# Flametti: oder vom Dandysmus der Armen

## Part 8

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Herr Pips gab die Anschauung von sich, ein Damenimitator überhaupt sei ihm widerlich. "Nicht Fisch, nicht Fleisch."

"Komm doch mit mir, mein Auto steht draußen!" arbeitete Herr Seidel von der Firma Seidel & Sohn an Jenny, "mein Auto steht draußen. Du brauchst nur einzusteigen."

"Umziehen! Indianer!" drängte Flametti vorn bei der Rampe.

"Jetzt kommt's!" sagte Engel zu Annie, einen Moment über ihren Tisch gebeugt mit aufgestützten Händen und ohne Rücksicht auf den zigarettenrauchenden Kavalier. "Na, es ist ein Erfolg!"

"Sehen Sie die kleine Soubrette?" sagte Frau Schnepfe zu Mutter Dudlinger, "wie die kassiert! Die versteht's! Das ist ein Geschäft!"

"Geschäft glänzend!" erwiderte Mutter Dudlinger, ganz verfettet, doch freundlich sympathisierend. Flametti war ja ihr vorzugsweise begünstigter Protegé.

Der "Totenkopf" und seine Schwester aber standen auf mit zwei Kavalieren, die etwas wüst aussahen, und verließen ostentativ das Lokal. Ostentativ bezüglich einiger ihrer Kolleginnen, die denn auch nicht ermangelten, den Abgang spitz zu glossieren.

"Mba, mba, mba!" dröhnte die Musik.

Und Herr Direktor Farolyi vom Zirkus Donna Maria Josefa, ein Pferdekenner wie kein zweiter, Flamettis erklärter Freund, kam aus der Garderobe, steifte sich auf vor der Rampe, klopfte ans Glas und sprach:

"Meine verehrten Herrschaften! Sie erleben jetzt die Sensation dieses Abends. Unser Freund Flametti wird Ihnen jetzt seine von St. Rotter bearbeiteten "Indianer" vorführen. Gestatten Sie mir, mit kurzen Worten meiner Freude über den wohlgelungenen Abend und meiner Bewunderung für unsren verehrten Flametti Ausdruck zu verleihen. "Die Indianer": welche Gefühle durchwandern unsere Brust beim Klang dieses Wortes! Welche Ahnungen entzücken das Herz! Welche Hoffnungen und Erinnerungen liegen darin begraben! Der Rausch unserer Kindheit, die Freude unserer Mannbarkeit! Wer hoffte nicht selbst, als Indianer die Gefilde unserer Heimat zu durchschweifen. Wem zuckt die Hand nicht nach Feuerwasser, dem Bowiemesser, nach dem Skalp unserer Feinde!..."

Die Damen lächelten hold. Die Augen ihrer Freunde blitzten verständnisinnig, verlegen.

"Wir alle kennen die Namen unserer Unterdrücker. Ich brauche sie nicht zu nennen...."

Herr Detektiv Steix, der auch von der Partie war, zog sein Notizbuch heraus und notierte sich etwas.

"Wir alle lieben die Freiheit, die Pferde, den Wigwam, den Kriegspfad.

Das alles sehen Sie in den "Indianern", die unser verehrter Freund Ihnen jetzt vorführen wird. Sie sehen sogar noch mehr. Rache und Vergeltung im Jenseits.

Unterdrückt von der brutalen Gewalt der Eindringlinge müssen sich die Indianer verstecken in Urwald und Sumpf, zwischen Nattern und Schlangen. Das sind wir, lieber Leser, das sind wir, teure Freundin. Die Luft unseres stillen Quartiers wird mehr und mehr erfüllt von den Klagen der Opfer, die sich die Polizei herausgreift. Das Volk der Indianer geht dem Verfall entgegen.

"Doch dort oben in dem ew'gen Jagdgebiet Singt der Indianer Volk sein Siegeslied",

und so schließe auch ich mit dem Ausruf:

"Doch dort oben in dem ew'gen Jagdgebiet Singt der Indianer Volk sein Siegeslied."

In diesem Sinne erhebe ich mein Glas und stoße an auf das Wohl und Gedeihen, das Glück und Genie unseres einzigartigen Flametti. Er lebe hoch!"

Herr Farolyi, der Ungar, hatte sein Glas erhoben und leerte es in einem Zug.

"Flametti, der Häuptling, hoch! Flametti, Flametti!" tobte das Publikum. Man stampfte und johlte...

Der Vorhang hob sich. Leer war die Bühne, und die "Indianer" fanden statt.

Erst die Ouvertüre mit den worgelnden Donner--und Blitz-Akkorden.

Dann der Kriegspfad:

"Die Letzten von dem Stamm der Delawaren, Die Kriegerscharen Der Delawaren--"

Dann der zweite Vers:

"Wenn man das Letzte uns genommen, Wenn unsre Besten umgekommen, Ziehn Falkenaug' und Feuerschein Zum großen Geist dort oben ein. Dann heben sich die Roten Brüder Zu neuem Reich und Glanze wieder, Und es erreicht das Blaßgesicht Für seinen Raub ein Strafgericht."

Dann der dritte Vers, den Herrn Farolyi als Ausklang zitiert hatte:

"Und dort oben in dem ew'gen Jagdgebiet Singt der Indianer Volk sein Siegeslied. Einmal wieder ziehn wir noch auf Kriegespfad, Einmal noch, wenn der Tag der Rache naht."

Und die Lichter im Saal waren verdunkelt. Und die Indianer, Flametti, Jenny, die Soubrette, Fräulein Rosa, Fräulein Güssy und Fräulein Traute schwenkten die roten Laternchen, in hohem Federschmuck, und sangen so monoton-klagend, so herzergreifend-verschollen, daß Fräulein Amalien und Mutter Dudlinger die Tränen in die Augen traten; daß Herr Meyer plötzlich glaubte, er habe falsch gespielt, und infolgedessen für einen Moment wirklich daneben griff; daß Engel beim Vorhang seine Erregung nicht anders mehr bemeistern konnte, als indem er zitternd eine Zigarette anzündete; und Herr Farolyi, der wieder bei Donna Maria Josefa saß, ein über das andere Mal ausrief: "Macht er wirklich hübsch, der Flametti!"

Gewiß hätte jetzt auch Herr Rotter seine Freude gehabt; denn die Nasen, besonders die Flamettis, waren überraschend gut geklebt. Und für den dritten Vers hatte sich Max eine so prachtvolle Apotheose ausgedacht,--er allein stand aufrecht. Die Weiber knieten mit gesenkten Köpfen und Lanzen um ihn herum. Dann sprangen alle auf, ganz vor an die Rampe in eine Reihe, und drohten mit geschwungenem Tomahawk--, daß auch der stumpfeste Batzenbengel solcher Auffassung Unübertrefflichkeit hätte zusprechen müssen. Besonders die Damen hielten sich über Erwarten gut.

Es war ein runder, glatter Erfolg.

"Flametti! Flametti! Feuerschein!" schrieen die , als der Vorhang fiel und sich noch einmal hob.

Herr Farolyi in vehementem Enthusiasmus, ging klatschend bis vor die Rampe. Donna Maria Josefa winkte mit Flatterhand. Mutter Dudlinger, die so selbstlos den Fünfzigfrankenschein vorgestreckt hatte, strahlte ein Strahlen, das über das ganze Lokal hinstrahlte. Miß Ranovalla de Singapore, speckiges Wunder, stand auf und ließ ihre beschatteten Augen schweifen. Sie empfand die Exotik dieser "Indianer" als eine ihr ganz persönlich gewidmete Ovation. Und Flametti verbeugte sich bärig, lächelnd, mit leuchtenden Jungensaugen, ob all dem Glück und Erfolg.

Die Musik intonierte, wie auf Verabredung, den Missouristep, von Engel mit selbstgefertigtem Plakat zu Bewußtsein gebracht. Bobby zog seinen Sommerpaletot aus und parodierte in glitzernd zur Schau gestelltem Eidechsenkostüm.

"Flametti! Flametti! Feuerschein raus!" tobte das Publikum immer noch, und Flametti mußte allein erscheinen. Kühn, leuchtend und groß stand er inmitten der Bühne, Delaware von Kopf bis zu Fuß, Held dieses Abends, Würdenträger und Häuptling seines Reviers.

Nach der Kassierung aber kamen die dienstbaren Geister vom "Krokodil" und Umgebung und räumten mit Hilfe des Publikums die Rosenhecken weg, soweit sie im Wege waren. Ein anstoßender zweiter Saal wurde geöffnet. Eine Vermischung des Varieté-Ensembles mit dem Publikum fand statt: es wurde getanzt.

"Nein, Jenny, was ihr für ein Glück habt!" rief Raffaëla, "ich muß mich ein bißchen zu euch setzen!" und sah Jenny träumerisch in die Augen.

"Fräulein Raffaëla", stellte Jenny vor, "Herr Seidel, mein Freund aus Baden; Fräulein Amalie, Frau Schnepfe."

Und Raffaëla, da Jenny gerade damit beschäftigt war, die Kassierung nachzuzählen: "Was für ein Glück!"

"Ach, Raffaëla", seufzte Jenny, "wenn du wüßtest!"

"Was macht er denn?" flüsterte Raffaëla.

Und Jenny, unendlich traurig, die Hand am Munde, dann abwinkend:

"Ach, ich will lieber schweigen!"

Herr Seidel aus Baden zwirbelte unternehmend, mit disziplinierter Eleganz, seinen Schnurrbart. Er stützte die Hand auf den Schenkel. Der Ellbogen stand weit ab.

"Boston!" rief der Tanzordner und rutschte mit schleifenden Füßen durch den gebohnerten Saal.

Frau Schnepfe schüttelte den Kopf ob solchen Tumults.

Fräulein Amalie, den Rücken an die Wand gelehnt, streichelte ihren Zwergpintsch mit der gepflegten Haltung einer Dame, die in der Hofloge sitzt.

Flametti, noch im Indianerkostüm, ging durch den Saal und quittierte, mit seiner Stattlichkeit renommierend, die flüssig ihm dargebotenen Glückwunschbeweise. Man befühlte die Lanze, die Lederhosen, den Halsschmuck. Auch Herr C. Tipfel von den Sunda-Inseln war da.

"Du poussierst mit Flametti!" warf Bobby der treulosen Traute vor, mit der er seit Wochen in zünftigem Briefwechsel stand. Sie standen beim Vorhang. "Ich hab' es gesehen. Er hat dich ans Bein gefaßt, als du die Treppe hinaufgingst. Ich hab' auch gesehen, wie ihr getuschelt habt miteinander."

"Dummer Fatzke!" gab Traute zurück, "was bild'st du dir eigentlich ein? Bist ja zwei Köpfe kleiner als ich! Willst du eine Frau ernähren!"

"Na, schön!" sagte Bobby und musterte sie von oben bis unten. "Pfui Teufel!" Er nahm seinen Regenschirm, zog den Paletot an, sagte "Grüatzi!" und ging in den "Hopfenzwilling".

"Ach, Raffaëla!" sagte Jenny, "du glaubst es ja nicht! Aber wart' nur ab! Ich werde mich revanchieren!"

Die Soubrette kam an den Tisch.

"Na, Fräulein", sagte Herr Seidel freundlich, "was trinken Sie?"

Die Soubrette zierte sich.

"Einen Eierkognak?"

"He, Fräulein!" hielt er die Kellnerin fest, "einen Eierkognak!"

Die Soubrette nahm Platz. "Laura heiße ich."

"Fräulein Laura--hübscher Name!" sagte Herr Seidel und legte den Arm um ihre Stuhllehne.

Jenny entging es nicht. Sie hatte die Kasse gezählt und winkte Flametti. "Da nimm: Hundertneunzig Franken."

Flametti schob das Geld mit gekrampfter Hand in die Hosentasche und fühlte sich verpflichtet, eine Weile stehen zu bleiben.

"Wo ist die Traute?" fragte Jenny.

"Was weiß ich, wo die Traute ist!" fuhr er auf, "sie wird tanzen."

Jawohl, Fräulein Traute tanzte. In ausgelassenem Vorüberschieben warf sie Flametti einen kokett-auffordernden Blick zu. Hei, flog ihr Kopf in den Nacken!

"Ja ja, die Jugend!" träumte Frau Schnepfe resigniert.

"Uff!" schnaubte Flametti, "das war eine Hetze!" Jetzt lief es von selbst.

Vorbei schob: Herr Scherrer, Handlungskommis aus Wien, mit Fräulein Rosa. Vorbei schob: Herr Glatt, turmhoher Stehkragen, Handlungskommis aus der Mark Brandenburg, mit Fräulein Güssy. Vorbei schob: Herr Pips mit der hüftengewaltigen Lydia. Vorbei schob: der Herr Krematioriumfritze, mit der in Feldgrau.

"Das ist der andere!" flüsterte Jenny vertraulich Raffaëla zu. "Schwer reich. Der spendiert nachher Sekt. Immer französischen Sekt. Er tut jetzt so, als säh' er mich nicht."

"Stattlicher Mann!" gab Raffaëla sich Mühe. Es schien ihr ein wenig drauf anzukommen, Jenny die Ruhe zu nehmen.

Aus der Garderobe kam als der letzte Herr Meyer. Er hatte die Noten hinaufgetragen. Unschlüssig blieb er stehen, Jennys gespicktes Portemonnaie in der Tasche, das ihm bei jedem Schritt wie ein Klotz an den Schenkel schlug.

"Ach, Herr Meyer", sagte Jenny und streckte sich über den Stuhl zu ihm hin, "geben Sie her! Es ist nicht mehr nötig!" und ließ das Monstrum von Portemonnaie, das Meyer ihr gleichgültig gab, in den Busen rutschen.

Und Herr Meyer trat zu Flametti, sah in das Gewühl und meinte: "Pfui Teufel, ist das eine Hitze!"

Und den Walzer tanzte auch Mutter Dudlinger. Sie hielt den Herrn Pips fest um die Taille gefaßt und drehte sich auf den Zugstiefeln. Herr Pips aber drehte sich wie ein Trabant um die Sonne. Meistenteils war er verfinstert.

Und Engel machte auch Jennymama seine Aufwartung, animiert wie man's werden kann, erhielt aber glatt einen Korb. "Ach, der Engel!" lächelte Jennymama.

Und noch um ein Uhr kam ein Rudel Studenten: holländische Forsteleven. Die schoben und pfiffen und klatschten dazu. Und hatten eine eigene Laute dabei und stellten das ganze Lokal auf den Kopf.

Wer dem Indianerfeste nicht bis zum Ende beiwohnte, und wer Jenny nicht kannte, erlebte am nächsten Tag überraschungen.

Flamettis Erfolg war unbestritten. Und galt ihm allein, nur ihm. Er wurde gefeiert in allen Tönen.

Aber gerade das vertrug Jenny nicht. Gerade das lehnte sie ab. Sie konnte in ihrer offenbaren Beschränktheit nicht einsehen, daß für Flametti dieses Indianerspielen ein Bild, ein Symbol war, ja eine Lebensfrage; begriff nicht, wie ein vernünftiger Mensch, ein Mann, sich so kindisch benehmen konnte. Sie hatte, kurzum, keinen Sinn für die Illusion, verstand auch nicht, was der Farolyi gekauderwelscht hatte. Spielen, Wetten, Revolverschießen; Pariser Apachen, Felsengebirge und Honolulu; ein Ritt durch die Wüste, Komantschen, Bluthunde und Polizei: das alles waren ihr spanische Dörfer.

Weltfremd war Jenny und eitel dazu. Sie konnte für möglich halten, das ganze Fest sei nur für sie arrangiert gewesen; Flametti nur für sie, für Jennymama, geboren, sei es, indem er den Diener machte, wenn sie Karotten einkaufte; sei es, indem er Mannderl und Weiberl schnitzte fürs Wetterhäuschen.

Und ganz besonders: für "Wigwams" hatte sie gar keinen Sinn. Sie hielt das für Humbug. In kleinlicher Mißgunst klammerte sie sich an äußerlichkeiten, warf ihm gewöhnliche Vielweiberei vor. Als ob sich ein Mann seiner Art von der Fertigkeit eines einzigen Weibes gefesselt, entzückt und versorgt fühlen konnte.

Flametti versuchte umsonst, es ihr klar zu machen, morgens um zehn Uhr, im Bett. Sie verstand nicht.

"Also was heißt das?" setzte sie sich verbissen und leidenschaftlich im Bett auf.

"Daß ich meine Ruhe haben will!" erklärte Flametti abschließend und drehte sich nach der anderen Seite.

Aber damit gab Jenny sich nicht zufrieden. So ließ sie sich nicht abspeisen. Klarheit wollte sie haben von wegen dieser Person, dieser Traute, der Schlampen, die nicht einmal wußte, wozu die Klosettschnur da war, und die es doch wagte, ihr dreist ins Gesicht zu sagen, man habe sie "abgesetzt".

"Du, Max, ich will Antwort!" drohte sie, "wie ist das mit der Traute? Mach' mich nicht wild! Ich hab' euch wohl tuscheln sehen, gestern im "Krokodil"! Gut: es war Publikum da. Aber heut will ich's wissen."

"Himmelherrgottsakrament, laß mir jetzt meine Ruhe!" setzte Flametti sich ebenfalls auf. "Was soll ich denn machen mit ihr? Was willst du denn? Soll ich vielleicht den Heiligen spielen? Darf ich nicht meine Nachtruhe haben? Plag' ich mich immer noch nicht genug?" Eine Prügelszene im Bett stand bevor.

"Gut!" sagte Jenny, "laß nur!" Sie wußte Bescheid. Heraus sprang sie aus dem Bett, warf sich den Schlafrock über und war schon im Lattenverschlag.

"Traute raus!" schrie sie und packte die schlafende Traute beim Kragen.

"Pack' deine Sachen zusammen. Vorwärts marsch, marsch! Und heraus aus der Wohnung!"

Traute fuhr auf. Der Ton, der ihr ans Ohr drang, war zu energisch, als daß es ein Weigern gab. Schlaftrunken, eben noch mit dem Kommis aus Brandenburg Twostep schiebend, glitt sie über die Bettkante herunter. Unterkleider und Schuhzeug griff sie, stürzte das Tanzkleid über den Kopf und bemerkte erst jetzt, worum es sich handelte. "Raus, wohin?" fragte sie erstaunt.

"Raus aus der Wohnung! Raus auf die Straße! Ins Arbeitshaus, wenn du Lust hast! Nur raus, und zwar sofort, oder ich hole die Polizei!"

Große Augen machte Fräulein Traute. Arbeitshaus? Straße? Polizei? Was war denn passiert? Was war denn geschehen? Warum? Wieso? Was hatte sie denn getan?

Sie bekam's mit der Angst. Verstört und verdattert riß sie die Augen auf. Ihr Mund hing schief. Zitternd und bebend beeilte sie sich, ihr Kleid zu schließen.

"Was hab' ich denn getan? Ich habe doch nichts getan!" stotterte sie.

"Du wirst schon wissen, was du getan hast!" schrie Jenny. "Fort! sag' ich dir! Raus! Nur raus! Ich werde dir Beine machen!"; riß Trautes Sachen vom Haken und warf sie ihr zu. "Das andere kannst du dir holen lassen. Nur raus, auf der Stelle!"

"Sie haben mich hier nicht rauszuwerfen. Flametti hat mich hier rauszuwerfen!" versuchte Traute.

"Was hab' ich?" schrie Jenny, jetzt vollends rabiat, und keilte die Künstlerin aus dem Verschlag.

Die hielt sich mit beiden Händen fest an der Tür. Die Türe schlug zu. Zwei Vasen mit Binsen und Klatschmohn fielen zerschellend hoch vom Büfett. Nettchen, der Dackel, schoß, ein fauchendes Krokodil mit zwei Reihen Sägezähnen, hervor aus den Sofafransen.

Die Mädel kreischten. Flametti, im Hemd, mit haarigen Beinen, drang aus dem Hauptfrauzimmer.

"Was gibt's denn da?" riß er die Sklavin der Hauptfrau weg.

"Hier gibt's eine Kindsleiche, wenn sie nicht rauskommt."

"Hilfe! Hilfe!" schrie Traute, als sei ihr der Hals bereits abgeschnitten, und rannte zum Fenster.

"Bist du ruhig!" drohte Flametti mit aufgeblasenen Backen. Schon war die ganze Nachbarschaft an den Fenstern. Eine Scheibe klirrte.

"Raus kommt sie!" arbeitete Jenny.

"Willst du ruhig sein!" schäumte Flametti, ergriff das Brotmesser, das auf dem Tisch lag, und ging auf die Frau los.

"Hilfe! Hilfe!" Jenny stieß auf der Flucht mit dem Kopf an den Spiegelschrank. Nettchen, gurgelnd und seibernd, sprang hoch an Flamettis Brust und verbiß sich im rot-weiß gestreifelten Baumwollhemd.

Flametti kam zur Besinnung und ließ das erhobene Messer sinken.

"Machst du jetzt, daß du hinauskommst!" funkelte er Traute an und bedeutete ihr mit dem Zeigefinger den Weg.

Und Traute, entsetzt, in die Enge getrieben, lief heulend über das Plüschsofa, am Rocke den wütenden Hund nachschleifend, nahm einen viertel Fußtritt Flamettis mit, schrie Zeter und Mordio, rannte die Treppe hinunter zur Straße, und lief, was sie laufen konnte.

Die Mittagstafel war schlecht besucht. Auch die Häslis fehlten. Sie hatten Kontrakt gemacht mit Ferrero, gestern noch spät in der Nacht, nach dem "Schackerl", und fanden es nicht übertrieben, Flametti Adieus zu ersparen.

V

Herr Meyer sah aus wie Friedrich Haase als Richard der Dritte. Man fuhr nach Basel. Herr Meyer sah aus, als sei er, Herr Meyer, verantwortlich für diese Partie. Man fuhr zu Herrn Schnepfe nach Basel, und dieser Herr Meyer sah aus, als sei's eine Fahrt nach dem Feuerland.

"Sehen Sie mal, Herr Meyer", sagte Flametti, "ich kenne doch Schnepfes Lokal. Keine Sorge! Wochentags leer. Aber Sonntags brillant. Und jetzt zur Meßzeit, mit unseren Schlagern...! Das Wichtigste ist: man muß ihm den Schneid abkaufen, dem Schnepfe. Von vornherein. Gar nicht aufkommen lassen. So und so sieht es aus bei uns. Das und das brauchen wir.--Großes Lokal bei den Schnepfes. Prachtvolle Zimmer. Guter Kontrakt."

Aber Herr Meyer schien seine Bedenken zu haben. Er hörte kaum zu. Rauchte 'ne Zigarette und spuckte wegwerfend durchs Coupéfenster.

"Sehen Sie mal", sagte Flametti und tippte die Asche weltmännisch auf die vorbeisausende Landschaft, "wir haben: die "Indianer", den "Harem", den Friedhofsdieb", den "Mann mit der Riesenschnauze", die "Nixen", die "Ausbrechernummer"...." Er zählte das alles an den Fingern her.

"Die "Indianer"?" warf Herr Meyer ein.

"Na ja, die "Indianer"."

"Wieso die "Indianer"?"

"Na: ich, meine Frau, die Soubrette und Rosa."

"Schöne "Indianer"!" meinte Herr Meyer. Ihm konnt' es ja recht sein.

"Was wollen Sie?" meinte Flametti, "genügt das nicht?" Er wurde heftig. "Jawohl! Werde mir fünf Soubretten engagieren! Zehn Lehrmädel dazu!"

"Feine Stadt, Basel!" rief Jenny mit erhobenem Zeigefinger und entnahm ihrer Handtasche zwei Schinkenbrote. "Gelt, Max, auf die Meß' gehen wir? Und die Kavaliere bringen uns Leckerli?"

"In Basel gibt's doch die Leckerli", erklärte sie Fräulein Laura, die ebenfalls skeptisch schien. "Solchene Tüten bringen sie an!" Sie zeigte eine Tütengröße von reichlich einem halben Meter. "Und einen zoologischen Garten gibt es: Wildschweine, Strauße, Giraffen! Feine Stadt!"

Fräulein Laura schien ganz Ohr. Nervös sah sie von Flametti zu Meyer, von Meyer zu Jenny.

"Der Herr Meyer meint, das Repertoire reiche nicht aus", lächelte Max zu Jenny.

"Nimm ein Schinkenbrot, Max!"

Herr Meyer spuckte wegwerfend und finster. Und Jenny fühlte sich verpflichtet, deutlichere Begriffe zu geben von dieser gesegneten Stadt.

"Und der Rhein ist da", sagte sie kauend im hübsch ansitzenden Reisekleid, "und die Polizei ist sehr streng. Papiere und Heimatschein, da darf nicht das Tüpfel fehlen. Wenn dort eine auf der Straße geht: zwei Tage. Schon ist sie weg."

Stoßhaft belustigt spuckte Herr Meyer. Doch seine Skepsis war abgründig finster. Jeder Versuch, ihn aufzuhellen, schien vergebens. Und Fräulein Laura zuckte nervös mit den Augenlidern. Sie schien sich gar nicht zurechtzufinden.

Engel langte die Sachen herunter aus dem Gepäcknetz. Bobby sah nach der Uhr und griff die Plakate. Rosa bemühte sich um den Käfig der Turteltauben.

"Ist's schon so weit?" fragte Jenny erstaunt und steckte ihr Schinkenbrot halb in den Mund, halb in die Reisetasche.

"Basel!" bestätigte Flametti.

"Ah, das ist recht!" rief Frau Schnepfe, als das Ensemble eintrat. "Das ist recht!" und drehte an ihrem Ehering. "Guten Tag! Guten Tag! Guten Tag!" und gab jedem einzelnen die Hand.

"Salü!" grüßte Flametti, "da sind wir!" und blieb mit Reisetasche und Regenschirm ostentativ inmitten der Wirtsstube stehen, als wolle er sagen: jetzt geht der Kontrakt an. Jetzt habt ihr zu sorgen für uns.

Frau Schnepfe bekam einen gelinden Schreck. Und die Soubrette, als "Stimmungsmacherin" angezeigt, nahm sogleich einen Stuhl, ganz erschöpft von Influenza, stützte den Kopf auf und begann einzuschlafen.

"Wo ist der Beizer?" fragte Flametti forsch.

"Fritz!" rief Frau Schnepfe in irgendein Kellerloch, "da sind sie. Komm einmal rauf, die Artisten sind da." Und Engel und Bobby stapelten das Gepäck auf, schleppten den großen Koffer herein.

Da kam auch Herr Schnepfe zum Vorschein, blinzelnd und etwas verrußt von der Kellerarbeit.

"Salü Max!" grüßte er mit salopp geschwungener Schneidigkeit und blödem Gesichtsausdruck. Er trug eine Schnurrbartbinde, war klein von Gestalt, und es fehlte der Kragenknopf.

"Salü Fritz!" grüßte Flametti souverän und stellte den Handkoffer ab. Herr Schnepfe sah aus, als sei ihm nicht wißlich, um was es sich handle.

"Das ist die Frau", stellte Flametti vor, "das ist die Soubrette, das der Pianist, das die Rosa. Das der Engel und das unser Herr Bobby."

"Früh auf den Beinen!" meinte Herr Schnepfe.

"Schweinskopf mit Senf", porträtierte Engel, indem er den Koffer zum andern Gepäck hinschob.

"Alles parat?" fragte Flametti militärisch.

"Alles parat!" rapportierte Herr Schnepfe, die Hand an der Hosennaht. Den Scheitel hatte er sich mit Wasser und mit Pomade zurechtgeplätscht. Doch sträubten sich seine Borsten.

"Wo sind denn die zwei andern Fräulein?" erkundigte sich Frau Schnepfe freundlich und süß.

"Kommt Ersatz!" tröstete Flametti und hing nun auch seine Schirme auf.

"Na, dann zeig' mal die Zimmer!" gebot Herr Schnepfe und zog sich mit einem kommißartigen Ruck die Kellerschürze über den Kopf.

"Wollt ihr nicht erst einen Kaffee trinken?"

Oh, das war eine freundliche Frau Schnepfe! Oh, die war nett!

"Oh ja", nickte Jenny mit ihrem süßesten Lächeln und gab der Frau Schnepfe das Reiseplaid. Die gab's einer Kellnerin weiter.

Flametti nahm Rosa die Tauben ab, hing seinen Hut an den Haken und nahm seine "Philos" heraus.

Die Kellnerin brachte Helles. Herr Schnepfe hantierte am Bierhahn, gab seine Befehle. Jenny ging mit Frau Schnepfe die Wohnung besehen. Und man war angekommen.

Nachmittags ging man zur Polizei, von wegen der Anmeldung. Die Stadt war grau. Hohe Häuser, elektrische Straßenbahnen. Regenwetter und Nebel.

Das Polizeihaus war ein efeuumwachsener, burgähnlicher Bau. Der Weg hinauf führte vorbei am Gefängnis. Ein Sträfling sah mit verwildertem Kasperlgesicht durchs Eisengitter herab auf die Straße. Schweigend ging man vorbei, gedrückt, wie Katholiken vorübergehen am Kreuz. Man nimmt seinen Hut ab.

