# Jenseits der Schriftkultur — Band 4

## Part 14

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Die Hauptereignisse, die zum Zusammenbruch führten, liefen auf den Fernsehbildschirmen vor den Augen der Nationen ab, im Bann der Dynamik von Liveübertragungen, für die die Schriftkultur und der vorherige schriftkulturelle Gebrauch des Mediums nie gut ausgerüstet waren. Die Jagd auf Ceausescu in Rumänien, der Fall der Berliner Mauer, die Ereignisse in Prag, Sofia und Tirana knüpften an den Geist des Fernsehdramas aus den polnischen Werften an. Während des versuchten Putsches in der Sowjetunion nahm die Entwicklung kurzfristig eine andere Wendung, verleugnete den schriftlichen Medien quasi jegliche Rolle außer der des späten Chronisten. Der erste Unterricht in Sachen Demokratie vollzog sich über Videokassetten. Verschiedene Netzwerke, von WTN (WorldWide Television News) bis zu CNN, aber hauptsächlich die alte Technik des Faxgeräts besorgten den Rest. So primitiv die digitalen Netzwerke auch waren und in jenem Teil der Welt noch immer sind, sie spielten eine wichtige Rolle. Keine politischen Manifeste oder raffinierten ideologischen Dokumente wurden verbreitet, sondern Bilder, Diagramme und Liveberichte. In der Zwischenzeit übernahm das Entertainment fast die gesamte verfügbare Bandkapazität. Der gesamte westliche Konsum der letzten 15 Jahre (Mode, Fast-food-Ketten, Softdrinks und Konsumelektronik) durchdrang das Leben derer, deren Revolte unter dem Banner des Rechts auf Konsum stattgefunden hatte. Hier wie im Rest der Welt trennten sich das Geistige und das Politische für immer. Das Geistige bezieht Alimente; das Politische wird der Treuhandverwalter.

Das System scheiterte am mangelnden Verständnis für die Faktoren, die zu neuen produktiven Erfahrungen führen: eine optimale Interaktion der Menschen, progressive Mediation und spezialisiertere Formen der Selbstkonstituierung, Einrichtung von Netzwerken und deren Koordination, individuelle Freiheit und frei gewählte Zwänge. Ähnlich erging es den Kirchen im Ostblock. Weil sie das Regime ablehnten, gingen die Menschen in die Kirche, die ihrerseits eine Hochburg schriftkultureller Praxis ist (unabhängig vom Buch oder von den Büchern, die ihr programmatisch zugrunde liegen). Sobald es der Religion möglich war, ihre schriftkulturellen Merkmale durch die Ausübung von Zwängen zu behaupten, ging die Zahl der Kirchgänger wie überall auf der Welt zurück.

Viele Fragen sind noch offen. Wie muß man z. B. im Kontext der globalen Wirtschaft das Entstehen neuer Nationalstaaten und mächtiger nationalistischer Bewegungen beurteilen, wenn der postnationale Staat und die transnationale Welt schon Wirklichkeit geworden sind? Die Frage ist ihrem Wesen nach politisch. Ihr Fokus liegt auf der Identität. Die Identität spiegelt alle Beziehungen wider, über die die Menschen sich als Teil einer größeren Einheit konstituieren--Stamm, Stadt, Region, Nation: Als Träger gemeinsamer biologischer und kultureller Merkmale, gemeinsamer Werte, einer gemeinsamen Religion, eines gemeinsamen Raum-, Zeit- und Zukunftsgefühls.

Von Stammeshäuptlingen, Königen und Präsidenten

Veränderungen im Zustand praktischer menschlicher Erfahrungen bringen Veränderungen in der Selbstidentifikation des Individuums und von Gruppen mit sich. Neue politische Erfahrungen, die immer noch Erwartungen unterworfen sind, die von der Vergangenheit übernommen wurden, setzen eigentlich nicht die Vergangenheit fort. Entsprechend verändert sich das Wesen politischer Erfahrungen. Vorstellungen über Führung, Organisation, Planung und Legalität werden neu definiert. Aus den Stammeshäuptlingen wurden die Könige des Mittelalters und schließlich die neuzeitlichen Präsidenten. Es gibt jedoch keinen Grund zur Annahme, daß bei verteilten Aufgaben und paralleler Handlungsstruktur Zentralismus und Hierarchie die entscheidenden politischen Prinzipien bleiben müssen. Exekutive, Legislative und Judikative setzen die Ideale der liberalen politischen Demokratie um, wie sie für den pragmatischen Rahmen der Industriegesellschaft wesentlich werden. Doch sobald sich neue Umstände abzeichnen, wandeln sich mit der Grundstruktur auch die Machtstrukturen.

In einem Rahmen nicht-hierarchischer Strukturen besteht z. B. kein wirklicher Bedarf mehr am Präsidentenamt. Theoretische Argumente müssen durch Fakten bekräftigt werden. Die neuen Lebensumstände haben schon in vielen Ländern das Amt des Präsidenten auf reine Repräsentationsfunktionen beschränkt. Andere Staaten schränken die Macht des Präsidenten durch Gesetze so sehr ein, daß sie diesen Namen nicht mehr verdient. Wirtschaftszyklen machen sogar die visionärsten Staatsoberhäupter (so es sie denn gibt) zu bloßen Zuschauern von Ereignissen, die sie nicht beeinflussen können.

Wer würde das Land repräsentieren, wenn die Funktion des Staatsoberhauptes abgeschafft wäre? Wie kann ein Land ein geschlossenes, in sich konsistentes politisches System aufrechterhalten? Wer würde die Gesetze erlassen, wer umsetzen? Solche Fragen ergeben sich ausnahmslos aus den Erwartungen der Schriftkultur. Dagegen fördert die radikale Dezentralisierung, die sich jenseits der Schriftkultur durchsetzt, andere politische Strukturen. Der politisch interessierte Bürger ist ein Trugbild. Die Wirklichkeit kennt Bürger, die ihre eigenen Ziele verfolgen, welche allerdings politische Elemente beinhalten. Die Schriftkultur führte zu repräsentativen Formen der Politik, die schließlich die Bürger vom Prozeß der politischen Entscheidungsbildung ausschloß. Die wirklichen politischen Ideale sind nunmehr eine Sache effizienter menschlicher Interaktion. Für den Informationsaustausch über Netzwerke, in denen Menschen gleicher Interessen kooperieren, ist die Leistung eines Präsidenten völlig irrelevant. Die für diese Vorgänge relevanten Übereinkünfte, die sich auf gegenseitige Bedürfnisse und zukünftige Entwicklungen richten, werden außerhalb der politischen Institutionen getroffen, die nur noch wenig damit zu tun haben.

Die meisten politischen Aufgaben von Präsidenten, Nationalversammlungen oder anderen politischen Institutionen ergeben sich noch immer aus Formen, die für eine vergangene politische Praxis charakteristisch sind. Sie beruhen auf Bündnissen und Verpflichtungen, die im Widerspruch zum pragmatischen Rahmen der heutigen Welt stehen. Die Tatsache, daß Staatsoberhäupter auch Oberbefehlshaber der Armeen sind, stammt aus einer Zeit, in der der stärkste Mann der Führer wurde. Aber heute sind auch Frauen legitime Kandidatinnen für ein Präsidentenamt. Trotzdem haben geschlechtsspezifische Vorurteile verhindert, daß Frauen die militärische Kompetenz erlangen, die man von einem Oberbefehlshaber erwartet. Ein weiteres Beispiel: Warum muß ein Präsident beim Begräbnis eines verstorbenen Staatsoberhauptes zugegen sein? Die Bande des Bluts verbanden einst Könige und Adel stärker miteinander als politische Argumente; aber kein Verkehrsmittel konnte sie zu den Verstorbenen bringen, bevor deren Verfall einsetzte. Ein letztes Lebewohl, das man heute anläßlich des Begräbnisses eines japanischen Kaisers, eines muslimischen Führers oder eines atheistischen Präsidenten wünscht, gehört zum politischen Theater, nicht zum politischen Wesen. Die teure und trügerische Inszenierung von Staatsbegräbnissen, Gelöbnissen, Einweihungen, Paraden und Staatsbesuchen ist oft nichts anderes als eine Übung in Scheinheiligkeit. Die Schauspiele gefallen nur, weil sie zynisch das Bedürfnis des Volkes nach Spielen stillen. Pragmatisch relevante Verpflichtungen sind nicht mehr das Vorrecht von Staatsbürokratien, sie wurden in andere Zusammenhänge eingebunden. Wenn aber ein Staatswesen historisch nicht sehr viel mehr ist als ein Ausdruck archaischer Stammesinstinkte, dann hat sich die schriftkulturelle Institution des Staates erübrigt.

Politische Heldenverehrung, Nationalismus im wirtschaftlichen Bereich und ethnische Eitelkeit beeinträchtigen die Politik auf vielen Ebenen. Der Nationalismus als eine Form kollektiven Stolzes und psychologischer Ersatzbefriedigung für unterdrückte Triebe feiert Goldmedaillen bei Olympischen Spielen, die Zahl der Nobelpreisträger und die Errungenschaften in den Künsten und der Wissenschaft mit einer Leidenschaft, die einen besseren Anlaß verdient hätte. Stolz und Vorurteilsgrenzen werden beibehalten, auch wo Staatsgrenzen de facto nicht mehr existieren. Wissenschaftliche Hochleistungen sind nie in der völligen Isolation von der gelehrten Welt entstanden. Das Internet unterstützt--heute vielleicht noch nicht im gewünschten Ausmaß--die Integration kreativer Anstrengungen und Ideen über Grenzen hinweg. Die Kunst wird in ihm außerhalb des etablierten Kunstgeschäfts gefördert.

Rhetorik und Politik

Politische Programme werden wie Hamburger, Autos, Alkohol, Sportereignisse, Kunstwerke und Finanzdienstleistungen vermarktet. Erfolg in der Politik wird eher nach Marktkriterien bewertet als nach ihren immer flüchtigeren politischen Auswirkungen. "Menschen wählen nach ihrem Portmonnaie." Aber wählen sie denn? Eine Wahlnacht nach der anderen zeigt, daß sie es nicht tun. Früher waren Analphabeten gewöhnlich von der Wahl ausgeschlossen, ebenso Frauen, Schwarze in Amerika und Südafrika und Ausländer in vielen europäischen Staaten.

In einer idealen Welt würde sich der Höchstqualifizierte um ein politisches Amt bewerben, würden alle wählen und würde das Ergebnis alle glücklich machen. Wie würde eine solche ideale Welt funktionieren? Worte würden Tatsachen entsprechen. Die Belohnung für politische Tätigkeit wäre die politische Erfahrung selbst, die Genugtuung, anderen und somit sich selbst als Mitglied einer größeren sozialen Familie zu nützen. Das ist eine utopische Welt aus perfekten Bürgern, deren Vernunft, die sich in der Sprache der Schriftkultur ausdrückt, Hüter der Politik ist. Wir sehen hier, wie die Autorität des denkenden menschlichen Wesens etabliert und fast automatisch mit Freiheit gleichgesetzt wird. In vielen pragmatischen Kontexten mußte sich Individualität der rationalen Notwendigkeit anpassen, jedoch nie so ausgeprägt wie in dem Kontext, der sich die Schriftkultur zu einer seiner Triebkräfte wählte.

Aus der Perspektive der Schriftkultur gesehen erwartet man, daß die Erfahrungen der Selbstkonstituierung als gebildeter Schriftkundiger die Menschen dazu führt, ihre Natur dem Prinzip der Schriftkultur zu unterwerfen und darin Erfüllung zu finden. Der Glaube, daß die Bildung jemanden veranlaßt, ein Wort zu halten oder andere Menschen zu respektieren, politische Erwartungen zu verstehen und seine eigenen Gedanken zu formulieren, ist wohl eine Illusion. Wenn darüber hinaus Politik dazu führen würde, daß jeder die Werte der Schriftkultur akzeptiert und sie als seine zweite Natur verinnerlicht, müßten sich Konflikte lösen, alle Menschen am Wohlstand teilhaben und sich zudem angemessen demokratisch und verantwortlich verhalten. Der Gebildete müßte die Verpflichtung fühlen, anderen diese Bildung einzuimpfen, wodurch sich die Muster der menschlichen Erfahrungen so veränderten, daß sie die schriftkulturelle Vernunft schlechthin verkörpern würden. Isaiah Berlin hat neben anderen betont, daß der Glaube an eine allumfassende Antwort auf alle sozialen Fragen nicht zu halten ist. Eher ist der Konflikt ein hervorstechendes Merkmal der menschlichen Lage. Dieser Konflikt entwickelt sich zwischen dem Hang zu Vielfalt und Mannigfaltigkeit und der fast irrationalen Erwartung, daß es eine einzige richtige Antwort auf unsere Probleme gibt, die verfolgt zu werden sich lohnt und die erreicht werden kann, wenn das zoon politikon den Primat der Vernunft über die Leidenschaft anerkennt und statt eines chaotischen Individualismus freiwillig die Anpassung an weithin geteilte Werte übt.

Unter den pragmatischen Umständen jenseits der Schriftkultur ist die Erwartung, daß eine Wahl einstimmig oder mehrheitlich ausgeht, völlig unwesentlich. Wahlergebnisse sind ein ebenso guter Indikator für den Zustand einer Gesellschaft wie Seismographen es für die Gefahr eines Erdbebens sind. Am Wahltag sind die Ergebnisse bekannt, nachdem die ersten repräsentativen Stichproben genommen wurden. Eigentlich sind die Ergebnisse schon vor der Wahl bekannt. Die verfügbaren technischen Mittel würden es ermöglichen, daß die, die wählen wollen--und die wissen, warum sie wählen--dies ohne größere Umstände am Telefon tun könnten. Auch die allgemein verbreitete Verkabelung mit einem für das Wahlergebnis ausgerüsteten Zentralrechner könnte diesen Zweck erfüllen. Aber das würde nur einen Teil der Frage beantworten. Der zweite Teil bezieht sich darauf, was sie wählen sollen. Die politische Praxis bietet keine aufregenden Wahlmöglichkeiten mehr. Das auf Schriftkultur beruhende politische Handeln ist undurchsichtig, fast unergründlich. Also sieht sich der Bürger nicht zum Engagement veranlaßt und nicht die Notwendigkeit, sein Engagement durch den Urnengang auszudrücken. Als ich den Text dieses Buches für die Veröffentlichung revidierte, gab es noch einen dritten Aspekt: die Annahme nämlich, daß Wählen eine Partizipation an der demokratischen Macht ist. Aber niemand, der sich der Dynamik der heutigen Lebensumstände bewußt ist, wird den Begriff der Mehrheit mit Demokratie gleichsetzen.

Unter den heutigen Arbeitsumständen kann kein Präsident, egal wie mächtig er ist oder zu sein glaubt, und keine zentrale Regierung auf die Ereignisse Einfluß nehmen, die für den Bürger wirklich wesentlich sind. Jenseits der Schriftkultur werden Alternativen zu Zentralismus, Hierarchie, Sequentialität und Determinismus in der Politik erwartet. Vor allem benötigen wir Alternativen zu dualistischen Strukturen, ob im Zweiparteiensystem, der Gewaltenteilung zwischen Legislative und Exekutive oder dem Gegensatz zwischen Gesetzestreue und Illegalität. Dies führt zu einer weit gestreuten Verteilung politischer Ausgaben in Verbindung mit einer Politik, die Vorteile aus den neuen strukturalen Bedingungen der Arbeits- und Lebenswelt zieht. Selbstbestimmung wird zu den zentralen politischen Werten zählen. Schnellere Lebensrhythmen, Globalität und die neuen Skalen--in Politik und in der Lebenswelt allgemein--sprechen gegen die schriftkulturelle Erwartung, daß Politik ein stabilisierender Faktor der menschlichen Praxis sei. Wenn die Politik ihrer Aufgabe gerecht werden will, sollte sie die Umstände für bessere Verhandlungen und Interaktionen zwischen den Menschen schaffen. Nur so kann man den Bürgern, die ihren Sinn für politische Verantwortung und sogar ihren Glauben an Recht und Ordnung verloren haben, neue politische Zuversicht geben.

In dieser global vernetzten Welt, in der die Skala von größter Wichtigkeit ist, muß die Politik zwischen den vielen Ebenen vermitteln, auf denen Menschen an dieser Globalität teilhaben. In diesem Zusammenhang ist die Regelung von Gütern und Rechten ein wichtiger politischer Bereich. Hier muß die Politik meinungs- und wertebildend wirken. Zum Beispiel liegt die wirkliche Macht der Informationsverarbeitung in der Interaktion derer, die Zugriff darauf haben. Man sollte nicht gezwungen sein, Regeln, die aus dem feudalen Besitz von Sprache oder aus dem industriellen Besitz von Maschinen stammen, auf den freien Zugang zu Informationen oder zu Netzwerken anzuwenden, die die gemeinschaftliche kreative Arbeit erleichtern. Die politische Herausforderung liegt darin, das transparenteste Umfeld zu liefern, ohne die Einheit der Interaktion zu beeinträchtigen. Angesichts des vielfältigen Selbstregelungsbedarfs in diesem neuen Bereich muß sich auch die Legislative neu orientieren und von ihren alten Denkstrukturen befreien.

Die Ereignisse werden nur dann einen positiven Verlauf nehmen, wenn sie die politische Erfahrung individueller Machtzuweisung erlaubt. Natürlich bergen eine größere Auswahl und breitere Möglichkeiten spezifische Risiken in sich. Hacking ist keineswegs neu. Der deutsche Kriegskode wurde geknackt, und viele Länder sind sehr darauf bedacht, Hackern von Rang Ehre zu erweisen: Wissenschaftlern, die das Geheimnis genetischer Kodes knacken, oder Spionen, die hinter Geheimnisse des Feindes kommen. Aus einer schriftkulturellen politischen Perspektive kann man Hacking--eine sehr eigene Form individueller Selbstkonstituierung--als kriminell bezeichnen. Im neuen pragmatischen Rahmen jenseits der Schriftkultur ist Hacking in einem Bereich angesiedelt, dessen Eckpunkte aus Kreativität, Protest, Erfindungsgeist, Nichtkonformität und krimineller Energie bestehen. Die geeignete Antwort auf Hacker wäre kein Strafenkatalog mittelalterlicher oder industrieller Prägung, sondern Transparenz, die auf lange Sicht mögliche kriminelle Motive unterminiert. Eine Gesellschaft, die Kreativität sanktioniert, auch wenn diese auf falsche Gebiete gelenkt ist, bestraft sich letztlich selbst. Wer an seinem Terminal für ein Unternehmen arbeitet, das in der ganzen Welt produziert und soziale und wirtschaftliche Programme fördert, die Bürgern vieler Kulturen, unterschiedlichen Glaubens, unterschiedlicher Rassen, politischer Überzeugungen, sexueller Neigungen, unterschiedlicher Geschichte und unterschiedlicher Erwartungen zugute kommen, nimmt an der Weltpolitik mehr und entscheidender teil, als all die Behörden und Bürokraten, die für Aufgaben bezahlt werden, die sie nicht effektiv erfüllen können. Wiederum ist es der pragmatische Rahmen, der uns zu Bürgern unseres kleinen Dorfes oder unserer kleinen Stadt macht, der uns alle, auch die Internetbürger, in die globale Welt integriert.

Die Justiz beurteilen

Diese kleine Abschweifung in der Diskussion über die Politik kann damit gerechtfertigt werden, daß Gerechtigkeit eine Frage sowohl von Politik als auch von Recht ist. Die Anwendung der Gesetze ist die Ausübung von Politik in kleinem Stil. Politisches Handeln, das an eine neue Auffassung von Recht und Justiz gebunden war, welche sich an der industriellen Arbeitswelt orientierte, setzte nicht nur fest, daß alle (oder fast alle) vor dem Gesetz gleich sind, sondern auch, daß die Justiz ihren eigenen unabhängigen Weg geht. Auch das Rechtssystem unterlag dem historischen Wandel. Früher lag das Recht in der Verfügungsgewalt der Herrschenden. Noch heute ist ein Gouverneur oder Präsident in einigen Fällen die höchste Appellationsinstanz. Wie die Politik beruht das Recht auf der Rhetorik, auf der Sprache als Vermittlungsmechanismus.

Was in unserem Zusammenhang interessiert, ist der Wandel der im Rahmen der Schriftkultur ausgearbeiteten Gesetzeskodizes und der Rechtspraxis der Schriftkultur. Die Institution der Justiz und die Rechtsberufe verkörpern Gerechtigkeitserwartungen im Rahmen einer bestimmten Lebenspraxis. Neue Länder wurden entdeckt, neues Eigentum wurde geschaffen, und Maschinen und Menschen ermöglichten eine höhere Produktivität. Die Menschen kämpften um Rechte, der Zugang zur Bildung wurde geöffnet, und die Welt wurde ein Ort neuer Transaktionen, für die das Bodenrecht, das in Anlehnung an das Naturrecht entstand, nicht mehr ausreichte. In diesem Zusammenhang erhob sich die Frage nach dem Wesen der menschlichen Rechte und Verpflichtungen. Im selben Zusammenhang begann aber auch die Sprache der Rechtspraxis sich auf das heutige Juristenchinesisch hin zu entwickeln, das kein normaler Mensch versteht, weil keiner es verstehen soll. Das lag in der Natur der Sprache, war aber auch beabsichtigt. Um mit der Ambiguität der Sprache fertig zu werden, suchten die Juristen möglichst präzise Begriffe und unzweideutige Formulierungen.

Die problematische Lage der Justiz zeigt sich daran, daß sie im Bereich der politischen Praxis entwickelt wurde, nun jedoch politisch unabhängig sein muß. Die Göttin mit den verbundenen Augen, die die Waage der Gerechtigkeit hält, soll objektiv und gerecht sein. Die Trennung von Judikative und Exekutive ist wohl die höchste Errungenschaft des politischen Systems der Schriftkultur. Aber es ist zugleich das Gebiet, in dem sich mit Blick auf die veränderte Lebenspraxis jenseits der Schriftkultur ein Wandel von entscheidender Bedeutung vollzieht. Vor allem gilt es, auch für diejenigen ein gerechtes System zu schaffen, die sich weniger in dem durch die Subjektivität der Machthaber abgesteckten Bereich und mehr im Bereich der Informationsverarbeitung zu Hause fühlen. Justitia mit den verbundenen Augen benutzt schon jetzt Röntgenstrahlen, um Klagen und Gegenklagen abzuwägen. Modellierungen, Simulationen, Aussagen von Genexperten und vieles mehr gehören bereits zum juristischen Alltag. Der Kontext dieser Veränderungen wirft ein Licht auf ihre politische Bedeutung. Wenn die Praxis von Politik und Justiz total getrennt wäre, würde die Effizienz beider darunter leiden.

Die Politik förderte veränderte Einstellungen zu Demokratie, Bürgerrechten, politischer Macht und sozialer Sicherung. Sie entmystifizierte die Herkunft, Funktion und Rolle des Eigentums und förderte eine relativere Sicht dieser Dinge sowie die Etablierung allgemeingültiger Werte. Daher sollte die Justiz, die die Rechte der einzelnen schützen soll, sich in Fragen der Gerechtigkeit nicht mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner zufriedengeben. Wenn man dieses Ideal an der juristischen Praxis mißt, ist dies fast schon ein masochistisches Unterfangen. Die stetig und rasch zunehmenden Interaktionen über Marktmechanismen wurden von Konfliktmomenten und Verhandlungserwartungen begleitet. Ohne jeden Zweifel wird die wichtigste Vermittlungsfunktion heutzutage von Juristen ausgeübt.

Aufgrund der ihr eigenen Dynamik erfaßt die juristische Praxis jede Art der allgemeinen Lebenspraxis, von multinationalen Geschäften bis hin zu individuellen Beziehungen. In jüngster Zeit sucht sie ihren Platz in der Welt der neuen Medien, in der das Copyright und der Konflikt zwischen privatem Recht und öffentlichem Zugang der Lösung bedürfen. Man kann also nicht sagen, daß das Recht im Gegensatz zur Politik nicht proaktiv ist. Das Problem dabei ist, daß es in den Kontext der Schriftkultur eingebunden bleibt, und zwar so, daß die Form wichtiger als der Inhalt wird und am Wesentlichen vorbei zielt. Früher war Latein die Rechtssprache und erinnert daran, wo die Rechtspraxis der westlichen Welt ihren Ursprung hat. Heute können nur wenige Rechtsanwälte Latein. Aber ihre eigene Sprache beherrschen sie vorzüglich.

Juristenchinesisch wird mit dem Versuch gerechtfertigt, in einer gegebenen Situation Doppeldeutigkeiten vermeiden zu müssen. Daran wäre nichts falsch. Es ist jedoch falsch, wenn die Rechtssprache und die in der Rechtssprache kodifizierten Verfahren nicht der pragmatischen Erwartung der Gerechtigkeit entsprechen. Recht und Gerechtigkeit sind nicht dasselbe, und jeder könnte hierfür ein Beispiel anführen. Tatsächlich dient das Recht der Schriftkultur nicht der Gerechtigkeit. Sein Zweck liegt oft genug daran, einen Klienten freizusprechen. Ist ein Anwalt des Rechts seinen Klienten oder der Gerechtigkeit gegenüber verpflichtet? Die Wirklichkeit dürfte von der Erwartung der Bürger ziemlich weit entfernt sein. Daher verliert die Justiz ihre Glaubwürdigkeit, weil sie durch ihre Praxis den Geist des Gesellschaftsvertrags aushöhlt.

Kritik an Richtern und Anwälten ist so alt wie der Berufsstand. Hier möchte ich mich nicht einreihen. Wichtig ist zu zeigen, daß selbst, wenn Gerechtigkeit herrschen würde, die Gesetze und Methoden der Justiz nicht für ewig gelten können. Einige Taten, die die Gesellschaft früher akzeptierte--Kindesmißhandlung, sexuelle Belästigung, Rassendiskriminierung--, gelten heute als illegal und als ungerecht. Andere Verbrechen (Pfeifen am Sonntag, Küssen des Gatten in der Öffentlichkeit, Sonntagsarbeit, um einige Beispiele aus den USA zu geben) werden nicht mehr als Rechtsbruch angesehen. Entscheidend ist die Einsicht, daß sich mit den Veränderungen der Lebenspraxis die Bezugsrahmen verändern--für Moral und für Legalität.

