# Die gefesselte Phantasie

## Part 2

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distichon. Was lachst du, Schafskopf, Kalb, dem Mond entsprungen?

narr. Pfui der Schande! Durch ein Gedicht müßt ihr die Hand der Herrscherin erkämpfen, weil ihr so furchtsam seid, daß ihr beim Anblick einer Spinne lauft. O ihr Heroen der Vorzeit! Nehmt euch doch ein Beispiel an dem Theseus von Canova, der hält den Minotaurus schon zehn Jahr beim Schopf und laßt ihn noch nicht aus. Das ist ein Held! Und ihr Wichte Schreibt Gedichte Voll Gewinsel! O ihr Pinsel Dieser Insel! Apoll, du Zechmeister aller Dichter, schlag ihnen deine Leier um den Kopf, ihre Väter schamen sich im Grab!

distichon. Mein Vater war ein Held.

narr. Der meine auch, er war Hanswurst und hat den Harlekin geprügelt.

odi. Wir sind es auch.

narr (ruft erschrocken). Die Zauberschwestern!

alles (will erschrocken davonlaufen). Hilfe!

narr. Ha, ha! Probatum est. O ihr Schmucknadeln, zum Zittern seid ihr auf die Welt gekommen. Einen Esel laßt euch bauen, so groß, wie das Trojansche Pferd, und schliefts mit eurer Tapferkeit hinein.

distichon. Nein, das wird zu arg! Auf, ihr Brüder Hoher Lieder, Schlagt ihn nieder!

(Alle prügeln auf ihn.)

narr (indem er fällt). Jetzt schreiben s ein Vers auf meinen Buckel.

odi. Triumph, das Ungeheuer ist besiegt!

distichon. Ich hab ihn auf das Haupt geschlagen!

odi (schadenfroh). Ich gab ihm in die Rippen eins.

distichon. Wir lassen uns in Kupfer stechen.

alle. Es lebe Distichon, der tapfre Held!

(Alles ab.)

11. Szene

narr allein, seinen Rücken reibend

narr. Das Schlachtfeld ist leer. Ah, das nenn ich ein Treffen! Jeder hat getroffen, keiner hat gfehlt. Aber dem Verdienste seine Kränze, einer ist dabei, der kanns; wann das ein Dichter ist, der hat eine shakespearische Kraft! (Überdenkend.) O Schicksal eines Narren! Geboren auf Österreichs fetten Triften, studiert bis an den Hals, dann Kammerdiener eines spanschen Lords, vom Schiffbruch ausgespuckt an diesen Strand der Feigheit und der Ochserie. Aus Gnaden haben sie mich zum Hofnarren aufgenommen, mich, der ich mehr Witz in meinem Daumen hab als alle Köpfe dieses Fabellandes seit hunderttausend Jahr. Und nun zu euch, ihr giftgen Zauberkröten, denn Frauenzimmer seid ihr nicht;-- Respekt vor allen andern Frauenzimmern! Ehret die Frauen, sie flechten und weben--Punktum! Das andre fällt mir nicht mehr ein; aber das sind keine Frauenzimmer, das sind Töchter des liebenswürdigen Zerberus und der reizenden Hydra. Darum beschwör ich euch, ihr vier Winde des Himmels, blast mir alle Krankheiten dieses schwindsüchtigen Jahrhunderts auf einen Haufen zusammen und überlaßt sie mir zu meiner Disposition. Herbei, ihr zwölf Monate dieses tiefbeleidigten Jahres, ich will einen Kalender zusammenfluchen und euch ein Neujahrsgeschenk damit machen:

Ganz leicht beginn der Januar Mit Schnupfen, Halsweh und Katarrh; Des Abends sanftes Gliederreißen, Daß sie vor Schmerz die Lippen beißen. Dann werd, weil beide eitel sind, Die eine taub, die andre blind, Und ihre niedlichen Gefriesel Bedeck ein scharlachroter Riesel. Dem Februar laß ich die Wahl, Zu sinnen eine eigne Qual. Die Gicht ist schön, doch wünscht ich lieber Die Bleichsucht oder s gelbe Fieber. März und April bringt Seitenstechen, Der Mai muß sich durch Krämpfe rächen; Im Juni Regen allenfalls, So habns die Wassersucht am Hals. Im Juli ist Sommerszeit, Wo man auf grüner Flur sich freut: Nur ihnen blüh kein schönes Tal, Die ganze Welt sei ihr Spital. August, da werd ihr Hunger heiß, Doch bleib ihr Magen kalt wie Eis; Nichts hemme ihrer Eßsucht Lauf, Vielleicht frißt eine dandre auf. September streu vergiftten Tau, Der färbe ihre Haare grau; Oktober ruft das Blatt nach Haus, Da brechen ihre Zähne aus; November fällt ihr Namensfest, Da schick zum Bindband ich die Pest, Und bis Dezember kommt herbei, Sind schon in Zügen alle zwei. Doch noch ist nicht der Spaß verdorben, Kaum glauben sie, sie sind gestorben, So speien sie, der Welt zum Graus, Aufs neu zwei giftge Drachen aus. So drück auf ihre Qual die Zeit Das Siegel einer Ewigkeit; Den Wunsch bringt froh zum neuen Jahr Mein gutes Herz den Schwestern dar.

(Ab.)

verwandlung

(Romantisches Tal. Weiße Lämmer weiden auf den Hügeln, Amphio sitzt auf einem Steine und bläst ein sanftes Lied auf seiner Flöte. Im Vordergrunde befinden sich zwei steinerne Wassernymphen auf Postamenten, in Lebensgröße, welche auf Wasserurnen ruhen.)

12. Szene

amphio allein

amphio. Wo weilst du heute, hohe Phantasie, daß sich dein Bild noch nicht auf blauem Äther malt und mit den bunten Schwingen zu mir niedertaucht? So wie der Arzt den Kranken jeden Tag besucht, so schwebst du jeden Morgen zu mir nieder, zu heilen meinen liebekranken Geist. Durch dich begeistert sang ich jene Lieder, die mir das Herz der Königin errangen; dir verdanke ich die schöne Hoffnung, an Hermionens Hand zu herrschen über dieses Reich. Ihre Liebe nenn ich mein, sie selbst gestand es mir. Nun will ich meinen Rang entdecken, um heimzuführn die königliche Braut; doch dir muß ichs vorher vertrauen, hohe Phantasie, du hast den wilden Mut in mir gezähmt, zum stillen Hirten mich gemacht, und nur dein Rat soll mich bestimmen, ob ich den Schleier ziehen darf von dieser Täuschung Bild. Doch, was seh ich? Eine andre Sonne strahlt mir dort entgegen, Hermione ists, die über jene Hügel eilt. Ists Freude, ist es Angst, die ihre Schritte so beflügelt?

13. Szene

voriger. hermione.

amphio (eilt ihr entgegen und sinkt zu ihren Füßen). Gebieterin!

hermione (spricht die ganze Szene schnell und unruhig). Heut bin ichs nicht; ich hab die Herrschaft abgetreten an die Zeit, ein Sklave bin ich meiner Eile.

amphio. Mir bangt um dich. Was kämpft in dir?

hermione. Vertrauen gegen Furcht. Mein Volk, der Zaubernymphen Wut, Apollo selbst befiehlt, daß ich mein Herz noch heute binden muß.

amphio. Dein Herz? Ist es noch dein?

hermione (sanft). Du weißt es ja.--Doch meine Hand--

amphio. Weh mir!

hermione. Sei ruhig, Amphio! Ein schöner Sieg winkt deinem Geist. Von dem Gedicht, das du mir gestern überreicht, aufs neue überzeugt, daß du gegen alle Dichter meines Reichs ein Krösus bist an Phantasie, hab ich, dich heute abend noch Gemahl zu nennen, den kühnen Schwur gewagt: "Wer bis zur siebenten Stunde mir die schönste Dichtung liefert, erhält noch heute meine Hand und dieses Reich."

amphio. O wie beglückst du mich! (Beiseite schnell.) Ha, Wink der Phantasie! Die Dichtkunst soll allein den hohen Preis erringen! Nein, ich entdecke mich noch nicht. das höchste Glück soll durch mich selbst mir werden.

hermione. Was vertrauest du den Lüften deine Worte? Bist du verwirrt?

amphio. Verzeih, die Freude tanzt mit meinen Sinnen. Vertrau auf mich und meiner Liebe Kraft! Mein wird der Sieg, ich kämpfe ja um dich, darum ist das Gefühl der Dichter deines Landes ein Tau gegen das Meer meiner Empfindungen.

hermione. Ja, ich vertraue dir. Die Hoffnung schwingt die goldne Fahne! Doch jetzt leb wohl; ich eile in den Tempel, um zu bekräftigen den Schwur, und wenn die Sonne sinket in des Meeres Silberschloß, so sink ich dir, dem Sieger, dankend an die Brust. Doch jetzt entflieh, man suchet mich; dann eile nach dem Tempel hin, dort wird durch des Orakels Mund des Preisgedichtes Stoff dir kund.

amphio. Leb wohl, vertrau auf mich! (Entfernt sich schnell.)

14. Szene

Der narr. Dann affriduro und inselbewohner. vorige

narr. Verzeih, ich bin vorausgeeilt, dich tiefergebenst abzuholen. hermione. Kömmst du allein?

narr. O nein! Ein Narr bringt zehn. (Deutet in die Szene.) affriduro (tritt auf und verbeugt sich). Ich bin der zweite-- (kleine Pause.) der die Nachricht bringt, daß dich Apoll erwartet.

(Neun Inselbewohner treten auf, verbeugen sich und stellen sich auf einer Seite fünf, auf der andern vier, daß Affriduro der fünfte ist.)

narr. Ich halte Wort, die Zahl ist voll.

hermione. So folget mir! (Alles ab.)

narr. Ihr Narren geht voraus, der Weise folget nach. (Geht gravitätisch nach.)

15. Szene

(Die beiden liegenden Statuen verschwinden und statt ihnen liegen die Zauberschwestern in der nämlichen Stellung auf den Postamenten, springen erzürnt auf und gehen auf und ab.)

vipria. arrogantia

vipria. Nein, das ist zu viel! Einen Hirten liebt sie! Das hat die Sonne nicht erlebt. Ist er denn wirklich schön? Ich hab ihn nicht genau betrachtet.

arrogantia. Er hat ein glänzend Aug.

vipria. Im Ernst?

arrogantia. Und Lippen wie Rubin.

vipria. Da hätt er sich in uns verlieben sollen, nicht in sie.

arrogantia. Der Meinung bin ich auch.

vipria. Sie darf ihn nicht besitzen!--Wie verhindre ich es?

arrogantia. Ach, sinne, Schwesterchen! ich bitte dich.

vipria. Geduld!--Durch ein Gedicht soll ihre Hand ihm werden, ist es nicht so? Das Dichten muß man ihm verleiden. Doch wie? Ich frag dich, Zauberstern! (Zieht den Stern heraus und sieht hinein, fährt auf.) Hollah! Was spiegelt sich in dir? Was schwebt da in des Himmels Blau? Blick auf!

arrogantia (blickt in die Luft). Ein Adler ists.

vipria. Du irrst, es ist die Phantasie, sie kömmt zu Amphio, sie hat ihm Hermionens Hand gelobt.

arrogantia. So sagte er.

vipria. Jetzt lebt es auf in mir; mein Plan ist reif! Wir fangen sie und sperren sie dann ein, dann will ich sehen, wer ein Gedicht hier schreibt.

arrogantia. Ich habe viel Verstand, doch dich versteh ich nicht.

vipria. Begreifs! Wer dichtet denn? Die Phantasie ists, die Gedanken schafft. Wir halten sie gefangen, dann fällt keinem Dichter etwas ein.

arrogantia. Also wird auch kein Preisgedicht gemacht?

vipria. Es wird gemacht, heut abend noch, doch zwingen werde ich die Phantasie, den zu begeistern, den ich für Hermione zum Gemahl bestimmt, und wie der aussehen wird, das kannst du dir wohl denken; und nehmen muß sie ihn, wenn er das Beste liefert: sie schwörts in diesem Augenblick im Tempel des Apoll.

arrogantia. Ein schöner Plan!--verbergen wir uns jetzt! vipria. Flieg nur, mein Vögelchen, du fliegst in unser Netz.

(Beide verbergen sich, die Statuen erscheinen wieder an ihrer vorigen Stelle, das Ritornell der Arie beginnt. Die Phantasie schwebt mit ausgespreiteten irisfarbigen Flügeln auf rosigem Nebel nieder.)

16. Szene

die phantasie allein

phantasie. Arie. Ich bin ein Wesen leichter Art, Ein Kind mit tausend Launen, Das Niedres mit dem Höchsten paart, s ist wirklich zum Erstaunen. Kurzum ich bin ein Kraft-Genie: Sie sehn in mir die Phantasie.

(Ans Publikum.)

Wenn rauhe Wirklichkeit auch gleich Verwundet Ihre Herzen, So flüchten Sie sich in mein Reich, Ich lindre Ihre Schmerzen; Denn alles Glück, man glaubt es nie, Am End ists doch nur Phantasie. Im dichterischen Übermut Durchschweb ich weite Fernen, Ich steck die Sonne auf den Hut Und würfle mit den Sternen; Doch vor des Beifalls Melodie Verbeugt sich tief die Phantasie.

(Sich tief verneigend.)

Es ist doch wahrlich eine Schande, daß die Phantasie, die von oben stammt, als Unterhändlerin in einem Liebesroman erscheint. Apollo selbst will dieses Pärchen einen; denn unter uns gesagt, er ist ein eitler Man, wie viele Dichter sind, und Hermionens Schwur, nur einem Dichter zu gehören, hat ihn so sehr entzückt, daß er mir befahl, ihr einen Würdigen zu bilden, zu bilden: weil gewöhnlich die gebildetsten Dichter die ungebildetsten Ehemänner sind. Hier kömmt mein Kandidat, ich will ihn doch ein wenig aufziehen.

17. Szene

amphio. Die phantasie

phantasie. Nun, mein dichterischer Freund, wie haben wir uns aufgeführt? Hat unser gestriges Gedicht Amors Bande fester geknüpft?

amphio. Auf ewig sie zu binden steht in deiner Macht.

phantasie. Ich armes Kind soll andere vermählen, und für mich selbst wird Hymens Fackel niemals leuchten.

amphio. Wer würde deine Hand verschmähen?

phantasie. Ach, ihr gütgen Götter, die Männer fliehen ja schon in jetziger Zeit, wenn ihnen ein Mädchen gesteht, daß sie 20 Jahre alt sei, wie würden sie erst wettrennen, wenn ich gestehen müßte, daß ich schon so viele tausend Jahre auf der Welt herumfliege. Nichts, nichts, ich bin eine Tochter der Luft, und lüftige Personen sind nicht zum Heiraten geneigt. Was kümmern mich die Männer dieser irdschen Welt? Was gilt mir selbst ein menschlicher Apoll? Ich bin die Phantasie; der höchsten Schönheit Bild kann ich mir selbst erschaffen, nach Adonis reizender Gestalt form ich aus rosgem Äther mir den Bräutigam, seine Muskeln stähl ich durch die Kraft des Herkules, in sein Gehirn leg ich Minervens Weisheit ihm, der Zunge schenk ich die Beredsamkeit der Polyhymnia, in seine Brust gieß ich Selenens Sanftmut aus. So bild aus Götterkräften ich mein Ideal und flieh mit ihm nach einer Himmelswelt in unbekannte Sphären, dort bau ich Amors Tempel auf von glänzendem Rubin, und laß von tausend Sonnen ihn bestrahlen, dann raub ich dem Saturn die Sichel seiner Zeit und breche sie ob unserer Lieb entzwei, damit mir jeder Kuß zur ewgen Wonne wird.

amphio. Du scherzest, du weißt nicht, wie poetisch wichtig diese Stunde ist.

phantasie. Beleidige mich nicht! Ich selbst hab heute Hermione zu dem Entschluß begeistert, ein Preisgedicht zu fordern, damit nur einmal dieser langweilige Liebeshandel sein Ende erreicht.

amphio. O dann wirst du mir auch deine Hilfe nicht versagen, der heutge Tag entscheidet.

phantasie. Du bist doch noch bescheiden, du nimmst meine Hilfe nur bei Tage in Anspruch, aber manche Dichter sind so wahnsinnig, die ganze Nacht zu schreiben, und wenn die Phantasie nicht gleich auf dem Tintenfasse sitzt, so beschwören sie mich durch Punsch und Champagner, daß ich erscheinen soll, und wer kann der Einladung eines so artigen Franzosen, wie der Champagner ist, widerstehen? Ich nicht!

amphio. In jenem Tempel schwört die Herrscherin. Ich eile, um dir zu berichten, was wir zu besingen haben. Wie freu ich mich, wie bebe ich! Ach, wie quälend ist dieser Wechsel von Freude und Furcht.

phantasie. Ach, wie quält dich dieser kleine Wechsel, und wie gerne würde mancher mit dir tauschen, der heute einen recht großen auszuzahlen hat. Die Freude ist ein Handelshaus, sie muß wechseln, denn im Wechsel liegt Freude. Doch um dich zu beruhigen, will ich dir einen Wechsel ausstellen an das große Wechselhaus Amor et Compagnie, nun, der wird dir doch sicher sein? Denn wenn die Liebe zu zahlen aufhört, dann macht die Welt Bankrott. So geh denn hin und hole den Stoff, die Phantasie bleibt hier zurück, und wenn du wiederkehrst, umschling ich deinen Geist, und fertig ist das kindische Gedicht.

amphio. Und wird es Hermionens Hand erringen?

phantasie. Ich schwör es dir bei Schillers Haupt, in dem ich lang gewohnt.

amphio. Ich trau auf diesen Schwur. (Sinkt ihr zu Füßen.)

phantasie (hebt ihn auf). Komm bald, ich harre dein.

amphio (ab).

phantasie. Heute habe ich einen fröhlichen Tag. Wie wohl ist der Phantasie, wenn sie vom Versemachen ruhn und in ungezwungener Prosa sprechen kann. (Sie singt eine lustige Rossinische Melodie.) Die Phantasie kann

alles. (Hüpft herum.) Sie ist ein mutwilliges Geschöpf.

18. Szene

vipria und arrogantia. Erstere mit Pfeil, letztere mit Bogen und Pfeil. vorige

vipria (tritt der Phantasie in den Weg). Halt an! Qui vive?

phantasie. Bon amie, die Phantasie.

vipria. Nichts passiert! Gib dich gefangen, bunter Rabe!

phantasie. Doch nicht so leicht. (Entreißt ihr den Pfeil und verwundet sie.)

vipria. Verdammte Schlange! (Hält sich den Arm.)

phantasie (eilt auf einen kleinen Hügel und macht Miene zum Auffliegen). Du Hexe, denk an mich!

arrogantia (hat den Bogen gespannt und schießt die Phantasie in eine Achsel, an der der Flügel verwundet wird). Und du an mich!

phantasie (sinkt). Weh mir, das traf!

vipria (schadenfroh). Fort mir ihr!

phantasie. O unglückselges Los!

arrogantia. Jetzt kennst du mein Geschoß. (Beide fesseln sie.)

vipria. Sperr in den Käfig sie; ich such ihr einen Dichter aus.

arrogantia (zieht die Phantasie an den Fesseln fort).

phantasie. Apollo!

arrogantia. Folge mir! (Arrogantia mit der Phantasie ab.)

vipria (allein). Umhülle mich, magische Finsternis! (Schwarze Wolken fallen ein, die in der Mitte einen Stern bilden, es wird Nacht.) Jetzt, Zauberstern, entehre deinen Glanz und strahl Gemeinheit ab und Häßlichkeit, wie sie mein rachetrunkner Sinn begehrt. (Der Stern öffnet sich, man sieht das farbige Transparentbild des Harfenisten, mit seiner Harfe sitzend, an der Wand.) Ha, ha, ha! Willkommen, Fratzenbild, dich ernenne ich zu ihrem

Gemahl. (Ein Wagen, mit sechs Raben bespannt, statt der Laternen zwei Fackeln, erscheint.) Durch die Lüfte fort, damit ich es schnell entführe, dies Werk einer hypochondrischen Stunde der Natur! (Fliegt ab.)

verwandlung

(Das Innere eines Bierhauses. Verschiedene Gäste an Tischen; der Schuster, der Spengler, der Fiaker, ein Fremder, der Wirt. Seitwärts eine Kredenz mit Zimenten. Rückwärts hängt ein Kästchen von schwarzem Papier, worauf transparent zu lesen ist: "Heute spielt der berühmte Harfenist Nachtigall." Kurze passende Musik zur Verwandlung.)

19. Szene

mehrere gäste. Aber was ist denn das, Herr Wirt?

wirt. Ich bitt Sie, meine Herren, sind S nur nicht bös, daß der Harfenist noch nicht da ist; mit dem Menschen ists nicht zum Aushalten.

schuster. Wenn er nur nicht so grob wär mit den Gästen.

spengler. Nein, das ist just recht, da hat man was z lachen über ihn, er hat gute Einfälle und so wahr. schuster. Den Herrn hat er neulich ein Esel gheißen, das war ein guter Gedanken.

wirt. Ja, es ist wahr, er ist der zweite Narrendattel. Ich hab eine Menge Gäst wegen ihm. Den Leuten gfallt sein Grobheit; aber er übernimmt sich. Ich hab ihms schon gsagt, wie er noch wen beleidigt, muß er ausbleiben.

fremder. Ist das der Harfenist, der gestern gsungen hat? Der kann ja gar nichts! Da wird jetzt ein anderer kommen aus Linz, den werden s hören. He, Kellner, eine Portion Schafköpfel!

kellner. Gleich, Euer Gnaden!--Der Nachtigall kommt! alle. Nun, endlich einmal!

20. Szene

vorige. nachtigall karikiert gekleidet, mit der Harfe nachtigall.

Lied. Nichts Schöners auf der ganzen Welt Als wie ein Harfenist, Wenn er nur seinen Gästen gfällt Und allweil lustig ist. Trinkt er sich auch ein Räuscherl an, Dann singt er erst recht frisch, Und wenn er nimmer singen kann, So fallt er untern Tisch. Er hat nur für sein Harfen Gfühl, Sie ist sein Weib sogar, Die kann er schlagen, wie er will, Die fahrt ihm nicht in d Haar. So singt er sich durchs Lebensjoch, Und wird er einst kaputt, So sagn die werten Gäste noch: Er war ein Haupt-Adut.

kellner (setzt ihm einen Stuhl in die Mitte der Bühne). wirt. Aber warum denn gar so spat? Herr Nachtigall?

nachtigall. Ich bitt um Verzeihung, ich hab Kopfweh ghabt, ich hab mich angschlagn. Ich hab gestern einen Rausch ghabt, und unser Hausmeister, wenn man um zwölf Uhr anläutt, so macht er erst um eins auf--und da hab ich mich derweil ans Tor angelehnt und hab eingschlafen; auf einmal macht er gäh auf, und ich lieg nach aller Längst beim Tor drin, ihn schlag ich nieder und mich schlag ich auf.

fiaker. Weil Er halt wieder ein Rausch ghabt hat, jetzt nur anfangen!

nachtigall. Gleich!--Hansel, mein Kolophoni zum Halsschmieren.

kellner. Weiß schon. (Beiseite.) Das sind sechs Maß Bier.

nachtigall. Und den Zinnteller zum Einsammeln.

fremder. Kellner!

nachtigall. Aha! Bist schon da, Vogel! Heut setzt es was.

fremder. Wann krieg ich denn einmal meinen Schafskopf?

nachtigall. Nu, so gebts dem Herrn sein Schafskopf, laßts die Leut nicht so lang ohne Kopf dasitzen.

kellner (bringt das Schafsköpfel).

wirt. Er fangt schon wieder an. Herr Nachtigall, ich rat Ihms!

nachtigall. Herr Wirt, mit dem gibts ein Streit, ich kenn ihn, er will mich ums Brot bringen.

wirt. Untersteh Er sich.

nachtigall. Nutzt nichts. Ich bin ein streitbarer Mann, gstritten wird!

wirt. Wenn Er mir ein Gast beleidigt--

nachtigall. Er ist kein Gast, ich werd ihms schon sagen, warum?

fiaker (mit der Peitsche). Anfangen einmal, und a bissel was Neues singen!

nachtigall. Allemal! (Singt und spielt die Harfe).

Lied. He! Brüderln, wollts recht lustig sein, Es kost euch nicht viel Geld, Da spannts nur eure Rappeln ein Und fahrts ins Lerchenfeld. Da ist ein neues Wirtshaus drauß, Das heißt beim goldnen Affen, Da schaut der Wirt beim Fenster raus Und fragt gleich, was wir schaffen? He! Brüderln, wollts etc.

chor. Bravo, Harfenist! O bravo, Harfenist!

nachtigall. Die Wirtin hat gar feinen Sinn, Und heißt die schöne Franzel, Geboren ist sie in Berlin, Erzogen ists beim Schanzel. Der Wirt ist gar ein flinker Mann, Bedient die Gäst gar schleuni, Schafft einer was um siebn Uhr an, So bringt ers erst um neuni. Die Wirtin hat gar etc.

chor. Bravo, Harfenist! O bravo, Harfenist!

nachtigall. Der Wirt, der halt aufs Wasser viel, Er sagt: das macht recht munter, Und weil ein jeder Bier habn will, So schütt er gschwind eines drunter. Ein Extrazimmer habns, a schöns, Das braucht der Wirt alleini, Da fütterns Hendl und die Gäns, Ein Gast darf gar nicht eini. Der Wirt, der halt etc.

chor. Bravo, Harfenist! O bravo, Harfenist.

nachtigall. Auch stellt ein Harfenist sich ein, Der singt die schönsten Lieder, Und kommt ein schöne Köchin rein, Klopft er sie gleich aufs Mieder. Und setzt es eine Rauferei, Die Leut habn zviel Courage: Da singt der Harfenist halt glei, Ah, das ist a Bagage! Auch stellt ein Harfenist etc.

chor. Bravo, Harfenist! O bravo, Harfenist!

nachtigall. Drauf spielt er aus ein anderm Ton, Gar à la Paganini, Jetzt geht erst der Spektakel an, Die Gäst werdn völlig wini. Um zwölf Uhr, da heißts umgesteckt, Und alles muß nach Haus, Da kommt der Kellner voll Respekt, Und wirft die Gäst hinaus. Drauf spielt er aus ein etc.

chor. Bravo, Harfenist! O bravo, Harfenist!

fremder (lacht laut). Das ist nicht zum Anhören. Kellner, zahlen!

nachtigall (hört plötzlich auf). Ah, heut kommst mir nicht aus. (Nimmt den Sammelteller und geht damit herum.) Haben Sie die Güte, meine Herren! (Zu dem Fremden.) Sie, ich bitt untertänig.

fremder. Was gibts? Er hat ja noch nichts gsungen.

nachtigall. Ich hab ja just aufghört.

schuster. Ja, aber der Herr hat schon eher aufghört, eh der Herr angfangt hat.

nachtigall. Das geht mich nichts an, er hat gestern zwei Lieder bstellt und hat nix bezahlt.

fremder. Impertinent!

nachtigall. Sie sind impertinent!

fremder. Fahr Er mir nicht auf!

nachtigall. Fahren Sie mir nicht ab!

fremder. Just nicht! Kellner, zahlen!

nachtigall. Nichts Kellner zahlen, Harfenisten zahlen!

schuster. Ruhig, der Herr hat recht; wer wird eh zahlen, eh man was hört? Ich trag als Schuster die War ins Haus und krieg oft kein Geld, viel weniger vorhinein.

nachtigall. Warum ist der Herr ein Schuster worden? Dem Herrn sein War treten die Leut mit Füßen, aber ich leid das nicht. Das ist ein verkleidter Harfenist von Linz, der will mich ausstechen.

fremder. Das ist erlogen. (Wirft ihm ein Stückel Geld hin.) Da hat Er, und jetzt marsch!

nachtigall. Nichts marsch, halt! wird kommandiert. Da haben Sie Ihre zwei Groschen, mit denen kaufen Sie mir die Grobheiten nicht ab, die ich Ihnen heut noch antun will.--Über meine Stimm haben Sie gschimpft? Sie haben gsagt: ich heiß deswegen Nachtigall, weil d Leut immer ein Gall haben, wenn ich auf die Nacht sing.

fremder. Kerl, ich nimm mein spanisches Rohr und--

nachtigall. Was? Für deutschen Gsang wollen Sie spanische Schläg hergeben? Wenn Sie ein gschickter Harfenist sein, so lassen Sie ein paar tüchtige Triller heraus; aber Sie sind ein Sänger der Vorzeit, der in der jetzigen nichts mehr kann.

fremder. Meine Herren, nehmen Sie sich um mich an, ich bin ein Reisender.

