# Flametti: oder vom Dandysmus der Armen

## Part 9

Book page: https://www.cyberlibrary.org/de/books/flametti-oder-vom-dandysmus-der-armen-2889/index.md

Der Rückweg führte vorbei an der Messe. Das elektrische Karussel war in vollem Betrieb. Eine blau gestrichne Karosse kam, zitternd und rasselnd, in majestätischer Fahrt aus dem Tunnel. An der Stirnseite des Wagens prangte ein Seeweibchen, Bruststück. Das schlug die Tschinelle. Rot waren die Backen, weiß ihre Brüste gelackt. Stolz flog sie dahin und zog einen ganzen Schwarm hochfarbig lackierter Wagen aus dem Tunnel. Die Dampfpfeife schrillte.

Herrn Schnepfes Varietélokal war unschwer zu finden. Wenn man öfters den Weg machte, fand man es spielend. Bei einem großen Bankhaus schwenkte man ab nach rechts, in die Vorstadt. Vor dem Haus stand ein Brunnen mit großem Bassin voll grasgrünen Wassers. Darüber der heilige Bartholomäus, aus Stein gehauen, mit segnenden Händen. An den Fenstern hingen Flamettis Plakate. In der Straße, am Abend, schaukelte blau eine Bogenlampe.

Die Zimmer waren ein wenig kalt und schreckend im ersten Moment. Mattscheiben und die gekalkten Wände erinnerten barsch an Krankenbaracken in einem Gefängnisbau. Doch waren sie teilweise hübsch mit öfen versehen und geräumig, ebenso wie das Konzertlokal.

Zwei ineinandergehende Kammern gleich überm Wirtslokal bekamen Flametti und seine Frau, nebst Rosa. Eine Kammer im dritten Stock die Herren Engel und Bobby. Ein Dienstmädchenzimmer im Seitenflügel Herr Meyer und Fräulein Laura.

"Sagen Sie nur", meinte Frau Schnepfe zu Jenny, "warum haben Sie nur die zwei netten Fräulein nicht mitgebracht?"

"Ach, Frau Schnepfe", winkte Jenny ab, "Sie haben ja keine Ahnung, was in unsrem Beruf alles vorkommt: Die eine hab' ich entlassen müssen--schlimme Geschichten! Die andre hat man mir abgenommen."

"Abgenommen?"

"Ja, denken Sie sich: die Mutter kam mir ins Haus und sagte, sie dulde nicht länger, daß ihre Tochter Artistin ist. Wegen der Kerls."

"Was Sie nicht sagen!"

Die Vorstellungen waren nicht gut besucht. Trotz pomphafter Vorreklame. Ein Dutzend Leute saßen wohl in den Ecken. Aber sie "jaßten" und ließen sich weiter nicht stören. Keine Hand rührte sich, wenn eine Nummer zu Ende war. Keine Miene verzog sich.

"Man muß sich einleben", meinte Flametti. "Es muß sich herumsprechen, was wir zu bieten haben. Nur keine Sorge! Kommt schon."

Herr Meyer mußte sich jedenfalls bald überzeugen, daß die "Indianer" auch ohne Güssy und Traute gingen.

"Sehen Sie", sagte Flametti, "Basel ist eine ernste Stadt. Religiös. Das vornehme Bürgertum klatscht nicht gern. Lassen Sie uns etwas Ernstes bringen, den "Friedhofsdieb", und wir haben ein volles Haus."

Also bekam Engel die Rolle der Zeugin Emilie Schmidt im "Friedhofsdieb", was Frau Häsli früher zu spielen hatte, und lief tagsüber unglücklich zwischen den Tischen und Stühlen umher und rang mit dem Ausdruck.

Herr Meyer aber blieb skeptisch. Auch die Wirtsleute gefielen ihm nicht.

Ihm war nicht entgangen, daß Herr Schnepfe auf seinem Glasdach einen Wurf junger Wolfshunde aufzog. Die heulten dort nächtlich herum, wenn die Ratten über das Dach wegstoben.

Eine innige Antipathie empfand Herr Meyer gegen Herrn Schnepfe. Auch diese Frau, Frau Schnepfe, gefiel ihm nicht. Ihr gedrehtes Wesen belästigte ihn. Herr Meyer war ein Poet. Wie sollte das Publikum Zutrauen fassen, wenn die blutleckenden Wolfshundsbestien mit ihren Hängeschwänzen das Haus durchstrichen und jedermann an den Waden schnupperten; wenn die gedrehte Frau Schnepfe auf ihre gedrehte Art "Guten Morgen!" sagte und einem die Hand gab, geziert-religiös, wie Nonnen sich in der Kirche an Fingerspitzen das Weihwasser reichen!

Flametti aber versuchte es analytisch.

"Was ist Blödsinn?" philosophierte er in dem "Mann mit der Riesenschnauze". "Blödsinn ist: wenn das Kind keinen Kopf hat. Blödsinn ist aller Jammer der Welt. Blödsinn ist die Enttäuschung der Seele, die Quintessenz der Melancholie. Blödsinn ist überhaupt ein Blödsinn."

Das war Herrn Meyer so recht aus der Seele gesprochen. Das löste seine Komplexe. Doch auch Erkenntnis vermochte die Basler nicht aufzuheitern.

Mit ringförmigen Fischaugen saßen sie da, tranken ihr Bier aus, zahlten und gingen. Die Soubrette hatte ein wenig Erfolg. Das Ganze schien hoffnungslos.

"Alles nichts", sagte Jenny, "wir müssen Artisten haben!" Und eines Tags bei Tisch verkündete sie dem erregten Ensemble: "Neue Artisten kommen. Vornehme Artisten. Kinder, da müßt ihr euch fein benehmen!"

Zwei Tage später war's auch schon da. Die Tür ging auf. Ankamen die neuen Artisten. Herr Leporello und Lydia, Herr Leporello und Lotte, Herr Leporello und Raffaëla, nebst vielem Gepäck, darunter auch Eisenstangen.

Das war ein Getue! Das war ein Geschmatze! Das war die lauterste Seligkeit!

Lottely hinten, Lottely vorne! "Gut, daß ihr da seid!"--"Trinkst du Helles, Lepo?"--"Wollt ihr einen Kaffee trinken?"--"Wie geht es der Mutter?" und was dergleichen Begrüßungsformalitäten mehr sind.

Sogar Herr Meyer taute jetzt auf. Leben und Lebensart kamen ins Haus. Die Reserviertheit Schnepfes verfing nicht mehr.

Und diese Nummern! Drahtseilakt und Czardas. Spitzentanz, Matschiche und Drehbarer Unterleib! Ein wirklicher Zuwachs! Akquisition! Das ließ sich hören!

Auch die neuen Artisten wurden untergebracht: Zimmer Numero 6 und 7. Engel und Bobby beschäftigten sich mit dem neuen Gepäck und den Eisenstangen. Herr Leporello gab Anweisungen. Und man begab sich zur Polizei.

Eine Stunde später schon waren für Raffaëlas Drahtseilakt im Parkett quer vor der Bühne die Stützen befestigt, die Zeitungsannonce war aufgegeben, und der Erfolg war freundlichst gebeten, sich einzufinden.

Kam auch. Gleich der erste Abend gab einen hohen Begriff von den Fähigkeiten der neuen Artisten. Die Kostüme waren zwar etwas zerknittert. Sie hatten zu lange im Korb gelegen, und von Frau Schnepfe war kein Bügeleisen zu erhalten. Auch mißglückte Herrn Leporellos "Drehbarer Unterleib", weil Lepo zu Mittag infolge der langen Bahnfahrt zuviel gegessen hatte.

Aber Raffaëlas "Matschiche auf dem hohen Seil" mit japanischem Schirm und im Himbeertrikot--Teufel, hatte das Frauenzimmer Schenkel! --ermunterte selbst die griesgrämigen Basler. Und als Fräulein Lydia Czardas tanzte--verflucht noch einmal! Sie schlug auf das Tamburin und ging mit pferdhaftem Posterieur stampfend und tänzelnd gegen die grätschende Schwester los--, da gab es auch bei den Baslern keine Bedenken mehr: laut und vernehmlich klatschten sie.

Am nächsten Abend gab es schon Ehrengäste: Herr Bums-die-Lerche, der Komikerkönig, und Fräulein Nandl, das Wunder der Tätowierung, welch letztere im Haus des Herrn Schnepfe auch wohnte, der guten Adresse wegen.

In den nächsten Tagen brachte Raffaëla als Neuheit ihren "Spitzentanz"--immer auf den Fußspitzen, nach der Melodie:

"Frühling ist's, die Blumen blühen wieder, Süß berauschend duftet jetzt der Flieder",

immer auf den Fußspitzen; die Pointen markiert durch ein Hochschnellen des Körpers, die Arme mit grazienhaft hinauf--und hinuntergebogenen Handflächen ausgebreitet; immer so:

"Alle Vögel jauchzen, jubeln, si-hi-ngen, Die Natur scheint neu sich zu verjü-hi-ngen."

Und Herr Leporello, wenn er eklatante Beweise seiner trommlerischen Begabung bei der Begleitmusik abgelegt hatte, produzierte sein "Teufelskabinett", bei dem er unter Zischen und Pfeifen auf einer Sirene, mit zusammengelegten Gliedern durch einen Schornstein aus Pappkarton, den Lydia festhielt, borstig herniederfuhr.

Wenn aber Herr Leporello Sonntags seinen komischen Teufelsakt brachte--er erschien dann als eine infernalische Klatschbase im Korsett, einen Kamm in der Perücke, das Hemd hing ihm hinten heraus und der Rock aus Sackleinwand, mit roten Litzen benäht, war ihm zu kurz--, dann spielte sich in seinen Mienen eine so diabolische Einfältigkeit ab, daß der Kontrast zwischen seinen gespreizten Zirkusposen und dem dargestellten Objekt die Zuschauer zu hellem Grinsen entflammte.

Was Wunder, wenn das Geschäft sich hob? Wenn die Zirkusleute mehr und mehr in den Vordergrund traten, auch bei der Direktion?

Ein Feldwebel von der St. Gotthard-Festung kam als Konzertbesucher. Er hatte Urlaub. Die Frau war gestorben. Was der Mann alles spendierte! Sogar Leckerli brachte er mit, die ersten, die man bei Schnepfes zu sehen bekam.

Auch zum Zoologischen Garten ging man jetzt und zur Messe. Und zwar teilte sich hier das Ensemble. Die Zirkusleute gingen mit Jenny zum "Zoo". Die andern mit Flametti zur "Meß".

Der Basler Zoologische Garten scheint nicht so Üppig bestückt zu sein wie Hagenbecks Tierpark zu Hamburg. Auch nicht so künstlerisch interessant arrangiert wie etwa die kunstgewerbliche Menagerie zu München. Wenigstens wußte der zoologisch interessierte Teil der Vergnügungspartie nur Unbedeutendes zu berichten.

Jenny war aufgefallen, daß die Strauße im Basler Zoo "echte Straußfedern" trugen. Lydia klagte, die Papageien hätten erbärmlich geschrien. Die Ohren gellten ihr jetzt noch davon. Man solle den Viechern die Hälse abschneiden, statt ihnen die Bälge mit Brot vollzustopfen. Nur Raffaëla schien einen stärkeren Eindruck gerettet zu haben.

"Kinder, der Elefant!" schlug sie die Hände zusammen und konnte sich gar nicht genugtun, "so etwas Schamloses gibt es nicht mehr!"

Giraffen hatten sie nicht gesehen. Auch keine Wildschweine. Einige Affen. Doch das war alles.

Die Messe war interessanter. Wer mit Flametti ging, fand keine Enttäuschung.

Erst im Panoptikum: "Der Feuerkessel von Tahure": da platzten die Bomben! Da staunte das Volk! Da streckten die toten Poilus die Beine zum Himmel, wie niedergeknallt auf der Hasenjagd!

Dann auf der Rutschbahn: zwei Karossen hintereinander: in der ersten Flametti und Fräulein Laura. In der zweiten Herr Engel und Meyer. Wie flog man dahin! Wie flog man daher! Dann beim "Jägersalon": "Schießen Sie mal, junger Herr!" Und Herr Engel schoß, auf den Trommler. Und traf ihn; mitten in die Visage. Der rasselte los. Aber unentgeltlich. Man war ja Artist. Es war eine Freude, zu leben!

Mittlerweile war es nun Winter geworden, ganz unvermerkt, über Nacht, und man war gezwungen, sich enger zusammenzuschließen. Da gab es lange Gesichter.

"Jenny, wir haben ja gar keinen Ofen!" reklamierten Lydia und Raffaëla zugleich.

"Ist doch nicht kalt!" tröstete Jenny, "je, seid ihr verfroren!" Aber es waren fünf Grad unter Null.

"Eene klappernde Kälte!" meinte Herr Leporello in komischem Baß, mit hervortretenden Augen, und stellte sich vor den Ofen im Wirtslokal.

"Sie, Leporello! In Mesopotamien Krieg!" verkündete Bobby, der eifrig die Zeitung studierte.

"Ha ick ja immer jesagt: in Mesopotamien fangen se ooch noch an!"

"Jenny", rief Raffaëla ins Wirtslokal, schnatternd vor Kälte und tief beleidigt, "das geht so nicht! Ich muß einen Ofen haben! Wo soll ich denn hin mit dem Kind?"

"Ich kann mir den Ofen doch nicht aus der Haut schneiden!" meinte Jenny im blauen Schlafrock, am Ofen. "Hier ist es doch warm! Bleibt doch hier unten im Wirtslokal!"

Das tat man denn auch. Raffaëla, Lydia, Lotte und Lepo blieben im Wirtslokal. Lepo las seine Kriegsberichte, von morgens bis abends. Lotte machte die Hosen naß. Lydia und Raffaëla schleppten einher in den Schlafröcken und beschimpften einander.

Abends aber, während der Vorstellung, saßen die fünf Damen aufgeputzt um Herrn Schnepfes Dauerbrandofen wie Papageien auf einem Eisenring um den Dompteur.

"Kinder, nein, ist das eine Kälte!" zitterte Lydia mit erfrorener Nase und zog ein Gesicht, als sei sie hereingefallen und komme erst jetzt allmählich dahinter.

Und zu der Soubrette: "Ihr habt es gut. Ihr habt einen Ofen!"

Und alle bebten und preßten die Schenkel zusammen.

"Menschenskind!" tanzte Engel näher heran und rieb sich verbindlich die Hände, "ist doch keene Kälte: fünf Grad! Hättest vergangenen Winter dabei sein sollen!" und hob sich fast in die Luft, so betrieb er mit beiden Armen gymnastische Packung. "Hauptsache ist: man kriegt was Warmes in Magen!"

Nun, daran fehlte es nicht. Herr Schnepfe ließ sich nicht lumpen.

Der Kaffee zum Frühstück ließ zwar manches zu wünschen übrig. Die Blechkanne, in der er serviert wurde, mochte innen ein wenig verrostet sein. Die Damen erbrachen sich, wenn sie getrunken hatten. Das konnte jedoch, wie Herr Schnepfe auf Reklamation hin bemerkte, auch andere Ursachen haben.

Das Mittagessen war einfach tipp topp. "Sauerkraut, Würstel und Pellkartoffel".--"Gulasch, Bohnen und Rösti".--"Hackfleisch, Erbsen und Rettichsalat". Jennymama kochte besser; gewiß. Aber man war nun einmal in der Fremde. Da war es, wie die Verhältnisse lagen, das beste, den Magen zu heizen.

"Iß!" sagte Laura zu Meyer, "wer weiß, wann man wieder was kriegt!"

Eine kleine Rivalität brach aus zwischen den Zirkusartisten und dem übrigen Teil des Ensembles, dem "Bruch", wie die Zirkusleute alle Kollegen nannten, die nicht von Kindesbeinen auf beim Metier waren.

Die Zirkusleute pochten auf ihre Familie, Herkunft, Tradition. Sie waren exklusiv und sahen den "Bruch" verächtlich an. Herr Leporello etwa den kleinen Bobby. Beide waren sie Kontorsionisten. Bobby arbeitete rückwärts, war also Schlangenmensch. Herr Leporello arbeitete vorwärts, war also Froschmensch. Herr Leporello hatte die komplizierteren Balancen, den drehbareren Unterleib. Bobby hatte den besseren Handstand, das biegsamere Rückgrat.

Aber Herr Leporello ästimierte ihn nicht. Herr Leporello war ausschließlich Artist. Bobby ging im Nebenberuf zeitweilig "auf Heizerfahrt".

Oder Miß Raffaëla den Engel. Sie verlangte von ihm, daß er Einkäufe für sie besorge. Sie glaubte, der Bühnenmeister sei hier auch Stiefelputzer. Aber Engel lehnte es ab, "Kommissionen" zu machen.

"Hab' keine Zeit! Hab' zu studieren! Bin selber Artist!" Und Flametti bestätigte das, indem er "Monteur" auf Engels Papier durchstrich und "Artist" drüberschrieb.

Zwei Parteien bildeten sich. Die Partei der Zirkusartisten mit Jenny. Die "Bruch"--und Apachenpartei mit Flametti.

Flametti waren die Zirkusdamen zuwider. Sie hänselten ihn. Er fand sie verdorben, aufdringlich, utriert. Sein Herz war bei der andern Partei, den Gestrandeten, den Gelegenheitskönnern, den Kindern Gottes. Auch Meyer und Fräulein Laura waren nur herverschlagen ins Varieté. Und doch--alle Hochachtung!

äußerlich aber tat sich die Rivalität in folgendem kund: Die Zirkusleute brachten das Geld. Die Bruchleute hatten--den Ofen.

Die Zirkusleute lagen den ganzen Tag in Flamettis geheizter Stube herum oder im Wirtslokal, wo das Glasdach tropfte, die Ratten liefen, die Windeln rochen. Sie schürten und hetzten. Sie glaubten, wider Verdienst schlecht weggekommen zu sein.

Die Bruchleute schlossen sich täglich enger zusammen im Zimmer des Pianisten, wo zwar die ungefegte Brikettasche Mumien aus ihnen machte, wo aber der Ofen glühte. Fräulein Laura wusch der Männer gemeinsamen Kragen, Bobbys Eidechsenkostüm hing glitzernd über der Wäscheleine. Man saß auf Herrn Meyers entgleistem Rohrplattenkoffer und sang Schnadahüpfl zur Laute. Man richtete Engel ein Bett her am Ofen, damit er geborgen war, wenn die Malaria ihn überfiel.

Und Engel erzählte mit traurig schluckender Stimme von Gudrun, der Baronesse, die ihn geliebt, als er noch Forsteleve in Deutschland war, beim Grafen von Reiffenstein.

Das Exil dieser Tage erhielt eine Abwechslung dadurch, daß es plötzlich noch kälter wurde.

Es war jetzt so kalt, daß es wirklich nicht anging, länger zu singen:

"Die Luft ist lau, die Täler prangen lenzesgrün",

wie es in jenem Begrüßungsmarsch hieß, den man im "Krokodil" vor Rosenlauben gesungen.

Die Damen rieben sich auf der Bühne ganz unverhohlen die Hände vor Frost. Und wenn der Marsch auch ein heißblütiges Tempo hatte: die Worte konnten jetzt nicht mehr an gegen den Rauhreif der Wirklichkeit.

Die Varietébesucher: Totengräber, Kirchendiener, Leichenbitter und Mädchenjäger saßen mit Zapfenschnurrbärten, wenn sie zufällig in die Peripherie des Saales gerieten, in die Nähe eines der großen Fenster.

Auch der Spitzentanz Raffaëlas verfing nicht mehr. Vergebens suchte sie mittels Duftigkeit, Sinnenrausch und Beschwingtheit der Schritte die Illusion eines Maientags aufrechtzuhalten. Ihr Odem wehte wie Höhenrausch. Ihre Nase karfunkelte.

Man stellte wohl in die Damengarderobe einen Petroleumofen. Aber das war wie ein Zündholz im Eisschrank.

Es ging nun auch nicht mehr an, daß der Vetter Flamettis, Herr Graumann, länger mit einem Pappkarton die Gebirgsbewohner der Schweiz photographierte.

So traf dieser Herr, Herr Graumann, Vetter Flamettis, eines Tags bei Herrn Schnepfe ein, just in dem Augenblick, als die Generalprobe zum "Friedhofsdieb" stattfand.

Sehr erstaunt war Herr Graumann, seinen Vetter Flametti in einem langen, schwarzen Talar zu erblicken, als Richter vor einem Stoß Aktenmappen. Eine kleine, zierliche Knabengestalt, dem Richterstuhl gegenüber, schien prozessiert zu werden.

Es handelte sich um einen Friedhof und einen Topf, der gestohlen war; Blumentopf.

Auf der Mitte der Bühne stand eine vornehme Dame, wohl eine Baronin, mit Blicken, die halb auf den Richter, halb auf den Knaben gerichtet waren. Neben ihr krausköpfig ein schmä

Wenn aber Herr Leporello Sonntags seinen komischen Teufelsakt brachte--er erschien dann als eine infernalische Klatschbase im Korsett, einen Kamm in der Perücke, das Hemd hing ihm hinten heraus und der Rock aus Sackleinwand, mit roten Litzen benäht, war ihm zu kurz--, dann spielte sich in seinen Mienen eine so diabolische Einfältigkeit ab, daß der Kontrast zwischen seinen gespreizten Zirkusposen und dem dargestellten Objekt die Zuschauer zu hellem Grinsen entflammte.

Was Wunder, wenn das Geschäft sich hob? Wenn die Zirkusleute mehr und mehr in den Vordergrund traten, auch bei der Direktion?

Ein Feldwebel von der St. Gotthard-Festung kam als Konzertbesucher. Er hatte Urlaub. Die Frau war gestorben. Was der Mann alles spendierte! Sogar Leckerli brachte er mit, die ersten, die man bei Schnepfes zu sehen bekam.

Auch zum Zoologischen Garten ging man jetzt und zur Messe. Und zwar teilte sich hier das Ensemble. Die Zirkusleute gingen mit Jenny zum "Zoo". Die andern mit Flametti zur "Meß".

Der Basler Zoologische Garten scheint nicht so Üppig bestückt zu sein wie Hagenbecks Tierpark zu Hamburg. Auch nicht so künstlerisch interessant arrangiert wie etwa die kunstgewerbliche Menagerie zu München. Wenigstens wußte der zoologisch interessierte Teil der Vergnügungspartie nur Unbedeutendes zu berichten.

Jenny war aufgefallen, daß die Strauße im Basler Zoo "echte Straußfedern" trugen. Lydia klagte, die Papageien hätten erbärmlich geschrien. Die Ohren gellten ihr jetzt noch davon. Man solle den Viechern die Hälse abschneiden, statt ihnen die Bälge mit Brot vollzustopfen. Nur Raffaëla schien einen stärkeren Eindruck gerettet zu haben.

"Kinder, der Elefant!" schlug sie die Hände zusammen und konnte sich gar nicht genugtun, "so etwas Schamloses gibt es nicht mehr!"

Giraffen hatten sie nicht gesehen. Auch keine Wildschweine. Einige Affen. Doch das war alles.

Die Messe war interessanter. Wer mit Flametti ging, fand keine Enttäuschung.

Erst im Panoptikum: "Der Feuerkessel von Tahure": da platzten die Bomben! Da staunte das Volk! Da streckten die toten Poilus die Beine zum Himmel, wie niedergeknallt auf der Hasenjagd!

Dann auf der Rutschbahn: zwei Karossen hintereinander: in der ersten Flametti und Fräulein Laura. In der zweiten Herr Engel und Meyer. Wie flog man dahin! Wie flog man daher! Dann beim "Jägersalon": "Schießen Sie mal, junger Herr!" Und Herr Engel schoß, auf den Trommler. Und traf ihn; mitten in die Visage. Der rasselte los. Aber unentgeltlich. Man war ja Artist. Es war eine Freude, zu leben!

Mittlerweile war es nun Winter geworden, ganz unvermerkt, über Nacht, und man war gezwungen, sich enger zusammenzuschließen. Da gab es lange Gesichter.

"Jenny, wir haben ja gar keinen Ofen!" reklamierten Lydia und Raffaëla zugleich.

"Ist doch nicht kalt!" tröstete Jenny, "je, seid ihr verfroren!" Aber es waren fünf Grad unter Null.

"Eene klappernde Kälte!" meinte Herr Leporello in komischem Baß, mit hervortretenden Augen, und stellte sich vor den Ofen im Wirtslokal.

"Sie, Leporello! In Mesopotamien Krieg!" verkündete Bobby, der eifrig die Zeitung studierte.

"Ha ick ja immer jesagt: in Mesopotamien fangen se ooch noch an!"

"Jenny", rief Raffaëla ins Wirtslokal, schnatternd vor Kälte und tief beleidigt, "das geht so nicht! Ich muß einen Ofen haben! Wo soll ich denn hin mit dem Kind?"

"Ich kann mir den Ofen doch nicht aus der Haut schneiden!" meinte Jenny im blauen Schlafrock, am Ofen. "Hier ist es doch warm! Bleibt doch hier unten im Wirtslokal!"

Das tat man denn auch. Raffaëla, Lydia, Lotte und Lepo blieben im Wirtslokal. Lepo las seine Kriegsberichte, von morgens bis abends. Lotte machte die Hosen naß. Lydia und Raffaëla schleppten einher in den Schlafröcken und beschimpften einander.

Abends aber, während der Vorstellung, saßen die fünf Damen aufgeputzt um Herrn Schnepfes Dauerbrandofen wie Papageien auf einem Eisenring um den Dompteur.

"Kinder, nein, ist das eine Kälte!" zitterte Lydia mit erfrorener Nase und zog ein Gesicht, als sei sie hereingefallen und komme erst jetzt allmählich dahinter.

Und zu der Soubrette: "Ihr habt es gut. Ihr habt einen Ofen!"

Und alle bebten und preßten die Schenkel zusammen.

"Menschenskind!" tanzte Engel näher heran und rieb sich verbindlich die Hände, "ist doch keene Kälte: fünf Grad! Hättest vergangenen Winter dabei sein sollen!" und hob sich fast in die Luft, so betrieb er mit beiden Armen gymnastische Packung. "Hauptsache ist: man kriegt was Warmes in Magen!"

Nun, daran fehlte es nicht. Herr Schnepfe ließ sich nicht lumpen.

Der Kaffee zum Frühstück ließ zwar manches zu wünschen übrig. Die Blechkanne, in der er serviert wurde, mochte innen ein wenig verrostet sein. Die Damen erbrachen sich, wenn sie getrunken hatten. Das konnte jedoch, wie Herr Schnepfe auf Reklamation hin bemerkte, auch andere Ursachen haben.

Das Mittagessen war einfach tipp topp. "Sauerkraut, Würstel und Pellkartoffel".--"Gulasch, Bohnen und Rösti".--"Hackfleisch, Erbsen und Rettichsalat". Jennymama kochte besser; gewiß. Aber man war nun einmal in der Fremde. Da war es, wie die Verhältnisse lagen, das beste, den Magen zu heizen.

"Iß!" sagte Laura zu Meyer, "wer weiß, wann man wieder was kriegt!"

Eine kleine Rivalität brach aus zwischen den Zirkusartisten und dem übrigen Teil des Ensembles, dem "Bruch", wie die Zirkusleute alle Kollegen nannten, die nicht von Kindesbeinen auf beim Metier waren.

Die Zirkusleute pochten auf ihre Familie, Herkunft, Tradition. Sie waren exklusiv und sahen den "Bruch" verächtlich an. Herr Leporello etwa den kleinen Bobby. Beide waren sie Kontorsionisten. Bobby arbeitete rückwärts, war also Schlangenmensch. Herr Leporello arbeitete vorwärts, war also Froschmensch. Herr Leporello hatte die komplizierteren Balancen, den drehbareren Unterleib. Bobby hatte den besseren Handstand, das biegsamere Rückgrat.

Aber Herr Leporello ästimierte ihn nicht. Herr Leporello war ausschließlich Artist. Bobby ging im Nebenberuf zeitweilig "auf Heizerfahrt".

Oder Miß Raffaëla den Engel. Sie verlangte von ihm, daß er Einkäufe für sie besorge. Sie glaubte, der Bühnenmeister sei hier auch Stiefelputzer. Aber Engel lehnte es ab, "Kommissionen" zu machen.

"Hab' keine Zeit! Hab' zu studieren! Bin selber Artist!" Und Flametti bestätigte das, indem er "Monteur" auf Engels Papier durchstrich und "Artist" drüberschrieb.

Zwei Parteien bildeten sich. Die Partei der Zirkusartisten mit Jenny. Die "Bruch"--und Apachenpartei mit Flametti.

Flametti waren die Zirkusdamen zuwider. Sie hänselten ihn. Er fand sie verdorben, aufdringlich, utriert. Sein Herz war bei der andern Partei, den Gestrandeten, den Gelegenheitskönnern, den Kindern Gottes. Auch Meyer und Fräulein Laura waren nur herverschlagen ins Varieté. Und doch--alle Hochachtung!

