# Gockel, Hinkel und Gackeleia

## Part 18

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Alle patschten in die Hände Und das Mährchen schien am Ende Selbst ganz artig zugespitzt, Ja ein kleines Sternchen blitzt Unten an der Himmelsleiter Unter einem--und so weiter; Und dies heißt: der kleine Stern Plauderte noch gar zu gern; Denn, wie sichs versteht am Rande, Hat die edle Gouvernante All die Kinder heimgeführt, Und dann, wie es sich gebührt, Gleich die Schaar, daß sie gedeihe, Rein gewaschen, nach der Reihe Umgekleidet und gepflegt, Wie ins Bett man Kinder legt; Und weil Alles auf ein Härchen Mußte sein ein artig Mährchen, Kämmt' und flocht den Kinderköpfchen Allen sie die linden Zöpfchen, Sprengte dann mit Wassertröpfchen Noch die lieblichen Geschöpfchen, So wie Blumen man erquickt, Die man in die Kirche schickt, Und nun ist sie fromm mit Allen Auf die Kniee hingefallen, Hat mit ihnen süß gesungen, Daß zum Himmel es gedrungen: "Müde bin ich, geh zur Ruh, Schließe beide Aeuglein zu, Vater, laß die Augen dein Ueber meinem Bette seyn; Hab ich Unrecht heut gethan, Sieh es, lieber Gott, nicht an, Deine Gnad und Jesu Blut Macht ja allen Schaden gut; Vater hab mit mir Geduld Und vergieb mir meine Schuld, Wie ich Allen auch verzeih, Daß ich ganz in Liebe sey. Alle, die mir sind verwandt, Herr laß ruhn in deiner Hand, Alle Menschen groß und klein Sollen dir befohlen seyn. Kranken Herzen sende Ruh, Nasse Augen schließe zu, Laß den Mond am Himmel stehn, Und die stille Welt besehn!"-- Alle sagten dann gut Nacht, Haben lieb sich angelacht, Zu einander nach der Reihe Sprachen sie: "verzeih, verzeihe, Morgen, läßt uns Gott erwachen, Wollen wir es besser machen." All ins Bettchen dann gesteckt Hat sie und hübsch zugedeckt. Als sie dann in sich gekehrt Suchte, was ihr Gott bescheert, Trat ihr Engel ihr entgegen Und gab ihr den Kindersegen, Und, was Alles sie geträumt, War mit Himmelsgold gesäumt. Nicht lang nach dem Abendlied, Als die Gouvernante schied, Alle Kinder einen tiefen Traum-durchblümten Schlummer schliefen; Eines nur verließ das Pfühlchen, Mit dem Buch und Kinderstühlchen Wollt's zum Mond in's Freie gehn Und die stille Welt besehn. Und ich folgt' ihm, sah im Traum, Wie es an der Aehren Saum Zwischen Lilien in dem Feld Vor Sankt Eduards Thronstuhl dicht Hat sein Stühlchen hingestellt. Aus dem Thronstuhl sind von Licht Dann zwei Pflanzen aufgeschossen, Blatt vor Blatt gleich Leitersproßen Waren wie das Blatt des Mohns Und des Siegels Salomons, Und sie wuchsen bis zum Mond. Oben in dem Strauße thront Mild ein Weib in ernster Feier, Thront die Nacht in weiter Hülle, Schauet, thauet durch den Schleier Mutterstille, Mutterfülle Träumerisch vom blauen Zelt Auf das goldne Aehrenfeld. Ihr zur Rechten, ihr zur Linken Auf des Mohnes Blumen winken Sterne, Kinder aller Launen, Die da sinnen, harren, staunen, Beten, sehnen, prophezeihen, Wenig wohl um uns bekümmert Schweigen und ins Herz uns schreien. Während oben es so schimmert, Blättert unten in dem Düstern Still das Kind im großen Buche, "Find' nicht," sprach es, "was ich suche, Hör, doch alle Blätter flüstern Von des Jakobs Schlummerstein Und Rebeckas Edelstein, Was zu lesen ich so lüstern; Stiegen doch die Engel wieder Auf der Himmelsleiter nieder, Brächten mir ein Bischen Licht! Denn trotz Mond und Sterngefunkel Ist's zum Lesen doch zu dunkel. Sieh, als kaum das Kind so spricht, Nahen auf der lichten Bahn Gleich zwei Engel sich geschwinde Mit zwei Sternlein und dem Kinde Zünden sie die Lilien linde Zu des Thronstuhls Seiten an, Und nun ist es hell zum Lesen Wie in einem Chor gewesen, Wo man wechselnd singt die Psalmen, Als das Kind hat intoniret, Haben auf des Mohnes Halmen Gleich die Sterne respondiret: "Stern und Blume, Geist und Kleid, Lieb, Leid, Zeit und Ewigkeit." Und den ganzen Wiederhall Sang das Lied der Nachtigall, Die da auf dem Thronstuhl saß Und kein Wörtchen je vergaß, Das das Kind im Buche las. Und ich sah das Kind im Singen Sich zum höhern Chor erschwingen, Wie es so emporgestiegen, Ließ sein Buch es unten liegen, Hat zu mir sich umgeschaut, Und sprach milde, wie es thaut: "War in Schottland einst geboren, Irrt in Irland lang verloren, Geh ins wahre Engelland An der lieben Engel Hand; Gieb mir Acht auf meine Sachen, Wenn die Kinder all erwachen, Lese ihnen aus dem Buch Von dem Segen, von dem Fluch, Von des Kleinods Heil und Noth, Von der Fahne weiß und roth, Von dem Wolfbrand Hammelstutz Und dem Hego von Vadutz; Jetzt gut Nacht, auf Wiedersehn!" Und da war's um mich geschehn, Kind gieng in den Himmel ein, Und ich blieb allein, allein! Rings die weite, weite Nacht Und der Sterne ernste Pracht, Keiner hat an mich gedacht, Keiner hat mich angelacht. In der Lilien Wunderlicht Sitz ich gleichsam vor Gericht, Und das liebe Kinderstühlchen Ward mein Armesünderstühlchen; In die Nacht hab ich gedichtet, Was gen Morgen wird gelichtet, Und gesichtet und gerichtet; Vor mir ruht das große Buch, Und ich harre auf den Spruch. Horch, wie ernst die Aehren wogen, Horch, der Schnitter kömmt gezogen! Träume thauen von dem Mohn Und vom Schlafe übermannt Sinkt das müde Haupt mir schon Auf des Thronstuhls harten Rand, Und mir träumt, wie zwei Jungfrauen Aus der frühen alten Welt Durch das reiche Aehrenfeld Mild zu mir herüberschauen; Und die Junge fragt die Alte: "Vreneli, was macht das Büblein?" "Amey," sprach die, "dicht am Grüblein Schläft es, o daß Gott sein walte! Seine Sache hats vollbracht, Und daß, wenn der Tag erwacht, In der Erndte es nicht darbe, Leg ihm milde in den Arm Eine kleine feine Garbe, Hart liegt's jetzt, daß Gott erbarm!" Und so that die liebe, gute, Daß mein Haupt nun friedlich ruhte, Flocht dann bei der Sterne Glanz Aemsig an dem Erndtekranz, Neben ihr die andere kniete, Betend: "Büblein ruh in Friede!" Aber ach! es wehrt nicht lange, Horch! es rührt sich auf der Stange Bei der Henne schon der Hahn; Morgenthau rührt mir die Wange Weckend, bald zerrinnt der Wahn; Und der erste Hahnenschrei, Wenn die Kinder auferstehen, Bricht den lieben Traum entzwei; Und sie werden dann verstehen, Wie mir also ist geschehen. Dann wird Alles vorgelesen, Und wird das, was es gewesen, Tretend aus dem trüben Schein Auch in vollem Lichte seyn; Ja dann ist selbst auf ein Härchen Dieses Mährchen mehr kein Mährchen; Und bis so das Mährchen aus, Sing ich in die Nacht hinaus: "O Stern und Blume, Geist und Kleid, Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!"

End of Project Gutenberg's Gockel, Hinkel und Gackeleia, by Clemens Brentano

