# Helden

## Part 6

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Nicola [nimmt sein Holz auf und geht zum Ofen]: Pah, wart' es nur erst ab, du wirst schon sehen! Wir werden unsere Abende für uns haben, und ich werde der Herr in MEINEM Hause sein,--das verspreche ich dir! [Er wirft das Holz hinunter und kniet vor dem Ofen.]

Louka: Du wirst nie der Herr in meinem Hause sein. [Sie setzt sich stolz auf Sergius' Stuhl.]

Nicola [wendet sich um, immer auf den Knien, und kauert sich etwas trostlos auf seine Fersen nieder, entmutigt von Loukas unerbittlicher Mißachtung.] Du bist sehr ehrgeizig, Louka; wenn dir irgendein unverhofftes Glück widerfahren sollte, dann vergiß nicht: ich war es, der eine Frau aus dir gemacht hat.

Louka: Du?

Nicola [mit hartnäckiger Selbstverteidigung]: Jawohl, ich. Wer hat dir abgewöhnt, deinen Kopf mit falschen schwarzen Haaren zu behängen und deine Lippen und Wangen rot zu schminken wie alle andern bulgarischen Mädchen? Ich war das. Wer lehrte dich deine Nägel putzen und deine Hände pflegen und dich fein und sauber halten wie eine große russische Dame? Ich! Verstehst du mich? Ich! [Sie wirft den Kopf verachtungsvoll in die Höhe und er erhebt sich übellaunig und fügt kühler hinzu:] Ich habe mir oft gedacht, wenn Raina nicht im Wege stünde und du bloß ein klein wenig klüger wärest und Sergius bloß ein klein wenig dümmer, du könntest einmal zu meinen größten Kunden zählen, statt daß du nur meine Frau wirst und mich Geld kostest.

Louka: Ich glaube, du würdest lieber mein Diener sein als mein Mann! Du könntest dann auch mehr aus mir herausschlagen,--ich kenne deine schöne Seele.

Nicola [tritt nahe an sie heran, um mit größerem Nachdruck zu sprechen]: Laß meine Seele aus dem Spiel, ein für allemal, aber höre auf meine Ratschläge! Wenn du eine Dame werden willst, dann ist dein augenblickliches Benehmen zu mir durchaus nicht angebracht, ausgenommen, wenn wir allein sind; es ist zu scharf und zu frech, und Frechheit verrät gewissermaßen eine Vertraulichkeit, die als Gunstbezeichnung ausgelegt werden könnte! Dann werde ich dich auch sehr bitten, nicht hochnäsig und von oben herab mit mir zu verkehren! Du bist darin wie alle Landgänschen. Du glaubst, es ist vornehm, einen Diener so zu behandeln, wie ich einen Stalljungen behandele; daran ist aber nur deine Unbildung schuld; vergiß das nicht und sei nur nicht immer gar so bereit, jedem Menschen Trotz zu bieten! Benimm dich, als ob du erwartetest deinen eigenen Willen durchzusetzen, und nicht, als ob du gewohnt wärst, daß mit dir herumkommandiert wird. Der Weg, sich als Dame oder als Diener vorwärts zu bringen, ist ganz der gleiche. Man muß wissen, was sich gehört, das ist das ganze Geheimnis. Und auf mich kannst du dich verlassen: ich weiß, was sich für mich gehört, wenn du aufrückst. Denke an mich, mein Schatz, ich will auch zu dir halten! Ein Diener sollte dem andern immer behilflich sein.

Louka [erhebt sich ungeduldig]: Oh, ich muß mich auf meine eigene Art benehmen, du nimmst mir mit deiner kaltblütigen Weisheit nur alle Unbefangenheit. Geh, wirf das Holz ins Feuer, das ist eine Sache, die du verstehst. [Bevor Nicola etwas erwidern kann, tritt Sergius ein; er hält inne, als er Louka erblickt, dann geht er an den Ofen.]

Sergius [zu Nicola]: Ich hoffe, ich bin dir nicht im Weg bei deiner Arbeit.

Nicola [glatt, den alten Diener spielend]: O nein, ich danke sehr; ich habe nur mit diesem närrischen Ding über ihre Gepflogenheit gesprochen, bei jedem Anlaß in die Bibliothek zu laufen, um die Bücher anzusehen. Es ist ein Fehler ihrer Erziehung, Herr Major; sie gab ihr Gewohnheiten, die über ihrem Stande sind. [Zu Louka.] Mache den Tisch für den Herrn Major zurecht, Louka. [Er geht gesetzt hinaus; Louka beginnt, ohne Sergius anzublicken, die Papiere auf dem Tisch zu ordnen; er kommt langsam auf sie zu und studiert aufmerksam die Anordnung ihres Ärmels.]

Sergius: Lassen Sie mich sehn, haben Sie da noch einen blauen Fleck? [Er nimmt das Armband ab und betrachtet den Fleck, der durch den Druck seiner Finger entstanden ist. Sie steht unbeweglich und sieht ihn nicht an, sie ist wie bezaubert, aber auf ihrer Hut. Er bläst auf die Stelle.] Tut's noch weh?

Louka: Jawohl!

Sergius: Soll ich es heilen?

Louka [zieht sofort ihren Arm stolz zurück, ohne ihn anzusehen]: Nein, jetzt können Sie's nimmermehr.

Sergius [herrisch]: Sind Sie dessen ganz sicher? [Er macht eine Bewegung, als ob er sie umarmen wollte.]

Louka: Bitte, spielen Sie nicht mit mir; ein Offizier sollte nicht mit einer Dienerin tändeln.

Sergius [berührt ihren Arm mit einem unbarmherzigen Streich seines Zeigefingers]: Das war kein Getändel, Louka.

Louka: Nein? [Sieht ihn zum ersten Male an:] Tut es Ihnen leid?

Sergius [mit gemessenem Pathos, seine Arme kreuzend]: Mir tut NIE etwas leid.

Louka [sehnsüchtig]: Ich wollte, ich könnte glauben, daß ein Mann einer Frau so wenig ähnlich sein könnte. Sagen Sie mir, sind Sie wirklich ein tapferer Mann?

Sergius [einfach, seine Positur aufgebend]: Ja, mutig bin ich wirklich. Mein Herz schlug beim ersten Schuß wie das eines Weibes, aber bei der Attacke fand ich meine ganze Tapferkeit wieder; ja, das wenigstens ist wahr und echt an mir.

Louka: Fanden Sie bei der Attacke die Leute armer Herkunft, wie meinesgleichen, weniger tapfer als die, die reich waren wie Sie?

Sergius [bitter, leichthin]: Nicht im geringsten. Sie fochten und fluchten und schrien alle wie Helden! Pah, der Mut zu wüten und zu töten ist billig. Ich habe einen englischen Bullterrier, der von dieser Art Mut so viel besitzt wie die ganze bulgarische Nation und die ganze russische Armee dazu, aber er läßt sich trotzdem von meinem Stallknecht prügeln. So sind eure Soldaten ganz genau. Nein, Louka, eure armen Teufel können zwar Hälse abschneiden, aber sie fürchten sich vor ihren Offizieren, sie lassen sich Beleidigungen und Schläge gefallen, sie stehen dabei und sehen ruhig zu, wenn ihre Kameraden bestraft werden wie kleine Kinder, ja und was noch schlimmer ist, sie helfen selbst mit, wenn sie dazu befohlen werden. Und die Offiziere erst, na... [Mit einem kurzen und bitteren Lachen:] Ich bin Offizier, ach! [Feurig:] Zeigen Sie mir einen Mann, der jeder Macht auf Erden oder im Himmel, die ihn zwingen wollte, gegen seinen Willen oder sein Gewissen zu handeln, Trotz bietet bis in den Tod! Nur ein solcher Mann ist tapfer.

Louka: So zu reden, das ist leicht. Mir scheint die meisten Männer bleiben zeitlebens Knaben. Sie haben alle Ideen wie die Schuljungen. Sie wissen auch nicht, was wahrer Mut ist.

Sergius [ironisch]: Wirklich? Ich lasse mich gerne belehren.

Louka: Sehen Sie mich an! Wie oft darf ich mir den Luxus eines eigenen Willens gestatten? Ich muß Ihr Zimmer in Ordnung bringen, muß abstauben und fegen, holen und laufen. Wie kann mich das erniedrigen, wenn es Sie nicht erniedrigt, für den das alles geschieht?! Aber [mit unterdrücktem Zorn] wenn ich Kaiserin von Rußland wäre, über alle Menschen erhaben, dann--wenn ich auch Ihrer Meinung nach gar keinen Mut beweisen könnte,--na, Sie sollten schon sehen.

Sergius: Was würden Sie dann tun, edle Kaiserin?

Louka: Ich würde den Mann heiraten, den ich liebte, wozu keine Königin Europas den Mut findet. Wenn ich beispielsweise Sie liebte, der Sie dann so tief unter mir stünden, wie ich jetzt unter Ihnen stehe, ich würde es wagen, mich meinem Untergebenen gleichzustellen! Würden Sie diesen Mut finden, wenn Sie mich liebten? Nein! Wenn Sie fühlten, daß Sie mich zu lieben beginnen, so würden Sie dieses Gefühl unterdrücken, Sie würden nicht wagen, mich zu heiraten. Sie würden die Tochter eines reichen Mannes heimführen aus Angst, was "die Welt", was andere Leute dazusagen könnten!

Sergius [hingerissen]: Sie lügen, das ist nicht der Fall--beim Himmel nicht! Wenn ich Sie liebte, und wäre ich selbst der Zar, ich würde Sie neben mich auf den Thron setzen. Sie wissen, daß ich eine andere Frau liebe, die so hoch über Ihnen steht, wie der Himmel über der Erde. Und Sie sind eifersüchtig auf sie.

Louka: Dazu habe ich ja gar keinen Grund. Sie wird Sie doch niemals heiraten. Der Mann, von dem ich Ihnen sprach, ist zurückgekehrt. Sie wird den Schweizer heiraten!

Sergius [zurückfahrend]: Den Schweizer!

Louka: Einen Mann, der zehn Ihresgleichen aufwiegt. Dann können Sie zu mir kommen, aber ich werde Sie auch abweisen. Sie sind mir nicht gut genug. [Sie wendet sich zur Türe.]

Sergius [springt ihr nach und fängt sie wild in seinen Armen auf]: Ich werde den Schweizer töten, und mit Ihnen werde ich dann machen, was mir beliebt.

Louka [in seinen Armen, ruhig und gefaßt]: Vielleicht wird der Schweizer Sie töten. In der Liebe hat er Sie schon geschlagen, er kann Sie vielleicht auch im Kampfe besiegen.

Sergius [gequält]: Halten Sie es für möglich, daß ich jemals glauben werde, daß--"sie", deren ärgste Gedanken noch höher stehen als Ihre besten, daß "sie" fähig wäre, hinter meinem Rücken mit einem andern Mann zu tändeln!?

Louka: Halten Sie es für möglich, daß "sie" dem Schweizer glauben würde, wenn er ihr jetzt erzählte, daß ich in Ihren Armen liege?

Sergius [läßt sie verzweifelnd los]: Oh, zum Henker! Verdammt! Spott und Hohn überall! Meine eigenen Taten machen meine erhabensten Gedanken lächerlich. [Er schlägt sich heftig vor die Brust.] Feigling, Lügner, Narr! Soll ich mich töten wie ein Mann, oder soll ich weiterleben und vorgeben mich selbst zu verhöhnen? [Louka wendet sich abermals der Tür zu.] Louka! [Sie bleibt in der Nähe der Tür stehen.] Merken Sie sich: Sie gehören zu mir!

Louka [ruhig]: Was heißt das? Soll das eine Beleidigung sein?

Sergius [befehlend]: Das heißt, daß Sie mich lieben und daß ich Sie hier in meinen Armen gehalten habe und Sie vielleicht wieder so halten werde. Ob das eine Beleidigung ist, das weiß ich nicht, das ist mir auch ganz einerlei,--nehmen Sie das, wie's Ihnen beliebt; aber [heftig:] ich will kein Feigling und kein Lump sein! Wenn es mir gefällt, Sie zu lieben, so wage ich es auch,--ganz Bulgarien zum Trotz--Sie zu heiraten. Wenn diese Hände Sie jemals wieder berühren, dann werden sie meine angelobte Braut berühren.

Louka: Wir werden ja sehn, ob Sie es wagen, Ihr Wort zu halten; aber nehmen Sie sich in acht, ich werde nicht lange warten.

Sergius [verschränkt seine Arme wieder und bleibt unbeweglich in der Mitte des Zimmers stehen]: Ja, das werden wir sehen, und Sie werden warten, solange es mir beliebt! [Bluntschli kommt, sehr beschäftigt, seine Papiere noch in Händen, herein und läßt die Tür für Louka offen. Er geht hinüber an den Tisch und wirft ihr im Vorübergehen einen flüchtigen Blick zu. Sergius, ohne seine entschlossene Stellung aufzugeben, sieht ihn fest an, Louka geht hinaus und läßt die Tür offen.]

Bluntschli [zerstreut, sitzt am Tisch wie zuvor und legt sein Papiere nieder]: Das ist eine auffallend hübsche junge Person.

Sergius [ernst, ohne sich zu rühren]: Hauptmann Bluntschli!

Bluntschli: Sie wünschen?

Sergius: Sie haben mich betrogen, Sie sind mein Nebenbuhler; ich dulde keinen Rivalen! Um sechs Uhr werde ich allein zu Pferd, mit meinem Säbel, auf den Exerzierplatz an der Straße nach Klissura sein! --Verstehen Sie mich?

Bluntschli [starrt ihn an, bleibt aber ganz gemütlich sitzen]: Ich danke Ihnen. Das ist der Vorschlag eines Kavalleristen. Ich bin Artillerist und habe die Wahl der Waffen. Wenn ich komme, so bringe ich eine Mitrailleuse mit. Aber diesmal wird kein Irrtum mit der Munition sein, verlassen Sie sich darauf.

Sergius [errötend, aber mit tödlicher Kälte]: Nehmen Sie sich in acht, Herr, es ist nicht unsere Gewohnheit in Bulgarien, mit solchen Einladungen Scherz treiben zu lassen.

Bluntschli [warm]: Bah, reden Sie mir nicht von Bulgarien, Sie wissen ja gar nicht, was "kämpfen" heißt. Aber meinetwegen. Bringen Sie Ihren Säbel mit. Ich werde dort sein.

Sergius [sehr entzückt, in seinem Gegner einen Mann von Mut zu finden]: Schön gesprochen, Schweizer. Soll ich Ihnen mein bestes Pferd leihen?

Bluntschli: Nein, der Teufel hole Ihr bestes Pferd! Immerhin danke ich Ihnen, lieber Freund. [Raina kommt herein und hört den nächsten Satz.] Ich werde Sie zu Fuß erwarten; zu Pferde ist das zu gefährlich; ich will Sie nicht töten, wenn ich es vermeiden kann.

Raina [läuft ängstlich nach vorn]: Ich habe gehört, was Hauptmann Bluntschli eben gesagt hat, Sergius! Ihr wollt euch schlagen! warum? [Sergius wendet sich schweigend ab, geht nach dem Ofen und beobachtet sie, während sie, zu Bluntschli gewendet, fortfährt]: Weswegen?

Bluntschli: Ich weiß nicht, er hat es mir nicht anvertraut. Mischen Sie sich lieber nicht ein, verehrtes Fräulein, es wird kein Unglück geschehen; ich habe schon oft als Fechtlehrer gedient. Er wird nicht imstande sein, mich zu berühren, und ich werde ihm nicht weh tun. Das wird immerhin Auseinandersetzungen ersparen. Morgen früh werde ich dann auf der Heimreise sein, und Sie werden mich niemals wiedersehen oder je von mir hören. Sie werden die Sache dann schon mit ihm ins reine bringen; und nachher werden Sie glücklich miteinander leben.

Raina [wendet sich tief verletzt ab; beinahe mit einem Seufzer in ihrer Stimme]: Ich habe nie gesagt, daß ich Sie wiederzusehen wünsche.

Sergius [vorwärtsschreitend]: Ha, das ist ein Geständnis!

Raina [hoheitsvoll]: Was meinen Sie damit?

Sergius: Sie lieben diesen Mann!

Raina [empört]: Sergius!

Sergius: Sie haben ihm gestattet, Ihnen hinter meinem Rücken Liebeserklärungen zu machen, genau so wie Sie mich hinter seinem Rücken zum Gatten haben wollten. Bluntschli, Sie kannten unsere Beziehungen und betrogen mich, das ist der Grund, warum ich von Ihnen Genugtuung verlange,--nicht, weil Sie Begünstigungen empfangen haben, die mir verweigert worden sind.

Bluntschli [empört aufspringend]: Blödsinn, Unsinn! Ich habe keine Begünstigungen empfangen. Das gnädige Fräulein weiß ja nicht einmal, ob ich verheiratet bin oder nicht.

Raina [sich vergessend]: Oh! [Auf die Ottomane hinsinkend:] Sie sind verheiratet??

Sergius: Sie sehen, welchen Eindruck diese Möglichkeit auf die junge Dame macht! Hauptmann Bluntschli: Leugnen ist vergeblich, Sie haben den Vorzug genossen, spät nachts in Fräulein Rainas Schlafzimmer empfangen worden zu sein.

Bluntschli [unterbricht ihn heftig]: Ja, Sie Dummkopf, sie hat mich empfangen, weil ich ihr meine Pistole auf die Brust gesetzt habe. Eure Kavallerie war mir auf den Fersen. Ich hätte sie getötet, wenn sie einen Laut von sich gegeben hätte.

Sergius [verblüfft]: Bluntschli--Raina--ist das wahr?

Raina [richtet sich in majestätischem Zorn auf]: Wie können Sie es wagen?

Bluntschli: Entschuldigen Sie sich, Mann, entschuldigen Sie sich! [Er nimmt seinen Platz am Tische wieder ein.]

Sergius [mit altgewohnter Übertreibung, seine Arme kreuzend]: Ich entschuldige mich nie!

Raina [leidenschaftlich]: Das verdanke ich Ihrem famosen Freunde, Hauptmann Bluntschli, er hat diese empörende Geschichte über mich ausgesprengt. [Sie geht sehr erregt auf und ab.]

Bluntschli: Nein, der schweigt, er ist tot, verbrannt bei lebendigem Leibe!

Raina [einhaltend, entsetzt]: Lebendig verbrannt?

Bluntschli: Wurde auf einem Holzhof in die Hüfte geschossen. Konnte sich nicht fortschleppen. Da setzten die Granaten der Bulgaren das Holz in Flammen und er verbrannte mit einem halben Dutzend anderer armer Teufel, die in derselben Lage waren.

Raina: Wie schrecklich!

Sergius: Und wie lächerlich! O Krieg, Krieg, Traum der Patrioten und Helden! Du bist ein Schwindel, eine hohle Phrase, wie die Liebe!

Raina [außer sich]: Wie die Liebe?! Das sagen Sie vor mir?

Bluntschli: Lassen Sie's gut sein, Saranoff, die Sache ist erledigt!

Sergius: Eine hohle Phrase, sage ich. Wären Sie hierher zurückgekehrt, Herr Hauptmann, wenn sich zwischen Ihnen nichts als die Geschichte mit der Pistole zugetragen hätte? Raina täuscht sich über unseren verbrannten Freund: er war es nicht, der mir die Mitteilung machte!

Raina: Wer denn? [Plötzlich die Wahrheit ahnend:] Ah, Louka, mein Mädchen, meine Dienerin! Sie waren ja mit ihr die ganze Zeit nach dem Frühstück allein--oh, so also sieht der Gott aus, den ich angebetet habe! [Er begegnet ihrem Blick mit sardonischer Freude über ihre Ernüchterung; um so geärgerter tritt sie näher an ihn heran und sagt in leisem, heftigem Tone:] Wissen Sie, daß ich vom Fenster aus, als ich mich umwandte, um noch einen Blick auf meinen Helden zu werfen, etwas gesehen habe, was ich vorhin nicht verstand? Jetzt weiß ich, daß Sie mit Louka angebandelt haben!

Sergius [mit grimmigem Humor]: Haben Sie das bemerkt?

Raina: Nur zu gut. [Sie wendet sich weg und wirft sich ganz überwältigt auf den Diwan unter dem Mittelfenster.]

Sergius [zynisch]: Raina, unser Roman ist zu Ende. Das Leben ist eine Posse.

Bluntschli [gutmütig zu Raina]: Sehen Sie, jetzt hat er sich endlich selbst durchschaut.

Sergius: Bluntschli: ich habe Ihnen erlaubt, mich einen Dummkopf zu nennen; jetzt können Sie mich auch noch einen Feigling schelten: ich weigere mich, mich mit Ihnen zu schlagen. Wissen Sie, warum?

Bluntschli: Nein, aber das macht nichts. Ich habe nicht gefragt, warum Sie mich gefordert haben, und ich frage auch jetzt nicht, warum Sie wieder abwinken. Ich bin Berufssoldat, ich kämpfe, wenn ich kämpfen muß, bin aber immer sehr froh, nicht kämpfen zu müssen, wenn es nicht unbedingt notwendig ist. Sie sind nur ein Amateur; Sie glauben, Kämpfen ist ein Vergnügen.

Sergius: Trotzdem will ich Ihnen den Grund sagen, Sie Berufssoldat, Sie: Zu einem echten Kampf gehören zwei Männer, wirkliche Männer, Männer von Herz, Blut und Ehre. Mit Ihnen könnte ich mich ebenso wenig schlagen, wie ich einer häßlichen Frau Liebeserklärungen machen könnte. Ihnen fehlt der Magnetismus für ein Duell, Sie sind kein Mann,--Sie sind eine Kampfmaschine.

Bluntschli [als wollte er sich entschuldigen]: Das ist vollkommen richtig! Wahrhaftig! So ein Kerl war ich immer, ich bedaure! Aber jetzt, da Sie wieder entdeckt haben, daß das Leben keine Posse, sondern etwas ganz Vernünftiges und Ernsthaftes ist,--welches Hindernis gibt es jetzt noch für Ihr Glück?

Raina [sich erhebend]: Sie scheinen sehr besorgt um unser Glück. Haben Sie seine neue Liebe vergessen--Louka? jetzt soll er nicht mit Ihnen kämpfen, sondern mit seinem Nebenbuhler--Nicola.

Sergius: Nebenbuhler!! [Sich an die Stirne schlagend.]

Raina: Wissen Sie nicht, daß die beiden verlobt sind?

Sergius: Nicola? Öffnen sich neue Abgründe?...Nicola?

Raina [sarkastisch]: Ein empörendes Opfer, nicht wahr? Diese Schönheit, dieser Geist, diese Anmut, vergeudet an einen Diener in mittleren Jahren! Wirklich, Sergius, Sie dürfen das nicht länger dulden. Das sind Sie Ihrer Ritterlichkeit schuldig.

Sergius [seine Selbstbeherrschung ganz verlierend]: Natter! Schlange! [Er läuft schäumend auf und ab.]

Bluntschli: Hören Sie, Saranoff, Sie ziehen den kürzeren.

Raina [zorniger]: Begreifen Sie, was er getan hat, Hauptmann Bluntschli? Er hat uns dieses Mädchen als Spionin auf den Hals geschickt, und zum Lohn dafür macht er ihr den Hof.

Sergius: Das ist nicht wahr! Das ist ungeheuerlich!

Raina: Ungeheuerlich? [Ihn mit den Blicken messend:] Können Sie leugnen, daß Louka Ihnen gesagt hat, Hauptmann Bluntschli sei in meinem Zimmer gewesen?

Sergius: Nein, aber-Raina [unterbrechend]: Können Sie leugnen, daß Sie ihr Liebeserklärungen gemacht haben, als Sie Ihnen das sagte?

Sergius: Nein, aber ich sage Ihnen-Raina [ihm heftig und verachtungsvoll ins Wort fallend]: Es ist ganz überflüssig, uns noch irgend etwas zu sagen. Das genügt uns vollkommen! [Sie wendet sich von ihm ab und schwebt majestätisch zurück an das Fenster.]

Bluntschli [während Sergius aufs tiefste beleidigt und empört auf die Ottomane sinkt und abgewandt seinen Kopf zwischen die Fäuste nimmt, sehr ruhig]: Ich habe Ihnen doch gesagt, Saranoff, daß Sie den kürzeren ziehen.

Sergius: Pantherkatze!

Raina [läuft aufgeregt zu Bluntschli]: Sie hören, wie dieser Mensch mich beschimpft, Hauptmann Bluntschli.

Bluntschli: Was soll er denn anfangen, verehrtes Fräulein? Irgendwie muß er sich doch verteidigen. [Mit viel Suada:] Gehen Sie; nicht streiten! was nützt das? [Raina setzt sich schwer atmend auf die Ottomane, und nach vergeblicher Anstrengung, Bluntschli böse anzusehen, fällt sie ihrem Sinn für Humor zum Opfer und kann sich kaum des Lachens enthalten.]

Sergius: Verlobt mit Nicola! [Er erhebt sich.] Haha! [Geht nach dem Ofen--steht mit dem Rücken dagegen.] Jawohl, Bluntschli, Sie tun wirklich gut daran, diese schwindelhafte Welt ruhig aufzufassen.

Raina [schelmisch zu Bluntschli, mit unwillkürlichem Begreifen seines Gedankenganges]: Mir scheint, Sie halten uns für zwei große Kinder.

Sergius [lacht höhnisch und grimmig]: Natürlich, natürlich Schweizer Zivilisation bemuttert Bulgariens Barbarei, nicht wahr?

Bluntschli [errötend]: Durchaus nicht, ich versichere Ihnen, ganz gewiß nicht. Ich bin nur froh, daß Sie beide sich endlich etwas beruhigen. Na, gehen Sie, wir wollen vergnügt sein und die Sache freundschaftlich besprechen. Wo ist die andere junge Dame?

Raina: Wahrscheinlich horcht sie an der Tür.

Sergius [zuckt zusammen, wie von einer Kugel getroffen; ruhig, aber mit tiefer Entrüstung]: Ich will beweisen, daß dies wenigstens eine Verleumdung ist. [Er geht mit Würde zur Tür und öffnet. Ein Wutschrei entringt sich seiner Brust, nachdem er hinausgesehen. Er springt in den Gang und kommt zurück, Louka nachschleppend, die er heftig gegen den Tisch stößt. Er ruft aus:] Richten Sie diese Elende, Bluntschli,--Sie, Sie, der kalte, unparteiische Mann! Richten Sie die Horcherin an der Wand! [Louka bleibt aufrecht, stolz und ruhig.]

Bluntschli [den Kopf schüttelnd]: Ich darf sie nicht richten. Ich habe selbst einmal vor einem Zelt gehorcht, als darin eine Meuterei beschlossen wurde. Es kommt immer auf die Veranlassung dazu an, und was auf dem Spiele steht,--es ging um mein Leben!

Louka: Es ging um meine Liebe. [Sergius zuckt zusammen und schämt sich ihrer gegen seinen Willen.] Ich brauche mich nicht zu schämen.

Raina [verachtungsvoll]: Ihre Liebe? Sie meinen Ihre Neugier!

Louka [blickt ihr ins Gesicht, und gibt ihr ihre Verachtung mit Zinsen zurück]: Meine Liebe--die größer ist als alles, was Sie fähig sind, zu empfinden, selbst für Ihren Pralinésoldaten!

Sergius [mit plötzlichem Verdacht zu Louka]: Was soll das heißen?

Louka [heftig]: Das heißt-Sergius [sie geringschätzig unterbrechend]: Oh, ich entsinne mich! Der Eispudding! Was für eine armselige Stichelei! [Major Petkoff kommt in Hemdärmeln herein.]

Petkoff: Entschuldigen Sie die Hemdärmel, meine Herren! Raina! Einer hat meinen Rock angehabt, ich könnte darauf schwören, einer, der breitere Schultern hat als ich. Am Rücken ist die Naht ganz aufgetrennt, deine Mutter näht sie eben zu. Hoffentlich wird sie bald fertig sein, ich werde mich sonst erkälten. [Er sieht aufmerksam nach ihnen hin:] Ist etwas los?

Raina: Nein. [Sie setzt sich an den Ofen, mit ruhiger Miene.]

Sergius: Gar nichts. [Er setzt sich an das Tischende wie zuvor.]

Bluntschli [der schon sitzt]: Nichts, nichts!

Petkoff [der sich an seinen früheren Platz auf die Ottomane legt]: Das ist recht. [Er bemerkt Louka.] Ist etwas los Louka?

Louka: Nein, gnädiger Herr.

Petkoff [gemütlich]: Das ist auch recht! [Er niest:] Sei so gut, geh zu meiner Frau und verlang meinen Rock, hörst du? [Sie wendet sich um und will gehorchen, aber Nicola tritt eben mit dem Rock ein. Sie tut, als hätte sie Arbeit im Zimmer, und stellt den kleinen Tisch mit der Tabakspfeife an die Wand in die Nähe des Fensters.]

Raina [erhebt sich rasch, als sie auf Nicolas Arm den Rock erkennt]: Hier ist dein Rock, Papa; gib ihn mir, Nicola, und leg' im Ofen etwas nach. [Sie nimmt den Rock, bringt ihn dem Major, der aufsteht, um ihn anzuziehen. Nicola macht sich beim Feuer zu schaffen.]

