# Helden

## Part 5

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[Nach dem Mittagessen in der Bibliothek.--Nicht viel darin berechtigt zu dieser Bezeichnung. Die literarische Einrichtung dieses Raumes besteht bloß aus einem einzigen Bücherbrett, das mit alten ungebundenen, zerrissenen, kaffeebefleckten und mit Daumenabdrücken versehenen Romanen angefüllt ist. Ferner ein paar hängende Wandetageren mit einigen Geschenkbänden. Die andern Wände sind mit Jagd- und Kriegstrophäen bedeckt, es ist im übrigen ein äußerst behagliches Wohnzimmer. Eine Front von drei breiten Fenstern gestattet den Ausblick auf ein Bergpanorama, das man eben in sehr freundlichem, mildem Nachmittagslichte bewundern kann. In der Ecke neben dem rechtseitigen Fenster verspricht ein viereckiger Kachelofen, ein wahrer Turm farbiger Kacheln bis fast zur Zimmerdecke, behagliche Wärme. Die Ottomane in der Mitte ist rund, mit gestickten Kissen bedeckt, und in den Fensternischen stehen gut gepolsterte kleine Diwane. Kleine türkische Tische--auf einem liegt eine gutgearbeitete Wasserpfeife--und ein sie verbindender Wandschirm vervollständigen den angenehmen Eindruck der Einrichtung. Nur ein Möbelstück ist da, das gar nicht in den Rahmen des Zimmers paßt,--das ist ein kleiner, sehr abgenützter, in einen Schreibtisch umgewandelter Küchentisch. Eine alte, mit Federn gefüllte Blechbüchse, ein mit Tinte gefüllter Eierbecher und ein elender Fetzen ganz verbrauchten rosaroten Löschpapiers liegen darauf. An diesem Tische, der dem linksseitigen Fenster gegenübersteht, sitzt Bluntschli, in Arbeit vertieft. Er hat ein paar Landkarten vor sich und schreibt Befehle aus. An der Schmalseite sitzt Sergius, der auch so tut als ob er beschäftigt wäre, der aber eigentlich nur an seinem Federhalter kaut. Er beobachtet Bluntschlis raschen, sicheren, berufsmäßigen Fortschritt bei der Arbeit mit einer Mischung von neidischer Erregung in Anbetracht seiner eigenen Unfähigkeit, und ehrfürchtigem Erstaunen über eine Geschicklichkeit, die ihm beinahe überirdisch erscheint, obgleich der prosaische Charakter der Arbeit ihm verbietet, sie zu achten. Major Petkoff lehnt behaglich mit einer Zeitung auf der Ottomane, in erreichbarer Nähe steht die Wasserpfeife. Katharina sitzt am Ofen, kehrt der Gesellschaft den Rücken zu und stickt. Raina lehnt in den Kissen des Divans unter dem rechtsseitigen Fenster und blickt träumerisch auf die Balkanlandschaft hinaus, ein vernachlässigter Roman liegt in ihrem Schoße. Die Tür ist auf derselben Seite wie der Ofen, weiter vom Fenster entfernt. Der Knopf der elektrischen Klingel befindet sich zwischen der Tür und dem Ofen.]

Petkoff [blickt von seiner Zeitung auf und beobachtet, wie es auf dem Tische vorwärts geht]: Sind Sie ganz sicher, daß ich Ihnen in keiner Weise behilflich sein kann, Bluntschli?

Bluntschli [ohne seine Arbeit zu unterbrechen oder aufzusehen]: Ganz sicher, ich danke. Saranoff und ich, wir werden die Sache schon fertigkriegen.

Sergius [grimmig]: Jawohl, WIR werden die Sache schon fertigkriegen. Er tiftelt heraus und bestimmt, was zu geschehen hat, schreibt die Ordres aus, und ich unterschreibe sie, das heißt Arbeitsteilung, Major. [Bluntschli reicht ihm ein Papier.] Noch eins? Ich danke Ihnen. [Er breitet den Bogen vor sich aus, setzt seinen Stuhl sorgfältig davor zurecht und unterschreibt mit der Miene eines Mannes, der entschlossen eine schwierige und gefahrvolle Tat vollbringt.] Diese Hand ist mehr an das Schwert gewöhnt als an die Feder.

Petkoff: Es ist wirklich sehr freundlich von Ihnen, Bluntschli, wahrhaftig, daß Sie sich in dieser Weise ausnützen lassen. Sind Sie GANZ sicher, daß ich gar nichts weiter helfen kann?

Katharina [in leise verwarnendem Ton]: Du könntest aufhören zu unterbrechen, Paul.

Petkoff [fährt auf und blickt zu ihr hinüber]: Was? Wie? Ganz richtig, meine Liebe, ganz richtig. [Er nimmt die Zeitung wieder auf, läßt sie aber sofort fallen.] Ah, du hast keinen Feldzug mitgemacht, Katharina, du ahnst nicht, wie angenehm es uns ist, nach einem guten Mittagessen hier zu sitzen, mit keiner andern Verpflichtung, als es uns wohl sein zu lassen. Etwas fehlt mir allerdings zu meiner vollständigen Behaglichkeit.

Katharina: Und das ist?

Petkoff: Mein alter Rock--ich fühle mich nicht zu Hause in diesem da. Ich komme mir vor wie bei der Parade.

Katharina: Mein teurer Paul, wie töricht du nur wegen dieses alten Rockes bist. Er muß noch in der blauen Kammer hängen, wo du ihn zurückgelassen hast.

Petkoff: Meine liebe Katharina, ich versichere dir, daß ich dort gesucht habe. Darf ich meinen eigenen Augen glauben oder nicht? [Katharina erhebt sich ruhig und drückt auf die elektrische Klingel neben dem Ofen.] Wozu führst du diese Klingel vor? [Sie sieht ihn majestätisch, an, setzt sich schweigend in ihren Stuhl und nimmt ihre Näharbeit wieder auf.] Meine Liebe, wenn du glaubst, daß der Eigensinn einer Frau aus zwei alten Schlafröcken Rainas, aus deinem Regenmantel und meinem Mantel einen Rock machen kann, dann irrst du ganz gewaltig, und DAS ist zu dieser Stunde einzig und allein der Inhalt der blauen Kammer! [Nicola erscheint auf der Schwelle.]

Katharina [ganz ruhig, trotz Petkoffs Ausfall]: Nicola! geh in die blaue Kammer und bringe deines Herrn alten Rock hierher, den mit Borten besetzten, den er gewöhnlich im Hause trägt.

Nicola: Zu Befehl, gnädige Frau.

Petkoff: Katharina!

Katharina: Ja, Paul.

Petkoff: Ich wette mit dir um jeden Schmuck, den du in Sofia bestellen willst, gegen das Haushaltungsgeld einer Woche, daß der Rock nicht in der blauen Kammer ist.

Katharina: Abgemacht, Paul!

Petkoff [aufgeregt durch die Aussicht auf eine Wette]: Kommt, es gibt hier einen Sport. Wer will noch darauf wetten? Bluntschli, ich halte Ihnen sechs gegen eins.

Bluntschli [gelassen]: Das hieße Sie ausrauben, Major. Die gnädige Frau hat sicher recht. [Ohne aufzusehen reicht er Sergius abermals einen Stoß Papiere.]

Sergius [gleichfalls aufgeregt]: Bravo, Schweiz! Major, ich wette mein bestes Chargenpferd gegen eine arabische Stute für Raina, daß Nicola den Rock in der blauen Kammer findet.

Petkoff [eifrig]: Dein bestes Chargenpferd?

Katharina [ihn rasch unterbrechend]: Sei nicht verrückt, Paul, eine arabische Stute kann dich fünfzigtausend Leu kosten.

Raina [plötzlich aus ihrer träumerischen Bewunderung der Landschaft erwachend]: Wahrhaftig, Mama, wenn du bereit bist, den Schmuck anzunehmen, so sehe ich nicht ein, warum du mir meinen Araber vorenthalten willst.

[Nicola kehrt mit dem Rock zurück und bringt ihn Petkoff, der kaum seinen Augen traut.]

Katharina: Wo war er, Nicola?

Nicola: Er hing in der blauen Kammer, gnädige Frau.

Petkoff: Na, ich will verdammt sein...

Katharina [einfallend]: Paul!

Petkoff: Ich hätte schwören mögen, daß er nicht dort war. Das Alter fängt an, bei mir anzuklopfen, ich bekomme schon Halluzinationen. [Zu Nicola]: Da, hilf mir! Entschuldigen Sie, Bluntschli. [Er wechselt seinen Rock, Nicola hilft ihm dienstbeflissen.] Ich mache dich darauf aufmerksam, Sergius, daß ich deine Wette nicht angenommen habe. Du könntest lieber selbst Raina die arabische Stute schenken, da du nun schon einmal solche Erwartungen erweckt hast. Nicht wahr, Raina? [Er wendet sich nach ihr um, aber sie ist wieder in den Anblick der Landschaft vertieft; mit einem kleinen Ausbruch väterlicher Liebe und Eitelkeit macht er die andern auf seine Tochter aufmerksam und sagt]: Sie träumt schon wieder, wie gewöhnlich.

Sergius: Keinesfalls soll sie dabei zu kurz kommen.

Petkoff: Um so besser für Raina. Ich fürchte, ich werde nicht so billig loskommen. [Nun ist der Kleiderwechsel vollzogen, Nicola geht mit dem abgelegten Rock hinaus.]

Petkoff: Ach, nun fühle ich mich endlich zu Hause! [Er setzt sich und nimmt seine Zeitung mit behaglichem Grunzen wieder zur Hand.]

Bluntschli [zu Sergius, ihm ein Papier reichend]: Das ist der letzte Befehl.

Petkoff [aufspringend]: Was--schon fertig?

Bluntschli: Fertig!

Petkoff [geht zu Sergius, sieht neugierig über seine linke Schulter zu, wie er unterzeichnet, und sagt mit kindischem Neide]: Soll ich denn gar nichts unterzeichnen?

Bluntschli: Es ist nicht nötig, seine Unterschrift wird genügen.

Petkoff: Nun gut, ich denke, wir haben ein verflucht anständiges Stück Arbeit vollbracht. [Er entfernt sich vom Arbeitstisch]: Kann ich sonst noch etwas tun?

Bluntschli: Gut wäre es, wenn Sie beide die Kerle ansehen würden, die diese Befehle zu überbringen haben. [Zu Sergius]: Schicken Sie die Leute gleich fort und zeigen Sie ihnen, daß ich auf der Marschroute die Zeit angegeben habe, in der sie ausgehändigt sein MÜSSEN. Sagen Sie ihnen auch, daß ihnen die Haut über die Ohren gezogen werden wird, wenn sie trinken und schwatzen und sich dadurch auch nur um fünf Minuten verspäten.

Sergius [erhebt sich entrüstet]: Das werde ich ausrichten! Und wenn einer von ihnen Manns genug ist, mir dafür ins Gesicht zu speien, weil ich ihn beleidigt habe, so will ich ihn loskaufen und ihm eine Pension bezahlen. [Er geht mit großen Schritten ab, in seiner Menschenwürde tief verletzt.]

Bluntschli [vertraulich zu Petkoff]: Sie passen auf, daß er mit den Leuten richtig spricht, Herr Major, nicht wahr?

Petkoff [diensteifrig]: Gewiß, Bluntschli, gewiß, ich will mich darum kümmern. [Er geht gewichtig zur Tür, zögert aber an der Schwelle]: Apropos, Katharina, du kannst auch mitkommen. Dein Anblick wird sie weit mehr einschüchtern als der meine.

Katharina [ihre Stickerei niederlegend]: Ich glaube selbst, daß es besser sein wird; du wirst dich höchstens blamieren. [Petkoff öffnet ihr die Türe, sie geht ab und er folgt ihr.]

Bluntschli: Was für ein Volk! Sie zimmern Kanonen aus Kirschbäumen, und die Offiziere schicken nach ihren Frauen, um die Disziplin aufrechtzuerhalten. [Er fängt an, die Papiere zusammenzufalten und zu verzeichnen; Raina, die sich vom Diwan erhoben bat, geht im Zimmer auf und ab, die Hände auf dem Rücken geballt, blickt sie Bluntschli mutwillig an.]

Raina: Sie sehen jetzt viel netter aus als damals, da wir uns zuletzt getroffen haben. [Er blickt überrascht auf.]--Wie haben Sie das nur angestellt?

Bluntschli: Mich gewaschen, gebürstet, nachts gut geschlafen und gefrühstückt--weiter nichts, gnädiges Fräulein.

Raina: Sind Sie an jenem Morgen gefahrlos durchgekommen?

Bluntschli: Vollkommen, ich danke Ihnen.

Raina: Waren Ihre Vorgesetzten ungehalten darüber, daß Sie bei Sergius' Attacke davongelaufen sind?

Bluntschli: Nein, sie waren darüber froh, weil sie alle genau dasselbe getan hatten.

Raina [geht an den Tisch und beugt sich über den Tisch zu ihm hinüber]: Es muß eine lustige Geschichte für SIE gewesen sein--all das von mir und meinem Zimmer!

Bluntschli: Ein famoses Abenteuer. Aber ich habe es nur einem einzigen Menschen erzählt, einem alten Freunde.

Raina: Auf dessen Verschwiegenheit Sie unbedingt zählen durften?

Bluntschli: Unbedingt.

Raina: So! Nun denn, er hat meinem Vater und Sergius alles erzählt an jenem Tage, an dem Sie den Austausch der Gefangenen vornahmen. [Sie wendet sich ab und schlendert nachlässig auf die gegenüberliegende Seite des Zimmers.]

Bluntschli [sehr betroffen und halb ungläubig]: Das ist doch nicht Ihr Ernst--das ist unmöglich!

Raina [mit plötzlichem Ernst, indem sie umkehrt]: Es ist so; aber die beiden wissen nicht, daß SIE es waren und daß Sie in DIESES Haus geflüchtet sind. Wenn Sergius das erführe, er würde Sie fordern und im Duell töten.

Bluntschli: Gott behüte, dann erzählen Sie es ihm nur nicht!

Raina [vorwurfsvoll wegen seines Leichtsinns]: Können Sie sich vorstellen, was es für mich bedeutet, ihn betrügen zu müssen? Ich möchte ganz eins sein mit Sergius. Keinerlei Niedrigkeiten, nichts Verwerfliches, kein Betrug sollte zwischen uns stehen. Meine Beziehung zu ihm ist das wahrhaft schönste und erhabenste Ereignis meines Lebens--ich hoffe, Sie können das begreifen.

Bluntschli [skeptisch]: Sie wollen sagen, daß es Ihnen nicht angenehm wäre, wenn er herausfände, daß die Geschichte mit dem Eispudding eine--eine...na--Sie wissen schon.

Raina [zusammenzuckend]: Ah, sprechen Sie darüber nicht in so leichtfertiger Weise! Ja, ich habe gelogen, ich weiß es, aber ich habe gelogen, um Ihnen das Leben zu retten--er würde Sie getötet haben! Es war das zweitemal, daß ich in meinem Leben gelogen habe.

[Bluntschli erhebt sich rasch und blickt Raina zweifelnd und etwas strenge an.]

Raina: Erinnern Sie sich an das erstemal?

Bluntschli: Ich? nein. War ich denn zugegen?

Raina: Jawohl! Und ich sagte dem russischen Offizier, der nach Ihnen suchte, daß Sie nicht zugegen wären.

Bluntschli: Bei Gott, das ist wahr, ich hätte mich daran erinnern sollen.

Raina [sehr ermutigt]: Ah, ich begreife, daß SIE das vergessen haben; Sie hat es ja nichts gekostet, aber mich kostete es eine Lüge--eine Lüge! [Sie setzt sich auf die Ottomane und blickt starr vor sich hin, die Hände über das Knie gekreuzt. Bluntschli nähert sich ihr sehr ergriffen und setzt sich mit ganz besonders beruhigender und rücksichtsvoller Gebärde neben sie.]

Bluntschli: Verehrtes gnädiges Fräulein, machen Sie sich darüber keine Gedanken! Bedenken Sie, ich bin Soldat! Nun welches sind die beiden Dinge, die einem Soldaten so oft passieren, daß er schon gar nicht mehr darauf achtet? Daß er Leute Lügen erzählen hört, ist das eine. [Raina fährt zurück.] Das andere, daß ihm auf alle mögliche Art und Weise von allen möglichen Leuten das Leben gerettet wird.

Raina [protestiert entrüstet und erhebt sich]: Und so wird er ein undankbares, treuloses Geschöpf.

Bluntschli [ein saures Gesicht schneidend]: Lieben Sie Dankbarkeit? Ich nicht. Wenn Mitleid mit der Liebe blutsverwandt ist, so ist die Dankbarkeit verwandt mit dem Gegenteil.

Raina: Dankbarkeit! [Sich nach ihm umwendend]: Wenn Sie nicht dankbar sein können, dann sind Sie überhaupt jeder edlen Regung unfähig--selbst Tiere sind dankbar! Oh, jetzt weiß ich genau, was Sie über mich denken! Sie waren nicht überrascht, mich lügen zu hören, Sie waren überzeugt, daß ich das täglich, ja stündlich täte! So denken Männer über Frauen. [Sie geht im Zimmer melodramatisch umher.]

Bluntschli [mißtrauisch]: Nicht so ganz ohne Berechtigung. Sie behaupten, daß Sie in Ihrem ganzen Leben bloß zweimal gelogen haben! Verehrtes Fräulein, ist das nicht gar zu wenig?! Ich bin ein recht wahrheitsliebender Kerl; aber bei mir würde das nicht für einen einzigen Vormittag reichen.

Raina [ihn von oben herab ansehend]: Sie beleidigen mich, Herr Hauptmann!

Bluntschli: Dafür kann ich nichts. Wenn Sie diese edle Haltung annehmen und in so hohem Tone sprechen, dann bewundere ich Sie--aber es ist mir unmöglich, Ihnen auch nur ein Wort zu glauben!

Raina [stolz]: Hauptmann Bluntschli!

Bluntschli [unbeweglich]: Sie befehlen?

Raina [geht ihm ein wenig entgegen, als ob sie ihren Ohren nicht traute]: MEINEN Sie das, was Sie eben gesagt haben? WISSEN Sie, was Sie eben gesagt haben?

Bluntschli: Ganz genau.

Raina [keuchend]: Ich! Ich!! [Sie zeigt ungläubig auf sich, als wollte sie sagen: "Ich Raina Petkoff, bin eine Lügnerin." Er begegnet ihrem Blick unerschütterlich, plötzlich setzt sie sich neben ihn und geht mit vollkommenem Wechsel ihres Benehmens von ihrer aufgebrachten zu einer vertraulichen Art und Weise über.] Wie haben Sie mich so schnell durchschaut?

Bluntschli [sofort]: Instinkt, gnädiges Fräulein, Instinkt und Welterfahrung!

Raina [verwundert]: Wissen Sie, daß Sie der erste Mann in meinem Leben sind, der mich nicht ernst genommen hat?

Bluntschli: Sie meinen, nicht wahr, daß ich der erste Mann bin, der Sie ganz ernst nimmt?

Raina: Ja, ich glaube, das meine ich. [Gemütlich und sehr unbefangen]: Wie sonderbar das ist, wenn mit einem so ehrlich gesprochen wird! Wissen Sie, ich hab' es immer so getrieben!--ich meine die edle Haltung und den hohen Ton, so habe ich mich schon als kleines Kind meiner Amme gegenüber aufgespielt. Sie hat daran geglaubt. Ich tue es vor meinen Eltern; sie glauben auch daran, Sergius gegenüber tue ich gleichfalls so, er glaubt auch daran.

Bluntschli: Jawohl, er posiert selbst ein wenig in dieser Art, nicht wahr?

Raina [auffahrend]: Glauben Sie?

Bluntschli: Sie müssen ihn besser kennen als ich.

Raina: Ich wäre begierig, zu erfahren, ob er wirklich auch so ist! Wenn ich dächte, daß er--! [Entmutigt:] Doch wozu, was liegt daran? Ich fühle, daß Sie mich jetzt verachten, weil Sie mich erkannt haben.

Bluntschli [erhebt sich, warm]: Durchaus nicht, mein verehrtes Fräulein,--o nein, nein, tausendmal nein. Ihr Gehaben macht einen Teil Ihrer Jugend, Ihres Reizes aus. Ich bin genau wie alle übrigen, wie Amme, Eltern und Sergius,--ich bin Ihr betörter Bewunderer.

Raina [erfreut]: Wirklich?

Bluntschli [sich nach deutscher Art auf die Brust schlagend]: Hand aufs Herz, wahrhaftig!

Raina [sehr glücklich]: Aber was haben Sie dazu gesagt, daß ich Ihnen mein Bild geschenkt habe?

Bluntschli [erstaunt]: Ihr Bild? Sie haben mir doch nie Ihr Bild geschenkt.

Raina [rasch]: Wollen Sie behaupten, daß Sie es NICHT erhalten haben?

Bluntschli: Gewiß will ich das! [Er setzt sich mit erneuertem Interesse neben sie und sagt mit einer gewissen Selbstgefälligkeit]: Wann haben Sie es mir denn geschickt?

Raina [entrüstet]: Ich habe es Ihnen nicht geschickt! [Sie wendet den Kopf ab und fügt zögernd hinzu]: Es war in der Tasche jenes Rockes...

Bluntschli [beißt sich auf die Lippen und rollt die Augen]: Oh, oh, oh, und ich hab' es nicht gefunden! Es muß jetzt noch darin sein.

Raina [aufspringend]: Noch darin?! Damit mein Vater es findet, sobald er die Hände in die Taschen steckt? Nein, wie konnten Sie nur so dumm sein!

Bluntschli [erhebt sich gleichfalls]: Machen Sie sich nichts daraus, es ist doch nur eine Photographie,--wie kann er wissen, für wen sie bestimmt war? Sagen Sie ihm einfach, daß er sie selbst hineingetan hat.

Raina [ungeduldig]: Ich danke Ihnen für den guten Rat! Sie sind gar so gescheit! Ach, ach, ach, was soll ich nur beginnen?

Bluntschli: Ah, ich verstehe: Sie haben etwas darauf geschrieben. Das war freilich unvorsichtig.

Raina [fast bis zu Tränen verdrossen]: Nein, daß ich so etwas für Sie tun konnte,--für Sie, dem gar nichts daran liegt! Der sich höchstens über mich lustig macht! Sind Sie wenigstens sicher, daß bis jetzt niemand es berührt hat?

Bluntschli: Nein, ganz sicher kann ich nicht sein. Bedenken Sie doch: ich konnte den Rock ja nicht immer mit mir herumtragen, man darf im aktiven Dienst nicht viel Gepäck mitführen.

Raina: Was haben Sie denn aber damit gemacht?

Bluntschli: Als ich nach Pirot kam, da mußte ich ihn irgendwo in Sicherheit bringen, ich dachte an das Garderobezimmer der Eisenbahnstation,--aber das ist bestimmt ein Platz, der bei unserer modernen Kriegführung ganz ausgeplündert wird. Da zog ich vor, den Rock zu--versetzen!

Raina: Versetzt haben Sie ihn!

Bluntschli: Ich weiß, es klingt nicht nett, aber das Versatzamt war gewiß der sicherste Ort. Vorgestern habe ich ihn wieder ausgelöst; weiß der Himmel, ob der Pfandleiher die Taschen ausgeleert hat oder nicht.

Raina [wütend, ihm die Worte ins Gesicht schleudernd]: Sie haben eine niedrige Krämerseele. Sie denken an Dinge, die einem Ehrenmann niemals einfallen könnten.

Bluntschli [phlegmatisch]: Das ist der Schweizer Nationalcharakter, verehrtes Fräulein.

Raina: Oh, wäre ich Ihnen nie begegnet! [Sie wendet sich heftig ab und setzt sich wütend ans Fenster.]

[Louka kommt herein, einen Pack Briefe und Telegramme auf ihrem Servierteller. Sie geht mit ihrem kühnen, freien Wesen an den Tisch; ihr linker Ärmel ist mit einer Brosche an die Schulter hinaufgeheftet; man sieht ihren bloßen Arm, dessen blauer Fleck durch ein breites vergoldetes Armband verdeckt ist.]

Louka [zu Bluntschli]: Das ist für Sie; [sie leert ihre Platte unbekümmert auf den Tisch aus:] der Bote wartet. [Sie ist entschlossen, gegen einen Serben nicht höflich zu sein, selbst wenn sie ihm seine Briefe bringen muß.]

Bluntschli [zu Raina]: Wollen Sie mich einen Augenblick entschuldigen? Die letzte Post hat mich vor drei Wochen erreicht--diese Anhäufung ist die Folge davon,--vier Depeschen--eine Woche alt. [Er öffnet eine davon:] Oho! schlechte Nachrichten!

Raina [steht auf und nähert sich etwas reumütig]: Schlechte Nachrichten?

Bluntschli: Mein Vater ist gestorben. [Er blickt auf das Telegramm mit geschlossenen Lippen, in Gedanken vertieft über den unerwarteten Umschlag in seinen Plänen.]

Raina: Oh! wie traurig.

Bluntschli: Jawohl! Da werde ich in einer Stunde heimreisen müssen. Mein Vater hat eine Menge großer Hotels hinterlassen, um die ich mich nun bekümmern muß. [Er greift ein dickes, langes, blaues Kuvert heraus.] Da ist auch schon ein großer Brief von unserm Familienadvokaten. [Er reißt die Papiere heraus und überfliegt sie.] Großer Gott, siebzig--zweihundert--[mit wachsender Bestürzung:] vierhundert--viertausend--neuntausendsechshundert...was, um des Himmels willen, soll ich denn damit anfangen?!

Raina [schüchtern]: Neuntausendsechshundert Hotels?

Bluntschli: Hotels! Unsinn! Wenn Sie nur wüßten,--aber es ist zu lächerlich, entschuldigen Sie, ich muß Anordnungen wegen meiner Abreise treffen. [Er verläßt rasch das Zimmer, die Papiere in der Hand.]

Louka [spöttisch]: Er hat nicht viel Herz, dieser Schweizer, obwohl er die Serben liebt; er hat kein Wort der Trauer, des Kummers für seinen seligen Vater.

Raina [bitter]: Der und Kummer! Ein Mensch, der jahrelang nichts anderes getan hat, als Leute umbringen,--was liegt dem daran, wenn sein alter Vater stirbt! was liegt einem Soldaten an irgend etwas? [Sie geht zur Tür, ihre Tränen nur mühsam zurückhaltend.]

Louka: Major Saranoff hat auch gekämpft, und es ist ihm doch sehr viel Herz übriggeblieben. [Raina blickt sie von der Tür aus hochmütig an und geht hinaus.] Aha, ich habe es mir gedacht, daß du wenig Gefühl aus DEINEM Soldaten herauskriegen würdest. [Sie ist im Begriff, Raina zu folgen, da tritt Nicola ein, Holz in den Armen, um nachzulegen.]

Nicola [sie verliebt anlächelnd]: Den ganzen Nachmittag habe ich mich umsonst bemüht, dich allein anzutreffen, mein Schatz. [Sein Gesichtsausdruck verändert sich, als er ihren Arm bemerkt.] Was ist das für eine neue Mode, deine Ärmel zu tragen, mein Kind?

Louka [stolz]: Meine eigene Mode.

Nicola: In der Tat--! na! wenn dich die Frau so erwischt, wird sie dich lehren. [Er wirft das Holz auf die Ottomane und setzt sich bequem daneben.]

Louka: Ist das ein Grund für dich, mich zu lehren?

Nicola: Geh, sei nicht so widerspenstig gegen mich; ich habe eine gute Nachricht für uns. [Er nimmt etwas Papiergeld aus der Tasche, Louka kommt mit gierigem Augenblitzen näher, um es anzusehen.] Schau, ein Zwanzigleuschein! Sergius gab mir das Geld aus reiner Prahlerei--so ein Narr! Narrengeld ist bald dahin. Und da sind noch zehn Leu,--die gab mir der Schweizer dafür, daß ich der Gnädigen und Rainas Lügen auf mich genommen habe. Der ist kein Narr! Du hättest die alte Katharina nur unten hören sollen, wie höflich sie mich bat, mir nichts daraus zu machen, daß der Major etwas ungeduldig gewesen sei, denn sie wüßten ganz gut, was für ein prächtiger Diener ich sei--nachdem sie mich vor allen zu einem Narren und Lügner gestempelt haben! Die zwanzig Leu sind für unsere Ersparnisse bestimmt, und dir gebe ich die zehn, die kannst du nach Belieben ausgeben, wenn du dafür mit mir nur so sprechen willst, als ob ich auch ein Mensch wäre. Manchmal habe ich es doch satt, Diener zu sein.

Louka [verachtungsvoll]: Ja, geh hin und verkaufe deine Manneswürde für dreißig Leu und kaufe mich für zehn Leu dazu! Behalte dein Geld! Du bist zum Diener geboren, ich nicht! Wenn du deinen Laden eingerichtet hast, dann wirst du jedermanns Diener sein, statt, wie jetzt, eines Mannes Diener.

