# Faust: Der Tragödie zweiter Teil

## Part 12

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KAISER: Zwar fühl' ich mich zu ernst, auf Festlichkeit zu sinnen, Doch sei's! Es fördert auch frohmütiges Beginnen. Dich wähl' ich zum Erztruchseß! Also sei fortan Dir Jagd, Geflügelhof und Vorwerk untertan; Der Lieblingsspeisen Wahl laß mir zu allen Zeiten, Wie sie der Monat bringt, und sorgsam zubereiten.

ERZTRUCHSESS: Streng Fasten sei für mich die angenehmste Pflicht, Bis, vor dich hingestellt, dich freut ein Wohlgericht. Der Küche Dienerschaft soll sich mit mir vereinigen, Das Ferne beizuziehn, die Jahrszeit zu beschleunigen. Dich reizt nicht Fern und Früh, womit die Tafel prangt, Einfach und kräftig ist's, wornach dein Sinn verlangt.

KAISER: Weil unausweichlich hier sich's nur von Festen handelt, So sei mir, junger Held, zum Schenken umgewandelt. Erzschenke, sorge nun, daß unsre Kellerei Aufs reichlichste versorgt mit gutem Weine sei. Du selbst sei mäßig, laß nicht über Heiterkeiten Durch der Gelegenheit Verlocken dich verleiten!

ERZSCHENK: Mein Fürst, die Jugend selbst, wenn man ihr nur vertraut, Steht, eh' man sich's versieht, zu Männern auferbaut. Auch ich versetze mich zu jenem großen Feste; Ein kaiserlich Büfett schmück' ich aufs allerbeste Mit Prachtgefäßen, gülden, silbern allzumal, Doch wähl' ich dir voraus den lieblichsten Pokal: Ein blank venedisch Glas, worin Behagen lauschet, Des Weins Geschmack sich stärkt und nimmermehr berauschet. Auf solchen Wunderschatz vertraut man oft zu sehr; Doch deine Mäßigkeit, du Höchster, schützt noch mehr.

KAISER: Was ich euch zugedacht in dieser ernsten Stunde, Vernahmt ihr mit Vertraun aus zuverlässigem Munde. Des Kaisers Wort ist groß und sichert jede Gift, Doch zur Bekräftigung bedarf's der edlen Schrift, Bedarf's der Signatur. Die förmlich zu bereiten, Seh' ich den rechten Mann zu rechter Stunde schreiten.

KAISER: Wenn ein Gewölbe sich dem Schlußstein anvertraut, Dann ist's mit Sicherheit für ewige Zeit erbaut. Du siehst vier Fürsten da! Wir haben erst erörtert, Was den Bestand zunächst von Haus und Hof befördert. Nun aber, was das Reich in seinem Ganzen hegt, Sei, mit Gewicht und Kraft, der Fünfzahl auferlegt. An Ländern sollen sie vor allen andern glänzen; Deshalb erweitr' ich gleich jetzt des Besitztums Grenzen Vom Erbteil jener, die sich von uns abgewandt. Euch Treuen sprech' ich zu so manches schöne Land, Zugleich das hohe Recht, euch nach Gelegenheiten Durch Anfall, Kauf und Tausch ins Weitre zu verbreiten; Dann sei bestimmt--vergönnt, zu üben ungestört--, Was von Gerechtsamen euch Landesherrn gehört. Als Richter werdet ihr die Endurteile fällen, Berufung gelte nicht von euern höchsten Stellen. Dann Steuer, Zins und Beth', Lehn und Geleit und Zoll, Berg-, Salz- und Münzregal euch angehören soll. Denn meine Dankbarkeit vollgültig zu erproben, Hab ich euch ganz zunächst der Majestät erhoben.

ERZBISCHOF: Im Namen aller sei dir tiefster Dank gebracht! Du machst uns stark und fest und stärkest deine Macht.

KAISER: Euch fünfen will ich noch erhöhtere Würde geben. Noch leb' ich meinem Reich und habe Lust, zu leben; Doch hoher Ahnen Kette zieht bedächtigen Blick Aus rascher Strebsamkeit ins Drohende zurück. Auch werd' ich seinerzeit mich von den Teuren trennen, Dann sei es eure Pflicht, den Folger zu ernennen. Gekrönt erhebt ihn hoch auf heiligem Altar, Und friedlich ende dann, was jetzt so stürmisch war.

ERZKANZLER: Mit Stolz in tiefster Brust, mit Demut an Gebärde, Stehn Fürsten dir gebeugt, die ersten auf der Erde. Solang das treue Blut die vollen Adern regt, Sind wir der Körper, den dein Wille leicht bewegt.

KAISER: Und also sei, zum Schluß, was wir bisher betätigt, Für alle Folgezeit durch Schrift und Zug bestätigt. Zwar habt ihr den Besitz als Herren völlig frei, Mit dem Beding jedoch, daß er unteilbar sei. Und wie ihr auch vermehrt, was ihr von uns empfangen, Es soll's der ältste Sohn in gleichem Maß erlangen.

ERZKANZLER: Dem Pergament alsbald vertrau' ich wohlgemut, Zum Glück dem Reich und uns, das wichtigste Statut; Reinschrift und Sieglung soll die Kanzelei beschäftigen, Mit heiliger Signatur wirst du's, der Herr, bekräftigen.

KAISER: Und so entlass' ich euch, damit den großen Tag Gesammelt jedermann sich überlegen mag.

DER GEISTLICHE: Der Kanzler ging hinweg, der Bischof ist geblieben, Vom ernsten Warnegeist zu deinem Ohr getrieben! Sein väterliches Herz, von Sorge bangt's um dich.

KAISER: Was hast du Bängliches zur frohen Stunde? sprich!

ERZBISCHOF: Mit welchem bittern Schmerz find' ich, in dieser Stunde, Dein hochgeheiligt Haupt mit Satanas im Bunde! Zwar, wie es scheinen will, gesichert auf dem Thron, Doch leider! Gott dem Herrn, dem Vater Papst zum Hohn. Wenn dieser es erfährt, schnell wird er sträflich richten, Mit heiligem Strahl dein Reich, das sündige, zu vernichten. Denn noch vergaß er nicht, wie du, zur höchsten Zeit, An deinem Krönungstag, den Zauberer befreit. Von deinem Diadem, der Christenheit zum Schaden, Traf das verfluchte Haupt der erste Strahl der Gnaden. Doch schlag an deine Brust und gib vom frevlen Glück Ein mäßig Scherflein gleich dem Heiligtum zurück: Den breiten Hügelraum, da, wo dein Zelt gestanden, Wo böse Geister sich zu deinem Schutz verbanden, Dem Lügenfürsten du ein horchsam Ohr geliehn, Den stifte, fromm belehrt, zu heiligem Bemühn; Mit Berg und dichtem Wald, so weit sie sich erstrecken, Mit Höhen, die sich grün zu fetter Weide decken, Fischreichen, klaren Seen, dann Bächlein ohne Zahl, Wie sie sich, eilig schlängelnd, stürzen ab zu Tal; Das breite Tal dann selbst, mit Wiesen, Gauen, Gründen: Die Reue spricht sich aus, und du wirst Gnade finden.

KAISER: Durch meinen schweren Fehl bin ich so tief erschreckt; Die Grenze sei von dir nach eignem Maß gesteckt.

ERZBISCHOF: Erst! der entweihte Raum, wo man sich so versündigt, Sei alsobald zum Dienst des Höchsten angekündigt. Behende steigt im Geist Gemäuer stark empor, Der Morgensonne Blick erleuchtet schon das Chor, Zum Kreuz erweitert sich das wachsende Gebäude, Das Schiff erlängt, erhöht sich zu der Gläubigen Freude; Sie strömen brünstig schon durchs würdige Portal, Der erste Glockenruf erscholl durch Berg und Tal, Von hohen Türmen tönt's, wie sie zum Himmel streben, Der Büßer kommt heran zu neugeschaffnem Leben. Dem hohen Weihetag--er trete bald herein!-- Wird deine Gegenwart die höchste Zierde sein.

KAISER: Mag ein so großes Werk den frommen Sinn verkündigen, Zu preisen Gott den Herrn, so wie mich zu entsündigen. Genug! Ich fühle schon, wie sich mein Sinn erhöht.

ERZBISCHOF: Als Kanzler fördr' ich nun Schluß und Formalität.

KAISER: Ein förmlich Dokument, der Kirche das zu eignen, Du legst es vor, ich will's mit Freuden unterzeichnen.

ERZBISCHOF: Dann widmest du zugleich dem Werke, wie's entsteht, Gesamte Landsgefälle: Zehnten, Zinsen, Beth', Für ewig. Viel bedarf's zu würdiger Unterhaltung, Und schwere Kosten macht die sorgliche Verwaltung. Zum schnellen Aufbau selbst auf solchem wüsten Platz Reichst du uns einiges Gold, aus deinem Beuteschatz. Daneben braucht man auch, ich kann es nicht verschweigen, Entferntes Holz und Kalk und Schiefer und dergleichen. Die Fuhren tut das Volk, vom Predigtstuhl belehrt, Die Kirche segnet den, der ihr zu Diensten fährt.

KAISER: Die Sünd' ist groß und schwer, womit ich mich beladen; Das leidige Zaubervolk bringt mich in harten Schaden.

ERZBISCHOF: Verzeih, o Herr! Es ward dem sehr verrufnen Mann Des Reiches Strand verliehn; doch diesen trifft der Bann, Verleihst du reuig nicht der hohen Kirchenstelle Auch dort den Zehnten, Zins und Gaben und Gefälle.

KAISER: Das Land ist noch nicht da, im Meer liegt es breit.

ERZBISCHOF: Wer 's Recht hat und Geduld, für den kommt auch die Zeit. Für uns mög' Euer Wort in seinen Kräften bleiben!

KAISER: So könnt' ich wohl zunächst das ganze Reich verschreiben.

5. Akt--Offene Gegend

WANDRER: Ja! sie sind's, die dunkeln Linden, Dort, in ihres Alters Kraft. Und ich soll sie wiederfinden, Nach so langer Wanderschaft! Ist es doch die alte Stelle, Jene Hütte, die mich barg, Als die sturmerregte Welle Mich an jene Dünen warf! Meine Wirte möcht' ich segnen, Hilfsbereit, ein wackres Paar, Das, um heut mir zu begegnen, Alt schon jener Tage war. Ach! das waren fromme Leute! Poch' ich? ruf' ich?--Seid gegrüßt, Wenn gastfreundlich auch noch heute Ihr des Wohltuns Glück genießt!

BAUCIS: Lieber Kömmling! Leise! Leise! Ruhe! laß den Gatten ruhn! Langer Schlaf verleiht dem Greise Kurzen Wachens rasches Tun.

WANDRER: Sage, Mutter: bist du's eben, Meinen Dank noch zu empfahn, Was du für des Jünglings Leben Mit dem Gatten einst getan? Bist du Baucis, die geschäftig Halberstorbnen Mund erquickt? Du Philemon, der so kräftig Meinen Schatz der Flut entrückt? Eure Flammen raschen Feuers, Eures Glöckchens Silberlaut, Jenes grausen Abenteuers Lösung war euch anvertraut. Und nun laßt hervor mich treten, Schaun das grenzenlose Meer; Laßt mich knieen, laßt mich beten, Mich bedrängt die Brust so sehr.

PHILEMON: Eile nur, den Tisch zu decken, Wo's im Gärtchen munter blüht. Laß ihn rennen, ihn erschrecken, Denn er glaubt nicht, was er sieht. Das Euch grimmig mißgehandelt, Wog' auf Woge, schäumend wild, Seht als Garten Ihr behandelt, Seht ein paradiesisch Bild. älter, war ich nicht zuhanden, Hülfreich nicht wie sonst bereit; Und wie meine Kräfte schwanden, War auch schon die Woge weit. Kluger Herren kühne Knechte Gruben Gräben, dämmten ein, Schmälerten des Meeres Rechte, Herrn an seiner Statt zu sein. Schaue grünend Wies' an Wiese, Anger, Garten, Dorf und Wald.-- Komm nun aber und genieße, Denn die Sonne scheidet bald.-- Dort im Fernsten ziehen Segel, Suchen nächtlich sichern Port. Kennen doch ihr Nest die Vögel; Denn jetzt ist der Hafen dort. So erblickst du in der Weite Erst des Meeres blauen Saum, Rechts und links, in aller Breite, Dichtgedrängt bewohnten Raum.

BAUCIS: Bleibst du stumm? und keinen Bissen Bringst du zum verlechzten Mund?

PHILEMON: Möcht' er doch vom Wunder wissen; Sprichst so gerne, tu's ihm kund.

BAUCIS: Wohl! ein Wunder ist's gewesen! Läßt mich heut noch nicht in Ruh; Denn es ging das ganze Wesen Nicht mit rechten Dingen zu.

PHILEMON: Kann der Kaiser sich versünd'gen, Der das Ufer ihm verliehn? Tät's ein Herold nicht verkünd'gen Schmetternd im Vorüberziehn? Nicht entfernt von unsern Dünen Ward der erste Fuß gefaßt, Zelte, Hütten!--Doch im Grünen Richtet bald sich ein Palast.

BAUCIS: Tags umsonst die Knechte lärmten, Hack' und Schaufel, Schlag um Schlag; Wo die Flämmchen nächtig schwärmten, Stand ein Damm den andern Tag. Menschenopfer mußten bluten, Nachts erscholl des Jammers Qual; Meerab flossen Feuergluten, Morgens war es ein Kanal. Gottlos ist er, ihn gelüstet Unsre Hütte, unser Hain; Wie er sich als Nachbar brüstet, Soll man untertänig sein.

PHILEMON: Hat er uns doch angeboten Schönes Gut im neuen Land!

BAUCIS: Traue nicht dem Wasserboden, Halt auf deiner Höhe stand!

PHILEMON: Laßt uns zur Kapelle treten, Letzten Sonnenblick zu schaun! Laßt uns läuten, knieen, beten Und dem alten Gott vertraun!

Palast

LYNKEUS DER TÜRMER: Die Sonne sinkt, die letzten Schiffe, Sie ziehen munter hafenein. Ein großer Kahn ist im Begriffe, Auf dem Kanale hier zu sein. Die bunten Wimpel wehen fröhlich, Die starren Masten stehn bereit; In dir preist sich der Bootsmann selig, Dich grüßt das Glück zur höchsten Zeit.

FAUST: Verdammtes Läuten! Allzuschändlich Verwundet's, wie ein tückischer Schuß; Vor Augen ist mein Reich unendlich, Im Rücken neckt mich der Verdruß, Erinnert mich durch neidische Laute: Mein Hochbesitz, er ist nicht rein, Der Lindenraum, die braune Baute, Das morsche Kirchlein ist nicht mein. Und wünscht' ich, dort mich zu erholen, Vor fremdem Schatten schaudert mir, Ist Dorn den Augen, Dorn den Sohlen; O! wär' ich weit hinweg von hier!

TÜRMER: Wie segelt froh der bunte Kahn Mit frischem Abendwind heran! Wie türmt sich sein behender Lauf In Kisten, Kasten, Säcken auf!

CHORUS: Da landen wir, Da sind wir schon. Glückan dem Herren, Dem Patron!

MEPHISTOPHELES: So haben wir uns wohl erprobt, Vergnügt, wenn der Patron es lobt. Nur mit zwei Schiffen ging es fort, Mit zwanzig sind wir nun im Port. Was große Dinge wir getan, Das sieht man unsrer Ladung an. Das freie Meer befreit den Geist, Wer weiß da, was Besinnen heißt! Da fördert nur ein rascher Griff, Man fängt den Fisch, man fängt ein Schiff, Und ist man erst der Herr zu drei, Dann hakelt man das vierte bei; Da geht es denn dem fünften schlecht, Man hat Gewalt, so hat man Recht. Man fragt ums Was, und nicht ums Wie. Ich müßte keine Schiffahrt kennen: Krieg, Handel und Piraterie, Dreieinig sind sie, nicht zu trennen.

DIE DREI GEWALTIGEN GESELLEN: Nicht Dank und Gruß! Nicht Gruß und Dank! Als brächten wir Dem Herrn Gestank. Er macht ein Widerlich Gesicht; Das Königsgut Gefällt ihm nicht.

MEPHISTOPHELES: Erwartet weiter Keinen Lohn! Nahmt ihr doch Euren Teil davon.

DIE GESELLEN: Das ist nur für Die Langeweil'; Wir alle fordern Gleichen Teil.

MEPHISTOPHELES: Erst ordnet oben Saal an Saal Die Kostbarkeiten Allzumal! Und tritt er zu Der reichen Schau, Berechnet er alles Mehr genau, Er sich gewiß Nicht lumpen läßt Und gibt der Flotte Fest nach Fest. Die bunten Vögel kommen morgen, Für die werd' ich zum besten sorgen.

MEPHISTOPHELES: Mit ernster Stirn, mit düstrem Blick Vernimmst du dein erhaben Glück. Die hohe Weisheit wird gekrönt, Das Ufer ist dem Meer versöhnt; Vom Ufer nimmt, zu rascher Bahn, Das Meer die Schiffe willig an; So sprich, daß hier, hier vom Palast Dein Arm die ganze Welt umfaßt. Von dieser Stelle ging es aus, Hier stand das erste Bretterhaus; Ein Gräbchen ward hinabgeritzt, Wo jetzt das Ruder emsig spritzt. Dein hoher Sinn, der Deinen Fleiß Erwarb des Meers, der Erde Preis. Von hier aus--+

FAUST: Das verfluchte Hier! Das eben, leidig lastet's mir. Dir Vielgewandtem muß ich's sagen, Mir gibt's im Herzen Stich um Stich, Mir ist's unmöglich zu ertragen! Und wie ich's sage, schäm' ich mich. Die Alten droben sollten weichen, Die Linden wünscht' ich mir zum Sitz, Die wenig Bäume, nicht mein eigen, Verderben mir den Weltbesitz. Dort wollt' ich, weit umherzuschauen, Von Ast zu Ast Gerüste bauen, Dem Blick eröffnen weite Bahn, Zu sehn, was alles ich getan, Zu überschaun mit einem Blick Des Menschengeistes Meisterstück, Betätigend mit klugem Sinn Der Völker breiten Wohngewinn. So sind am härtsten wir gequält, Im Reichtum fühlend, was uns fehlt. Des Glöckchens Klang, der Linden Duft Umfängt mich wie in Kirch' und Gruft. Des allgewaltigen Willens Kür Bricht sich an diesem Sande hier. Wie schaff' ich mir es vom Gemüte! Das Glöcklein läutet, und ich wüte.

MEPHISTOPHELES: Natürlich! daß ein Hauptverdruß Das Leben dir vergällen muß. Wer leugnet's! Jedem edlen Ohr Kommt das Geklingel widrig vor. Und das verfluchte Bim-Baum-Bimmel, Umnebelnd heitern Abendhimmel, Mischt sich in jegliches Begebnis, Vom ersten Bad bis zum Begräbnis, Als wäre zwischen Bim und Baum Das Leben ein verschollner Traum.

FAUST: Das Widerstehn, der Eigensinn Verkümmern herrlichsten Gewinn, Daß man, zu tiefer, grimmiger Pein, Ermüden muß, gerecht zu sein.

MEPHISTOPHELES: Was willst du dich denn hier genieren? Mußt du nicht längst kolonisieren?

FAUST: So geht und schafft sie mir zur Seite!-- Das schöne Gütchen kennst du ja, Das ich den Alten ausersah.

MEPHISTOPHELES: Man trägt sie fort und setzt sie nieder, Eh' man sich umsieht, stehn sie wieder; Nach überstandener Gewalt Versöhnt ein schöner Aufenthalt.

MEPHISTOPHELES: Kommt, wie der Herr gebieten läßt! Und morgen gibt's ein Flottenfest.

DIE DREI: Der alte Herr empfing uns schlecht, Ein flottes Fest ist uns zu Recht.

MEPHISTOPHELES: Auch hier geschieht, was längst geschah, Denn Naboths Weinberg war schon da. ((regum i,21))

Tiefe Nacht

LYNKEUS DER TÜRMER: Zum Sehen geboren, Zum Schauen bestellt, Dem Turme geschworen, Gefällt mir die Welt. Ich blick' in die Ferne, Ich seh' in der Näh' Den Mond und die Sterne, Den Wald und das Reh. So seh' ich in allen Die ewige Zier, Und wie mir's gefallen, Gefall' ich auch mir. Ihr glücklichen Augen, Was je ihr gesehn, Es sei wie es wolle, Es war doch so schön! Nicht allein mich zu ergetzen, Bin ich hier so hoch gestellt; Welch ein greuliches Entsetzen Droht mir aus der finstern Welt! Funkenblicke seh' ich sprühen Durch der Linden Doppelnacht, Immer stärker wühlt ein Glühen, Von der Zugluft angefacht. Ach! die innre Hütte lodert, Die bemoost und feucht gestanden; Schnelle Hülfe wird gefordert, Keine Rettung ist vorhanden. Ach! die guten alten Leute, Sonst so sorglich um das Feuer, Werden sie dem Qualm zur Beute! Welch ein schrecklich Abenteuer! Flamme flammet, rot in Gluten Steht das schwarze Moosgestelle; Retteten sich nur die Guten Aus der wildentbrannten Hölle! Züngelnd lichte Blitze steigen Zwischen Blättern, zwischen Zweigen; äste dürr, die flackernd brennen, Glühen schnell und stürzen ein. Sollt ihr Augen dies erkennen! Muß ich so weitsichtig sein! Das Kapellchen bricht zusammen Von der äste Sturz und Last. Schlängelnd sind, mit spitzen Flammen, Schon die Gipfel angefaßt. Bis zur Wurzel glühn die hohlen Stämme, purpurrot im Glühn.-- Was sich sonst dem Blick empfohlen, Mit Jahrhunderten ist hin.

FAUST: Von oben welch ein singend Wimmern? Das Wort ist hier, der Ton zu spat. Mein Türmer jammert; mich, im Innern, Verdrießt die ungeduld'ge Tat. Doch sei der Lindenwuchs vernichtet Zu halbverkohlter Stämme Graun, Ein Luginsland ist bald errichtet, Um ins Unendliche zu schaun. Da seh' ich auch die neue Wohnung, Die jenes alte Paar umschließt, Das, im Gefühl großmütiger Schonung, Der späten Tage froh genießt.

MEPHISTOPHELES UND DIE DREIE: Da kommen wir mit vollem Trab; Verzeiht! es ging nicht gütlich ab. Wir klopften an, wir pochten an, Und immer ward nicht aufgetan; Wir rüttelten, wir pochten fort, Da lag die morsche Türe dort; Wir riefen laut und drohten schwer, Allein wir fanden kein Gehör. Und wie's in solchem Fall geschicht, Sie hörten nicht, sie wollten nicht; Wir aber haben nicht gesäumt, Behende dir sie weggeräumt. Das Paar hat sich nicht viel gequält, Vor Schrecken fielen sie entseelt. Ein Fremder, der sich dort versteckt Und fechten wollte, ward gestreckt. In wilden Kampfes kurzer Zeit Von Kohlen, ringsumher gestreut, Entflammte Stroh. Nun lodert's frei, Als Scheiterhaufen dieser drei.

FAUST: Ward ihr für meine Worte taub? Tausch wollt' ich, wollte keinen Raub. Dem unbesonnenen wilden Streich, Ihm fluch' ich; teilt es unter euch!

CHORUS: Das alte Wort, das Wort erschallt: Gehorche willig der Gewalt! Und bist du kühn und hälst du Stich, So wage Haus und Hof und--dich.

FAUST: Die Sterne bergen Blick und Schein, Das Feuer sinkt und lodert klein; Ein Schauerwindchen fächelt's an, Bringt Rauch und Dunst zu mir heran. Geboten schnell, zu schnell getan!-- Was schwebet schattenhaft heran?

Mitternacht

ERSTE: Ich heiße der Mangel. +

ZWEITE: Ich heiße die Schuld.

DRITTE: Ich heiße die Sorge. +

VIERTE: Ich heiße die Not.

ZU DREI: Die Tür ist verschlossen, wir können nicht ein; Drin wohnet ein Reicher, wir mögen nicht 'nein.

MANGEL: Da werd' ich zum Schatten. +

SCHULD: Da werd' ich zunicht.

NOT: Man wendet von mir das verwöhnte Gesicht.

SORGE: Ihr Schwestern, ihr könnt nicht und dürft nicht hinein. Die Sorge, sie schleicht sich durchs Schlüsselloch ein.

MANGEL: Ihr, graue Geschwister, entfernt euch von hier.

SCHULD: Ganz nah an der Seite verbind' ich mich dir.

NOT: Ganz nah an der Ferse begleitet die Not.

ZU DREI: Es ziehen die Wolken, es schwinden die Sterne! Dahinten, dahinten! von ferne, von ferne, Da kommt er, der Bruder, da kommt er, der------Tod.

FAUST: Vier sah ich kommen, drei nur gehn; Den Sinn der Rede konnt' ich nicht verstehn. Es klang so nach, als hieß' es--Not, Ein düstres Reimwort folgte--Tod. Es tönte hohl, gespensterhaft gedämpft. Noch hab' ich mich ins Freie nicht gekämpft. Könnt' ich Magie von meinem Pfad entfernen, Die Zaubersprüche ganz und gar verlernen, Stünd' ich, Natur, vor dir ein Mann allein, Da wär's der Mühe wert, ein Mensch zu sein. Das war ich sonst, eh' ich's im Düstern suchte, Mit Frevelwort mich und die Welt verfluchte. Nun ist die Luft von solchem Spuk so voll, Daß niemand weiß, wie er ihn meiden soll. Wenn auch ein Tag uns klar vernünftig lacht, In Traumgespinst verwickelt uns die Nacht; Wir kehren froh von junger Flur zurück, Ein Vogel krächzt; was krächzt er? Mißgeschick. Von Aberglauben früh und spat umgarnt: Es eignet sich, es zeigt sich an, es warnt. Und so verschüchtert, stehen wir allein. Die Pforte knarrt, und niemand kommt herein. Ist jemand hier? +

SORGE: Die Frage fordert Ja!

FAUST: Und du, wer bist denn du? +

SORGE: Bin einmal da.

FAUST: Entferne dich! +

SORGE: Ich bin am rechten Ort.

FAUST: Nimm dich in acht und sprich kein Zauberwort.

SORGE: Würde mich kein Ohr vernehmen, Müßt' es doch im Herzen dröhnen; In verwandelter Gestalt üb' ich grimmige Gewalt. Auf den Pfaden, auf der Welle, Ewig ängstlicher Geselle, Stets gefunden, nie gesucht, So geschmeichelt wie verflucht.-- Hast du die Sorge nie gekannt?

FAUST: Ich bin nur durch die Welt gerannt; Ein jed' Gelüst ergriff ich bei den Haaren, Was nicht genügte, ließ ich fahren, Was mir entwischte, ließ ich ziehn. Ich habe nur begehrt und nur vollbracht Und abermals gewünscht und so mit Macht Mein Leben durchgestürmt; erst groß und mächtig, Nun aber geht es weise, geht bedächtig. Der Erdenkreis ist mir genug bekannt, Nach drüben ist die Aussicht uns verrannt; Tor, wer dorthin die Augen blinzelnd richtet, Sich über Wolken seinesgleichen dichtet! Er stehe fest und sehe hier sich um; Dem Tüchtigen ist diese Welt nicht stumm. Was braucht er in die Ewigkeit zu schweifen! Was er erkennt, läßt sich ergreifen. Er wandle so den Erdentag entlang; Wenn Geister spuken, geh' er seinen Gang, Im Weiterschreiten find' er Qual und Glück, Er, unbefriedigt jeden Augenblick!

SORGE: Wen ich einmal besitze, Dem ist alle Welt nichts nütze; Ewiges Düstre steigt herunter, Sonne geht nicht auf noch unter, Bei vollkommnen äußern Sinnen Wohnen Finsternisse drinnen, Und er weiß von allen Schätzen Sich nicht in Besitz zu setzen. Glück und Unglück wird zur Grille, Er verhungert in der Fülle; Sei es Wonne, sei es Plage, Schieb er's zu dem andern Tage, Ist der Zukunft nur gewärtig, Und so wird er niemals fertig.

FAUST: Hör auf! so kommst du mir nicht bei! Ich mag nicht solchen Unsinn hören. Fahr hin! die schlechte Litanei, Sie könnte selbst den klügsten Mann betören.

