# Gockel, Hinkel und Gackeleia

## Part 9

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"Eine Puppe kann nicht laufen, Man muß stäts herum sie schleppen, Diese rennt auf Flur und Treppen Jede Puppe über'n Haufen. Eine Puppe kann nicht hören, Diese hier ist leicht zu stören, Niemand hört sie, doch sie hört, Wenn ein Blumenblatt sich kehrt, Wenn ein Holzwurm leise pickt, Das Figürchen um sich blickt, Spitzt die Oehrchen und erschrickt; Und wenn gar die Katze maut, Schaudert ihr die zarte Haut, Bang ist ihr, es könnt' die Katze Halten sie für eine Ratze, Und sie hielt' mit einem Satze Sie in ihrer scharfen Tatze; Und gleich sucht sie eine Ecke, Daß sie sich darin verstecke. Keine Puppe, so thut nur Eine schöne Kunstfigur, Die trotz Uhr und die trotz Schnur Ist ein Mäuschen von Natur; Darum bitt' ich um die Güte, Daß man sie vor Katzen hüte."

Da sprach Gackeleia:

"Ach ich hüt' mich schon davor, Vater schrieb mir's hinter's Ohr!"

Der Alte fuhr fort:

"Eine Puppe kann nicht essen, Die Figur hat's nie vergessen, Ißt zu der bestimmten Stund' immer sich hübsch satt und rund; Braungebackne Semmelrinde Knuppert sie gern ab geschwinde, Könnte auch nach ihrem Magen Speck und Schinken wohl vertragen, Was sie aber niemals that, Denn sie ist zu delikat, Daß des Morgenlands Gesetze Sie durch solche Kost verletze, Drum lass' ich steinharten Kuchen Sie belohnend oft versuchen. Andern gönnt sie stäts das Beste, Und sich selbst läßt sie die Reste, Was so übrig ist geblieben, Ganz demüthiglich belieben. Zuseh'n läßt sie sich nicht gerne, Wenn sie ißt, sonst wär's gar leicht, Daß man menschlich essen lerne Und nicht mehr den Thieren gleicht.-- Ja ich zweifle, ob Comtessen Jemals zierlicher gegessen."

Bei diesen Worten des Alten hob Gackeleia ihr Köpfchen mit einigem Selbstgefühl in die Höhe, denn sie wußte wohl, daß sie eine Comtesse sey, und daß sie sehr anständig nach den Tischregeln zu essen gelernt hatte; ja sie bildete sich etwas darauf ein; daher sprach sie zu dem Alten etwas in verweisendem Tone:

"Wie Comtessen essen, weiß ich, Denn ich übe mich gar fleißig. Die Erzmundwischmeisterin, Comteß Torschon de Popin, Lehrte mich, wie stäts bei Tische Jeder anders, ländlich, sittlich, Appe--und unappetitlich, Standsgemäß das Maul sich wische. Denk', die große Lektion Vom Maulwischrecht kann ich schon; Als ich mit Gefühlsbetonung Sie bei Hof hab' deklamirt, Wischt' die Königin, gerührt, Mir das Mäulchen zur Belohnung."

Dann wendete sich Gackeleia gegen die Puppe und erzählte ihr, was ihr vom anständigen Betragen bei Tisch gelehrt worden war:

"Hör'--nicht Puppe, sondern nur Allerschönste Kunstfigur Nach der Uhr und nach der Schnur Und du Mäuschen von Natur! Hör', was sittlich und dezent Nach dem Tischzuchtreglement, Alles, Alles sag ich dir. Meine Meist'rin sprach zu mir: "Alle Prinzen und Prinzessen, Alle Grafen und Comtessen, Alle Junker, alle Fräulchen Wischen sich so Mund als Mäulchen, Dupse-Däumchen, Fingerlein An der Serviette rein. O Comtesse, nie vergesse, Wie ein Kind von deinem Adel Mit Delikatesse esse-- Gackeleia ohne Tadel! Schluck' nicht große Brocken ein, Spuck' hübsch aus die Pflaumenstein'; Alles esse mit Manier, Ohne Trägheit, ohne Gier, Doch mit angeborner Zier; Prüfe, ordne jeden Bissen Recht mit zartestem Gewissen, Ja mit feinem Skrupel schier. Schiebe mit der Gabelspitze Zierlich Alles, was nichts nütze, Nicht an Reinheit ebenbürtig, Nicht an Feinheit speisewürdig, Daß du's über's Herzchen bringst Und in's Mägelchen verschlingst, Zähe Adern, harte Flechsen, Harte Fasern von Gewächsen, Schiebe solche Dingerchen Leis auf deines Tellers Rand, Heb' das kleine Fingerchen Fein dabei an rechter Hand, O, das steht dir ganz scharmant! Niemals hör' ein Mensch dich schmatzen Wie die Teller-Lecker-Katzen, Die unehrbar unter'm Tisch Hörbar fressen Fleisch und Fisch. Nein, mit stäts geschloss'nen Lippen Mußt du knuppern, und bei'm Trinken Läßt du sanft die Aeuglein sinken, Mußt du wie ein Vöglein nippen. Wie man leckt und schmeckt und kaut, Werde nie durch einen Laut Irgendjemand anvertraut, Eben so, wie man verdaut-- Alles still, gleich wie es thaut. Gar Nichts lass' zu Grunde geh'n, Was nicht soll zum Munde geh'n, Jedes Krümchen noch so klein, Streue aus den Vögelein!"

Gackeleia hatte ihre Lektion hergesagt und erwartete eine Antwort von der Puppe, indem sie fortfuhr:

"Wie ich esse sagt' ich dir, Wie du ißt, auch sage mir, O! du Puppe, o du nur Eine schöne Kunstfigur Nach der Uhr und nach der Schnur Und ein Mäuschen von Natur!"

So plauderte Gackeleia mit der Puppe, welche mit Kopf und Aermchen in der Hand des Alten wackelte. Der Alte aber sagte: "Comtesse Gackeleia, sie wird es Ihnen nicht sagen, Sie sollen sie auch nicht fragen, ich habe es nie gewagt; es giebt Geheimnisse im kunstfigürlichen Herzen, es ist gefährlich da eindringen zu wollen nach den Worten des großen Abulfeda:

"In's Inn're der Natur dringt kein erschaffner Geist, Zu glücklich, wem sie nur die äußre Schaale weis't. Zum Kern der Kunstfigur, zu wissen wie sie speis't, Dringt jener Frevler nur, den in die Nas' sie beißt."

"Sehen kann man es nicht, aber hören sollen Sie es gleich!"-"Hören?" sagte Gackeleia, "sie schmatzt doch nicht, das wäre nicht artig! "--"Geduld," sagte der Alte, "geben mir das Comteßchen ihr Körbchen, haben Sie nichts zu naschen?"--"O ja", sagte Gackeleia, "da sind Knackmandeln von Jungfer Widder, der Schuljungfer, sie hat sie nach ihrem Bräutigam geworfen, und Prinz Kronovus hat sie aufgelesen und mir geschenkt."-"Herrlich," sagte der Alte, "aber eine ist genug," und er that die Figur in den Korb und die Knackmandel dazu und den Deckel darüber, und nun stellte er den Korb dicht ans Gartengitter und sagte: "Jetzt horchen Sie, wie die Kunstfigur krustilliret. "-Gackeleia hielt das Ohr an den Korb und hörte die Kunstfigur bald so artig mit den Zähnchen knuppern, daß sie freudig ausrief:

"Knupper, Knupper Kneischen, Du knupperst ja im Häuschen, O du schöne Kunstfigur! Wie ein Mäuschen von Natur."

Dann nahm der Alte die Kunstfigur wieder heraus, zog das Uhrwerk auf und sagte: "Jetzt wird ihr zur Verdauung ein Spaziergang gesund seyn, sonst schläft sie uns ein:

Denn nach Tische soll man stehn, Oder tausend Schritte gehn, Sagt der würdige Galen."

Die Puppe aber wackelte mit Kopf und Händchen und da er sie an den Boden setzte, lief sie gar geschäftig am Gartengitter hin und her, nickte und winkte und stieß manchmal ans Gitter, weil sie durch wollte in den Garten, aber nicht konnte, denn die Oeffnungen waren nicht groß genug.

Gackeleia außer sich vor Freude rief. "ach sie winkt mir, sie winkt mir, sie möchte zu mir in den Garten--ach lieber alter Mann sage mir geschwind, was ich dir zu Gefallen thun soll, daß du mir die Kunstfigur giebst!"--Da steckte der Mann die Kunstfigur wieder in seinen Gürtel und sprach: "O Comteßchen! es ist nur eine Miniatur von einer Kleinigkeit von einer Bagatelle; ach! ich bin ein armer, betrübter, verlassener Mann, ich habe nicht Vater nicht Mutter, nicht Schwester nicht Bruder, nicht Kind nicht Rind, nicht Kuh und nicht Kalb, nicht ganz und nicht halb, mir fehlet Alles, was man nicht begehren darf, seines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Ochs, Esel und Alles, was sein ist, ach! ich habe selbst keine Puppe, sondern nur diese schöne Kunstfigur nach der Uhr und nach der Schnur und ein Mäuschen von Natur; aber mein Kummer ist so groß, daß auch sie mich nicht trösten kann. Doch Sie können es, o Exzellenzchen, daß ich lustig werde wie ein Lämmerschwänzchen."

Nach diesen Worten fieng der wunderliche Alte so zu weinen und zu wimmern an, daß Gackeleia mit Thränen in den Augen zu ihm sprach: "ach weine nur nicht so, du armer Mann! ich will dir ja Alles thun, was dich trösten kann, wenn du mir die schöne Kunstfigur giebst; sage mir doch um Gotteswillen, was dich trösten kann."--Da erwiederte der Alte:

"Dein Vater hat ein Ringelein Mit einem grünen Edelstein, Der hat gar einen schönen Schein, Laß mich nur einmal sehn hinein, So werd ich gleich durch Mark und Bein Froh wie ein Lämmerschwänzchen seyn, Dann soll das Kunstfigürchen fein Zu dir ins Gärtchen gleich hinein; Es bleibt mit allen Kleidern sein O lieb Comteßchen! immer dein, Damit die Gackeleia klein Nicht so allein, allein, allein!"

"Ei!" sagte Gackeleia",den Ring kenne ich wohl, er hat auch mich manchmal schon fröhlich gemacht, wenn ich ihn ansehen durfte. Gehe nur ein bischen weg, gleich wird mein Vater in einer nahen Laube sein Mittagsschläfchen halten, da will ich den Ring schon auf ein Weilchen kriegen. Aber, daß du mir gleich wieder da bist, wenn ich den Ring bringe."

"Ganz gewiß", sagte der Alte, "ich will Ihnen die Kleider der Kunstfigur als ein Pfand gleich hier lassen, Sie können sie alle hübsch glatt streichen und in ihr Körbchen legen, sie sind an dem Schirm ein bischen aus der Façon gekommen." Da gab er ihr die Kleider und Kleinigkeiten, die er von dem Schirme ablöste, und verließ dann mit der Kunstfigur die kleine Gackeleia, die ihm immer nachrief "aber daß du nur auch ganz gewiß kömmst, der Ring soll dich recht anlachen!" "Ja, ja ganz gewiß", rief der Alte und verschwand hinter den Hecken. Gackeleia aber setzte sich in ihre Laube, musterte und ordnete alle Kleider der Puppe, und dachte schon, wie die kleine Gärtnerin bei ihr zwischen den Blumenbeeten herumlaufen würde, und konnte sich zum Voraus vor Freude gar nicht fassen.

Aber schnell bewahrte sie die Kleider in ihrem Korb, da sie den Vater Gockel auf seinem Stuhle in der Laube schnarchen hörte. Sie schlich hin, setzte sich zu seinen Füßen, hatte seine Hand in der ihrigen und sah in den grünen Stein des Ringes. Als sie nun den Stein berührte und vor sich sagte: "ach wenn ich den Ring nur leise von seinem Finger herunter hätte!" da that der Ring seine Wirkung. Gockel schlief fest und schnarchte, und der Ring fiel in das Händchen der Gackeleia, welche geschwind wie der Wind nach ihrem Gärtchen lief, wo der alte Mann vor Begierde nach dem Ring sein mageres Gesicht mit dem Barte schon wie ein alter Ziegenbock über das Gitter herüber streckte. Gackeleia hielt ihm den Ring entgegen und sprach: "die Kunstfigur her! die Kunstfigur her! sieh hier ist der Ring; aber ich gebe ihn nicht, bis du mir erkläret hast, wie man die Figur aufzieht und wie ich sonst mit ihr umgehen muß, damit sie mir nicht krank wird, und bis ich sie in den Händen habe, dann kannst du geschwind in den Ring gucken, denn ich muß ihn schnell in die Laube zurück bringen, ehe der Vater aufwacht."

Der Alte, der nach dem Ring noch gieriger hin sah, als das Kind nach der Puppe, nahm diese, steckte ihr das Schlüßelchen, welches sie anhängen hatte, in das Ohr und sagte: "Comteßchen! links müssen Sie leise drehen, bis Sie Widerstand fühlen, sonst könnte die Figur überschnappen. Sie müssen sich nicht wundern, daß man die Kunstfigur durch das Ohr aufzieht, man zieht ja auch die Kinder auf durch das Gehör. Man schraubt auch die Jugend auf und verschraubt sie eben so leicht, daß kein Uhrmacher mehr helfen kann, nur knarrt es ein bischen mehr bei der Kunstfigur. Aber ich hoffe, die Comtesse werden ihr dieses wegen anderer trefflicher Eigenschaften zu Gute halten. Wenn ich nun aufgezogen, knirr, knirr, knirr, nickt sie ein Weilchen gar lieblich mit dem Kopf und winkt mit den Händchen, ja läuft auch auf ebenem Boden, weil aber Berg und Thal zusammen kommen, so wird ihr das Laufen beschwerlich, und muß darum die Natur der Kunst zu Hülfe kommen, wie umgekehrt bei Menschen die Kunst der Natur oft nachhelfen muß. Was nun die Kunst dieser Figur betrifft, so lassen ihr die Comtesse, so sie harthörig würde, manchmal ein Tröpfchen Mandelöl ins andere Ohr laufen; dann geht sie wieder wie geschmiert. Was die Natur betrifft, habe ich schon gesagt, was sie gern ißt: braune Semmelrinde, auch hartes Zuckerbrod und Knackmandeln; ich rathe nicht zu vielen fetten Speisen, weil sie sich leicht dadurch ihre Garderobe beflecken könnte. Sie trinkt nicht viel, und setzt Comteßchen ihr alle Tage ihr Fingerhütchen voll Wasser in den Korb, ist es zum Trinken, Mundausspühlen und Waschen genug. In das Körbchen machen Sie ihr Bettchen, Sie brauchen sie nicht schlafen zu legen, sie legt sich von selbst. Morgens den Fingerhut und was zu knuppern, Mittags, Abends eben so. Die Kleiderchen halten Sie hübsch reinlich, und verbleichen sie, so lassen Sie sie färben. Hüten Sie sie vor Ungeziefer, besonders vor Spinnen und vor Allem vor Katzen. Ihre Stiefelchen und Tanzschuhe halten Sie besonders in Ordnung, denn sie hält viel darauf und hat Hühneraugen; darum bitte ich, ihr nicht auf die Füße zu treten; sie ist sehr empfindlich.--Hören Sie, um Sie ganz zu überzeugen, daß sie keine Puppe ist, will ich Ihnen ihr Stimmchen hören lassen." Da zwickte der Alte die Figur an der Spitze des Füßchens, und sie piepte wie ein Mäuschen, so daß Gackeleia laut aufschrie: "ach dem Klandestinchen nicht weh, weh thun!" der Alte aber sagte: "nicht wahr Comteßchen, schreien kann doch

Keine Puppe, sondern nur Eine schöne Kunstfigur Nach der Uhr und nach der Schnur Und ein Mäuschen von Natur."

"Gewiß", sagte Gackeleia und sprach diese Worte mit. Der Alte aber sagte noch: "Sie müssen ihr nicht beim Essen und Trinken zusehen; wenn sie heraus ist, lassen Sie sie ruhig laufen, aber nicht wo es ganz offen ist, sonst läuft sie Ihnen davon." Dann gab er die Puppe der Gackeleia, und sie gab ihm den Ring, mit dem er sich unter seinem Mantel verbarg, wo er ihn eifrig zu betrachten schien.

Gackeleia setzte die Puppe in dem Gärtchen nieder und tanzte voll Entzücken vor ihr her, die ihr überall artig nachschnurrte; Gackeleia patschte freudig in die kleinen Hände, der Alte aber patschte in seine großen Hände. "Ach!" rief ihm Gackeleia zu, "gelt, du hast dich in dem Ring schon recht lustig geguckt? O gieb ihn geschwind, geschwind zurück, ich höre den Vater schon in der Laube gähnen."-"O mir ist schon ganz fröhlich", sagte der Alte, "bald werde ich noch lustiger seyn!" Nun gab er ihr den Ring zurück und wünschte ihr mit einem häßlichen Gelächter viel Glück zu der schönen Kunstfigur, worauf er sich in das Gebüsch verlor.

Gackeleia hatte bereits alle Kleiderchen in ihr Körbchen gelegt, sie legte nun die Kunstfigur oben drauf und deckte den Deckel hübsch darüber. Das Körbchen am Arm lief sie schnell in die Laube und setzte sich zu den Füßen Gockels, der wieder eingeschlafen war, und leise, leise schob sie ihm den Ring wieder an den Finger. Es war ihr, als hätte sie einen Stein von dem Herzen.

Gackeleia saß nicht so lange zu den Füßen Gockels, als man braucht, um ein Ei zu sieden, da ertönte in der Ferne ein Oratorium von sechs Posthörnern von der Composition des Cospetto di Bacco, und von der berühmten Agatha Gaddi ward darin eine Fuge Solo gesungen nach den tiefsinnigen Worten des Königlich Gelnhausenischen General-Ober-Hofpostamts-Dichters, der, seinen Namen zu verschweigen, aus übertriebener Bescheidenheit allzufrüh mit Tod abgegangen ist:

"Fahr', fahr', fahr' auf der Post, Frag', frag', frag' nit, was's kost, Spann' mir sechs Schimmel ein, Ich will der Postknecht seyn, Fahr', fahr', fahr' auf der Post!"

Gleich erwachte Gockel und sprach: "ei, es ist schon vorgefahren, gut, daß du da bist Gackeleia, geschwind laß uns einsteigen, die Mutter sitzt gewiß schon in der Alamode-Barutsche, wir sind von Eifrasius auf die Eierburg zum Eiertanz eingeladen." "Ich habe es gewußt", sagte Gackeleia, "ich bin schon ganz geputzt und habe Alles bei mir. "--Da eilten sie vors Schloß, wo bereits Frau Hinkel breit in der Barutsche saß, die mit sechs Schimmeln bespannt war, auf welchen sechs Postillone das Oratorium bliesen. Die Signora Agatha Gaddi gieng, die Fuge Solo singend, mit einem Teller unter den versammelten Bäckern und Metzgern herum und nahm Heller und Pfennige ein, als sie aber Gockel kommen sah, legte sie ein variirtes Hahnengeschrei in ihre Partie ein, und Gockel warf ihr eine brilliantene Repetir-Uhr mit Schnupftabackdosen von Lava besetzt, worauf der Adler des Gesangs, den Ganymed des Gefühls zum Himmel hinreißend, in Stein gehauen war, in die Schürze, dabei rief er: "bravissimo! da capissimo! cito citissimo!"--hob Gackeleia in die Barutsche und sprang mit gleichen Beinen hinter ihr drein; Alles das zugleich, und die Postillone knallten ein Finale mit den Peitschen, und sie kamen gerade auf der Eierburg an, als die Signora ihren Danktriller geendet, der bis zum Pfarrthurm hinauf stieg. Wir haben es aus seinem Munde vernommen. --Das heiße ich mir gefahren!--Bei der Eierburg waren viele Menschen auf einer grünen Wiese versammelt, wo getanzt und gespielt wurde um Eier; denn es war Ostern, und das große Ordensfest des Ostereierordens. Man lief und sprang um die Wette nach aufgestellten Eiern, man warf mit Eiern nach Eiern, man stieß mit Eiern gegen Eier, und wessen Ei eingeknickt wurde, der hatte verloren. Die Kinder von ganz Gelnhausen suchten Eier, welche der große königliche geheime Oberhof-Osterhaas in versteckten Winkeln ins hohe Gras gelegt hatte; kurz die Freude war allgemein. Bei Gockels Ankunft war das Volk in einem weiten Kreis unter dem Baume versammelt, auf welchem die königlichen Hofmusikanten und die Gelnhausener Stadtpfeifer einen herrlichen Tanz aufspielten, nämlich den Eiertanz, den die königliche Familie mit der Raugräflichen in höchsteigener Person tanzen wollte. Auf einem köstlichen Teppich wurden hundert vergoldete Pfaueneier, immer zehn und zehn, in Reihen gelegt. Nun trat die Königin Eilegia zu Gockel und verband ihm die Augen mit einem seidenen Tuch, und er that ihr dasselbe; eben so verbanden der König Eifrasius und Frau Hinkel, und der Prinz Kronovus und Gackeleia sich die Augen und wurden nun von den Hofmarschällen auf den Eierteppich geführt, auf welchem sie mit den zierlichsten Schritten, Sprüngen und Wendungen zwischen den Eiern herumtanzen mußten, ohne auch nur Eines mit den Füßen zu berühren. Die Zuschauer sahen mit gespannter Aufmerksamkeit ganz stille zu, und bewunderten die erstaunliche Agilität der hohen Herrschaften.

Aber nicht weit davon in einem Gebüsche saßen ein paar alte Männer, die hatten keine Freude an dem Tanz und guckten mit unabgewendeten Augen nach dem Fußsteige, der aus der Stadt herlief, ob ihr Geselle, der dritte, nicht bald komme, und ehe sie sichs versahen, stand er mitten unter ihnen. "Hast du, hast du?" schrieen sie dem Neuangekommenen entgegen und machten Finger so spitz wie Krallen gegen seine festgeschlossene Faust, und er erwiederte: "Ja ich habe glücklich den Ring durch Gackeleia's Puppensucht ertappt, ich habe ihr einen ganz ähnlichen mit einem falschen grünen Glasstein gegeben, welchen Gockel jetzt am Finger hat. Jetzt können wir uns an ihm rächen, daß er uns bei dem Hahnenkauf betrogen und uns in die Wolfsgrube hat fallen lassen, wo wir elend verhungert wären, wenn uns die Bauern nicht herausgeholten hätten."

So sprachen die drei alten morgenländischen Petschierstecher, die Gockel hatten anführen wollen, und die er angeführt hatte. Sie hatten sich doch durch ihre List in den Besitz des Ringes gebracht und wollten jetzt gleich seine Wunderkraft versuchen. Sie faßten alle drei an den Ring und sprachen zu gleicher Zeit die Worte:

"Salomon du weiser König, Dem die Geister unterthänig, Mach' den Gockel wieder alt, Zumpig, lumpig, mißgestalt, Mach' Frau Hinkel wieder häßlich, Zänkisch, ränkisch, griesgram, gräßlich, Mach' die Gackeleia schmutzig, Ruppig, stuppig, zuppig, trutzig. Nehme ihnen Gut und Geld, Schloß und Roß und Hof und Feld, Jag' sie wieder Knall und Fall In den alten Hühnerstall. Aber uns drei Petschaftstechern, Bau' ein Haus mit goldnen Dächern, Mache uns zu Hofagenten, Hoffactoren, Consulenten, Rittern und Kommerzienräthen, Commissären und Propheten. Gieb uns Gold und Geld und Glanz, Stell' uns hoch in der Finanz, Mach' uns schön wie Davids Sohn, Den scharmanten Absalon, Mach' uns glücklich ganz enorm, Orden gieb und Uniform! Ringlein, Ringlein dreh' dich um, Mach' es schön, wir bitten drum.

Während sie so am Ring drehten, entstand lautes Murren und Lachen und Schimpfen unter dem versammelten Volk. "Ei, seht den alten Bettler, die alte schmutzige Bettlerin, das schmutzige freche Kind, nein das ist unverschämt; jagt sie fort, pratsch, pratsch, wie sie die Eier zertreten!"--und bald ward das Geschrei und Getümmel so allgemein, daß der König Eifrasius und die Königin Eilegia und der Prinz Kronovus ihre Binden von den Augen rissen, und wie erstaunten sie nicht, als sie den Raugrafen Gockel und die Frau Hinkel und Fräulein Gackeleia, die vorher so schön und jung, und prächtig gekleidet gewesen waren, in eine alte, häßliche, zerrissene Bettlerfamilie verwandelt sahen, welche alle Eier auf dem köstlichen Teppich zertreten hatten; auf ihr unwilliges Geschrei rissen nun auch diese Unglücklichen die Binden von den Augen, und fiengen an, bitterlich zu weinen und zu klagen über ihren verwandelten Zustand, denn sie erkannten sich kaum mehr wieder. Gockel griff nach seinem Ring Salomonis und drehte, aber der falsche verwechselte Ring vermochte nichts; da sah er den Ring an und erkannte, daß er ausgetauscht war, und schrie laut aus: "o weh mir! ich bin verloren, ich bin um den Ring betrogen!"

Er wollte eben dem König Eifrasius zu Füßen fallen und ihm sein Unglück klagen, aber dieser stieß ihn zurück, zog sein Schwert und stieß einen Schwur aus, auf welchen seine Adjutanten, ihn in jedem Falle zurückzuhalten, perennirenden Befehl hatten, damit er nicht das Alleräußerste thue. Die Königin Eilegia war so entsetzt, daß sie unter Glucksen und Schluchsen in Nerven-Zuund Umstände und in die Arme der Ober--und Unter-Eiermarschallin ohnmächtig sank. Gockel und Hinkel welche diese Erscheinungen theils aus früherer Erfahrung, theils aus den Annalen der leidenden Menschheit kannten, nahmen die Beine auf die Schultern und liefen davon, um so mehr und schneller aber, als die Mitglieder der k. Hofkapelle erstaunliche Leistungen, mit Eiern nach ihnen werfend, gegen sie zu Stande brachten, worin sie von der hochlöblichen Gelnhausener bürgerlichen Scharfschützen-Compagnie patriotisch unterstützt wurden, nachdem der wachsame Stadthürmer zu Hülfe geblasen hatte.

Das hoffnungsvolle Prinzchen Kronovus allein statuirte abermals ein Exempel seines standhaften Charakters. Als Gackeleia die Eltern alt, häßlich und verlumpt fliehen und sich selbst schmutzig und zerrißen sah, schrie sie weinend: "ach Kronovus, ach wie bin ich so schmutzig und wa wa geworden! wer hat mich so schmutzig gemacht?" da reichte mit schöner Fassung ihr Kronovus sein Schnupftuch mit den Worten: "da Gackeleia wische dich schön ab und putze dir die Nase tüchtig, so--so, das ist brav, da hast du auch dein Körbchen, ich hab dirs beim Tanzen aufgehoben."--dann warf er ihr noch einen Thaler in die Schürze--"da hast du mein Taschengeld. Samstag Abends hinten am Entenpfuhl, wo die Vergißmeinnicht stehen, sollst du immer ein Ei finden, worauf Vivat Gackeleia steht, und worin mein Taschengeld steckt, das hole dir!"--dann zog er eine Bretzel hervor und sagte:

