# Iphigenie auf Tauris

## Part 5

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Thoas. Und hübe deine Rede jeden Zweifel Und bändigt' ich den Zorn in meiner Brust: So würden doch die Waffen zwischen uns Entscheiden müssen; Frieden seh' ich nicht. Sie sind gekommen, du bekennest selbst, Das heil'ge Bild der Göttin mir zu rauben. Glaubt ihr, ich sehe dies gelassen an? Der Grieche wendet oft sein lüstern Auge Den fernen Schätzen der Barbaren zu, Dem goldnen Felle, Pferden, schönen Töchtern; Doch führte sie Gewalt und List nicht immer Mit den erlangten Gütern glücklich heim.

Orest. Das Bild, o König, soll uns nicht entzweien! Jetzt kennen wir den Irrthum, den ein Gott Wie einen Schleier um das Haupt uns legte, Da er den Weg hierher uns wandern hieß. Um Rath und um Befreiung bat ich ihn Von dem Geleit der Furien; er sprach: "Bringst du die Schwester, die an Tauris Ufer Im Heiligthume wider Willen bleibt, Nach Griechenland, so löset sich der Fluch." Wir legten's von Apollens Schwester aus, Und er gedachte dich! Die strengen Bande Sind nun gelös't; du bist den Deinen wieder, Du Heilige, geschenkt. Von dir berührt, War ich geheilt; in deinen Armen faßte Das Übel mich mit allen seinen Klauen Zum letztenmal und schüttelte das Mark Entsetzlich mir zusammen; dann entfloh's Wie eine Schlange zu der Höhle. Neu Genieß ich nun durch dich das weite Licht Des Tages. Schön und herrlich zeigt sich mir Der Göttin Rath. Gleich einem heil'gen Bilde, Daran der Stadt unwandelbar Geschick Durch ein geheimes Götterwort gebannt ist, Nahm sie dich weg, dich Schützerin des Hauses; Bewahrte dich in einer heil'gen Stille Zum Segen deines Bruders und der Deinen. Da alle Rettung auf der weiten Erde Verloren schien, gibst du uns alles wieder. Laß deine Seele sich zum Frieden wenden, O König! Hindre nicht, daß sie die Weihe Des väterlichen Hauses nun vollbringe, Mich der entsühnten Halle wiedergebe, Mir auf das Haupt die alte Krone drücke! Vergilt den Segen, den sie dir gebracht, Und laß des nähern Rechtes mich genießen! Gewalt und List, der Männer höchster Ruhm, Wird durch die Wahrheit dieser hohen Seele Beschämt, und reines kindliches Vertrauen Zu einem edeln Manne wird belohnt.

Iphigenie. Denk' an dein Wort, und laß durch diese Rede Aus einem g'raden, treuen Munde dich Bewegen! Sieh uns an! Du hast nicht oft Zu solcher edeln That Gelegenheit. Versagen kannst du's nicht; gewähr' es bald!

Thoas. So geht!

Iphigenie. Nicht so, mein König! Ohne Segen, In Widerwillen scheid' ich nicht von dir. Verbann' uns nicht! Ein freundlich Gastrecht walte Von dir zu uns: so sind wir nicht auf ewig Getrennt und abgeschieden. Werth und theuer, Wie mir mein Vater war, so bist du's mir, Und dieser Eindruck bleibt in meiner Seele. Bringt der Geringste deines Volkes je Den Ton der Stimme mir in's Ohr zurück, Den ich an euch gewohnt zu hören bin, Und seh' ich an dem Ärmsten eure Tracht: Empfangen will ich ihn wie einen Gott, Ich will ihm selbst ein Lager zubereiten, Auf einen Stuhl ihn an das Feuer laden, Und nur nach dir und deinem Schicksal fragen. O geben dir die Götter deiner Thaten Und deiner Milde wohlverdienten Lohn! Leb' wohl! O wende dich zu uns und gib Ein holdes Wort des Abschieds mir zurück! Dann schwellt der Wind die Segel sanfter an, Und Thränen fließen lindernder vom Auge Des Scheidenden. Leb' wohl! und reiche mir Zum Pfand der alten Freundschaft deine Rechte.

Thoas. Lebt wohl!

End of Project Gutenberg's Iphigenie auf Tauris, by Johann Wolfgang von Goethe

