# Helden

## Part 2

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Raina: O nein, ich bedaure nur, daß Sie sich abermals in Gefahr begeben müssen. [Auf die Ottomane weisend:] Bitte, setzen Sie sich! [Sie hält mit einem nicht zu unterdrückenden Angstschrei inne, als sie die Pistole auf der Ottomane erblickt.]

Der Flüchtling [übernervös, fährt zurück wie ein scheuendes Pferd. Erregt]: Mich so zu erschrecken! Was ist denn los?

Raina: Ihre Pistole. Der Offizier hat sie die ganze Zeit vor Augen gehabt! Ihre Rettung ist ein Wunder!

Der Flüchtling [ärgerlich, so unnötigerweise geängstigt worden zu sein]: Ach, weiter nichts?!

Raina [blickt ihn hochmütig an und fühlt sich desto wohler, je mehr ihre gute Meinung von ihm abnimmt]: Ich bedaure, Sie geängstigt zu haben. [Sie nimmt die Pistole und reicht sie ihm]: Bitte, nehmen Sie, zum Schutze gegen mich.

Der Flüchtling [lächelt müde über diesen Sarkasmus, während er die Pistole nimmt]: Sie nützt mir nichts, sie ist nicht geladen. [Er grinst die Pistole höhnisch an und schiebt sie verachtungsvoll in seine Revolvertasche.]

Raina: So laden Sie sie meinetwegen!

Der Flüchtling: Ich habe keine Munition. Was nützen einem in der Schlacht Patronen? Ich führe statt dessen immer Schokolade mit und habe schon vor Stunden mein letztes Stück verzehrt.

Raina [in ihren heiligsten Vorstellungen von Männlichkeit verletzt]: Schokolade? Sie stopfen Ihre Taschen mit Süßigkeiten voll wie ein Schuljunge, selbst auf dem Schlachtfeld?

Der Flüchtling [hungrig]: Ich wollte, ich hätte jetzt welche. [Raina starrt ihn an, unfähig ihre Gefühle zu äußern; dann läuft sie zu der Kommode und eilt, die Bonbonniere in den Händen, mit spöttischer Miene zurück.]

Raina: Erlauben Sie. Ich bedaure, alles aufgegessen zu haben bis auf diese Pralinébonbons. [Sie bietet ihm die Schachtel an.]

Der Flüchtling [heißhungrig]: Sie sind ein Engel. [Er verschlingt die Süßigkeiten]: Pralinés--köstlich! [Er überzeugt sich ängstlich, ob noch mehr davon da sind; es waren die letzten.]

[Er fügt sich mit pathetischem Humor in das Unvermeidliche und sagt mit dankbarer Rührung]: Gott segne Sie, teuerstes Fräulein.--Sie können einen alten Soldaten immer an dem Inhalt seiner Sattel- und Patronentaschen beurteilen. Die jungen führen Pistolen und Patronen mit, die alten--Futter. Ich danke Ihnen. [Er gibt ihr die Schachtel zurück, sie reißt sie ihm verachtungsvoll aus der Hand und wirft sie fort. Er schrickt wieder zusammen, als wenn sie ihn hätte schlagen wollen.] Hu! Ich beschwöre Sie, machen Sie nicht alles so heftig und plötzlich, gnädiges Fräulein; es ist nicht schön, sich jetzt dafür zu rächen, daß ich Sie vorhin erschreckt habe.

Raina [stolz]: Mich erschreckt! Wissen Sie, daß mein Herz, obwohl ich nur ein Mädchen bin, mindestens ebenso mutig schlägt wie das Ihre!?

Der Flüchtling: Das will ich meinen. Sie haben auch nicht drei Tage lang im Feuer gestanden wie ich. Zwei Tage kann ich das aushalten, ohne daß es mir viel ausmacht, aber kein Mensch hält es drei Tage lang aus. Ich bin jetzt so nervös wie eine Maus. [Er setzt sich auf die Ottomane und stützt den Kopf in die Hand.] Möchten Sie mich weinen sehen?

Raina [bestürzt]: Nein!

Der Flüchtling: Wenn Sie das wollen, brauchen Sie mich nur auszuschelten als ob ich ein kleiner Bub wäre und Sie das Kindermädchen. Wenn ich jetzt im Lager wäre, würde man allerhand Spaß mit mir treiben.

Raina [ein wenig gerührt]: Sie tun mir leid, ich werde Sie nicht ausschelten. [Von dem Mitgefühl in ihrer Stimme ergriffen, hebt er den Kopf und blickt dankbar zu ihr auf. Sie wendet sich sofort von ihm weg und sagt steif:] Sie müssen mich entschuldigen, UNSERE Soldaten sind eben ganz anders. [Sie geht von der Ottomane fort.]

Der Flüchtling: O nein, ganz ebenso! Es gibt überhaupt nur zweierlei Arten Soldaten; junge und alte. Ich diene seit vierzehn Jahren; die Hälfte von Ihren Leuten hatte bisher noch kein Pulver gerochen!

Nun, wie kommt es, daß sie uns eben geschlagen haben? Nur infolge gänzlicher Unkenntnis der Kriegskunst, durch nichts weiter. [Verachtungsvoll:] Ich habe nie einen größeren Mangel an Berufskenntnis gesehen!

Raina [ironisch]: Oh, war es Mangel an Berufskenntnis, Sie zu schlagen?

Der Flüchtling: So hören Sie! Halten Sie es für militärisch, ein Kavallerieregiment einer Schnellfeuerbatterie entgegenzuwerfen mit der Gewißheit, daß, falls die Kanonen losgehen, weder Pferd noch Mann jemals der Batterie auf fünfzig Meter nahe kommen? Ich traute meinen Augen kaum, als ich den Blödsinn sah.

Raina [wendet sich freudig zu ihm, erregt, weil ihr Enthusiasmus und ihre Ruhmesträume sie wieder überkommen]: Haben Sie die große Kavallerieattacke gesehen? Oh, erzählen Sie mir davon, beschreiben Sie sie mir.

Der Flüchtling: Sie haben noch niemals eine Kavallerieattacke gesehen, nicht wahr?

Raina: Wie sollte ich!

Der Flüchtling: Natürlich, woher auch! Na, es ist ein spaßhafter Anblick. Gerade, als ob man eine Handvoll Erbsen gegen eine Fensterscheibe schleuderte. Erst kommt einer, dann zwei oder drei dicht hinterher, und dann in einer Reihe die ganze Rotte.

Raina [mit weiten Augen, erbebt sich, während sie die Hände begeistert zusammenschlägt]: Ja, zuerst ein einziger, der Tapferste der Tapferen!

Der Flüchtling [prosaisch]: Na, Sie sollten sehen, wie der arme Teufel versucht sein Pferd zurückzuhalten.

Raina: Warum sollte er sein Pferd zurückhalten?

Der Flüchtling [ungeduldig über die dumme Frage]: Na, weil es doch mit ihm durchgeht, natürlich. Glauben Sie, daß der Bursche Lust hat, als Erster anzukommen, um so vor allen andern getötet zu werden? Dann kommen die übrigen heran. Alle. Sie können die Jungen an ihrer Wildheit und Schneidigkeit erkennen, die Alten kommen in geschlossenen Haufen daher, sie wissen, daß sie nur Kanonenfutter sind und daß es keinen Zweck hat, einen Kampf zu versuchen. Die meisten Wunden sind gebrochene Kniescheiben infolge des Zusammenprallens der Pferde.

Raina: Schrecklich! Aber ich glaube nicht, daß der erste Reiter ein Feigling ist--ich glaube, er ist ein Held.

Der Flüchtling [gutmütig]: Das würden Sie auch gesagt haben, wenn Sie HEUTE den ersten Reiter bei der Attacke gesehen hätten!!

Raina [atemlos, ihm alles verzeihend]: Ah, ich wußte es! Erzählen Sie, erzählen Sie mir von ihm!

Der Flüchtling: Er benahm sich wie ein Operettentenor--ein wohlgebauter, hübscher Bursche mit sprühenden Augen und prachtvollem Schnurrbart, der sein Hurra brüllte und angriff wie Don Quijote die Windmühlen. Wir haben uns über ihn halbtot gelacht! Als aber der Feldwebel gelaufen kam, bleich wie der Tod, und uns sagte, daß wir aus Versehen die falschen Patronen bekommen hätten und daß wir für die nächsten zehn Minuten keinen Schuß abgeben könnten, da ist uns das Lachen vergangen! Mir war nie so schlecht in meinem ganzen Leben, obwohl ich schon in mancher bösen Lage gewesen bin. Ich hatte nicht einmal eine Revolverpatrone, nichts als Schokolade, nicht einmal Bajonette hatten wir--nichts. Natürlich haben sie uns in Stücke gehauen, und da kam dieser Don Quijote wie ein Tambourmajor herangestürmt und glaubte, das Klügste von der Welt getan zu haben, statt dessen verdiente er, dafür vor das Kriegsgericht gestellt zu werden. Von allen Narren, die jemals auf einem Schlachtfelde losgelassen worden sind, muß das der schlimmste sein! Er und sein Regiment begingen einfach einen Selbstmord, nur ging die Pistole nicht los, das war alles.

Raina [aufs tiefste verletzt, doch standhaft ihren Idealen treu]: Wahrhaftig! Würden Sie ihn wiedererkennen, wenn Sie ihn sähen?

Der Flüchtling: Werde ich ihn je vergessen können! [Sie geht wieder zur Kommode, er beobachtet sie mit schüchternen Hoffnungen, daß sie vielleicht noch etwas für ihn zu essen habe. Sie nimmt das Bild von der Kommode und bringt es ihm.]

Raina: Das ist die Photographie jenes Reiters--des Patrioten und Helden, dem ich verlobt bin.

Der Flüchtling [das Bild mit Entsetzen erkennend]: Es tut mir wirklich sehr leid,,, [Sieht sie an.] War das recht, mich so aufs Glatteis zu führen? [Blickt wieder auf das Bild.] Ja, das ist er ohne Zweifel. [Er unterdrückt ein Lachen.]

Raina [rasch]: Warum lachen Sie?

Der Flüchtling [beschämt, aber immer noch sehr belustigt]: Ich versichere Ihnen--ich habe nicht gelacht--, zumindest hatte ich nicht die Absicht. Aber wenn ich an ihn denke, wie er die Windmühlen stürmte und dabei glaubte, die schönste Tat von der Welt zu vollbringen! [Er schüttelt sich vor unterdrücktem Lachen.]

Raina [strenge]: Geben Sie mir das Bild zurück!

Der Flüchtling [mit aufrichtiger Reue]: Hier, bitte. Verzeihen Sie! Es tut mir wirklich furchtbar leid. [Sie küßt das Bild bedachtsam und sieht dem Flüchtling gerade ins Gesicht, bevor sie es auf die Kommode zurückstellt. Er folgt ihr, sich entschuldigend]: Wissen Sie, ich tu' ihm vielleicht sehr unrecht, sogar ganz gewiß. Höchstwahrscheinlich hat er von der Munitionsgeschichte irgendwo Wind bekommen und wußte, daß es eine gefahrlose Sache war.

Raina: Das soll heißen, daß er ein Aufschneider und ein Feigling ist. Vorhin haben Sie das wenigstens nicht zu sagen gewagt.

Der Flüchtling [mit einer komiscben Verzweiflungsgeste]: Ich bemühe mich umsonst, verehrtes Fräulein, es gelingt mir nicht, Ihnen die Sache vom berufsmäßigen Standpunkt aus zu zeigen. [Als er sich umwendet, um zur Ottomane zu geben, wird neuerdings aus der Ferne Gewehrfeuer vernehmbar]:

Raina [strenge, als sie bemerkt, wie er auf die Schüsse horcht]: Desto besser für Sie.

Der Flüchtling [sich umwendend]: Wie meinen Sie das?

Raina: Sie sind mein Feind und in meiner Gewalt--was würde ich zu tun haben vom berufsmäßigen Standpunkt aus?

Der Flüchtling: Ah, das ist wahr! Verehrtes Fräulein, Sie haben immer recht. Ich weiß, was Sie für mich getan haben und was ich Ihnen verdanke. Bis zu meiner letzten Stunde werde ich der drei Pralinés gedenken. Es war unmilitärisch, aber wie engelsgut von Ihnen!

Raina [kalt]: Ich danke Ihnen, aber nun will ich mich militärisch benehmen. Sie können nicht hierbleiben, nach dem, was Sie über meinen zukünftigen Gatten gesagt haben, aber ich will auf den Balkon gehen und nachsehen, ob Sie jetzt vollkommen gefahrlos auf die Straße hinunterklettern können. [Sie geht an das Fenster.]

Der Flüchtling [seine Miene verändert sich]: Diese Wasserrinne hinunter? Halten Sie ein, das kann ich nicht, das mag ich nicht! --der bloße Gedanke daran macht mich schon schwindlig. Ich kam leicht genug herauf mit dem Tode auf den Fersen, aber das jetzt kalten Blutes riskieren...! [Er sinkt auf die Ottomane.] Es ist umsonst, ich bin besiegt, ich gebe den Kampf auf, ich bin verloren--Sie können jetzt Lärm schlagen! [Er stützt den Kopf todestraurig in die Hände.]

Raina [von Mitleid entwaffnet]: Gehen Sie, verlieren Sie nicht den Mut. [Sie beugt sich beinahe mütterlich über ihn, er schüttelt den Kopf.] Oh, Sie sind ein recht kläglicher Krieger, ein Pralinésoldat. Gehen Sie, fassen Sie sich. Es gehört weniger Mut dazu, da hinunterzuklettern als der Gefangenschaft ins Auge zu sehen--bedenken Sie das.

Der Flüchtling [schläfrig, von ihrer Stimme eingewiegt]: Nein, Gefangenschaft bedeutet nur Tod, und Tod ist Schlaf.--Oh schlafen, schlafen, schlafen, ungestört schlafen...Die Dachrinne hinabklettern heißt, etwas unternehmen, sich anstrengen, denken! Zehnmal lieber den Tod!

Raina [leise und verwundert, in seinen schläfrigen Ton verfallend]: Sind Sie so schläfrig?

Der Flüchtling: Ich habe keine zwei Stunden ungestört geschlafen, seit ich zur Truppe eingerückt bin. Ich war im Generalstab. Sie wissen nicht, was das heißt: ich habe seit achtundvierzig Stunden kein Auge geschlossen.

Raina [am Ende ihrer Weisheit]: Aber was soll ich mit Ihnen anfangen?

Der Flüchtling [fährt taumelnd auf, von ihrer Verzweiflung aufgestachelt]: Natürlich, ich muß etwas tun. [Er schüttelt sich, rafft sich zusammen und spricht mit wiedergewonnener Kraft und Mut:] Sehen Sie, schläfrig oder nicht schläfrig, hungrig oder nicht hungrig, müde oder nicht müde--man kann eine Sache immer tun, wenn man weiß, daß sie getan werden muß. Gut denn, die Dachrinne muß hinabgeklettert werden. [Er schlägt sich mit der Faust an die Brust]: Hörst du das, du Pralinésoldat?! [Er geht an das Fenster.]

Raina [ängstlich]: Aber wenn Sie stürzen?

Der Flüchtling: Dann werde ich schlafen, als ob das Pflaster ein Federbett wäre. Leben Sie wohl. [Er tritt kühn an das Fenster und legt seine Hand an den Laden, da ertönt unten auf der Straße wieder eine entsetzliche Salve.]

Raina [zu ihm eilend]: Bleiben Sie! [Sie erfaßt ihn ohne Bedenken und reißt ihn zurück.] Man wird Sie töten.

Der Flüchtling [kühl, aber aufmerksam]: Das macht nichts und gehört eben zu meinem täglichen Beruf; ich muß es riskieren. [Entschlossen]: Nun tun Sie, was ich Ihnen sage: löschen Sie die Kerzen aus, damit man das Licht nicht sehen kann, wenn ich die Läden öffne, und halten Sie sich ja vom Fenster fern, was immer auch geschehen mag. Wenn die mich sehen, werden sie sicher nach mir schießen.

Raina [sich an ihn hängend]: Sie werden Sie ganz sicher sehen, der Mond scheint hell. Ich will Sie retten,,, Oh, wie können Sie nur so gleichgültig sein! Sie wollen doch, daß ich Sie retten soll, nicht wahr?

Der Flüchtling: Ich möchte Sie wirklich nicht länger stören. [Sie schüttelt ihn in ihrer Ungeduld]: Ich bin durchaus nicht gleichgültig gegen den Tod, verehrtes Fräulein, glauben Sie mir, aber was soll ich sonst anfangen?

Raina: Vor allem kommen Sie doch vom Fenster fort, ich bitte Sie. [Sie schmeichelt ihn in die Mitte des Zimmers zurück, er ergibt sich unterwürfig darein; sie läßt ihn frei und spricht gönnerhaft zu ihm]: Hören Sie, Sie müssen unserer Gastfreundschaft vertrauen; Sie wissen noch nicht, in wessen Haus Sie sich befinden--ich bin eine Petkoff.

Der Flüchtling [naiv]: Was ist das?

Raina [etwas entrüstet]: Ich meine, daß ich der Familie Petkoff angehöre, der reichsten und angesehensten unseres Landes.

Der Flüchtling: O ja, natürlich! Entschuldigen Sie--die Petkoffs! freilich! Wie dumm von mir!

Raina: Sie wissen ganz gut, daß Sie bis zu dieser Minute den Namen nie gehört haben! Wie können Sie sich dazu erniedrigen, so zu tun, als ob er Ihnen bekannt vorkäme?

Der Flüchtling: Verzeihen Sie, ich bin zu müde, um zu denken, und der Wechsel des Gesprächsthemas war zuviel für mich; zanken Sie mich nicht aus.

Raina: Ich vergaß--Sie könnten zu weinen anfangen. [Er nickt ganz ernst, sie schmollt und fährt dann in gönnerhaftem Tone fort]: Ich will Ihnen bloß sagen, daß mein Vater den höchsten Befehlshaberposten in unserer Armee bekleidet, den irgend ein Bulgare innehat. [Stolz]: Er ist Major!

Der Flüchtling [tut, als ob das einen tiefen Eindruck auf ihn machte]: Major? Du lieber Himmel! Denken Sie nur!

Raina: Sie haben große Ortsunkenntnis bewiesen, indem Sie es für nötig hielten, am Balkon heraufzuklettern, weil unser Haus das einzige Privathaus ist, das zwei Reihen Fenster hat. Es ist eine Treppe im Flur, auf der man hinauf und hinunter kann.

Der Flüchtling: Eine Treppe? Wie großartig! Sie sind aber von ungewöhnlichem Luxus umgeben, verehrtes Fräulein.

Raina: Wissen Sie, was eine Bibliothek ist?

Der Flüchtling: Eine Bibliothek? Ein Zimmer voll Bücher?

Raina: Ja, wir haben ein solches, das einzige in ganz Bulgarien.

Der Flüchtling: Wahrhaftig? Ein wirkliches Bibliothekzimmer? Das möchte ich aber gerne sehen.

Raina [geziert]: Ich sage Ihnen diese Dinge bloß, um Ihnen zu zeigen, daß Sie bei zivilisierten Leuten sind, nicht im Hause von ungebildeten Bauern, die Sie töten würden, sobald sie Ihre serbische Uniform gewahrten. Wir gehen jedes Jahr zur Opernsaison nach Bukarest, und ich habe schon einen ganzen Monat in Wien zugebracht.

Der Flüchtling: Das habe ich bemerkt, gnädiges Fräulein; ich habe sofort gesehen, daß Sie die Welt kennen.

Raina: Haben Sie jemals die Oper Hernani gehört?

Der Flüchtling: Ist das die, in der ein Soldatenchor und ein Teufel in rotem Samt vorkommt?

Raina [verachtungsvoll]: Nein.

Der Flüchtling [einen tiefen Müdigkeitsseufzer unterdrückend]: Dann kenne ich die Oper nicht.

Raina: Ich dachte, Sie würden sich vielleicht an die große Szene erinnern, in der Hernani auf der Flucht vor seinen Feinden--gerade so wie Sie heute nacht--in das Schloß seines erbittertsten Gegners, eines alten kastilianischen Granden, flüchtet! Der Edelmann verweigert seine Auslieferung, sein Gast ist ihm heilig!

Der Flüchtling [rasch, wacht wieder etwas auf]: Sind Ihre Angehörigen auch dieser Ansicht?

Raina [mit Würde]: Meine Mutter und ich, wir verstehen diese "Ansicht", wie Sie sich ausdrücken, und wenn Sie, statt mich mit Ihrer Pistole zu bedrohen, sich einfach als Flüchtling unserer Gastfreundschaft anvertraut hätten, Sie wären sicher gewesen wie in Ihrem Vaterhaus.

Der Flüchtling: Ganz gewiß?

Raina [kehrt ihm angewidert den Rücken]: Oh, es ist verlorene Mühe, Ihnen etwas begreiflich machen zu wollen!

Der Flüchtling: Bitte, seien Sie nicht böse, Sie können sich denken, wie schlimm es für mich wäre, wenn da ein Irrtum vorläge. Mein Vater ist ein sehr gastfreundlicher Mann, er hat sechs Hotels, aber ich könnte ihm nicht so weit vertrauen. Wie ist es mit Ihrem Herrn Vater?

Raina: Er ist fort, in Slivnitza, um für sein Vaterland zu kämpfen. Ich bürge für Ihre Sicherheit. Hier meine Hand darauf. Wird Sie das beruhigen? [Sie bietet ihm ihre Hand.]

Der Flüchtling [sieht seine eigene Hand zweifelhaft an]: Es ist besser, wenn Sie meine Hand nicht berühren, verehrtes Fräulein, ich muß mich erst waschen.

Raina [gerührt]: Das ist nett von Ihnen. Ich sehe, Sie sind ein Gentleman.

Der Flüchtling [verwundert]: Wieso?

Raina: Sie dürfen nicht glauben, daß ich überrascht bin--die Bulgaren aus besseren Kreisen, Leute in unserer Stellung zum Beispiel, waschen sich auch fast täglich die Hände--aber ich schätze Ihr Zartgefühl, Sie dürfen meine Hand nehmen. [Bietet ihm abermals die Hand.]

Der Flüchtling [küßt ihr die Hand, seine Hände auf dem Rücken]: Ich danke Ihnen, mein liebenswürdiges Fräulein. Endlich fühle ich mich geborgen. Bitte, wollen Sie so gut sein und Ihre Frau Mutter von meiner Anwesenheit bald benachrichtigen; es würde sich nicht schicken, wenn ich hier länger als nötig im geheimen verweilte.

Raina: Wenn Sie sich ganz ruhig verhalten wollen, während ich weg bin.

Der Flüchtling: Gewiß. [Er setzt sich auf die Ottomane, Raina geht an das Bett, holt ihren Pelzmantel und wirft ihn um. Ihm fallen die Augen zu, sie geht zur Tür, wirft einen letzten Blick nach ihm hin und sieht, daß er im Begriff ist, einzuschlafen.]

Raina [an der Tür]: Sie werden jetzt doch nicht etwa einschlafen? [Er murmelt unartikulierte Laute, sie läuft zu ihm hin und schüttelt ihn.] Hören Sie? So wachen Sie doch auf--Sie schlafen ja ein!

Der Flüchtling: Was, ich schlafe ein? O nein, nicht im geringsten--ich habe nur nachgedacht,,, es ist schon gut--ich bin ganz wach.

Raina [strenge]: Wollen Sie so gut sein, stehen zu bleiben, während ich weg bin--ja? [Er erhebt sich widerwillig]: Die ganze Zeit über, verstanden!

Der Flüchtling [unruhig wankend]: Gewiß, gewiß, Sie können sich darauf verlassen. [Raina sieht ihn ungläubig an, er lächelt matt, sie geht zögernd zur Tür, wo sie sich umwendet, und ihn fast beim Gähnen ertappt. Sie geht ab.]

Der Flüchtling [schlaftrunken]: Schlafen, schlafen, schlafen, schlafen, schla,,,--[Die Worte gehen in ein Murmeln über, er rafft sich wieder auf, im Begriff umzufallen.] Wo bin ich? Das möchte ich gerne wissen,,, ich muß wach bleiben,,, nichts hält mich aber wach außer Gefahr, bedenke das--[Nachdrücklich]: Gefahr, Gefahr, Gefahr, Gef...--[Knickt wieder zusammen, rüttelt sich abermals auf.] Wo ist Gefahr? Das muß ich ausfindig machen,,, [Er geht unsicher umher, als wenn er nach Gefahr suchte.] Was suche ich da?,,, Schlaf--Gefahr--ich weiß es nicht. [Er strauchelt gegen das Bett zu.] Ach ja, nun weiß ich's,,, alles ist in Ordnung, ich soll zu Bett gehen--aber nicht schlafen--ganz bestimmt nicht schlafen,,, wegen der Gefahr. Auch nicht niederlegen, nur niedersetzen. [Er setzt sich auf das Bett, sein Gesicht nimmt einen glücklichen Ausdruck an]: Ah,,,[Mit einem freudigen Seufzer sinkt er der Länge nach zurück, hebt mit einer letzten Anstrengung seine gestiefelten Beine ins Bett und fällt sofort in tiefen Schlaf.]

[Katharina tritt ein, Raina folgt ihr.]

Raina [auf die Ottomane blickend]: Er ist fort, hier verließ ich ihn.

Katharina: Hier? Dann muß er hinuntergeklettert sein vom-Raina [ihn erblickend]: Oh! [Sie zeigt auf ihn.]

Katharina [empört]: Ah! [Sie geht mit großen Schritten auf das Bett zu, Raina folgt ihr und bleibt ihr gegenüber auf der andern Seite des Bettes stehen.]Er ist fest eingeschlafen, dieser Unmensch!

Raina [ängstlich]: Scht!

Katharina [ihn schüttelnd]: Herr! [Ihn noch heftiger schüttelnd:] Herr!! [Ihn außerordentlich stark schüttelnd:] Herr!!!

Raina [fällt ihr in den Arm]: Nicht, Mama, der arme Mann ist ganz erschöpft, laß ihn schlafen.

Katharina [läßt ihn los und wendet sich erstaunt zu Raina]: Der arme Mann! Raina! [Sieht ihre Tochter starr an, der Flüchtling schläft fest.]

[Vorhang]

ZWEITER AKT

[Am 6. März 1886. In dem frischen hübschen Garten von Major Petkoffs Haus an einem schönen Frühlingsmorgen. Hinter dem Zaun tauchen die Spitzen von zwei Minaretts auf, die Wahrzeichen einer kleinen Stadt im Tal. Ein paar Meilen davon entfernt erheben sich die Balkanberge und umschließen die Landschaft. Wenn man vom Garten zu ihnen hinüberblickt, liegt zur Linken die Seite des Hauses, aus der eine kleine Tür mit Stufen davor in den Garten führt. Rechts schneidet der Stallhof mit seinem Torweg in den Garten ein. Den Zaun und das Haus entlang stehen Beerensträucher, die mit zum Trocknen ausgespannter Wäsche behängt sind. Ein kleiner Weg führt an dem Hause vorbei; er führt zwei Stufen empor an die Ecke und verliert sich dann.--In der Mitte ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen aus gebogenem Holz. Auf dem Tisch steht das Frühstück, eine türkische Kaffeekanne, Kaffeetassen und Brötchen usw. Die Schalen wurden schon gebraucht, und das Brot ist angebrochen.--An der Mauer zur Rechten steht eine hölzerne Gartenbank.

Louka steht, eine Zigarette rauchend, zwischen Tisch und Haus und kehrt mit zorniger Verachtung einem männlichen Dienstboten den Rücken, der ihr eben eine Strafpredigt hält. Es ist ein Mann in den besten Jahren, phlegmatisch und von niedriger, aber klarer und rascher Intelligenz. Er hat die Selbstgefälligkeit eines Dieners, der seine Dienste hoch einschätzt, und den unerschütterlichen Gleichmut eines kalt berechnenden Menschen ohne Illusionen. Er trägt weiße bulgarische Tracht, eine Jacke mit bunten Borten, weite Pumphosen, Schärpe und verzierte Gamaschen. Sein Kopf ist bis an den Scheitel glattrasiert, was ihm eine hohe japanische Stirne gibt. Sein Name ist Nicola.]

Nicola: Laß dich rechtzeitig warnen, Louka, ändere dein Benehmen. Ich kenne unsere Gnädige. Sie ist zu selbstbewußt, um sich jemals träumen zu lassen, daß eine Dienerin es wagen könnte, ihr gegenüber respektlos zu sein. Aber laß sie nur einmal bemerken, daß du ihr Trotz bietest, und du fliegst hinaus.

Louka: Ich trotze ihr doch; ich will ihr trotzen--was liegt mir daran?

Nicola: Wenn du mit der Herrschaft Streit bekommst, kann ich dich niemals heiraten; es ist genau so, als ob du dich mit mir nicht vertragen würdest.

Louka: Du nimmst also ihre Partei gegen mich?

Nicola [gelassen]: Ich werde immer von der Gnade unserer Herrschaft abhängig sein. Wenn ich den Dienst verlasse, um einen Laden in Sofia aufzumachen, dann wird ihre Kundschaft mein halbes Kapital bedeuten. Ein böses Wort von ihnen könnte mich zugrunde richten.

Louka: Du hast eben keine Kurage! Ich möchte sehen, ob sie sich unterstehen würden, über mich ein böses Wort zu sagen!

Nicola [mitleidig]: Ich hätte dich für gescheiter gehalten, Louka, aber du bist eben jung--noch sehr jung.

