# Jenseits der Schriftkultur — Band 2

## Part 5

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Die Faktoren, die die Sprache notwendig haben entstehen lassen, erklären auch ihre Geschichte und Eigenschaften. Die Sprache entstand aus einem allgemeinen Entwicklungsprozeß heraus, in dem sich der Mensch in die Praxis seines Daseins hineinprojizierte, zu seiner natürlichen und sozialen Identität fand und den Weg des linearen Wachstums einschlug. Das Stadium der Mündlichkeit legt dabei Zeugnis ab für begrenzte, zirkuläre Erfahrungen und entspricht einer noch nicht zur Seßhaftigkeit gefundenen Lebensform, in der der Mensch nach Wohlergehen und Sicherheit strebte. Sie beruhte weitgehend auf dem lebendigen Gedächtnis und schlug sich im Ritual nieder. Schrift und Schreiben entwickelten sich im Zusammenhang verschiedener weitreichender Veränderungen: eine ausdifferenzierte Lebenspraxis, Seßhaftigkeit und ein über den Tauschhandel hinausgehender Warenmarkt, wobei diese Faktoren sich gegenseitig beeinflußten. Am Ende dieses Prozesses stand die Trennung von geistiger und körperlicher Arbeit. Sprechen, Schreiben und Lesen--jene Eigenschaften der Schriftkultur, die uns aus der Sicht unserer heutigen Schriftkulturen geläufig und selbsverständlich sind--wurden durch diese Entwicklung logisch möglich. Tatsächlich war das Schreiben nicht unbedingt der Anfang von Schriftkultur und Bildung, sondern stellte die Möglichkeit zu ihrer Herausbildung dar. Ein Verständnis der Mechanismen der Sprache und jener Sprachfunktionen, die mit der Entwicklung der Schrift ein neues Entwicklungsstadium des Menschen eingeleitet hatten, wird uns auch zu verstehen helfen, wie die Schrift zum späteren Ideal der Schriftkultur und Bildung beitrug.

Kapitel 3:

Mündlichkeit und Schrift in unserer Zeit: Was verstehen wir, wenn wir Sprache verstehen?

Wir sitzen vor dem Computer und sind mit dem World Wide Web verbunden. Was liegt heute an? Wie wärs mit Neurochirurgie? Irgendwo auf dieser Welt führt ein Neurochirurg gerade eine Operation durch. Wir können einzelne Neuronen auf unserem Monitor sehen. Oder wir können mitverfolgen, wie der Chirurg die Fähigkeit des Patienten überprüft, bestimmte Muster zu erkennen, damit er eine Karte von den kognitiven Funktionen des Gehirns zeichnen kann, die für den Erfolg der Operation entscheidend ist. Ab und an wird das Gespräch zwischen Chirurg und Assistenten durch die Einspielung von Daten auf verschiedenen Monitoren ergänzt. Verstehen wir die Sprache, die sie sprechen? Könnte ein schriftlicher Bericht über den Ablauf der Operation ersetzen, was wir leibhaftig vor Augen haben? Für einen Studenten der Neurochirurgie oder einen Wissenschaftler wird sich die Frage des Verstehens anders stellen als für einen Laien.

Nehmen wir ein anderes Beispiel. Unter einer anderen Internetadresse findet ein Konzert statt. Bands aus aller Welt schicken ihre Musik live an diese Adresse. Die Zuhörer können zwischen den zahllosen gleichzeitig spielenden Bands auswählen. Man singt von Allerweltsthemen--Liebe, Hoffnung, Verständnis. Und dennoch: selbst wenn wir jedes Wort verstehen könnten, verstehen wir wirklich, was sich da abspielt?

Anstelle des Internet könnte man eine Fabrik besuchen, eine Börse oder ein Kaufhaus. Man könnte sich in der U-Bahn irgendeiner Stadt wiederfinden, eine Schulklasse besuchen oder in einem Regierungsbüro seinen Geschäften nachgehen. Diese Szenarien verkörpern die vielfältigen Formen menschlicher Selbstkonstituierung durch Arbeit. Auf den ersten Blick sprechen alle die gleiche Sprache. Aber wer versteht was? Einfacher gefragt: Was verstehen wir, wenn wir eine Anweisung lesen oder beiläufig oder offiziell ein Gespräch verfolgen? Der gegebene Kontext ist die heutige Zeit, die sich von jeder vorausgegangenen Zeit, vor allem aber von einer Lebenspraxis unterscheidet, die auf Schriftkultur und Bildung gründete. Die Antworten auf unsere Fragen sind nicht einfach. Und die Grundlage für die Behandlung solcher Fragen muß breiter sein als die wenigen angeführten Beispiele.

Bestätigung als Feedback

Das Verstehen der Sprache ist weit mehr als die gründliche Kenntnis von Vokabular und Grammatik. Ohne Teilhabe an der Erfahrung jenseits der Sprachäußerung ist sprachliches Verstehen nicht möglich. Das, was nicht zum Ausdruck gebracht wird, muß im Hörer, Leser oder Schreiber präsent sein. Sprache muß durch die Laut- und Wortfolge, die gehört, gelesen oder geschrieben wird, das entstehen lassen, was durch die wiedererkannten Wörter und die verwendete Grammatik nicht unmittelbar ausgedrückt wird. Hinter jedem Wort, das wir verstehen, steht eine gemeinsame praktische Erfahrung, ein gemeinsamer pragmatischer Handlungsrahmen oder irgendeine rudimentäre Form gemeinsamen Verstehens als Hintergrundswissen. "Die Grenzen der Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt," hat Wittgenstein gesagt. Ich würde diese Feststellung neu formulieren und Wissen an Erfahrung binden: Die Grenzen meiner Erfahrung sind die Grenzen meiner Welt. Die Selbstkonstituierung durch Sprache ist Teil dieser Erfahrung.

Die erste Ebene der direkten Beziehung zwischen jemandem, der etwas sprachlich ausdrückt, und jemandem, der das Gesagte verstehen möchte, läßt sich in eine einfache semantische Annahme bringen: Ich weiß, daß du weißt." Aber reicht dieses Wissen, um ein Gespräch erfolgreich fortzuführen? Reicht es etwa in einem Gespräch über ein zu jagendes Tier aus, wenn der Gesprächspartner weiß, um welches Tier es geht? Viele Semantiker würden sich damit zufrieden geben. Sie teilen die von Chomsky getroffene Unterscheidung zwischen Sprachkompetenz (competence) und Sprachverwendung (performance) und führen Kommunikationsprobleme auf die Inkongruenz unserer individuellen Lexika, und nicht auf die unterschiedlichen praktischen Erfahrungen der Sprachbenutzer zurück. Zumindest theoretisch wäre demnach die kulturelle Kongruenz einer Sprachgemeinschaft durch umfassende Lexika usw. herzustellen. Heute wissen wir, daß die entstehende Industriegesellschaft zwar eine gewisse Phase relativer kultureller Kongruenz aufgrund einheitsstiftender Faktoren durchlaufen hat, diese Kongruenz aber mit der Erweiterung der Skala menschlicher Erfahrungen aufgehoben wurde. Die eingangs des Kapitels gegebenen Beispiele haben dies verdeutlicht.

Sprache wird also nicht einfach nur auf die Erfahrungswelt der Menschen bezogen, sie wird in ihr und durch sie geschaffen. Das ist eine der Haupthesen des vorliegenden Buches. Sprachverwendung geht der Sprachkompetenz voraus. Das Erkennen einer Äußerung oder eines Satzes an sich ist bereits eine Erfahrung, durch die sich Individuen definieren. Innerhalb einer begrenzten Erfahrungsskala bewirkte die Homogenität der Lebensumstände eine kohärente Sprachverwendung. Mit steigender Bevölkerungszahl und diversifizierter Erfahrung löste sich der homogene pragmatische Bezugsrahmen auf, folglich gab es auch keine kohärente Sprachpraxis. Die fortlaufende Diversifizierung der praktischen Erfahrung führte schließlich dazu, daß Wörter und Sätze mehrere und unterschiedliche Dinge gleichzeitig bedeuten konnten. Die Festsetzung und Zuweisung von Bedeutung liegt stets in der Erfahrung, durch die Individuen ihre Identität bilden.

Wenn wir die verschiedenen Elemente untersuchen, die den Status der Schriftkultur in der heutigen Welt fragmentierter praktischer Erfahrungen beeinflussen, erscheint Sprache in einem anderen Licht. Aus dieser Perspektive können wir beurteilen, wie und wann durch gleichförmige Erfahrungen ein einheitlicher Rahmen für die Schriftkultur möglich und notwendig gemacht wurde. Wir können gleichzeitig sehen, von welchem Entwicklungspunkt an diese Schriftkultur durch andere Formen der Literalität ergänzt wurde und wodurch, wenn überhaupt, diese Vielfalt verbunden werden könnte. Die beiden zu untersuchenden Stadien sind die der unmittelbaren und der vermittelten Erfahrung. Dabei ist jener Sprachstand von besonderem Interesse, in dem Gesten, Laute und erste Wortgebilde die unmittelbare Erfahrung beeinflußten.

Indirektheit beinhaltet, daß man sich gemeinsamer Bezeichnungen--Geste, Laut, Wort--bewußt ist. Die Gemeinsamkeit schließt die Erfahrung mit ein. Auf dieser Ebene gibt es noch keine Verallgemeinerung. Handlungsmuster sind zugleich Muster der Selbstkonstituierung: beim Jagen projiziert der Jäger physische Fähigkeiten. In der Beziehung zu anderen Jägern überträgt er Fähigkeiten der Koordination, Planung und gegenseitigen Verständigung. Dadurch wird eine Ebene der Indirektheit erreicht: die der Rückbestätigung für alle biologischen Abläufe, in der Kybernetik feedback genannt. Das (stillschweigend vorausgesetzte) anfängliche "Ich weiß, daß du weißt", wird nun zu, "Ich weiß, daß du weißt, daß ich weiß." Damit kommen Fragen der Koordination und Hierarchie ins Spiel. Wollen wir in dieser Erfahrung gar den Anfang von Bedeutung in der Sprache sehen, wird die Folge der stillschweigenden Annahmen noch länger: "Ich weiß, daß du weißt, daß ich weiß, daß du weißt." Wir befinden uns damit auf einer kognitiven Ebene, die sich von derjenigen der unmittelbaren praktischen Erfahrung völlig unterscheidet.

Wir sehen, wie sich in unserer dreiteiligen Annahmensequenz Syntax und Semantik gegenseitig bedingen und wie beide eingebettet sind in die sie bedingende Lebenspraxis. Übertragen auf unsere Jagdszene heißt das soviel wie: "Ich weiß, daß du weißt, daß ich hier bin. Wir können unsere Handlungen so koordinieren, daß wir das Tier töten, ohne uns dabei gegenseitig zu gefährden." Solange die Skala menschlicher Erfahrung begrenzt war, vollzog sich diese Übereinkunft stillschweigend. Sie drückte sich in reibungslos ablaufenden Handlungsmustern aus. Innerhalb einer erweiterten Skala wurden Zeichen durch Wörter ersetzt, die die Koordination leisteten. Die Schrift ermöglichte sodann Bezugsrahmen und Medium für sehr viel komplexere Tätigkeiten. Der Internet Browser schließlich verbindet eine prinzipiell unbegrenzte Zahl simultan verlaufender Informationserfahrungen, ohne daß die an diesem Prozeß Teilhabenden sich begrüßen oder einander zur Kenntnis nehmen. Hierdurch entsteht eine virtuelle Gemeinschaft von Individuen, die an der Erfahrung z. B. einer tatsächlich verlaufenden neurochirurgischen Operation teilhaben. Solche neuartigen Arbeitsformen charakterisieren in einem Stadium jenseits der Schriftkultur unseren Arbeitsplatz, unsere Schulen und die Regierungsarbeit; ihnen allen liegen die gleichen Kommunikationsannahmen zugrunde.

Der Jäger der Frühzeit und diejenigen, die heutzutage ihre Präsenz durch Namensschild, Mobiltelefon, Zugangskarte, Password anzeigen, unterscheiden sich hinsichtlich der Formen und Mittel, mit denen man sich der gegenseitigen Präsenz versichert. Doch selbst die einfache Begrüßung eines Menschen, den wir zu kennen glauben, impliziert die gesamte oben dargestellte FeedbackAbfolge. Daraus folgt: 1. Sprache verstehen heißt, alle die zu verstehen, mit denen wir die praktischen Erfahrungen unserer Selbstkonstituierung teilen. 2. Alle Beteiligten müssen diese stillschweigend vorausgesetzte Kommunikationserwartung mitbringen. 3. Jeder neue pragmatische Zusammenhang bringt neue Erfahrungen und damit neue Formen des Kommunikationsverhaltens und ihrer Bewußtwerdung mit sich. Dieses Sprachverstehen vollzieht sich auf der Grundlage der ausgeführten Annahme, "Ich weiß, daß du weißt, daß ich weiß, daß du weißt...", z. B. um welche Jagdbeute es sich handelt, bzw. was eine Operation ist, was eine bestimmte Tätigkeit in einem Produktionsablauf für Folgen hat, welche Funktion eine bestimmte Regierungsstelle hat. Andernfalls würde das Gespräch versiegen, oder es müßte ein anderes Ausdrucksmittel gefunden werden.

Bestätigung durch Sprache, Gestik und Mimik signalisiert erfolgreiches Verstehen. Wo immer das Verstehen ausbleibt, ist dies auf fehlende Bestätigung zurückzuführen. Und wenn diese Bestätigung nicht mehr ausschließlich durch Mittel der Schriftkultur geleistet werden kann--dazu brauchen wir uns nur die moderne Kriegsführung, die Kontrolltechnologie für Atomreaktoren oder die mannigfaltigen Formen elektronischer Transaktionen vor Augen zu halten--, dann ist letztendlich auch die Notwendigkeit der Schriftkultur in Zweifel gestellt. Mittlerweile besteht der überwiegende Teil der heutzutage erteilten Anweisungen aus Bildern (Zeichnungen), einer Ton-BildMischung (Videobänder) oder einer Kombination verschiedener Medien: die zunehmende Skepsis gegenüber der Schriftkultur, wenn nicht seitens der Lehrenden, so doch seitens der Lernenden, kommt also gar nicht so überraschend. Ihre Lebenspraxis und Erfahrung liegt bereits jenseits der Schriftkultur und einer darauf beruhenden Form des Verstehens. Und das gilt nicht nur für den Umgang mit dem Internet, sondern für Arbeitsplatz, Schule, Regierung und viele andere Formen der Lebenspraxis.

Mündlichkeit und die Anfänge der Schrift

Neben dem allgemeinen Verstehenshintergrund gibt es zahlreiche Ebenen des Verstehens, die durch die im Sprechen, Schreiben oder anderen Ausdrucks- und Kommunikationsformen enthaltenen Hinweise repräsentiert werden. So kann z. B. eine Frage durch einen bestimmten Tonfall als solche identifiziert werden. Die Schrift hat je nach Sprache dafür ein bestimmtes Zeichen. Andere Hinweise sind tiefer verwurzelt, aber nicht weniger wichtig. Sie beziehen sich auf die Intention der Aussage, auf den Sprecher (Geschlecht, Beruf, Alter), den Gesprächskontext oder Hierarchien (soziale, sexuelle, moralische). Viel außersprachliches Hintergrundwissen lenkt das Verstehen. Ein Gespräch besteht aus weit mehr als zwei Personen, die sich Sätze zuspielen. Es ist eine pragmatische Situation, die neben der Sprache ebensoviel Verständnis des Gesprächskontextes erfordert; denn jeder Gesprächsteilnehmer konstituiert sich gegenüber dem anderen. Die Gesprächssituation macht deutlich, daß das Sprachverstehen eine supra- (oder para-) linguistische Angelegenheit ist. Sie setzt voraus, daß die innerund außersprachlichen Hinweise erkannt und zueinander in Beziehung gesetzt werden. Sie setzt vor allem eine Rekonstruktion der Erfahrung voraus, die im Hintergrundwissen verkörpert ist.

Wenn wir Mündlichkeit und die Anfänge der Schrift vergleichen, erkennen wir, daß die Einrichtung von Konventionen sich aus der Notwendigkeit ergab, die Konkretheit zu überwinden und Zugang zu einem neuen, durch eine veränderte Lebenspraxis bedingten, kognitiven Bereich zu finden. Interessanterweise wurden jedoch Elemente der Mündlichkeit, die eigentlich einer begrenzteren Erfahrungsskala entsprachen, in der Struktur der Schrift auf der neuen kognitiven Ebene beibehalten. Heute stellt sich die Beibehaltung von Mündlichkeitselementen weniger dringlich. Doch man könnte dem entgegenhalten, daß die im Englischen geläufigen Bezeichnungen wie 4 Sale (For Sale) oder Toys R Us in die gegenteilige Richtung deuten. Derartige Versuche, Sprache zu komprimieren, lassen erkennen, wie man visuelle Zeichen (Ikonen) schafft, um auf einer synthetischen Ebene den Informationsaustausch zu beschleunigen. Die interaktiven Multimedien oder der rege Kommunikationsaustausch im Internet bieten viele weitere solcher Beispiele. Schriftkultur ist hierfür weder erforderlich noch gefragt. Es gibt eine ausgeprägte neue Form der Mündlichkeit, die an einige Merkmale der lange zurückliegenden Mündlichkeit erinnert. Das beherrschende Element dieser neuen Mündlichkeit ist das Visuelle, das neue ikonische Zeichen. Beispiele hierfür sind das international geläufige Valentinsherz anstelle des Wortes Liebe oder die in Europa verwendeten Zeichen für Pflegehinweise in Kleidungsstücken.

Die Bezeichnung von Zeitbezügen in Texten erweist sich als besonders problematisch aufgrund der für unsere Zeit charakteristischen Abläufe: zahlreiche simultan laufende Transaktionen, differenzierte Arbeitsteilung, Vernetzung, rasche Veränderung von Regeln. Das alles kann in einem geschriebenen Text nicht mehr angemessen wiedergegeben werden. Jetzt bedeutet für die, die über viele Zeitzonen hinweg miteinander verbunden sind und miteinander kommunizieren, jeweils etwas ganz anderes. Der Sonnenaufgang, den wir auf der Web Page von Santa Monica miterleben, kann mit dem Anklicken einer Taste durch ein entsprechendes Gedicht ergänzt werden. Die der Sprache eigene und in der Schriftkultur instrumentalisierte Zeit- und Raumerfahrung wird durch solche Phänomene nicht unbedingt konsolidiert.

Die Menschheit brauchte einige tausend Jahre, bis sie sich die Konventionen der Schriftlichkeit angeeignet hatte. Möglicherweise wurden einige dieser Konventionen von der Hardware (Gehirn) absorbiert und in neue Formen der Selbstkonstituierung umgesetzt. Die Praxis des Schreibens und die Erkenntnis der Möglichkeiten, die sich dadurch öffneten, führten zu neuen Konventionen. Praktische Unternehmungen, die sich aus den neuen in der Schrift (und im Lesen) angelegten Zeit- und Raumkonventionen ergaben, veränderten die Konventionen ebenfalls. Die Entdeckung der Fragmentarisierbarkeit von Raum und Zeit etwa, die sich in einer auf Mündlichkeit basierenden Kultur vermutlich nicht einstellen konnte, ließ neue praktische Erfahrungen und neue Theorien von Raum und Zeit entstehen.

Nachdem sich Schriftlichkeit als praktische Erfahrung durchgesetzt und eine allseits anerkannte Wirklichkeit auf einer entsprechend höheren Ebene der Abstraktheit begründet hatte, stellte sich auf verschiedenen Textebenen eine Fülle von Assoziationsmöglichkeiten ein. Einige davon waren so unerwartet und ungewöhnlich, daß ihr Verständnis eine Herausforderung für den Leser darstellte. Dieses Verstehensproblem stellt sich offenbar immer dann ein, wenn neue Ebenen ins Spiel kommen, wie zum Beispiel die der Selbstreferentialität, die in der verkabelten Welt der Home Page allgegenwärtig ist. Sprache wird zunehmend zu einem Medium, an dem wir die Beziehung zwischen dem Bewußten, dem Unbewußten oder Unterbewußten und der Sprache beobachten können. Bei der oben erwähnten Gehirnoperation wurden bestimmte Neuronen gehemmt und auf diese Weise das Erkennen von Gegenständen und Tätigkeiten eingeschränkt.

Die unnatürliche, nichtsprachliche Sprachverwendung wird heute von Psychologie, Neurologie, Kognitionswissenschaft und künstlicher Intelligenzforschung auf das Verhältnis zwischen Sprache und Intelligenz hin untersucht. Die Notwendigkeit, die biologischen Aspekte der Sprech-, Schreibund Lesepraxis zu behandeln, ergibt sich aus unserer Prämisse. Die menschliche Selbstkonstituierung vollzieht sich, während und indem die biologischen Fähigkeiten in Erfahrung umgesetzt werden. Die Arbeit mit sogenannten splitbrain Patienten--Menschen, bei denen die Verbindung zwischen den beiden Gehirnhälften unterbrochen wurde, um epileptische Anfälle zu verhindern--hat gezeigt, daß sogar die scharfe Trennung zwischen linker und rechter Gehirnhälfte (der linke Teil steuert das Sprachvermögen) fragwürdig ist. Es zeigte sich, daß bei jeder einzelnen praktischen Erfahrung des Menschen die biologische Ausrüstung tätig, aber gleichzeitig zum Gegenstand der Selbstreflexion wird. Als man das Wort Lach! in den rechten Teil des Blickfeldes projizierte, fingen die Patienten an zu lachen, obwohl sie das Wort theoretisch gar nicht hätten aufnehmen können. Auf Befragung erklärten sie ihr Lachen mit Gründen, die nicht in Beziehung zum sprachlichen Stimulus standen. Ähnliches ergab sich bei der Aufforderung, sich zu kratzen. Diese und andere klinische Beobachtungen werden in der Erfahrungswelt der virtuellen Realität aufgegriffen und nutzbar gemacht. In einem gegebenen Umfeld der virtuellen Realität ist zum Beispiel das Nichtvorhandene bisweilen ebenso wichtig wie das, was man vorfindet. In den Hintergrundskanälen, die die Interaktionsmuster der virtuellen Realität verarbeiten, können neben Wörtern auch Reaktionsdaten der Agierenden (Drehungen des Kopfes, Schließen der Augen, Handbewegungen) übertragen werden. Sie werden im Feedback wieder in die virtuelle Realität als deren neuer Bestandteil eingegeben und der Lage dessen angepaßt, der sich dieser Wirklichkeit überläßt. Aus diesem Grund bleiben die Merkmale der mündlichen Kommunikation--des frühen und des gegenwärtigen Entwicklungsstadiums--von besonderer Bedeutung.

In der mündlichen Kommunikation ist Hintergrundwissen leichter verfügbar. Die größere Nähe zwischen Ding und Wort, die Gegenwärtigkeit der Kommunizierenden und deren Bereitschaft, die Beziehung zwischen Wort und Bezeichnetem aufzuzeigen, die allgemeine Verfügbarkeit der an das Wort geknüpften Erfahrung sowie die Eins-zu-Eins-Relation zwischen Wort und Bezeichnetem erleichtern das Lesen und Übersetzen des Wortes. In mancherlei Hinsicht macht die Eltern-Kind-Beziehung dieses Kindheitsstadium der Menschheit sinnfällig.

In der jenseits der Schriftkultur sich abzeichnenden neuen Mündlichkeit wird dieselbe Eins-zu-Eins-Relation durch Segmentierungsstrategien erreicht. Sprecher und Hörer teilen Raum und Zeit--und damit Vergangenheit, Gegenwart und bis zu einem gewissen Grad Zukunft. Selbst wenn der Gesprächsgegenstand nicht auf den speziellen Ort und Augenblick bezogen ist, wird ein Referenzmechanismus in Gang gesetzt dank der Tatsache, daß die Gesprächsteilnehmer die Erfahrung der Selbstkonstituierung teilen. Entfernt heißt entfernt vom Gesprächsort; vor langer Zeit heißt lange vor dem Zeitpunkt des Gesprächs. Das Erlernen von entfernt, vor langer (kurzer) Zeit resultiert bereits aus lebenspraktischen Umständen, die zu einem höheren Entwicklungsstadium führten. Heute sind solche Unterschiede für uns selbstverständlich, und wir sind überrascht, wenn Kinder um genauere Angaben bitten oder ein Computerprogramm nicht funktioniert, weil die Eingaben keinen ausreichenden Distinktionsgrad aufweisen.

Die Kategorisierung von Zeit und Raum entspricht einem relativ späten Entwicklungsstadium. Sie ergab sich aus einer Skala mit linearen Beziehungen, als Ergebnis wiederholter entsprechender Erfahrungen von Abfolgen, die sich zu Erfahrungsmustern verfestigten. Als dieser Referenzmechanismus für Raum und Zeit allgemein verbreitet und in neue Erfahrungen integriert war, versetzte er den Menschen in die Lage, die Sprache zu vereinfachen und über das tatsächlich Gesagte hinaus Annahmen und Vermutungen zu ergänzen. Heute ist unsere Erfahrung von Raum und Zeit durch Relativität gekennzeichnet. Entsprechend bedeutet der Rückgriff auf Mündlichkeit jenseits der Schriftkultur nicht die Rückkehr zur primitiven Mündlichkeit, sondern die Erstellung einer Referenzstruktur, die die Dynamik der heute möglichen Beziehungen besser verarbeitet. Raum und Zeit in virtuellen Erfahrungen sind Beispiele dafür, daß wir uns von der Sprache befreit haben, nicht aber von den Erfahrungen, durch die wir unser Zeit- und Raumverständnis erworben haben.

Annahmen

Annahmen sind eine wichtige Komponente für das Funktionieren von Zeichensystemen. Ein zurückgebliebener Abdruck kann Sinn ergeben, wenn er bemerkt wird. Die Annahme, daß etwas erkannt oder bemerkt wird, ist die minimale Voraussetzung dafür, daß etwas als Ausdruck gilt. Die mit dem Schreiben verbundenen Annahmen sind andere als die der Mündlichkeit. Sie umfassen strukturale Merkmale der praktischen Erfahrungen, innerhalb derer die schreibenden Menschen ihre Identität setzen. Schriftkulturelle Annahmen sind im Gegensatz zu anderen der Sprachlichkeit eigenen Annahmen Erweiterungen der linearen, sequentiellen Erfahrung mit all ihren konstitutiven Teilen. Sie schlagen sich im Vokabular nieder, besonders aber in der Grammatik. Die neue Mündlichkeit hingegen ist eine Erfahrung jenseits des Bereichs, der durch die Mittel und Methoden der Schriftkultur bestimmt ist. Diese neue Kultur stellt die Notwendigkeit und Berechtigung der schriftkulturellen Annahmen in Frage, und zwar besonders mit Blick darauf, wie sie sich auf die Effizienz des Menschen auswirken.

