# Hermann und Dorothea

## Part 5

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Da versetzte das Mädchen mit ernsten Blicken und sagte: "Freunde, dieses ist wohl das letztemal, daß ich den Krug Euch Führe zum Munde, daß ich die Lippen mit Wasser Euch netze: Aber wenn Euch fortan am heißen Tage der Trunk labt, Wenn Ihr im Schatten der Ruh' und der reinen Quellen genießet, Dann gedenket auch mein und meines freundlichen Dienstes, Den ich aus Liebe mehr als aus Verwandtschaft geleistet. Was Ihr mir Gutes erzeigt, erkenn ich durchs künftige Leben. Ungern laß ich Euch zwar; doch jeder ist diesmal dem andern Mehr zur Last als zum Trost, und alle müssen wir endlich Uns im fremden Lande zerstreun, wenn die Rückkehr versagt ist. Seht, hier steht der Jüngling, dem wir die Gaben verdanken, Diese Hülle des Kinds und jene willkommene Speise. Dieser kommt und wirbt, in seinem Haus mich zu sehen, Daß ich diene daselbst den reichen trefflichen Eltern; Und ich schlag es nicht ab; denn überall dienet das Mädchen, Und ihr wäre zur Last, bedient im Hause zu ruhen. Also folg ich ihm gern; er scheint ein verständiger Jüngling, Und so werden die Eltern es sein, wie Reichen geziemet. Darum lebet nun wohl, geliebte Freundin, und freuet Euch des lebendigen Säuglings, der schon so gesund Euch anblickt. Drücket Ihr ihn an die Brust in diesen farbigen Wickeln, Oh, so gedenket des Jünglings, des guten, der sie uns reichte, Und der künftig auch mich, die Eure, nähret und kleidet! Und Ihr, trefflicher Mann", so sprach sie, gewendet zum Richter, "Habet Dank, daß Ihr Vater mir wart in mancherlei Fällen!"

Und sie kniete darauf zur guten Wöchnerin nieder, Küßte die weinende Frau und vernahm des Segens Gelispel. Aber du sagtest indes, ehrwürdiger Richter, zu Hermann: "Billig seid Ihr, o Freund, zu den guten Wirten zu zählen, Die mit tüchtigen Menschen den Haushalt zu führen bedacht sind. Denn ich habe wohl oft gesehn, daß man Rinder und Pferde, So wie Schafe, genau bei Tausch und Handel betrachtet; Aber den Menschen, der alles erhält, wenn er tüchtig und gut ist, Und der alles zerstreut und zerstört durch falsches Beginnen, Diesen nimmt man nur so auf Glück und Zufall ins Haus ein Und bereuet zu spät ein übereiltes Entschließen. Aber es scheint, Ihr versteht's; denn Ihr habt ein Mädchen erwählet, Euch zu dienen im Haus und Euren Eltern, das brav ist. Haltet sie wohl! Ihr werdet, solang sie der Wirtschaft sich annimmt, Nicht die Schwester vermissen, noch Eure Eltern die Tochter."

Viele kamen indes, der Wöchnerin nahe Verwandte, Manches bringend und ihr die bessere Wohnung verkündend. Alle vernahmen des Mädchens Entschluß und segneten Hermann Mit bedeutenden Blicken und mit besondern Gedanken. Denn so sagte wohl eine zur andern flüchtig ans Ohr hin: "Wenn aus dem Herrn ein Bräutigam wird, so ist sie geborgen." Hermann faßte darauf sie bei der Hand an und sagte: "Laß uns gehen! es neigt sich der Tag, und fern ist das Städtchen." Lebhaft gesprächig umarmten darauf Dorotheen die Weiber. Hermann zog sie hinweg; noch viele Grüße befahl sie. Aber da fielen die Kinder mit Schrein und entsetzlichem Weinen Ihr in die Kleider und wollten die zweite Mutter nicht lassen. Aber ein' und die andre der Weiber sagte gebietend: "Stille, Kinder! sie geht in die Stadt, und bringt euch des guten Zuckerbrotes genug, das euch der Bruder bestellte, Als der Storch ihn jüngst beim Zuckerbäcker vorbeitrug, Und ihr sehet sie bald mit den schön vergoldeten Deuten." Und so ließen die Kinder sie los, und Hermann entriß sie Noch den Umarmungen kaum und den ferne winkenden Tüchern.

Melpomene

Hermann und Dorothea

Also gingen die zwei entgegen der sinkenden Sonne, Die in Wolken sich tief, gewitterdrohend, verhüllte, Aus dem Schleier, bald hier bald dort, mit glühenden Blicken Strahlend über das Feld die ahnungsvolle Beleuchtung. "Möge das drohende Wetter", so sagte Hermann, "nicht etwa Schloßen uns bringen und heftigen Guß; denn schön ist die Ernte." Und sie freuten sich beide des hohen, wankenden Kornes, Das die Durchschreitenden fast, die hohen Gestalten, erreichte. Und es sagte darauf das Mädchen zum leitenden Freunde: "Guter, dem ich zunächst ein freundlich Schicksal verdanke, Dach und Fach, wenn im Freien so manchem Vertriebnen der Sturm dräut! Saget mir jetzt vor allem und lehret die Eltern mich kennen, Denen ich künftig zu dienen von ganzer Seele geneigt bin; Denn kennt jemand den Herrn, so kann er ihm leichter genug tun, Wenn er die Dinge bedenkt, die jenem die wichtigsten scheinen, Und auf die er den Sinn, den fest bestimmten, gesetzt hat. Darum saget mir doch: wie gewinn ich Vater und Mutter?"

Und es versetzte dagegen der gute, verständige Jüngling: "Oh, wie geb ich dir recht, du kluges, treffliches Mädchen, Daß du zuvörderst dich nach dem Sinne der Eltern befragest! Denn so strebt' ich bisher vergebens, dem Vater zu dienen, Wenn ich der Wirtschaft mich als wie der meinigen annahm, Früh den Acker und spät und so besorgend den Weinberg. Meine Mutter befriedigt' ich wohl, sie wußt' es zu schätzen; Und so wirst du ihr auch das trefflichste Mädchen erscheinen, Wenn du das Haus besorgst, als wenn du das deine bedächtest. Aber dem Vater nicht so; denn dieser liebet den Schein auch. Gutes Mädchen, halte mich nicht für kalt und gefühllos, Wenn ich den Vater dir sogleich, der Fremden, enthülle. Ja, ich schwör es, das erstemal ist's, daß frei mir ein solches Wort die Zunge verläßt, die nicht zu schwatzen gewohnt ist; Aber du lockst mir hervor aus der Brust ein jedes Vertrauen. Einige Zierde verlangt der gute Vater im Leben, Wünschet äußere Zeichen der Liebe, so wie der Verehrung, Und er würde vielleicht vom schlechteren Diener befriedigt, Der dies wüßte zu nutzen, und würde dem besseren gram sein."

Freudig sagte sie drauf, zugleich die schnelleren Schritte Durch den dunkelnden Pfad verdoppelnd mit leichter Bewegung: "Beide zusammen hoff ich fürwahr zufriedenzustellen; Denn der Mutter Sinn ist wie mein eigenes Wesen, Und der äußeren Zierde bin ich von Jugend nicht fremde. Unsere Nachbarn, die Franken, in ihren früheren Zeiten Hielten auf Höflichkeit viel; sie war dem Edlen und Bürger Wie den Bauern gemein, und jeder empfahl sie den Seinen. Und so brachten bei uns auf deutscher Seite gewöhnlich Auch die Kinder des Morgens mit Händeküssen und Knickschen Segenswünsche den Eltern und hielten sittlich den Tag aus. Alles, was ich gelernt und was ich von jung auf gewohnt bin, Was von Herzen mir geht -- ich will es dem Alten erzeigen. Aber wer sagt mir nunmehr: wie soll ich dir selber begegnen, Dir, dem einzigen Sohn und künftig meinem Gebieter?"

Also sprach sie, und eben gelangten sie unter den Birnbaum. Herrlich glänzte der Mond, der volle, vom Himmel herunter; Nacht war's, völlig bedeckt das letzte Schimmern der Sonne. Und so lagen vor ihnen in Massen gegeneinander Lichter, hell wie der Tag, und Schatten dunkeler Nächte. Und es hörte die Frage, die freundliche, gern in dem Schatten Hermann, des herrlichen Baums, am Orte, der ihm so lieb war, Der noch heute die Tränen um seine Vertriebne gesehen. Und indem sie sich nieder ein wenig zu ruhen gesetzet, Sagte der liebende Jüngling, die Hand des Mädchens ergreifend: "Laß dein Herz dir es sagen, und folg ihm frei nur in allem!" Aber er wagte kein weiteres Wort, so sehr auch die Stunde Günstig war; er fürchtete, nur ein Nein zu ereilen, Ach, und er fühlte den Ring am Finger, das schmerzliche Zeichen. Also saßen sie still und schweigend nebeneinander. Aber das Mädchen begann und sagte: "Wie find ich des Mondes Herrlichen Schein so süß! er ist der Klarheit des Tags gleich. Seh ich doch dort in der Stadt die Häuser deutlich und Höfe, An dem Giebel ein Fenster; mich deucht, ich zähle die Scheiben."

"Was du siehst", versetzte darauf der gehaltene Jüngling, "Das ist unsere Wohnung, in die ich nieder dich führe, Und dies Fenster dort ist meines Zimmers im Dache, Das vielleicht das deine nun wird; wir verändern im Hause. Diese Felder sind unser, sie reifen zur morgenden Ernte. Hier im Schatten wollen wir ruhn und des Mahles genießen. Aber laß uns nunmehr hinab durch Weinberg und Garten Steigen; denn sieh, es rückt das schwere Gewitter herüber, Wetterleuchtend und bald verschlingend den lieblichen Vollmond." Und so standen sie auf und wandelten nieder, das Feld hin, Durch das mächtige Korn, der nächtlichen Klarheit sich freuend; Und sie waren zum Weinberg gelangt und traten ins Dunkel.

Und so leitet' er sie die vielen Platten hinunter, Die, unbehauen gelegt, als Stufen dienten im Laubgang. Langsam schritt sie hinab, auf seinen Schultern die Hände; Und mit schwankenden Lichtern, durchs Laub, überblickte der Mond sie, Eh' er, von Wetterwolken umhüllt, im Dunkeln das Paar ließ. Sorglich stützte der Starke das Mädchen, das über ihn herhing; Aber sie, unkundig des Steigs und der roheren Stufen, Fehlte tretend, es knackte der Fuß, sie drohte zu fallen. Eilig streckte gewandt der sinnige Jüngling den Arm aus, Hielt empor die Geliebte; sie sank ihm leis auf die Schulter, Brust war gesenkt an Brust und Wang' an Wange. So stand er, Starr wie ein Marmorbild, vom ernsten Willen gebändigt, Drückte nicht fester sie an, er stemmte sich gegen die Schwere. Und so fühlt' er die herrliche Last, die Wärme des Herzens Und den Balsam des Atems, an seinen Lippen verhauchet, Trug mit Mannesgefühl die Heldengröße des Weibes.

Doch sie verhehlte den Schmerz und sagte die scherzenden Worte: "Das bedeutet Verdruß, so sagen bedenkliche Leute Wenn beim Eintritt ins Haus, nicht fern von der Schwelle, der Fuß knackt. Hätt' ich mir doch fürwahr ein besseres Zeichen gewünschet! Laß uns ein wenig verweilen, damit dich die Eltern nicht tadeln Wegen der hinkenden Magd, und ein schlechter Wirt du erscheinest."

Urania

Aussicht

Musen, die ihr so gern die herzliche Liebe begünstigt, Auf dem Wege bisher den trefflichen Jüngling geleitet, An die Brust ihm das Mädchen noch vor der Verlobung gedrückt habt: Helfet auch ferner den Bund des lieblichen Paares vollenden, Teilet die Wolken sogleich, die über ihr Glück sich heraufziehn! Aber saget vor allem, was jetzt im Hause geschiehet!

Ungeduldig betrat die Mutter zum drittenmal wieder Schon das Zimmer der Männer, das sorglich erst sie verlassen, Sprechend vom nahen Gewitter, vom schnellen Verdunkeln des Mondes; Dann vom Außenbleiben des Sohns und der Nächte Gefahren; Tadelte lebhaft die Freunde, daß, ohne das Mädchen zu sprechen, Ohne zu werben für ihn, sie so bald sich vom Jüngling getrennet.

"Mache nicht schlimmer das Übel!" versetzt' unmutig der Vater; "Denn du siehst, wir harren ja selbst, und warten des Ausgangs."

Aber gelassen begann der Nachbar sitzend zu sprechen: "Immer verdank ich es doch in solch unruhiger Stunde Meinem seligen Vater, der mir, als Knaben, die Wurzel Aller Ungeduld ausriß, daß auch kein Fäschen zurückblieb Und ich erwarten lernte sogleich, wie keiner der Weisen." "Sagt", versetzte der Pfarrer, "welch Kunststück brauchte der Alte?" "Das erzähl ich Euch gern, denn jeder kann es sich merken", Sagte der Nachbar darauf. "Als Knabe stand ich am Sonntag Ungeduldig einmal, die Kutsche begierig erwartend, Die uns sollte hinaus zum Brunnen führen der Linden. Doch sie kam nicht; ich lief wie ein Wiesel dahin und dorthin, Treppen hinauf und hinab und von dem Fenster zur Türe. Meine Hände prickelten mir; ich kratzte die Tische, Trappelte stampfend herum, und nahe war mir das Weinen. Alles sah der gelassene Mann; doch als ich es endlich Gar zu töricht betrieb, ergriff er mich ruhig beim Arme, Führte zum Fenster mich hin und sprach die bedenklichen Worte: 'Siehst du des Tischlers da drüben für heute geschlossene Werkstatt? Morgen eröffnet er sie; da rühret sich Hobel und Säge, Und so geht es von frühe bis Abend die fleißigen Stunden. Aber bedenke dir dies: der Morgen wird künftig erscheinen, Da der Meister sich regt mit allen seinen Gesellen Dir den Sarg zu bereiten und schnell und geschickt zu vollenden; Und sie tragen das bretterne Haus geschäftig herüber, Das den Geduld'gen zuletzt und den Ungeduldigen aufnimmt, Und gar bald ein drückendes Dach zu tragen bestimmt ist.' Alles sah ich sogleich im Geiste wirklich geschehen, Sah die Bretter gefügt und die schwarze Farbe bereitet, Saß geduldig nunmehr und harrete ruhig der Kutsche. Rennen andere nun in zweifelhafter Erwartung Ungebärdig herum, da muß ich des Sarges gedenken."

Lächelnd sagte der Pfarrer: "Des Todes rührendes Bild steht Nicht als Schrecken dem Weisen und nicht als Ende dem Frommen. Jenen drängt es ins Leben zurück und lehret ihn handeln; Diesem stärkt es, zu künftigem Heil, im Trübsal die Hoffnung; Beiden wird zum Leben der Tod. Der Vater mit Unrecht Hat dem empfindlichen Knaben den Tod im Tode gewiesen. Zeige man doch dem Jüngling des edel reifenden Alters Wert und dem Alter die Jugend, daß beide des ewigen Kreises Sich erfreuen und so sich Leben im Leben vollende!"

Aber die Tür ging auf. Es zeigte das herrliche Paar sich, Und es erstaunten die Freunde, die liebenden Eltern erstaunten Über die Bildung der Braut, des Bräutigams Bildung vergleichbar; Ja, es schien die Türe zu klein, die hohen Gestalten Einzulassen, die nun zusammen betraten die Schwelle. Hermann stellte den Eltern sie vor mit fliegenden Worten. "Hier ist", sagt' er, "ein Mädchen, so wie Ihr im Hause sie wünschet. Lieber Vater, empfanget sie gut; sie verdient es. Und liebe Mutter, befragt sie sogleich nach dem ganzen Umfang der Wirtschaft, Daß Ihr seht, wie sehr sie verdient, Euch näher zu werden." Eilig führt' er darauf den trefflichen Pfarrer beiseite, Sagte: "Würdiger Herr, nun helft mir aus dieser Besorgnis Schnell, und löset den Knoten, vor dessen Entwicklung ich schaudre. Denn ich habe das Mädchen als meine Braut nicht geworben, Sondern sie glaubt, als Magd in das Haus zu gehn, und ich fürchte, Daß unwillig sie flieht, sobald wir gedenken der Heirat. Aber entschieden sei es sogleich! Nicht länger im Irrtum Soll sie bleiben, wie ich nicht länger den Zweifel ertrage. Eilet und zeiget auch hier die Weisheit, die wir verehren!" Und es wendete sich der Geistliche gleich zur Gesellschaft. Aber leider getrübt war durch die Rede des Vaters Schon die Seele des Mädchens; er hatte die munteren Worte Mit behaglicher Art im guten Sinne gesprochen: "Ja, das gefällt mir, mein Kind! Mit Freuden erfahr' ich, der Sohn hat Auch wie der Vater Geschmack, der seinerzeit es gewiesen. Immer die Schönste zum Tanze geführt und endlich die Schönste In sein Haus als Frau sich geholt; das Mütterchen war es. Denn an der Braut, die der Mann sich erwählt, läßt gleich sich erkennen, Welches Geistes er ist, und ob er sich eigenen Wert fühlt. Aber Ihr brauchtet wohl auch nur wenig Zeit zur Entschließung? Denn mich dünket fürwahr, ihm ist so schwer nicht zu folgen."

Hermann hörte die Worte nur flüchtig; ihm bebten die Glieder Innen, und stille war der ganze Kreis nun auf einmal.

Aber das treffliche Mädchen, von solchen spöttischen Worten, Wie sie ihr schienen, verletzt und tief in der Seele getroffen, Stand, mit fliegender Röte die Wange bis gegen den Nacken Übergossen; doch hielt sie sich an und nahm sich zusammen, Sprach zu dem Alten darauf, nicht völlig die Schmerzen verbergend: "Traun! zu solchem Empfang hat mich der Sohn nicht bereitet, Der mir des Vaters Art geschildert, des trefflichen Bürgers; Und ich weiß, ich stehe vor Euch, dem gebildeten Manne, Der sich klug mit jedem beträgt und gemäß den Personen. Aber so scheint es, Ihr fühlt nicht Mitleid genug mit der Armen, Die nun die Schwelle betritt und die Euch zu dienen bereit ist; Denn sonst würdet Ihr nicht mit bitterem Spotte mir zeigen, Wie entfernt mein Geschick von Eurem Sohn und von Euch sei. Freilich tret ich nur arm, mit kleinem Bündel ins Haus ein, Das mit allem versehn die frohen Bewohner gewiß macht; Aber ich kenne mich wohl und fühle das ganze Verhältnis. Ist es edel, mich gleich mit solchem Spotte zu treffen, Der auf der Schwelle beinah mich schon aus dem Hause zurücktreibt?"

Bang bewegte sich Hermann und winkte dem geistlichen Freunde, Daß er ins Mittel sich schlüge, sogleich zu verscheuchen den Irrtum. Eilig trat der Kluge heran und schaute des Mädchens Stillen Verdruß und gehaltenen Schmerz und Tränen im Auge. Da befahl ihm sein Geist, nicht gleich die Verwirrung zu lösen, Sondern vielmehr das bewegte Gemüt zu prüfen des Mädchens. Und er sagte darauf zu ihr mit versuchenden Worten: "Sicher, du überlegtest nicht wohl, o Mädchen des Auslands, Wenn du bei Fremden zu dienen dich allzu eilig entschlossest, Was es heiße, das Haus des gebietenden Herrn zu betreten; Denn der Handschlag bestimmt das ganze Schicksal des Jahres, Und gar vieles zu dulden verbindet ein einziges Jawort. Sind doch nicht das Schwerste des Diensts die ermüdenden Wege, Nicht der bittere Schweiß der ewig drängenden Arbeit; Denn mit dem Knechte zugleich bemüht sich der tätige Freie: Aber zu dulden die Laune des Herrn, wenn er ungerecht tadelt, Oder dieses und jenes begehrt, mit sich selber in Zwiespalt, Und die Heftigkeit noch der Frauen, die leicht sich erzürnet, Mit der Kinder roher und übermütiger Unart: Das ist schwer zu ertragen, und doch die Pflicht zu erfüllen Ungesäumt und rasch, und selbst nicht mürrisch zu stocken. Doch du scheinst mir dazu nicht geschickt, da die Scherze des Vaters Schon dich treffen so tief, und doch nichts gewöhnlicher vorkommt, Als ein Mädchen zu plagen, daß wohl ihr ein Jüngling gefalle."

Also sprach er. Es fühlte die treffende Rede das Mädchen, Und sie hielt sich nicht mehr; es zeigten sich ihre Gefühle Mächtig, es hob sich die Brust, aus der ein Seufzer hervordrang, Und sie sagte sogleich mit heiß vergossenen Tränen: "Oh, nie weiß der verständige Mann, der im Schmerz uns zu raten Denkt, wie wenig sein Wort, das kalte, die Brust zu befreien Je von dem Leiden vermag, das ein hohes Schicksal uns auflegt. Ihr seid glücklich und froh, wie sollt' ein Scherz Euch verwunden? Doch der Krankende fühlt auch schmerzlich die leise Berührung. Nein, es hülfe mir nichts, wenn selbst mir Verstellung gelänge. Zeige sich gleich, was später nur tiefere Schmerzen vermehrte Und mich drängte vielleicht in stillverzehrendes Elend. Laßt mich wieder hinweg! Ich darf im Hause nicht bleiben; Ich will fort und gehe, die armen Meinen zu suchen, Die ich im Unglück verließ, für mich nur das Bessere wählend. Dies ist mein fester Entschluß; und ich darf Euch darum nun bekennen, Was im Herzen sich sonst wohl Jahre hätte verborgen. Ja, des Vaters Spott hat tief mich getroffen: nicht, weil ich Stolz und empfindlich bin, wie es wohl der Magd nicht geziemet, Sondern weil mir fürwahr im Herzen die Neigung sich regte Gegen den Jüngling, der heute mir als ein Erretter erschienen. Denn als er erst auf der Straße mich ließ, so war er mir immer In Gedanken geblieben; ich dachte des glücklichen Mädchens, Das er vielleicht schon als Braut im Herzen möchte bewahren. Und als ich wieder am Brunnen ihn fand, da freut' ich mich seines Anblicks so sehr, als wär' mir der Himmlischen einer erschienen. Und ich folgt' ihm so gern, als nun er zur Magd mich geworben. Doch mir schmeichelte freilich das Herz (ich will es gestehen) Auf dem Wege hierher, als könnt' ich vielleicht ihn verdienen, Wenn ich würde des Hauses dereinst unentbehrliche Stütze. Aber, ach! nun seh ich zuerst die Gefahren, in die ich Mich begab, so nah dem still Geliebten zu wohnen. Nun erst fühl ich, wie weit ein armes Mädchen entfernt ist Von dem reicheren Jüngling, und wenn sie die Tüchtigste wäre. Alles das hab ich gesagt, damit ihr das Herz nicht verkennet, Das ein Zufall beleidigt, dem ich die Besinnung verdanke. Denn das mußt' ich erwarten, die stillen Wünsche verbergend, Daß er sich brächte zunächst die Braut zum Hause geführet; Und wie hätt' ich alsdann die heimlichen Schmerzen ertragen? Glücklich bin ich gewarnt, und glücklich löst das Geheimnis Von dem Busen sich los, jetzt, da noch das Übel ist heilbar. Aber das sei nun gesagt! Und nun soll im Hause mich länger Hier nichts halten, wo ich beschämt und ängstlich nur stehe, Frei die Neigung bekennend und jene törichte Hoffnung. Nicht die Nacht, die breit sich bedeckt mit sinkenden Wolken, Nicht der rollende Donner (ich hör ihn) soll mich verhindern, Nicht des Regens Guß, der draußen gewaltsam herabschlägt, Noch der sausende Sturm. Das hab ich alles ertragen Auf der traurigen Flucht und nah am verfolgenden Feinde. Und ich gehe nun wieder hinaus, wie ich lange gewohnt bin, Von dem Strudel der Zeit ergriffen, von allem zu scheiden. Lebet wohl! ich bleibe nicht länger; es ist nun geschehen."

Also sprach sie, sich rasch zurück nach der Türe bewegend, Unter dem Arm das Bündelchen noch, das sie brachte, bewahrend. Aber die Mutter ergriff mit beiden Armen das Mädchen, Um den Leib sie fassend, und rief verwundert und staunend: "Sag, was bedeutet mir dies? und diese vergeblichen Tränen? Nein, ich lasse dich nicht; du bist mir des Sohnes Verlobte." Aber der Vater stand mit Widerwillen dagegen, Auf die Weinende schauend, und sprach die verdrießlichen Worte: "Also das ist mir zuletzt für die höchste Nachsicht geworden, Daß mir das Unangenehmste geschieht noch zum Schlusse des Tages! Denn mir ist unleidlicher nichts, als Tränen der Weiber, Leidenschaftlich Geschrei, das heftig verworren beginnet, Was mit ein wenig Vernunft sich ließe gemächlicher schlichten. Mir ist lästig, noch länger dies wunderliche Beginnen Anzuschauen. Vollendet es selbst! ich gehe zu Bette." Und er wandte sich schnell und eilte zur Kammer zu gehen, Wo ihm das Ehbett stand und wo er zu ruhen gewohnt war. Aber ihn hielt der Sohn und sagte die flehenden Worte: "Vater, eilet nur nicht und zürnt nicht über das Mädchen! Ich nur habe die Schuld von aller Verwirrung zu tragen, Die unerwartet der Freund noch durch Verstellung vermehrt hat. Redet, würdiger Herr! denn Euch vertraut' ich die Sache. Häufet nicht Angst und Verdruß; vollendet lieber das Ganze! Denn ich möchte so hoch Euch nicht in Zukunft verehren, Wenn Ihr Schadenfreude nur übt statt herrlicher Weisheit."

Lächelnd versetzte darauf der würdige Pfarrer und sagte: "Welche Klugheit hätte denn wohl das schöne Bekenntnis Dieser Guten entlockt und uns enthüllt ihr Gemüte? Ist nicht die Sorge sogleich dir zur Wonn' und Freude geworden? Rede darum nur selbst! was bedarf es fremder Erklärung?" Nun trat Hermann hervor und sprach die freundlichen Worte: "Laß dich die Tränen nicht reun, noch diese flüchtigen Schmerzen; Denn sie vollenden mein Glück und, wie ich wünsche, das deine. Nicht das treffliche Mädchen als Magd, die Fremde, zu dingen, Kam ich zum Brunnen; ich kam, um deine Liebe zu werben. Aber, ach! mein schüchterner Blick, er konnte die Neigung Deines Herzens nicht sehn; nur Freundlichkeit sah er im Auge, Als aus dem Spiegel du ihn des ruhigen Brunnens begrüßtest. Dich ins Haus nur zu führen, es war schon die Hälfte des Glückes. Aber nun vollendest du mir's! Oh, sei mir gesegnet!" Und es schaute das Mädchen mit tiefer Rührung zum Jüngling Und vermied nicht Umarmung und Kuß, den Gipfel der Freude, Wenn sie den Liebenden sind die lang ersehnte Versichrung Künftigen Glücks im Leben, das nun ein unendliches scheinet.

Und den übrigen hatte der Pfarrherr alles erkläret. Aber das Mädchen kam, vor dem Vater sich herzlich mit Anmut Neigend und so ihm die Hand, die zurückgezogene, küssend, Sprach: "Ihr werdet gerecht der Überraschten verzeihen, Erst die Tränen des Schmerzes und nun die Tränen der Freude. Oh, vergebt mir jenes Gefühl! vergebt mir auch dieses Und laßt nur mich ins Glück, das neu mir gegönnte, mich finden! Ja, der erste Verdruß, an dem ich Verworrene schuld war, Sei der letzte zugleich! Wozu die Magd sich verpflichtet, Treu, zu liebendem Dienst, den soll die Tochter Euch leisten!"

Und der Vater umarmte sie gleich, die Tränen verbergend. Traulich kam die Mutter herbei und küßte sie herzlich, Schüttelte Hand in Hand; es schwiegen die weinenden Frauen.

