# Flametti: oder vom Dandysmus der Armen

## Part 7

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Herein trat Fräulein Frieda, der "Hinkepott", aufgetakelt in Seidengrimmer, mit ausgeleierter Hüfte verschoben haxend. Ihr folgte Fräulein Dada in einem Schneiderkleid à la feldgraue Uniform, nach neuestem Schick. Der Unterkiefer hing ihr sehr lang, ein verfettetes Dreieck. Mit den Händen stützte sie sich, im Vorbeigehen, langsam und sehr elegant auf die Tische. Das feldgraue Schneiderkleid machte Furore. Aller Augen sahen nach ihr. Auch diese beiden Damen begaben sich möglichst nach vorne, um in der besten Gesellschaft zu sein und ein wenig zu profitieren vom Rampenlicht.

Neben der Bühne aber versammelte sich das Orchester des Herrn Fournier: fünfzig Mann mit Schlagzeug und Baßtrompeten.

Die Lehrmädel, Jenny und die Soubrette erschienen in tangofarbenen Babyhängern, Schleifen im Haar, neigten die Köpfe, schwänzelten, nickten den Gästen zu und gruppierten sich um den Künstlertisch.

Engel vom Vorhang aus machte verrenkt pathetische Zeichen zum Büfett für die Beleuchtung. Sein Gehrock flatterte. Hinter der Bühne zog es. Herr Meyer entfaltete die Noten seiner Begleitmusik und probierte, für alle Fälle, das Pedal. Er war auf der ganzen Linie für Pedalisierung. Ein Leben ohne Pedal schien ihm scheußlich und abgeschmackt.

Flametti, den Herrn Farolyi vom Zirkus Donna Maria Josefa mit vorgestreckter Hand fachmännisch begrüßte, wischte sich mit dem Sacktuch über die Stirn. Jenny stellte die Kasse nebst Zubehör auf den Künstlertisch. Und Fräulein Traute, den Kopf wippend voll Locken, setzte sich plumpsend daneben.

Herr Häsli hatte eben noch Zeit, seine Krawatte zurechtzuzupfen. Frau Häsli, den Brustlatz ihrer Tochter zu arrangieren. Dann begann's.

"Mtata, mtata, umba, umba, umba, umba!", und Herr Fournier schlug mit dem Taktstock, als wär's eine Peitsche.

Die Musik ging denn auch merklich vorwärts. Nur der linke Trompeter, der die Posaune bediente, kam nicht zurecht. Doch das war jetzt nicht mehr von Belang. Los ging die Musik, daß die Schwarten knackten.

"Ptuhh dada dada da, umba, umba!" blies die Baßtrompete in idealer Konkurrenz mit Pauke und Schrummbaß. Dieser Schrummbaß war die Spezialität des Herrn Fournier. Es war phänomenal.

Immer mehr Volks strömte hinzu. Soldaten kamen, rote Gesichter, silberne Epauletten, und saßen zu beiden Seiten eines mittleren Längstisches wie Ruderer bei der Regatta. Studenten warfen mit Schokoladeplätzchen verstohlen nach der festlich grinsenden Rosa, die, von Tisch zu Tisch Billette verkaufend, gar artig die Beine setzte. Rechts von der Bühne, nahe beim Künstlertisch, steckte Fräulein Güssy in Eile der Soubrette eine halb aufgeblühte Rose ins Haar. Herr Häsli suchte die Noten heraus. An der Kasse, mit Frau Schnepfe, saß Jenny, gravitätisch, bonzenhaft, ihrer Bedeutung vollkommen bewußt; die Repräsentation verkörpernd. Neben ihr Traute.

Auch Güssy und die Soubrette eilten jetzt mit Billetten ins Publikum. Frau Häsli trat mit dem Fuß den Takt zur Musik. Toni, die Tochter, äugte nach Kavalieren.

"Dadadadada umba, umba, um!" machte die Musik. Sie war angekommen am Ziel. Das Stück war zu Ende.

Langsamer Beifall erhob sich. Flametti fuhr sich nervös durchs Haar.

Er schob sein Röllchen zurück, nahm einen Schluck Helles. Dann trat er vor und sprach:

"Meine Damen und Herrn! Ich heiße Sie herzlich willkommen und danke Ihnen für Ihren zahlreichen und glänzenden Besuch. Ich gebe mir die Ehre, Ihnen mitzuteilen"--lautlose Stille--, "daß es mir gelungen ist, Ihnen heute abend ein ganz besonders interessantes Programm zu bieten. Herr Generalmusikdirektor Fournier mit seiner fünfzig Mann starken Eisenbahnerkapelle hat Ihnen bereits eine Probe seiner bewährten Kunst vorgelegt. Er wird bei uns bleiben nicht nur bis elf, wie es sonst üblich ist, sondern bis drei Uhr. Denn: es wird getanzt.

Sie sagen vielleicht: wie kann man hier tanzen, unter den Heckenrosen? Aber das ist gerade die Kunst. Wir werden den Frühling in Herbst verwandeln durch Aufgebot unserer dienstbaren Geister vom "Krokodil" und Umgebung. Durch eine geheimnisvolle Mechanik hat unser Gastgeber, Herr Hotelier Schnabel, es möglich gemacht, im Handumdrehen die hängenden Gärten der Semiramis in ein Palais Mascotte, ein Moulin Rouge, in ein Tivoli zu verwandeln."

Flametti lächelte. Der "Totenkopf" warf ihm mit offenem Mund befremdete Blicke zu.

"Meine Damen und Herrn!" fuhr Flametti fort, "Das ist ja ein Schmus, was ich Ihnen da sage. Das merkt ja der Dümmste. Das ist ja Stuß. Aber Sie sehen heute zum erstenmal hier das berühmte Jodlerterzett Häsli aus Bern, dessen Scherzos und herzerquickende Jodlerlieder--"--Flametti sah sich nach Frau Häsli um--"Ihnen einen Begriff geben werden, mit was für angenehmen, soliden und renommierten Künstlern Sie es zu tun haben. Ich führe Ihnen sodann zum erstenmal hier im "Krokodil" unseren Herrn Damenimitator Arista vor:

"Nur immer raus damit, nur immer raus damit! Wozu haben wir's denn? Na ja!""

Flametti kam in Stimmung. Er zitierte und gab Probegesten....

"Ich führe Ihnen endlich hier zum erstenmal "Die Indianer" vor, verfaßt von meinem Freunde St. Rotter, Conférencier und Improvisator am Germania-Cabaret.

Meine Damen und Herrn! Keine richtigen, echten, wirklichen Indianer. Keine Sioux, Apachen, Komantschen. Keiner wird mit die Ketten rasseln wie auf dem Jahrmarkt, oder auf der Mess' z' Basel. Sie brauchen keine Angst zu haben. Es schreckt nicht. Es passiert Ihnen nichts. Sondern: Sie sehen die Wirklichkeit. Das aussterbende Volk der Indianer auf dem Kriegspfad. Die Rache und die Verklärung. Den Häuptling mache ich selbst."

"Ich selbst", wiederholte Flametti, indem er in Selbstpersiflage komisch an sich hinunterstrich. "Die Musik macht Herr Meyer", und stellte mit einer seitlichen Handbewegung den Pianisten vor.

"Sie werden dieses Ensemble sehen und ergriffen sein. Sie werden uns staunend Ihren Bekannten rekommandieren, wenn es Ihnen gefallen hat.

Sie können sich denken, daß solche Ausstattungspiècen bei den heutigen Zeiten fast unerschwinglich sind. Sie werden befürchten, daß eine Extrakassierung stattfinden wird. Nichts von alledem! Wir kassieren wie sonst. Ohne Extraeerhebung. Dafür hoffe ich aber, daß auch Sie sich erkenntlich zeigen und ein wenig tiefer in den Geldbeutel greifen. Besonders die "Galerie". Bei der Kassierung bleibt die Toilette geschlossen.

Wir beginnen also jetzt mit dem Eröffnungslied. Mister Bobby wird Ihnen sodann seinen neu einstudierten Kautschuk--und Exzentrikakt vorfuhren."

Er trat zurück. Freundlicher Beifall erhob sich: man dankte fürs Arrangement.

"Sehr hübsch", sagte Donna Maria Josefa überrascht zu Herrn Leporello, demselben Herrn Leporello, den Jenny morgens im Gespräch mit Raffaëla als Direktor bezeichnet hatte.

Mister Bobby, der Exzentrikmann, war inzwischen ebenfalls erschienen, in schillerndem Eidechsenkostüm; einen hellbraunen, vom Regen verwaschenen Sommerpaletot über den Schultern, Zigarette rauchend.

Man diskutierte die zart gesetzte Rede Flamettis und stimmte allseits darin überein, daß Flametti in solchen sarkastisch-sachlichen Gängen unübertroffen sei.

Der Ausfall gegen das Jodlerterzett, bei aller Anerkennung der Häslischen Leistungen, bildete eine ganz besondere Sensation. Solcherlei Ausfälle liebte Flametti. Sie erweckten im Zuschauerkreis ein Interesse, das über die rein artistische Leistung hinaus die Person des Artisten auch von der menschlichen Seite ins Auge faßte. Sie boten Flametti Gelegenheit, zu privaten und häuslichen Dingen summarisch Stellung zu nehmen. Der Vortrag vor öffentlichkeit und Gesellschaft wurde in seinen Händen ein starkes Mittel, die Seinen an exponierter Stelle im Zaume zu halten.

Frau Häsli war denn auch reichlich aufgebracht.

"Flametti!" stellte sie ihn zur Rede, "das war nicht nötig! Das haben wir nicht verdient um euch. So eine Blamage! Ich hab' nun gesehen, wie man mit uns verfährt. Ich habe nie nötig gehabt, im Häuschen zu sitzen!",--das war eine Anspielung auf Jennys Vergangenheit--, "na, gut, daß ich's weiß."

Hastig strich sie sich die Löckchen aus der Stirn.

"Jenny", rief sie, "das hätte ich nicht erwartet. Pfui Teufel. Da sieht man's!"

Auch Häsli fand solche Manier despektierlich. Er spuckte aus. Sagte aber nichts. Rosa feixte.

Es war keine Zeit, sich aufzuhalten.

"Fort, Kinder! Anfangen, anfangen!" drängte Flametti. "Engel, den Vorhang! Fertig? Herr Meyer!"

Die Mädel rannten hinter die Bühne. Flametti stürzte sein Helles hinunter. Der Zwergpintscher auf Fräulein Amaliens Busen kläffte, weil ihn Amalie kitzelte. Die Rosenlauben schwankten. Das Publikum rückte gespannt auf den Stühlen.

Klingelzeichen. Der Vorhang ging auf, und in einer Reihe standen: Jenny, Rosa, die Soubrette, Fräulein Güssy und Fräulein Traute; alle in Tangokostümen. Rot, blau, grün, gelb, violett die Schleifen im Haar. Überflutet von Bühnenlicht. Ein zärtlicher Anblick.

Die hochgeschminkten Gesichter strahlten. Die fünf Paar Beine in farbigen Seidenstrümpfen standen adrett geschlossen, Kadettenbeine. Die duftigen Hänger in süßen Farben stützten kokett die baumelnden Lockenköpfe.

Mehr oder weniger Busen sog sich voll Luft. Herr Meyer schlug den Akkord an. Die ziegelrot übermalten Münder öffneten sich, und ein Frühlings-Begrüßungsmarsch erfüllte die Bühne, das Publikum und die Rosenlauben mit unternehmendem Marschrhythmus:

"Freunde, rasch voran, laßt die Becher kreisen! Heiter immerdar Lieb' und Jugend preisen. Freude nur allein kann das Leben schönen. Schenket Kraft, spendet Mut, macht die Alten jung."

Der Beifall wurde lebhaft. Das Orchester richtete seine Instrumente und die Notenblätter her für die zweite Unternehmung. Das Publikum kam in Stimmung.

Gläser klapperten. Stimmen schwirrten. Satzfragmente zerknäulten sich im Zigarettenhimmel. Die Kellnerinnen riefen einander zu und Herr Schnabel legte die Hand an die zurückfliehende Stirn wie ein kleines Dach und übersah das Gewühl. "Mehr Stühle!" Man schleppte noch Stühle herbei.

Die Kassierungen kamen herein: Glänzend! Exzentrik-, Zauber-, Gesangs--und Ensemblenummern lösten einander ab in wohlarrangierter Steigerung. Zwischenmusik: die Kapelle des Herrn Fournier.

An der Kasse aber saß einheimsend Jennymama, Silber--und Kleingeld ordnend, Fünffrankenscheine wechselnd, die ankommenden Muschelschalen ihrer kassierenden Damen so distinguiert in die Kasse kippend, als fürchte sie, sich die Finger zu netzen.

Und als Fräulein Amalie mit dem Pintsch so nebenhin fragte: "Gutes Geschäft?" erhielt sie die sehr reservierte Antwort: "O ja!"

Frau Schnepfe, obgleich es ihrem Geschäftsinteresse zuwiderlief, konnte sich nicht versagen, anzuerkennen, wie hübsch der Saal arrangiert, wie interessant das Programm und wie tüchtig Herr Fournier sei.

Und Traute nahm die Gelegenheit wahr, sich ein wenig zu beschäftigen, indem sie Frau Schnepfes Halsbördchen schloß, dessen mittlerer Druckknopf entgegenkommenderweise verbogen war und allen Versuchen, ihn mit der Nabe zu einem Ganzen zu vereinigen, beharrlichst widerstand.

Was für einen langen Hals die Frau Schnepfe hatte! Und wie sie nach "Wurmsamen" roch!

Mittlerweile hatte nun Jennymama ein Portemonnaie da, nahm eine Handvoll Silber, tat es hinein, stand auf, ging zu Herrn Meyer ans Klavier und sagte:

"Lieber Herr Meyer", flüsternd, "ach, nehmen Sie doch mein Portemonnaie zu sich bis nachher! Es stört mich beim Umziehn. Ich habe keine Tasche im Kleid. Gell ja?" Und legte Herrn Meyer vertraulich die Hand auf die Schulter.

Und Herr Meyer steckte das Portemonnaie zu sich, ohne viel Worte zu machen, und wischte die schweißenden Tasten ab.

"Dank' Ihnen!" sagte Jennymama, "puh, welche Hitze!" und streckte sich im Korsett, daß das Fischbein knackte, und setzte sich wieder zur Kasse.

Und Traute stand auf, unauffällig, duckte sich, schlich zu Flametti und raunte hastig mit fliegenden Augen an ihm empor:

"Man nimmt Geld aus der Kasse!"

"Wer?"

"Jenny!"

"Dann gib acht, wieviel sie nimmt!"

Und Traute fühlte: Triumph!, setzte sich harmlos wieder zur Kasse und begann ein Verlegenheitsspiel mit Amaliens Seidenpintsch.

Jenny fiel auf, daß die nicht von der Stelle wich.

"Zieh' dich um!" rief sie, "die "Nixen" kommen!"

"Ist noch Zeit!" flegelte Traute sich hin, "erst kommt ja noch Engel!"

Kam auch. Mit seiner Ausbrechernummer.

"Sie sehen hier eine Kiste...", rief Flametti auf der Bühne und klopfte mit einem Hammer eine große quadratische Holzkiste ab. "Aus solidem Holz", und drehte die Kiste nach allen Seiten. "Stand auf dem Hofe der Firma Maulig & Kopp bis gestern. Kein Schwindel! Innen fest, außen fest. Keine Einlagebretter! Keine Vexierwand.--Ich werde Monsieur Henry (das war Engels Bühnenname) in diese Kiste legen. ..." Engel war bereits gefesselt und in einen Sack eingenäht... "Ich werde die Kiste verschließen!"... er legte den Deckel drauf... "Sie selbst, meine Herren", zum Publikum gewandt, "werden die Kiste vernageln."

Eine Bewegung ging vor sich im Publikum. Mutter Dudlinger kam; spät, doch sie kam; in Begleitung des ihr ergebenen Herrn Pips, der von Beruf ein Student war.

Man mußte aufstehen, damit Mutter Dudlinger durchkonnte. Man wurde gestört, weil droben gerade der interessanteste Teil der Nummer verhandelt wurde. Man nahm ärgernis, machte Bemerkungen, ward unwirsch.

"Setzen!" rief man von hinten.

"Ruhe!" rief man von vorne.

Mutter Dudlinger stand eingepfercht in der Mitte, gutmütig lächelnd, Popoansätze am ganzen Körper, gestützt auf den Regenschirm. Vom Velvethut nickte die goldene Troddel. Vom Antlitz tropfte die Anstrengung. Am Korsett stieg ihr der Rock hoch, weil sich der Leib darunter, von rechts und links eingezwängt, nicht anders zu helfen wußte.

Warum kam sie auch so spät?

Weil sie zu den Eingeweihten zählte. Weil sie wußte, daß vor halb zehn Uhr nichts von Belang gegeben wurde, was sie nicht kannte.

"Sie selbst, meine Herren", betonte Flametti mit ingrimmig rollenden Augen und einem vielsagenden Blick auf den "Frauenverein", von dem einmal wieder die Störung kam, "sie selbst, meine Herren, haben Gelegenheit, die Kiste zu prüfen, den Deckel daraufzunageln."

Jenny winkte Mutter Dudlinger zu, unterdrückt, aber deutlich:

"Hierher, Mutter Dudlinger, hier gibt es noch Platz!" und deutete dabei auf einen freigewordenen Stuhl in der ersten Laube, die an den Künstlertisch grenzte.

Aber Mutter Dudlinger blieb stehen, lächelnd ob soviel Güte. Mit dem schwitzenden Zeigefinger lüpfte sie eingegergelt das samtene Kropfband. Mit dem Regenschirm gab sie Erklärung, sie wolle lieber an Ort und Stelle warten, bis diese Nummer vorüber sei.

Herr Pips seinerseits versuchte mit plötzlichen, wohlorientierten und freudige überraschung bekundenden Gesten Jennymama zu bedeuten, der Herr Krematoriumfritze säße ja ganz in der Nähe, und ihm, dem Herrn Pips, sei es unverständlich, wie Jennymama bei der langweiligen Kasse sitzen könne, statt hier, hier, hier bei dem Krematoriumfritze.

Der Herr Krematoriumfritze aber verleugnete völlig jedes Interesse. Breitknochigen Angesichts saß er finster vor seinem Veltliner, Zigarre rauchend, und tat, als ob er die Jenny nicht sähe noch sehen wolle, heimlich doch gar voll schnackelnder Gedanken.

Es ist so schwer, Gefühle bemerkbar zu machen. Am besten, man tut, als habe man keine, noch irgendwelche Absichten. Möglich auch, daß sein ingrimmiger Ernst von seinem Beruf herrührte. Wenn man jahraus, jahrein Leichen verbrennt, kann man nicht ohne weiteres und im Handumdreh'n das Gehaben finden, das eine Primadonna bestrickt. Deren in Fleischeslust bebende Schwanenbrust hatte er längst bemerkt--so mal seitwärts--, und wieviele Fünfliver er in der Tasche hatte, wußte er auch.

Und Herr Pips wieder seinerseits, der dies mißverstand, suchte Herrn Naumann--Friedrich Naumann hieß der Herr Krematoriumfritze, genau wie der deutsche Nationalökonom--diskret auf Jennymama hinzulenken, ebenfalls mit Gesten. Doch gelang es ihm nicht, ein gegenseitiges Verständnis zu erzielen.

"Sie sehen", sagte Flametti und stürzte die Kiste, "die Kiste ist völlig geschlossen."

"Wissen wir schon!" sagte Herr Pips halblaut und winkte ab mit der flachen Hand.

Die Gäste seiner Umgebung wußten sofort: der gehört zur Familie. Und dem war auch so. Herr Pips war der erklärte Freund der Artisten, häufigster Gast Mutter Dudlingers und der Flamettis. Er bezog einen Monatswechsel von dreihundert Franken.

Es kam, wie es kommen mußte: auch diese Pièce war schließlich zu Ende. Man machte Platz und Mutter Dudlinger und Herr Pips fanden Unterkunft in der Rosenlaube, wo sich Herr Pips sofort unbehaglich fühlte, weil er nicht nach Wunsch Fühlung nehmen konnte.

Das Orchester spielte den Hindenburgmarsch, breit, wuchtig und forsch, wie es der Denkungsart dieses obersten Heerführers entspricht, als eben mit ihrem Impresario Miß Ranovalla de Singapore eintrat, ein siamesisches Gegenstück zu Mutter Dudlinger, schwarz von Gesicht, ein zinnoberrotes Mäntelchen um die Schultern gehängt, aufgeputzt wie ein Affe.

Und das Häsliterzett sang soeben das "Schackerl", als wie auf Verabredung auch Herr Direktor Ferrero erschien, der heute abend nicht spielte.

Einige Gäste, die zur Bahn mußten, standen auf. So bekam er rasch Platz, abseits vom Künstlertisch.

"Schackerl, Schackerl trau di net!" gingen Mutter und Tochter singend mit neckischem Mienenspiel und erhobenem Zeigefinger auf den unglücklich die Mitte behauptenden Häsli los.

"Trau mi net", erwiderte Herr Häsli ängstlich und sehr verschüchtert, aber mit einem plötzlichen Aufschauen und Horchen, das unsagbar drollig wirkte.

"Hoam zu deiner Alten", sangen Mutter und Tochter, indem sie ihn ausspotteten.

"Dreahn ma lieber weiter no", sangen alle drei und faßten sich bei den Händen. Die Musik hielt drohend das "no" aus.

"Trink ma no an Kalten!" sank die Musik.

"An Kalten", wiederholte Herr Häsli mit aufleuchtendem Grinsen, und persiflierte Bauerneleganz.

Die Liebenswürdigkeit seiner Damen war bezaubernd. Sie waren so recht in ihrem Element. Und Herr Häsli machte also doch "das Kalb".

Die Musik aber--hier begleitete nicht Herr Meyer, sondern das Orchester--feierte eine Orgie.

Hörner, Piston, Baßklarinett; Tuba, Trommel und Fagott schrieen, zeterten, kreischten, gröhlten. Die Schallöcher der Trompeten stachen wie Sternwartenrohre nach allen Seiten gelb in die Luft; sie spieen Musik. Die Augen der Bläser verdrehten sich und drohten als blanke Kugeln aus ihren Höhlen zu fallen. Die Disharmonieen zerfetzten einander. Und Herr Fournier, der für das Ganze verantwortlich war, gebärdete sich wie ein Wilder.

"Kriagst dei Murrer sowieso..."

"sowieso", nickte Herr Häsli vergelstert. Das ganze Lokal brüllte mit: "sowieso". Die Damen kreischten auf, weil sie sich in einer Eigentümlichkeit ihres Idioms erkannt sahen.

"Tu' jetzt drauf vergessen", lenkten Frau Häsli und ihre Tochter ein; mit ihnen die Musik, die plötzlich zartest und pianissimo wurde.

"Laß dei Alte Alte sei!" johlte die Musik--Herr Häsli improvisierte ein "Juhu!", das er mit einem Freudensprung begleitete, und schlug sich auf sein nacktes Tirolerknie-"Die wird di net fressen."

"Net fressen", wiederholte Herr Häsli mit täppischer Sorglosigkeit, begleitet von der magenerschütternd drohenden Baßtrompete, die wie der "Murrer" der Alten klang, so daß Herr Häsli entsetzt und mit offenem Mund nach Herrn Fournier stierte.

Der lächelte. Das Publikum raste. Die Rosenhecken wackelten. Einem Herrn fiel der Kneifer herunter. Der "Totenkopf" streckte die Beine weit von sich und hielt sich den Leib vor Lachen. Annie bog sich vor Lachen wiehernd auf die Seite zu ihrem Kavalier, daß sich die Köpfe berührten.

"Hoh, hoh!" brüllte die "Galerie".

Flametti allein schmunzelte nur.

Und jetzt begann der Jodler:

"Hollo dero hi, hollo dero....", schnackelten, klatschten und plattelten die drei auf der Bühne. Es war überwältigend. So ein Erfolg war noch nicht. Unerhört! Festrausch verbreitete sich. Das war Stimmung!

"Jesses, Jenny!" rief Fräulein Amalie voller Entzücken und doch kopfschüttelnd, "Trau mi net": wie er das singt! Wie er das singt!"

"Kassieren!" rief Jenny.

Rosa, Güssy und die Soubrette rannten mit den Muscheln.

"Los, kassieren!" schrie Jenny auch Fräulein Traute zu, die noch immer am Tische saß und nicht von der Kasse wich.

Fräulein Amalie nahm die Gelegenheit der Pause wahr, einmal hinauszugehen. Frau Schnepfe stand auf, um die Häslis und Flametti zu beglückwünschen.

"Gehen Sie doch selbst kassieren!" antwortete Traute gereizt, aber schlicht.

"Gehst du kassieren oder nicht?" drohte Jenny unterdrückt, um keinen Skandal zu machen.

"Ich habe hier aufzupassen!" antwortete Traute.

"Was hast du hier?"

"Aufzupassen", sagte Traute. "Sie nehmen Geld aus der Kasse."

"Was tu' ich, Lumpenmensch?" knirschte Jenny und packte Traute trotz Publikum und Konzert über den Tisch beim Kragen.

"Lassen Sie mich los!" rief Traute. "Ich habe den Auftrag, aufzupassen. Ich habe gesehen, wie Sie dem Pianisten Geld zusteckten. Ich kann aber jetzt auch gehen, wenn Sie wollen. Ich habe keine Lust, mich von Ihnen mißhandeln zu lassen. Sie werden das weitere sehen. Sie sind abgesetzt. Sie machen für uns die Kassiererin solange, bis wir uns eine andere nehmen."

"Max!" rief Jenny und fegte hinter die Bühne, "Max!" ganz hysterisch. Das war ihr zuviel!

Man wurde aufmerksam, reckte die Hälse. Traute zuckte die Achseln, mitleidig, und schnickte mit dem Kopfe.

Da spürte Jenny eine Hand auf ihrer Schulter und drehte sich um. Der Freund aus Baden stand hinter ihr.

Auch er war gekommen, soeben, hatten den Steifen noch auf dem Kopf, den Regenschirm hängend am Arm. Schnurrbart kurz aufgekräuselt. Paletot zugeknöpft, Teilhaber der Firma Seidel & Sohn, Wäsche engros.

"Na, was gibt es denn, Jenny?" fragte er ruhig, begütigend.

"Ah, guten Abend!" faßte sie sich, "nichts weiter."

"Setz' dich doch her!" sprach er ihr zu, hing Paletot, Hut und Schirm an den Haken, und setzte sich, seinen Smoking glättend, zum Künstlertisch.

"Nichts, nichts!" versicherte Jenny.

"Na, siehst du!" meinte Herr Seidel, stolz auf die Suggestion, die auszuüben er sich befähigt fühlte.

Traute ging selbstgefällig in die Garderobe. Sie hatte es ihr gegeben, dieser Bordelldame.

Flametti kam und fragte ein wenig unsicher:

"Was gibt's?" und begrüßte Herrn Seidel. Frau Häsli saß bei Direktor Ferrero.

"Siehst du dort?" zeigte Jenny auf das verhandelnde Paar.

"Meinetwegen!" zuckte Flametti die Achseln. "Wer kassiert?"

"Rosa, Güssy und die Soubrette."

"Wo ist die Traute?"

"In der Garderobe."

"Gut!" sagte Flametti, sehr in Gedanken, und setzte sich, aufgedunsen und abgehetzt, an Donna Maria Josefas Tisch.

"Das ist ja fabelhaft!" glückwünschte Herr Farolyi, der Kunstreiter, und schob Flametti einen Kognak hin. "Na, ihr habt euch ordentlich rausgemacht!"

"Jo!" meinte Flametti wegwerfend, stürzte den Kognak, stand auf und begrüßte Miß Ranovalla.

Das Lokal war jetzt überfüllt. Wenn das Orchester spielte, verstand man sein eigenes Wort nicht mehr.

Herr Arista war ganz vergebens bemüht, sich Geltung zu verschaffen.

"Nur immer raus damit, nur immer raus damit!" sang er in hohem Diskant. Ein Schleppkleid trug er, reichlich mit Spitzen besetzt. Seine Allüren waren von jener holzigen Grazie alttoskanischer Edelfrauen.

Aber man hörte ihn nicht. Vergebens kämpfte er gegen das laute Interesse der animierten Habitués. Man sah nur die Gesten, die zu besagen schienen, daß er sich übergeben wolle. Man fand es dégoutant. So sehr Dandy war man schon, daß man die Aristokratie im großen und ganzen gelten ließ. Es bedurfte so peinlicher Hinweise auf deren Materialismus nicht, um ihn abzulehnen.

Es war indessen ein Mißverständnis. Die Gesten des Herrn Arista bezogen sich auf seinen Busen, ganz und gar nur auf seinen Busen, von dem das Couplet von A bis Z handelte. Damen, Damen, Damen stellte er dar. Aber eben: man verstand ihn nicht.

