickelte sich aus dem Bedürfnis heraus, dynamische Bilder aufzuzeichnen und zu übermitteln. Elektrizität hatte bereits als Medium für die Aufzeichnung und Übermittlung des Tons in Elektronengeschwindigkeit durch die Telefonnetzwerke gedient. Und da Bilder und Geschehnisse durch das Licht beeinflußt sind, in dem wir sie sehen, ergibt sich der Wunsch, das Licht aufzuzeichnen und zu übertragen. Eben das wird vom Fernsehen geleistet. In seinen ungelenken und noch in vielem der Mechanik verpflichteten Anfängen war das Fernsehen ein Nachrichtenmedium, das eine direkte Verbindung zwischen der Informationsquelle und dem Publikum herstellte. Es war weitgehend illustrativ. Heute ist es konstitutiv, d. h. es übermittelt nicht nur Nachrichten, es macht Nachrichten. Es konstituiert ein allgemein verbreitetes Massenmedium, in dem sich Unterhaltung und Ritual (politisches, religiöses, militärisches) ausbreiten.

Die Schriftkultur ermöglicht die Erfahrungen menschlicher Selbstkonstituierung in einer von der klassischen Physik und Chemie beherrschten und erklärten Welt. Sie basiert auf derselben Grundstruktur und gibt die spezifischen Merkmale dieser Erfahrung wider. Elektrizität und Elektronik ermöglichen extrem schnelle Abläufe, eine menschliche Tätigkeit auf höchster Effizienzebene, hohe Vielfalt, sehr unterschiedliche Vermittlungselemente und Feedback-Phänomene. Die Filmkamera trägt noch alle Zeichen der Schriftkultur. Sie kann durchaus mit der Druckmaschine verglichen werden, wenn der Vergleich auch nur teilweise zutrifft, denn sie schreibt Bewegungen auf den Film und läßt sie uns kollektiv auf der weißen Seite, der Leinwand, lesen. Zwischen der Aufzeichnung der Bewegung und der Betrachtung liegt genügend Zeit, um die Aufzeichnung zu verarbeiten und zu vervielfältigen.

Das Fernsehen ist seiner Struktur nach völlig anders. Es fängt Bewegung und all das andere, was wir für Wirklichkeit halten, ein und macht es dem Betrachter direkt zugänglich. Elektronische Übertragung ist viel elaborierter und vielschichtiger als die Filmtechnik und daher viel effizienter. Der Film überträgt aus der ausgewählten Welt der Bewegung an ein begrenztes Publikum im Kino. Das Fernsehen überträgt mit vielen Kameras in die ganze Welt, und alle Menschen können die Fernsehbilder gleichzeitig empfangen. Fernsehen ist allgemein verbreitet und simultan, unterschiedliche Ereignisse an verschiedenen Orten können gleichzeitig auf den Fernsehschirm gebracht werden. Im Vergleich dazu ist der Film zentralistisch, auf eine Örtlichkeit beschränkt, an der er sich abspielt. Er ist sequentieller Natur insofern, als er einer Erzählstruktur folgt und eine abgeschlossene Erzähleinheit ausmacht. In seiner endgültigen Form kann er nicht mehr verändert und durch neue Elemente ergänzt werden.

Film und Fernsehen repräsentieren mithin trotz einiger Gemeinsamkeiten zwei völlig unterschiedliche und unvereinbare Tätigkeits- und Erfahrungsbereiche. Und da das Fernsehen mittlerweile Eingang in Schul- und Ausbildung, in mancherlei Formen kollektiver Kommunikation, in Sport, Kunst und sonstige Bereiche wie Weltraumforschung oder Kriegsführung gefunden hat, können wir wohl sagen, daß es erhebliche Auswirkungen auf die heutigen sozialen Interaktionsformen besitzt, ohne selbst ein interaktives Medium zu sein. Die Fernsehübertragung eines wichtigen Ereignisses erreicht nahezu die gesamte Weltbevölkerung. In seinen Anfängen förderte das Fernsehen solche Eindrükke von Dezentralisierung, die die vorausgegangenen Technologien nicht vermitteln konnten. Videokamera und Videorecorder, besonders die digitalen Ausführungen, machen uns nunmehr zu Besitzern nicht nur der Empfangsgeräte für die neue Bild- und Tonsprache, sondern auch der Sender, der Quellen, machen uns alle zu Inhabern kleiner Hollywood-Filmstudios, veranlassen uns die Sprache des Fernsehens zu leben, sie an die Stelle der Schriftkultur zu setzen. Das interaktive Fernsehen wird diesen Prozeß noch weiter unterstützen.

Schon heute schicken viele Menschen anstelle von Briefen Videobänder an Verwandte, Behörden oder an Fernsehsender, die an einem Feedback oder an neuem Stoff interessiert sind. Der massive Truppenaufmarsch im Golfkrieg hat verdeutlicht, welch große Rolle die Videokommunikation bei der Verlagerung von schriftkultureller zu schriftloser Kommunikation spielt. Telefon-, Fernsehund Videotechnik beherrschten die Kommunikationsmuster aller Beteiligten. Spätere Truppenbewegungen (in Somalia, Bosnien-Herzegowina) haben dieses Muster der schriftlosen, illiteralen Kommunikation bekräftigt.

Unter den vielen Netzwerken, die heute unsere Existenzgrundlagen ständig verändern, spielt das Kabelfernsehen eine besondere Rolle. Für viele ist das Kabelfernsehen lediglich eine Ersatzbibliothek, eine weitere Möglichkeit, klassische Programme, Pornographie und Aberglauben in unseren Privatbereich hineinzutragen. Die erschöpfende Nutzung unserer elektronischen Prachtstraße als eine vielspurige Autobahn, die von uns in beiden Richtungen benutzt werden kann, als Empfänger all dessen, was wir empfangen wollen, und als Sender von visuellen Nachrichten an jeden, der sie empfangen möchte, liegt noch vor uns. Aber mit der computergestützten visuellen Kommunikation unter Einbeziehung des digitalen Fernsehens verfügen wir über die komplette Infrastruktur für eine visuell bestimmte Gesellschaft. Im Zeitalter des Internet gehören die verkabelten oder drahtlosen Netzwerke zum künstlichen Nervensystem fortschrittlicher Gesellschaften. Ob mit Hilfe von Modems oder anderen hochentwickelten Methoden digitaler Informationsverarbeitung, das Kabelsystem hat schon heute das Wesen vieler unserer Erfahrungen verändert, vor allem im Bereich der Unterhaltung, des Unterrichts und der Arbeitswelt.

Das hat auch negative Auswirkungen, und wir müssen uns mit den Folgen auseinandersetzen, die mit der Zeit weit über das hinausgehen können, was wir heute wissen. Kindern, die vor dem Fernsehgerät aufwachsen, fehlt die Erfahrung der eigenen Bewegung. Unter dem Begriff der "kindlichen Zombie-Natur" hat Jaron Lanier auf ein verbreitetes Phänomen hingewiesen: ein leerer, nichtssagender Blick; die mangelnde Fähigkeit, über das Fernsehbild hinaus anderes zu sehen und zu begreifen; die Forderung nach sofortiger Befriedigung der Wünsche; mangelnde Wertschätzung für erfolgreiche und befriedigende Arbeit. Viele Videospiele erziehen unseren Kindern die Verhaltensmuster von Versuchsratten an, die lernen, Probleme durch mechanische Routine zu lösen. Die Maßstäbe fernsehgerecht aufbereiteter Wettkämpfe sind nur ein magerer Ersatz für Leistung und Verantwortung. Und wenn sie zu wählen haben, dann zwischen Markennamen, ganz gleich, ob damit politische Programme oder Konsumgüter bezeichnet werden. Als Masse angesprochen verleiben sie sich mit den für alles und jedes erstellten Meinungsumfragen die Mehrheitsmeinungen ein. Daß diese Technologie visuelle Alternativen zur Schriftlichkeit der Schriftkultur anbietet, steht außer Frage. Die Crux liegt darin, in welchem Maße diese Alternativen die ehemaligen Formen der Determiniertheit und die früheren Zwänge perpetuieren oder ob sie einem neuen Entwicklungsstadium des Menschen Ausdruck verleihen. Der Grad der Notwendigkeit und damit die Effizienz einer jeglichen neuen visuellen Ausdrucks-, Kommunikations- und Interaktionsform ist dadurch bestimmt, wie sich die Menschen durch ihr praktisches Handeln unter Einbezug des Visuellen in der Welt konstituieren. Der höchste gültige Maßstab ist der der Verwirklichung unserer individuellen Möglichkeiten. Ein Staatspräsident oder ein Fernsehstar, telegen oder nicht, hat wenig oder gar keinen Einfluß auf unsere individuelle Verwirklichung in der vernetzten Welt.

Obwohl das Fernsehen viel mit Sprache zu tun hat, benötigen wir für den Konsum einer Fernsehshow keine schriftkulturelle Bildung. Daher begünstigt anhaltender Fernsehkonsum stereotypes Sprechen und Denken, das sich vor dem Hintergrund allgemein verbreiteter Ausdrucksformen, Gesten und Werte vollzieht. Es wäre indes zu einfach, hierbei nur das Negative herauszustellen: die Förderung von Passivität und geistiger Lethargie etwa, die Manipulierbarkeit (in wirtschaftlicher, politischer und religiöser Hinsicht) oder die Loslösung von erfüllenden persönlichen Beziehungen (zu anderen, zur Kunst oder zur Literatur). Diese und zahlreiche weitere Faktoren, die uns Medienkritiker und Soziologen immer wieder vorhalten, sollten in der Tat nicht unterschätzt werden. Aber es wäre anmaßend, das Fernsehen uneinsichtig und geradezu kurzsichtig nur aus dem Blickwinkel verlorengehender Schriftkultur zu betrachten. Wir sollten auch und vor allem die Strukturveränderungen begreifen, die zu Fernsehen und Video geführt haben, und diejenigen Veränderungen genauer untersuchen, die diese ihrerseits bewirkt haben. Anders können wir die neuen Möglichkeiten, die uns diese neuen Erfahrungen eröffnen, nicht nutzbringend anwenden. Außer dem Fernsehen gibt es noch so viel mehr, trotz der uns versprochenen 500 Kanäle und des fast unbegrenzten Angebots an Videokassetten.

Auch die Sprache ist nicht unbedingt ein demokratisches Medium, und die Schriftkultur mit den ihr eigenen elitären Merkmalen noch weniger. Wenngleich sie die demokratischen Prinzipien verkündigte und festigte, hat gerade sie diese doch immer wieder verraten. Bilder verlangen uns zwar weniger ab, sind dafür aber allgemeiner und leichter zugänglich. Wörter und Texte können die Bedeutung einer Aussage verdunkeln, Bildern können unmittelbar zu dem in Beziehung gesetzt werden, was sie bezeichnen. Im Visuellen sind mehr Sperren eingebaut als im Wort, obwohl die verleitende Kraft eines Bildes vermutlich mehr mißbraucht werden kann als die des Wortes. All das wird uns helfen, die Verlagerung sozialer und politischer Funktionen von der Schriftkultur (Bücher und Zeitungen, politische Manifeste, Zeremonien und Rituale, die auf Text und Lesen basieren) auf visuelle Medien, besonders das Fernsehen und dessen Folgen besser zu verstehen. Wir sollten dabei auch bedenken, daß nicht das Fernsehen daran schuld ist, wenn viele in unserer heutigen Zeit jenseits der Schriftkultur von ihrem Wahlrecht keinen Gebrauch machen, und daß es nicht das visuelle Element ist, das Schauspieler, Rechtsanwälte, Erdnußfarmer oder erfolgreiche Manager aus der Ölindustrie in die höchsten politischen (und am wenigsten nützlichen) Regierungsämter bringt.

Das HDTV (hochauflösbares Fernsehen) zeigt uns einige der typischen Merkmale dieser Entwicklung--vor allem, wie die Integrationsfunktion ausgeübt wird. Integration durch Schriftkultur erforderte gemeinsames Wissen, vor allem gemeinsame Schreib- und Lesekenntnisse. Integration über die Vermittlung der modernen bildherstellenden Technologien, besonders über Fernsehen und computergestützte visuelle Kommunikation, bedeutet Zugang zu und Verfügbarkeit von Informationen. Das Fernsehen läßt Länder mit unterschiedlichster Identität, Geschichte und Kultur nach außen hin so gleich aussehen, daß man sich nach den Gründen für die Uniformität fragen muß. Alle Erklärungen im Detail--Marktprozesse, vor allem weltweit greifende Werbung, das uniforme elektronische Auge--vermögen letztendlich nicht zu überzeugen. Die Ähnlichkeit ist vielmehr bestimmt durch den Mechanismus, den wir zur Erreichung höherer Effizienz einsetzen: durch zunehmende Arbeitsteilung, erhöhte Vermittlung und den Bedarf an alternativen Integrationsmechanismen--all das spiegelt sich in den Fernsehbildern wider. Diese Ähnlichkeit bildet das Substrat der Fernsehbilder und das Substrat des Modetrends, der neuen Rituale und neuen Werte, so kurzlebig sie auch sein mögen.

Schriftkultur und Fernsehen schließen einander nicht aus. Aber diejenigen, die die Qualität der schriftkulturellen Bildung durch Fernsehen erhöhen zu können glaubten, mußten einsehen, daß diese Mittel nicht zum erwünschten Ziel geführt haben. Sprache stabilisiert, macht gleichförmig, entpersonalisiert. Fernsehen hält Schritt mit allen Veränderungen, ist offen für Vielfalt und erlaubt persönliche Interaktion zwischen jenen, die durch Kameras und Empfänger miteinander verbunden sind. Schrift und Schriftkultur sind hochentwickelt, kompliziert, anspruchsvoll und träge. Fernsehen ist spontan und augenblicksbezogen. Daneben leistet es wissenschaftliche Dienste, für die sich die Sprache nicht eignet. Wir können mit der Sprache keine Dinge erfassen, die wir uns nicht vorstellen können. Wir können in der Sprache keine Abläufe erfassen, die wir auf einem Fernsehschirm modellhaft darstellen und mit denen wir zukünftiges Handeln entwerfen können. Natürlich verwische ich mit solchen Überlegungen die Grenzen zwischen dem konventionellen Fernsehen und dem digitalen Bild. Entscheidend ist aber, daß das Fernsehen mit allen seinen Möglichkeiten und Anwendungen den nächsten Schritt zu einer Sprache der Bilder vollzieht, die die Möglichkeiten der Computertechnologie und der Vernetzung bewußt miteinbezieht.

Das digitale Fernsehen ist in vielen Bereichen einsetzbar. Designtätigkeit jedweder Art (Kleidung, Gestaltung von Möbeln, Produktdesign) kann sich aus der Zusammenarbeit zahlreicher Beteiligter an vielen unterschiedlichen Orten entwickeln und unmittelbar in die Produktion einmünden. Modifizierungen und Tests können ständig vorgenommen, Produktionsentscheidungen spontan getroffen werden. Kommunikation auf derart hohen Effizienzebenen wird zum entscheidenden Bestandteil der kreativen und produktiven Leistung. Die Sprache ist die Sprache des Produkts, eine sich fortschreibende visuelle Wirklichkeit. Die daraus resultierenden Design- und Produktionszyklen werden kürzer, viel kürzer, als daß sie in einer auf Schriftlichkeit beruhende Kommunikationsform eingebettet bleiben könnten.

Dieser Effizienzgrad ist nur durch digitale Technik zu erreichen. Jedes einzelne digitale Bild kann gespeichert, verändert und in neue Kontexte eingebracht werden. Es eröffnet ungeahnte Handlungsspielräume, veranlaßt kreatives Programmieren und Interaktivität. Wer sich diese Möglichkeiten zur kreativen Planung offenhält, erschließt sich eine neue Welt. Es ist durchaus denkbar, daß sich aus diesen Tätigkeiten völlig neue, ertragreichere Formen der Kommunikation einstellen. In etwa zehn Jahren werden alle Fernsehgeräte auf digitalen Empfang umgerüstet sein, sofern es dann überhaupt noch einzelne Fernsehempfänger geben wird. Entscheidend aber sind die unzähligen kreativen Möglichkeiten, die sich aus dieser neuen Wirklichkeit des digitalen Fernsehens ergeben.

Visualisierung

Um mitzuteilen, daß wir etwas verstanden haben, greifen wir auf verschiedene Alltagsidiome zurück. Im Englischen sagt man "I see.", im Deutschen "Ich habe begriffen." In beiden Fällen wird die abstrakte Sprache gewissermaßen rekonkretisiert, auf ein Greifbares oder Visuelles zurückgeführt. Wir setzen das Verstandene also offenbar wieder in Dinge und Bilder um, an denen wir das Abstrakte festmachen. Ich würde sogar sagen, daß wir alles Abstrakte in der Konkretheit unserer Sinneseindrücke neu schaffen. In Sprache und Schriftkultur herrscht Rationalität vor, gebildet zu sein ist für viele gleichbedeutend damit, rational zu sein. In Wirklichkeit ist jedoch die Rationalität, die wir mit Sprache verbinden, ein kleiner Teil der potentiellen Rationalität des Menschen. Die Messung (lateinisch ratio), die wir in unsere Objektivierung hineinprojizieren, könnte durchaus auch auf unser Wahrnehmungssystem bezogen sein. Es spricht manches dafür, daß einige negative Auswirkungen unserer schriftkulturellen Rationalität hätten vermieden werden können, wenn wir auch unsere anderen Persönlichkeitsdimensionen in unser Tun eingebracht hätten.

Wir haben in verschiedenen Zusammenhängen festgestellt, daß die Verlagerung von Schriftkultur und Schriftlichkeit zu einer stärker auf Visualisierung gründenden Zivilisationsform durch neue Geräte, verstärkte Vermittlung und Integrationsmechanismen hervorgerufen wurde, welche sich ihrerseits aus den neuen Lebenspraktiken einer veränderten Skala des menschlichen Tuns entwikkelt haben. Die Erweiterung unseres Erkenntnis- und Handlungshorizonts hat komplexere Arbeitszusammenhänge hervorgebracht, für die unsere Schriftkultur nur noch bedingt geeignet war und neue, strukturell angemessenere Sprachen entwickelt werden mußten. Die Integration dieser Vielfalt ist durch schriftkulturelle Mittel nur noch teilweise zu leisten, nicht zuletzt auch deshalb, weil viele Wissenschaftler aller Disziplinen die besessene Suche nach endgültigen Erklärungen aufgegeben und durch Vorstellungen von unbegrenzten Abläufen ersetzt haben.

Bilder eignen sich neben anderen Zeichensystemen strukturell besser für einen pragmatischen Rahmen, der durch die unaufhörliche Vermehrung von Wahloptionen, durch hohe Effizienz und Distribution gekennzeichnet ist. Um aber Bilder für solche Zwecke einsetzen zu können, benötigt man einen konzeptuellen Kontext, der diese extensive Bildverwendung zuläßt. Keiner von denen, die an der Erfindung des Computers beteiligt waren, konnte vorhersehen, daß seine Leistung über die Mechanisierung der Zahlenverarbeitung hinausgehen würde. Die visionäre Dimension des digitalen Computers ist nicht in seiner Technologie angelegt, sondern im Konzept einer Universalsprache, einer characteristica universalis, oder, wie Leibniz es nannte, einer lingua Adamica.

Das vorliegende Buch will weder die Geschichte des Computers schreiben noch die der Sprachen, die vom Computer verarbeitet werden. Aber unser Thema der Visualisierung--vor allem unter dem Gesichtspunkt einer Verlagerung von Schriftlichkeit auf Bildlichkeit--erfordert eine kurze Erörterung der Frage, wie Visualisierung und die Benutzung des Computers durch den Menschen zusammenhängen. Das binäre Zahlensystem (das Leibniz in einer auf den 15. März 1679 datierten Handschrift Arithmetica Binarica nannte) war ursprünglich nicht als endgültiges Alphabet aus nur zwei Buchstaben konzipiert, sondern als Grundlage für eine die Begrenztheit der natürlichen Sprachen überschreitende Universalsprache. Bei allen Bemühungen Leibniz, diese Universalsprache für Gesetzestexte, wissenschaftliche Erkenntnisse, Musik u. a. nutzbar zu machen, ist doch die eigentliche Leistung jahrhundertelang unbeachtet geblieben, ähnlich wie der Versuch, abstrakte Phänomene mit Hilfe der zwei Symbole seines Alphabets zu visualisieren. Dabei verdienen zwei Briefe an Nicolas de Remond (ca. 1714) besondere Beachtung, in denen er komplizierte Begriffe aus der chinesischen Philosophie in sein binäres Zeichensystem überträgt. Diese Briefe führen uns unmittelbar in den Bereich des Visuellen und belegen vermutlich erstmalig den Versuch, aus dem Ideographischen ins Sequentielle und schließlich ins Digitale zu übersetzen. Es mußten 300 Jahre vergehen, bis Computerfreaks bei ihren Versuchen, das Digitalprinzip für Musiknotation zu verwenden, entdeckten, daß Bilder in einem binären System geschrieben werden können.

Zwei Schlüsse lassen sich daraus ziehen: 1. Nicht die verfügbare Technologie hat unseren Blick für die Bedeutung von Bildern geschärft und den Weg zu ihrer digitalen Verarbeitung geöffnet, sondern die geistige Fähigkeit, die durch die eigene Effizienzerwartung motiviert war. 2. Visualisierung beschränkt sich nicht auf die Illustration von Wörtern, Begriffen oder Eingebungen. Sie stellt vielmehr den Versuch dar, geeignete Instrumente, Bilder, zur Darstellung und Verwendung von Informationen zu entwickeln. Ein Text auf dem Computerbildschirm ist ein solches Bild, die Visualisierung von Sprache, die nicht aus einer menschlichen Hand mit einem Schreibwerkzeug stammt. Ein Computer spricht keine Sprache. Er übersetzt jedwedes Alphabet in sein eigenes Alphabet, verarbeitet es und übersetzt es zurück in unser Alphabet, und zwar in Form gespeicherter oder automatisch erzeugter Bilder.

