# Geschichte des Agathon. Teil 2

## Part 7

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Die natürliche Unempfindlichkeit Dions gegen die Reizungen der Wollust, welche den Syracusanern soviel Vertrauen zu ihm gab, blendete in der Folge auch die Griechen des festen Landes, zu denen er sich vor dem Tyrannen zu flüchten genötiget wurde. Selbst die Akademie, diese damals so berühmte Schule der Weisheit, scheint stolz darauf gewesen zu sein, einen so nahen Verwandten des wiewohl unrechtmäßigen Beherrschers von Sicilien, unter ihre Pflegsöhne zählen zu können. Die königliche Pracht, welche er in seiner Lebensart affektierte, war in ihren Augen (so gewiß ist es, daß auch weise Augen manchmal durch die Eitelkeit verfälscht werden) der Ausdruck der innern Majestät seiner Seele; sie schlossen ungefähr nach eben der Logik, welche einen Verliebten von den Reizungen seiner Dame auf die Güte ihres Herzens schließen macht; und sahen nicht, oder wollten nicht sehen, daß eben dieser von den republikanischen Sitten so weit entfernte Pomp ein sehr deutliches Zeichen war, daß es weniger einer Erhabenheit über die gewöhnlichen Schwachheiten der Großen und Reichen, als dem Mangel der Begierden zu zuschreiben sei, wenn derjenige gegen die Vergnügungen der Sinne gleichgültig war, der sich von der Eitelkeit dahinreißen ließ, durch ein Gepränge mit Reichtümern, deren er sich als der Früchte seiner Verhältnisse mit der Familie des Tyrannen vielmehr hätte schämen sollen, unter einem freien Volke sich unterscheiden zu wollen.

Doch, indem ich diese Gelegenheit ergreife, die übertriebene Lobsprüche zu mäßigen, welche an die Günstlinge des Glückes verschwendet zu werden pflegen, sobald sie einigen Schimmer der Tugend von sich werfen; begehre ich nicht in Abrede zu sein, daß Dion, so wie er war, einen Thron eben so würdig erfüllt haben würde, als wenig er sich schickte, mit einem durch die lange Gewohnheit der Fesseln entnervten Volke, in dem Mittelstand zwischen Sklaverei und Freiheit, worein er dasselbe in der Folge durch die Vertreibung des Dionysius setzte, so sanft und behutsam umzugehen, als es hätte geschehen müssen, wenn seine Unternehmung für die Syracusaner und ihn selbst glücklich hätte ausschlagen sollen. Plutarch vergleicht dieses Volk, in dem Zeitpunkt, da es das Joch der Tyrannie abzuschütteln anfing, sehr glücklich mit Leuten, die von einer langwierigen Krankheit wieder aufstehen, und, ungeduldig sich der Vorschrift eines klugen Arztes in Absicht ihrer Diät zu unterwerfen, sich zu früh wie gesunde Leute betragen wollen. Aber darin können wir nicht mit ihm einstimmen, daß Dion dieser geschickte Arzt für sie gewesen sei. Sehr wahrscheinlich hat die platonische Philosophie selbst, von deren idealischer Sitten--und Staats-Lehre er ein so großer Bewunderer war, sehr vieles dazu beigetragen, daß er weniger als ein Andrer, der nicht nach so sehr abgezogenen Grundsätzen gehandelt hätte, zum Arzt eines äußerst verdorbenen Volkes geeigenschaftet war. Vielfältige Erfahrungen zu verschiedenen Zeiten und unter verschiedenen Völkern haben es gewiesen, daß die Dion, die Caton, die Brutus, die Algernon Sidney allemal unglücklich sein werden, wenn sie einen von alten bösartigen Schaden entkräfteten und zerfressenen Staats-Körper in den Stand der Gesundheit wieder herzustellen versuchen. Zu einer solchen Operation gehören viele Gehülfen; und Männer von einer so außerordentlichen Art sind unter einer Million Menschen allein: Es ist genug, wenn das Ziel, wie Solon von seinen Gesetzen sagte, das Beste ist, das in den vorliegenden Umständen zu erreichen sein mag; und Sie wollen immer das Beste, das sich denken läßt: Alle Mittel welche zugleich am gewissesten und bäldesten zu diesem Ziel führen, sind die Besten; und sie wollen keine andre gebrauchen, als welche nach den strengesten Regeln einer oft allzuspitzfündigen Gerechtigkeit und Güte, rechtmäßig und gut sind. "Löblich, vortrefflich, göttlich!"--rufen die schwärmerischen Bewunderer der heroischen Tugend--wir wollten gerne mitrufen, wenn man uns nur erst zeigen wollte, was diese hochgetriebene Tugend dem menschlichen Geschlecht jemals geholfen habe--Dion zum Exempel, von den erhabenen Ideen seines Lehrmeisters eingenommen, wollte dem befreiten Syracus eine Regierungs-Form geben, welche so nah als möglich an die Platonische Republik grenzte--und verfehlte darüber, zu seinem eignen Untergang, die Mittel, ihr diejenige zu geben, deren sie fähig war. Brutus half den Größesten der Sterblichen, den Fähigsten, eine ganze Welt zu regieren, der jemals geboren worden ist, ermorden; weil ihm, in Rücksicht auf die Mittel wodurch er zur höchsten Gewalt gelanget war, die Definition eines Tyrannen zukam. Brutus wollte die Republik wiederherstellen. Noch einen Dolch für den Marcus Antonius, (wie es der nicht so erhaben aber richtiger denkende Cassius verlangte) so wären Ströme von Blut, so wäre das edelste Blut von Rom, das kostbare Leben der besten Bürger gesparet worden, und der glückliche Ausgang der ganzen Unternehmung versichert gewesen. Hätte sich derjenige, der dem vermeinten allgemeinen Besten seines Vaterlandes ein so großes Opfer gebracht hatte als Cäsar war, ein Bedenken machen sollen, seinem majestätischen Schatten einen Antonius nachzuschicken?--Um eine Tat, welche, ohne Sukzeß wie sie blieb, in den Augen seiner Zeitgenossen ein verabscheuungswürdiger Meuchelmord war, und der unparteiischern Nachwelt im gelindesten Lichte betrachtet, wahnsinniger Enthusiasmus scheinen muß, zu einer so glorreichen Unternehmung zu machen, als jemals die große Seele eines Römers geschwellt hatte. Aber Brutus hatte Bedenklichkeiten, welche ihm eine unzeitige Güte eingab; sein Ansehen entschied; Antonius bedankte sich für sein Leben, und begrub den Platonischen Brutus unter den Trümmern, der auf ewig umgestürzten Republik. Was half also sein Platonismus dem Vaterlande? Wir haben uns vielleicht zu lange bei dieser Betrachtung aufgehalten; aber die Beobachtung, die uns dazu verleitet hat, so alt sie ist, scheint uns wichtig und an praktischen Folgerungen fruchtbar, deren Nutzbarkeit sich über alle Stände ausbreiten, und besonders bei denjenigen welche mit der Regierung und moralischen Disziplinierung der Menschen beschäftiget sind, sich vorzüglich äußern würde, wenn sie besser eingesehen und mit eben so viel Redlichkeit als Klugheit angewendet würden. Vielleicht würden die Augen derjenigen, welche weder durch einen Nebel noch durch gefärbte Gläser sehen, mit dem weinerlichlächerlichen Schauspiel von so vielen ehrlichen Leuten verschont bleiben, die aus allen Kräften und mit der feirlichsten Ernsthaftigkeit leeres Stroh dreschen, und wenn sie das ganze Jahr durch gedreschet haben, sich sehr verwundern, daß nichts als Stroh auf der Tenne liegt--der Patriotische Phlegon würde sich durch den allzuhitzigen Eifer, seine in allen Teilen verdorbene Republik auf einmal durch eben so hitzige Mittel wieder gesund zu machen, nicht so viel Verdruß zuziehen, und durch diesen Verdruß und die Vergeblichkeit seiner undankbaren Bemühungen nicht veranlasset werden, sich zu Tode--zu trinken--Der redliche Macrin würde sich nicht auf Unkosten seiner Freiheit und vielleicht seines Lebens in den Kopf setzen, aus einem Caligula einen Marc Aurel zu machen--Der wohlmeinende Diophant würde einsehen, wie wenig Hoffnung er sich zu machen habe, Leute, welche noch sehr weit entfernt sind erträgliche Menschen zu sein, in eine Engelähnliche Vollkommenheit hinein zu deklamieren--Doch genug von einer Materie, welche um gehörig ausgeführt zu werden, eine eigene Abhandlung erfoderte.

Wie leicht es doch ist, seine nichts übels besorgende Leser in einen Labyrinth von Parenthesen und Digressionen hineinzuführen, wenn man sich einmal über eine abergläubische Regelmäßigkeit hinausgesetzt hat! Zwar haben wir die Unsrigen schon lange benachrichtiget, daß wir uns bei Gelegenheit dergleichen Freiheiten erlauben würden--Und doch wollen wir so ehrlich sein und gestehen, daß wir uns weder in diesem Stück, noch, die Wahrheit zu sagen, in irgend einem andern, Nachahmer zu bekommen wünschen. Nicht als ob uns bange davor sei, man werde Ordnung und Zusammenhang in dieser unsrer pragmatisch-kritischen Geschichte vermissen; sondern weil es in der Tat unendlich mal leichter ist Miszellanien zu schreiben, als ein ordentliches Werk, und es daher leicht geschehen könnte, daß ein junger Skribent, der sich seiner bessern Bequemlichkeit wegen unsrer Methode bedienen wollte, sich die Horazische Frage zuziehen könnte: Currente rotâ cur urceus exit? Und wenn auch dieses nicht zu besorgen wäre, so gibt es sehr wackere Leute, denen es schwer fällt, sich aus dergleichen mäandrischen Abschweifungen wieder herauszuhelfen, und sobald es dem Verfasser beliebt, wieder auf dem Punkt zu stehen, wo er mit ihm ausgegangen ist. "Was hat man uns", werden solche Leser, zum Exempel fragen, "in diesem ganzen Kapitel denn eigentlich sagen wollen?"--"Merken sie auf, meine Herren, das war es--daß dieser Dion von dem die Rede war, und um den Sie Sich übrigens, wie ich vermute, sehr wenig bekümmern, eine ganz gute Art von Prinzen, aber doch nicht ganz so sehr ein Held von Tugend gewesen sei, wie ihn ein gewisser ehrlicher Ober-Priester zu Chäronea sich eingebildet--oder wenn man ihm auch eingestehen wollte, daß er's gewesen sei, eben dadurch an seinem Platz nicht soviel getaugt habe, als Sie, meine Herren, indem Sie ihrem Hauswesen wohl vorstehen, sich wohl mit ihrer Gemahlin betragen, ihr Rechnungs-Buch in guter Ordnung halten, und was dergleichen mehr ist--Nun verstehen wir einander doch?"

DRITTES KAPITEL

Eine Probe, daß die Philosophie so gut zaubern könne, als die Liebe

Die vorläufigen Nachrichten, welche wir dem Leser zu geben haben, entfernen uns ziemlich lange von unserm Helden; allein, für Eins, so sind sie zum Verständnis des Folgenden unentbehrlich; und fürs Andere, so hätten wir auch dermalen nichts wichtigers von ihm zu sagen, als daß er im Begriff sei, den Hausgöttern seines Freundes, des Kaufmanns, eine andächtige Libation zu bringen, mit seiner Familie Bekanntschaft zu machen, und nach einer leichten Abendmahlzeit von den Beschwerden der Seefahrt auszuruhen.

Dion sah die Ausschweifungen des Dionys mit der Verachtung eines kaltsinnigen Philosophen an, der keine Lust hatte Teil daran zu nehmen; und mit dem Verdruß eines Staatsmannes, der sich in Gefahr sah, durch einen Haufen junger Wollüstlinge, Lustigmacher, Pantomimen und Narren, welche kein anderes Verdienst hatten, als den Prinzen zu belustigen, von dem Ansehen, und dem Anteil an der Regierung, der ihm aus so guten Gründen gebührte, nach und nach ausgeschlossen zu werden. Bei solcher Bewandtnis hatte der Patriotismus das schönste Spiel, und die großen Beweggründe der allgemeinen Wohlfahrt, die uneigennützige Betrachtung der verderblichen Folgen, welche aus einer so heillosen Beschaffenheit des Hofes über den ganzen Staat daherstürzen mußten, wurden durch jene geheimern Triebfedern so kräftig unterstützt, daß er den festen Entschluß faßte, alles zu versuchen, um seinen Verwandten auf einen bessern Weg zu bringen.

Er urteilte, den Grundsätzen Platons zufolge, daß die Unwissenheit des Dionysius, und die Gewohnheit unter dem niedriggesinntesten Pöbel (es waren mit alle dem junge Herren von sehr gutem Adel darunter) zu leben, die Haupt-Quelle seiner verdorbenen Neigungen sei. Diesem nach hielt er sich seiner Verbesserung versichert, wenn er die beste Gesellschaft um ihn her versammeln, und ihm diese edle Wissensbegierde einflößen könnte, welche bei denenjenigen, die von ihr begeistert sind, die animalischen Triebe wo nicht gänzlich zu unterdrücken, doch gewiß zu dämmen und zu mäßigen pflegt. Er ließ also keine Gelegenheit vorbei (und die unzählichen Fehler, welche täglich in der Staats-Verwaltung gemacht wurden, gaben ihm Gelegenheit genug) dem Tyrannen die Notwendigkeit vorzustellen, Männer von einem großen Ruf der Weisheit um sich zu haben; und er führte so viele Beweggründe an, daß er, unter einer Menge sehr erhabener, die an einem Dionysius verloren gingen, endlich auch den einzigen traf, der seine Eitelkeit interessierte. Doch selbst dieser schlüpfte nur leicht an seinen Ohren hin, und ob er gleich dem Dion immer Recht gab, und die besondern Unterredungen, welche sie über dergleichen Materien hatten, allemal mit der Versicherung beschloß, daß er nicht ermangeln werde, von so gutem Rat, Gebrauch zu machen; so würde doch schwerlich jemals mit Ernst daran gedacht worden sein, wenn nicht ein kleiner physikalischer Umstand dazu gekommen wäre, der den Vorstellungen des weisen Dion eine Stärke gab, die nicht ihre eigene war.

Dionysius hatte, man weiß nicht aus welcher Veranlassung, seinem Hof, der an Glanz und verschwenderischer üppigkeit es mit den Asiatischen aufnehmen konnte, ein Fest gegeben, welches, nach der Versicherung der Geschichtschreiber, drei Monate in einem fort daurte. Die ausschweifendeste Einbildungs-Kraft kann nicht weiter gehen, als auf der einen Seite, Pracht und Aufwand, und auf der andern Schwelgerei und asotische Freiheit an diesem langwierigen Bacchanal getrieben wurden; denn diesen Namen verdiente es um so mehr, weil, nachdem alle andre Erfindungen erschöpft waren, die letzten Tage des dritten Monats, welche in die Weinlese fielen, zu einer Vorstellung des Triumphes des Bacchus und seiner ganzen poetischen Geschichte angewendet wurden. Dionys, der durch eine Anspielung auf seinen Namen den Bacchus machte, trieb die Nachahmung so weit über das Original selbst, daß die Feder eines Aretin und der Griffel eines la Fage sich unvermögend hätten bekennen müssen, weiter zu gehen. Die Quellen der Natur wurden erschöpft, und die unmächtige Begierde ihre Grenzen zu erweitern--Doch, wir wollen kein Gemälde machen, das bei Gegenständen dieser Art die Absicht, Abscheu zu erwecken, bei manchen verfehlen möchte. Genug daß Dionys mit den Silenen, Nymphen, Faunen und Satyren, seinen Gehülfen, die Tibere und Neronen der spätern Zeiten in die Unmöglichkeit setzte, etwas mehr als bloße Kopisten von ihm zu sein. Wer sollte sich vorstellen, daß aus einer so schlammichten Quelle die heftigste Liebe der Philosophie, und eine Reformation, welche ganz Sicilien und Griechenland in Erstaunen setzte, habe entspringen können?--"Aber im Himmel und auf Erden sind eine Menge Dinge, wovon kein Wort in unserm Compendio steht"--sagt der Shakespearische Hamlet zu seinem Schulfreunde, Horazio.

Das unbändigste Temperament kann auf die Weise, wie es Dionysius anging, endlich zu paaren getrieben werden. Unsre Bacchanten fanden sich von der Unmäßigkeit, womit sie eine so lange Zeit den Göttern der Freude geopfert, und von der Wut womit sie ihre Orgyia beschlossen hatten, so erschöpft, daß sie genötiget waren, aufzuhören. Insonderheit befand sich Dionyß in einem Stande der Vernichtung, der ihm weder Hoffnung noch Begierden übrig ließ, jemals wieder eine solche Rolle zu spielen. Zum ersten mal seit dem berauschenden Augenblicke, da er sich im Besitz der Gewalt, allen seinen Leidenschaften den Zügel zu lassen sah, fühlte er ein Leeres in sich, in welches er mit Grauen hineinschaute--Zum ersten mal fühlte er sich geneigt, Reflexionen zu machen, wenn er das Vermögen dazu gehabt hätte. Aber er erfuhr, mit einem lebhaften Unwillen über sich selbst und alle diejenigen, welche ihn zu einem Tier zu machen geholfen hatten, daß er nichts in sich habe, das er dem Ekel vor allen Vergnügungen der Sinne, und der Langenweile, worin er sich verzehrte, entgegenstellen könnte. Alles was er indessen sehr lebhaft fühlte, war dieses, daß er mitten unter lauter Gegenständen, welche ihm seine scheinbare Größe und Glückseligkeit ankündigten, in dem Zustande worin er war, sich selbst gegen über eine sehr elende Figur machte. Kurz, alle Fibern seines Wesens hatten nachgelassen; er verfiel in eine Art von dummer Schwermut, aus welcher ihn alle seine Höflinge nicht herauslachen, und alle seine Tänzerinnen nicht heraustanzen konnten.

In diesem kläglichen Zustande, den ihm die natürliche Ungeduld seines Temperaments unerträglich machte, warf er sich in die Arme des Dions, der sich während der letzten drei Monate in ein entferntes Landgut zurückgezogen hatte; hörte seine Vorstellungen mit einer Aufmerksamkeit an, deren er sonst niemals fähig gewesen war; und ergriff mit Verlangen die Vorschläge, welche ihm dieser Weise tat, um so groß und glückselig zu werden, als er itzt in seinen eignen Augen verächtlich und elend war. Man kann sich also vorstellen, daß er nicht die mindeste Schwierigkeiten machte, den Plato unter allen Bedingungen, welche ihm sein Freund Dion nur immer anbieten wollte, an seinen Hof zu berufen; er, der in dem Zustande, worin er war, sich von dem ersten besten Priester der Cybele hätte überreden lassen, mit Aufopferung der wertern Hälfte seiner selbst in den Orden der Corybanten zu treten.

Dion wurde bei so starken Anscheinungen zu einer vollkommenen Sinnes-änderung des Tyrannen von seiner Philosophie nicht wenig betrogen. Er schloß zwar sehr richtig, daß die Rasereien des letzten Festes Gelegenheit dazu gegeben hätten; aber darin irrte er sehr, daß er aus Vorurteilen, die einer Philosophie eigen sind, welche gewohnt ist die Seele, und was in ihr vorgeht, allzusehr von der Maschine in welche sie eingeflochten ist, abzusondern, nicht gewahr wurde, daß die guten Dispositionen des Dionys ganz allein von einem physikalischen Ekel vor den Gegenständen, worin er bisher sein einziges Vergnügen gesucht hatte, herrühreten. Er hielt die natürlichen Folgen der überfüllung für Würkungen der überzeugung, worin er nunmehr stehe, daß die Freuden der Sinne nicht glücklich machen können; er setzte voraus, daß eine Menge Sachen in seiner Seele vorgegangen seien, woran Dionysens Seele weder gedacht hatte, noch zu denken vermögend war; kurz, er beurteilte, wie wir fast immer zu tun pflegen, die Seele eines andern nach seiner Eigenen, und gründete auf diese Voraussetzung ein Gebäude von Hoffnungen, welches zu seinem großen Erstaunen zusammenfiel, sobald Dionys--wieder Nerven hatte.

Die Berufung des Plato war eine Sache, an welcher schon geraume Zeit gearbeitet worden war; allein er hatte große Schwierigkeiten gemacht, und würde, ungeachtet des Zuspruchs seiner Freunde, der Pythagoräer in Italien, welche die Bitten Dions unterstützten, auf seiner Verweigerung bestanden sein, wenn die erfreulichen Nachrichten, die ihm Dion von der glücklichen Gemüts-Verfassung des Tyrannen gab, und die dringenden Einladungen, die in desselben Namen an ihn ergingen, ihm nicht Hoffnung gegeben hätten, der Schutzgeist Siciliens, und vielleicht der Stifter einer neuen Republik nach dem Model derjenigen, die er uns in seinen Schriften hinterlassen hat, werden zu können.

Plato erschien also am Hofe zu Syracus mit aller Majestät eines Weisen, dem die Größe seines Geistes ein Recht gibt, die Großen der Welt für etwas weniger als seines gleichen anzusehen. Denn ob es gleich damals noch keine Stoiker gab, so pflegten doch die Philosophen von Profession bereits sehr bescheidentlich zu verstehen zu geben, daß sie in ihren eigenen Augen, eine höhere Klasse von Wesen ausmachten, als die übrigen Erdenbewohner. Diesesmal hatte die Philosophie das Glück eine Figur zu machen, deren Glanz dieser hohen Einbildung ihrer Günstlinge gemäß war. Plato wurde wie ein Gott aufgenommen, und würkte durch seine bloße Gegenwart eine Veränderung, welche, in den Augen der erstaunten Syracusaner, nur ein Gott zu würken mächtig genug schien. In der Tat glich das Schauspiel welches sich demjenigen, der diesen Hof vor wenigen Wochen gesehen hatte, nunmehro darstellte, einem Werke der Zauberei--Aber--ô! caecas hominum mentes! Wie natürlich geht auch das außerordentlichste zu, sobald wir die wahren Triebräder davon kennen!

Der erste Schritt, welchen der göttliche Plato in den Palast des Dionysius tat, wurde durch ein feirliches Opfer, und die erste Stunde, worin sie sich mit einander besprachen, durch eine Reforme, welche sich sogleich über den ganzen Hof ausbreitete, bezeichnet. In wenigen Tagen glaubte Plato selbst in seiner Akademie zu Athen zu sein, so bescheiden und eingezogen sah alles in dem Hause des Prinzen aus. Die Asiatische Verschwendung machte auf einmal der philosophischen Einfalt Platz. Die Vorzimmer, welche vorher von schimmernden Gecken, und allen Arten lustigmachender Personen gewimmelt hatten, stellten itzt akademische Säle vor, wo man nichts als langbärtige Weise sah, welche einzeln oder paarweise, mit gesenktem Haupt und gerunzelter Stirne, in sich selbst und in ihre Mäntel eingehüllt auf und ab schritten, bald alle zugleich, bald gar nichts, bald nur mit sich selbst sprachen, und wenn sie vielleicht am wenigsten dachten, eine so wichtige Miene machten, als ob der geringste unter ihnen mit nichts kleinerm umginge, als die beste Gesetzgebung zu erfinden, oder den Gestirnen einen regelmäßigern Lauf anzuweisen. Die üppigen Bankette, bei denen Comus und Bacchus mit tyrannischem Szepter die ganze Nacht durch geherrschet hatten, verwandelten sich in Pythagorische Mahlzeiten, wo man sich bei einem Braten und Salat mit sinnreichen Gesprächen über die erhabensten Gegenstände des menschlichen Verstandes, erlustigte; Statt frecher Pantomimen und wollüstiger Flöten ließen sich Hymnen zum Lob der Götter und der Tugend hören; und den Gaum zum Reden anzufeuchten, trank man aus kleinen Socratischen Bechern Wasser mit Wein vermischt.

Dionys faßte eine Art von Leidenschaft für den Philosophen; Plato mußte immer um ihn sein, ihn aller Orten begleiten, zu allem seine Meinung sagen. Die begeisterte Imagination dieses sonderbaren Mannes, welche vermöge der natürlichen Ansteckungs-Kraft des Enthusiasmus sich auch seinen Zuhörern mitteilte, würkte so mächtig auf die Seele des Dionys, daß er ihn nie genug hören konnte; ganze Stunden wurden ihm kürzer, wenn Plato sprach, als ehemals in den Armen der kunsterfahrensten Buhlerin. Alles, was der Weise sagte, war so schön, so erhaben, so wunderbar!--erhob den Geist so weit über sich selbst--warf Strahlen von so göttlichem Licht in das Dunkel der Seele! In der Tat konnte es nicht anderst sein, da die gemeinsten Ideen der Philosophie für Dionysen den frischesten Reiz der Neuheit hatten. Und nehmen wir zu allem diesem noch, daß er das wenigste recht verstund (ob er gleich, wie viele andere seines gleichen, zu eitel war, es merken zu lassen) noch alles verstehen konnte, weil der begeisterte Plato sich würklich zuweilen selbst nicht allzuwohl verstund; nehmen wir ferner die erstaunliche Gewalt, welche ein in schimmernde Bilder eingekleidetes Galimathias über die Unwissenden zu haben pflegt; so werden wir begreifen, daß niemals etwas natürlichers gewesen, als der außerordentliche Geschmack, welchen Dionys an dem Gott der Philosophen, (wie ihn Cicero nennt) gefunden; zumal da er noch über dies ein hübscher und stattlicher Mann war, und sehr wohl zu leben wußte.

