# Die Braut von Messina

## Part 5

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Einer aus dem Chor. (Manfred.) Lasset erschallen die Stimme der Klage! Holder Jüngling! Da liegt er entseelt, Hingestreckt in der Blüthe der Tage, Schwer umfangen von Todesnacht, An der Schwelle der bräutlichen Kammer! Aber über dem Stummen erwacht Lauter, unermeßlicher Jammer.

Ein Zweiter. (Cajetan.) Wir kommen, wir kommen Mit festlichem Prangen Die Braut zu empfangen, Es bringen die Knaben Die reichen Gewande, die bräutlichen Gaben, Das Fest ist bereitet, es warten die Zeugen; Aber der Bräutigam höret nicht mehr, Nimmer erweckt ihn der fröhliche Reigen, Denn der Schlummer der Todten ist schwer.

Ganzer Chor. Schwer und tief ist der Schlummer der Todten, Nummer erweckt ihn die Stimme der Braut, Nimmer des Hifthorns fröhlicher Laut, Starr und fühllos liegt er am Boden!

Ein Dritter. (Cajetan.) Was sind die Hoffnungen, was sind Entwürfe, Die der Mensch, der vergängliche, baut? Heute umarmtet ihr euch als Brüder, Einig gestimmt mit Herzen und Munde, Diese Sonne, die jetzo nieder Geht, sie leuchtete eurem Bunde! Und jetzt liegst du, dem Staube vermählt, Von des Brudermords Händen entseelt, In dem Busen die gräßliche Wunde! Was sind Hoffnungen, was sind Entwürfe, Die der Mensch, der flüchtige Sohn der Stunde, Aufbaut auf dem betrüglichen Grunde?

Chor. (Berengar.) Zu der Mutter will ich dich tragen, Eine unbeglückende Last! Diese Cypresse laßt uns zerschlagen Mit der mörderischen Schneide der Axt, Eine Bahre zu flechten aus ihren Zweigen, Nimmer soll sie Lebendiges zeugen, Die die tödtliche Frucht getragen, Nimmer in fröhlichem Wuchs sich erheben, Keinem Wandrer mehr Schatten geben; Die sich genährt auf des Mordes Boden, Soll verflucht sein zum Dienst der Todten!

Erster. (Cajetan.) Aber wehe dem Mörder, wehe, Der dahin geht in thörichtem Muth! Hinab, hinab in der Erde Ritzen Rinnet, rinnet, rinnet sein Blut. Drunten aber im Tiefen sitzen Lichtlos, ohne Gesang und Sprache, Der Themis Töchter, die nie vergessen, Die Untrüglichen, die mit Gerechtigkeit messen, Fangen es auf in schwarzen Gefäßen, Rühren und mengen die schreckliche Rache.

Zweiter. (Berengar.) Leicht verschwindet der Thaten Spur Von der sonnenbeleuchteten Erde, Wie aus dem Antlitz die leichte Geberde-- Aber nichts ist verloren und verschwunden, Was die geheimnißvoll waltenden Stunden In den dunkel schaffenden Schooß aufnahmen-- Die Zeit ist eine blühende Flur, Ein großes Lebendiges ist die Natur, Und alles ist Frucht, und alles ist Samen.

Dritter. (Cajetan.) Wehe, wehe dem Mörder, wehe, Der sich gesät die tödtliche Saat! Ein andres Antlitz, eh sie geschehen, Ein anderes zeigt die vollbrachte That. Muthvoll blickt sie und kühn dir entgegen, Wenn der Rache Gefühle den Busen bewegen; Aber ist sie geschehn und begangen, Blickt sie dich an mit erbleichenden Wangen. Selber die schrecklichen Furien schwangen Gegen Orestes die höllischen Schlangen, Reizten den Sohn zu dem Muttermord an; Mit der Gerechtigkeit heiligen Zügen Wußte sie listig sein Herz zu betrügen, Bis er die tödtliche That nun gethan-- Aber, da er den Schooß jetzt geschlagen, Der ihn empfangen und liebend getragen, Siehe, da kehrten sie Gegen ihn selber Schrecklich sich um-- Und er erkannte die furchtbaren Jungfraun Die den Mörder ergreifend fassen, Die von jetzt an ihn nimmer lassen, Die ihn mit ewigem Schlangenbiß nagen, Die von Meer zu Meer ihn ruhelos jagen Bis in das delphische Heiligthum.

(Der Chor geht ab, den Leichnam Don Manuels auf einer Bahre tragend.)

Vierter Aufzug.

Die Säulenhalle.--Es ist Nacht; die Scene ist von oben herab durch eine große Lampe erleuchtet.

Erster Auftritt.

Donna Isabella und Diego treten auf.

Isabella. Noch keine Kunde kam von meinen Söhnen, Ob eine Spur sich fand von der Verlornen?

Diego. Noch nichts, Gebieterin!--doch hoffe Alles Von deiner Söhne Ernst und Emsigkeit.

Isabella. Wie ist mein Herz geängstiget, Diego! Es stand bei mir, dies Unglück zu verhüten.

Diego. Drück' nicht des Vorwurfs Stachel in dein Herz. An welcher Vorsicht ließest du's ermangeln?

Isabella. Hätt' ich sie früher an das Licht gezogen, Wie mich des Herzens Stimme mächtig trieb!

Diego. Die Klugheit wehrte dir's, du thatest weise; Doch der Erfolg ruht in des Himmels Hand.

Isabella. Ach, so ist keine Freude rein! Mein Glück Wär' ein vollkommnes ohne diesen Zufall.

Diego. Dies Glück ist nur verzögert, nicht zerstört; Genieße du jetzt deiner Söhne Frieden.

Isabella. Ich habe sie einander Herz an Herz Umarmen sehn--ein nie erlebter Anblick!

Diego. Und nicht ein Schauspiel bloß, es ging von Herzen, Denn ihr Geradsinn haßt der Lüge Zwang.

Isabella. Ich seh' auch, daß sie zärtlicher Gefühle, Der schönen Neigung fähig sind; mit Wonne Entdeck' ich, daß sie ehren, was sie lieben. Der ungebundnen Freiheit wollen sie Entsagen, nicht dem Zügel des Gesetzes Entzieht sich ihre brausend wilde Jugend, Und sittlich selbst blieb ihre Leidenschaft. --Und will dir's jetzo gern gestehn, Diego, Daß ich mit Sorge diesem Augenblick, Der aufgeschloßnen Blume des Gefühls Mit banger Furcht entgegen sah--Die Liebe Wird leicht zur Wuth in heftigen Naturen. Wenn in den aufgehäuften Feuerzunder Des alten Hasses auch noch dieser Blitz, Der Eifersucht feindsel'ge Flamme schlug-- Mir schaudert, es zu denken--ihr Gefühl, Das niemals einig war, gerade hier Zum erstenmal unselig sich begegnet-- Wohl mir! Auch diese donnerschwere Wolke, Die über mir schwarz drohend niederhing, Sie führte mir ein Engel still vorüber, Und leicht nun athmet die befreite Brust.

Diego. Ja, freue deines Werkes dich. Du hast Mit zartem Sinn und ruhigem Verstand Vollendet, was der Vater nicht vermochte Mit aller seiner Herrscher Macht--Dein ist Der Ruhm; doch auch dein Glücksstern ist zu loben!

Isabella. Vieles gelang mir! Viel auch that das Glück! Nichts Kleines war es, solche Heimlichkeit Verhüllt zu tragen diese langen Jahre, Der Mann zu täuschen, den umsichtigsten Der Menschen, und ins Herz zurückzudrängen Den Trieb des Bluts, der mächtig, wie des Feuers Verschloßner Gott, aus seinen Banden strebte!

Diego. Ein Pfand ist mir des Glückes lange Gunst, Daß Alles sich erfreulich lösen wird.

Isabella. Ich will nicht eher meine Sterne loben, Bis ich das Ende dieser Thaten sah. Daß mir der böse Genius nicht schlummert, Erinnert warnen mich der Tochter Flucht. --Schilt oder lobe meine That, Diego! Doch dem Getreuen will ich nichts verbergen. Nicht tragen konnt' ich's, hier in müß'ger Ruh Zu harren des Erfolgs, indeß die Söhne Geschäftig forschen nach der Tochter Spur. Gehandelt hab' auch ich--Wo Menschenkunst Nicht zureicht, hat der Himmel oft gerathen.

Diego. Entdecke mir, was mir zu wissen ziemt.

Isabella. Einsiedelnd auf des Ätna Höhen haust Ein frommer Klausner, von Uralters her Der Greis genannt des Berges, welcher, näher Dem Himmel wohnend, als der andern Menschen Tief wandelndes Geschlecht, den ird'schen Sinn In leichter, reiner Ätherluft geläutert Und von dem Berg der aufgewälzten Jahre Hinabsieht in das aufgelöste Spiel Des unverständlich krummgewundnen Lebens. Nicht fremd ist ihm das Schicksal meines Hauses, Oft hat der heil'ge Mann für uns den Himmel Gefragt und manchen Fluch hinweggebetet. Zu ihm hinauf gesandt hab' ich alsbald Des raschen Boten jugendliche Kraft, Daß er mir Kunde von der Tochter gebe, Und stündlich harr' ich dessen Wiederkehr.

Diego. Trügt mich mein Auge nicht, Gebieterin, So ist's derselbe, der dort eilend naht, Und Lob fürwahr verdient der Emsige!

Zweiter Auftritt.

Bote. Die Vorigen.

Isabella. Sag' an und weder Schlimmes hehle mir Noch Gutes, sondern schöpfe rein die Wahrheit! Was gab der Greis des Bergs dir zum Bescheide?

Bote. Ich soll mich schnell zurückbegeben, war Die Antwort, die Verlorne sei gefunden.

Isabella. Glücksel'ger Mund, erfreulich Himmelswort, Stets hast du das Erwünschte mir verkündet! Und welchem meiner Söhne war's verliehn, Die Spur zu finden der Verlornen?

Bote. Die Tiefverborgne fand dein ältster Sohn.

Isabella. Don Manuel ist es, dem ich sie verdanke! Ach, stets war dieser mir ein Kind des Segens! --Hast du dem Greis auch die geweihte Kerze Gebracht, die zum Geschenk ich ihm gesendet, Sie anzuzünden seinem Heiligen? Denn, was von Gaben sonst der Menschen Herzen Erfreut, verschmäht der fromme Gottesdiener.

Bote. Die Kerze nahm er schweigend von mir an, Und zum Altar hintretend, wo die Lampe Dem Heil'gen brannte, zündet' er sie flugs Dort an, und schnell in Brand steckt' er die Hütte, Worin er Gott verehrt seit neunzig Jahren.

Isabella. Was sagst du? Welches Schreckniß nennst du mir?

Bote. Und dreimal Wehe! Wehe! rufend, stieg er Herab vom Berg; mir aber winkt' er schweigend, Ihm nicht zu folgen, noch zurückzuschauen. Und so, gejagt von Grausen, eilt' ich her!

Isabella. In neuer Zweifel wogende Bewegung Und ängstlich schwankende Verworrenheit Stürzt mich das Widersprechende zurück. Gefunden sei mir die verlorne Tochter Von meinem ältsten Sohn, Don Manuel? Die gute Rede kann mir nicht gedeihen, Begleitet von der unglücksel'gen That.

Bote. Blick' hinter dich, Gebieterin! Du siehst Des Klausners Wort erfüllt vor deinen Augen; Denn Alles müßt' mich trügen, oder dies Ist die verlorne Tochter, die du suchst, Von deiner Söhne Ritterschaar begleitet.

(Beatrice wird von dem zweiten Halbchor auf einem Tragsessel gebracht und auf der vordern Bühne niedergesetzt. Sie ist noch ohne Leben und Bewegung.)

Dritter Auftritt.

Isabella. Diego. Bote. Beatrice. Chor. (Bohemund, Roger, Hippolyt und die neun andern Ritter Don Cesars.)

Chor. (Bohemund.) Des Herrn Geheiß erfüllend, setzen wir Die Jungfrau hier zu deinen Füßen nieder, Gebieterin--Also befahl er uns Zu thun und dir zu melden dieses Wort: Es sei dein Sohn Don Cesar, der sie sendet.

Isabella (ist mit ausgebreiteten Armen auf sie zugeeilt und tritt mit Schrecken zurück.) O Himmel! Sie ist bleich und ohne Leben!

Chor. (Bohemund.) Sie lebt! Sie wird erwachen! Gönn' ihr Zeit, Von dem Erstaunlichen sich zu erholen, Das ihre Geister noch gebunden hält.

Isabella. Mein Kind! Kind meiner Schmerzen, meiner Sorgen! So sehen wir uns wieder! So mußt du Den Einzug halten in des Vaters Haus! O, laß an meinem Leben mich das deinige Anzünden! An die mütterliche Brust Will ich dich pressen, bis, vom Todesfrost Gelöst, die warmen Adern wieder schlagen! (Zum Chor.) O, sprich! Welch Schreckliches ist hier geschehn? Wo fandst du sie? Wie kam das theure Kind In diesen kläglich jammervollen Zustand?

Chor. (Bohemund.) Erfahr' es nicht von mir, mein Mund ist stumm. Dein Sohn Don Cesar wird dir Alles deutlich Verkündigen, denn er ist's, der sie sendet.

Isabella. Mein Sohn Don Manuel, so willst du sagen?

Chor. (Bohemund.) Dein Sohn Don Cesar sendet sie dir zu.

Isabella (zu dem Boten). War's nicht Don Manuel, den der Seher nannte?

Bote. So ist es, Herrin, das war seine Rede.

Isabella. Welcher es sei, er hat mein Herz erfreut; Die Tochter dank' ich ihm, er sei gesegnet! O, muß ein neid'scher Dämon mir die Wonne Des heiß erflehten Augenblicks verbittern! Ankämpfen muß ich gegen mein Entzücken! Die Tochter seh' ich in des Vaters Haus, Sie aber sieht nicht mich, vernimmt mich nicht, Sie kann der Mutter Freude nicht erwiedern. O, öffnet euch, ihr lieben Augenlichter! Erwärmet euch, ihr Hände! Hebe dich, Lebloser Busen, und schlage der Lust! Diego! Das ist meine Tochter--Das Die Langverborgne, die Gerettete, Vor aller Welt kann ich sie jetzt erkennen!

Chor. (Bohemund.) Ein seltsam neues Schreckniß glaub' ich ahnend Vor mir zu sehn und stehe wundernd, wie Das Irrsal sich entwirren soll und lösen.

Isabella (zum Chor, der Bestürzung und Verlegenheit ausdrückt). O, seid ihr undurchdringlich harte Herzen! Vom ehrnen Harnisch eurer Brust, gleichwie Von einem schroffen Meeresfelsen, schlägt Die Freude meines Herzens mir zurück! Umsonst in diesem ganzen Kreis umher Späh' ich nach einem Auge, das empfindet. Wo weilen meine Söhne, daß ich Antheil In einem Auge lese; denn mir ist, Als ob der Wüste unmitleid'ge Schaaren, Des Meeres Ungeheuer mich umständen!

Diego. Sie schlägt die Augen auf! Sie regt sich, lebt!

Isabella. Sie lebt! Ihr erster Blick sei auf die Mutter!

Diego. Das Auge schließt sie schaudernd wieder zu.

Isabella (zum Chor). Weichet zurück! Sie schreckt der fremde Anblick!

Chor (tritt zurück). (Bohemund.) Gern meid' ich's, ihrem Blicke zu begegnen.

Diego. Mit großen Augen mißt sie staunend dich.

Beatrice. Wo bin ich? Diese Züge sollt' ich kennen.

Isabella. Langsam kehrt die Besinnung ihr zurück.

Diego. Was macht sie? Auf die Kniee senkt sie sich.

Beatrice. Ich, schönes Engelsantlitz meiner Mutter!

Isabella. Kind meines Herzens! Komm in meine Arme!

Beatrice. Zu deinen Füßen sieh die Schuldige.

Isabella. Ich habe dich wieder! Alles sei vergessen!

Diego. Betracht' auch mich! Erkennst du meine Züge?

Beatrice. Des redlichen Diego greises Haupt!

Isabella. Der treue Wächter deiner Kinderjahre.

Beatrice. So bin ich wieder in dem Schooß der Meinen?

Isabella. Und nichts soll uns mehr scheiden, als der Tod.

Beatrice. Du willst mich nicht mehr in die Fremde stoßen?

Isabella. Nichts trennt uns mehr, das Schicksal ist befriedigt.

Beatrice (sinkt an ihre Brust). Und find' ich wirklich mich an deinem Herzen? Und Alles war ein Traum, was ich erlebt? Ein schwerer, fürchterlicher Traum--O Mutter! Ich sah ihn todt zu meinen Füßen fallen! --Wie komm' ich aber hieher? Ich besinne Mich nicht--Ach, wohl mir, wohl, daß ich gerettet In deinen Armen bin! Sie wollten mich Zur Fürstin Mutter von Messina bringen. Eher ins Grab!

Isabella. Komm zu dir, meine Tochter! Messinas Fürstin--

Beatrice. Nenne sie nicht mehr! Mir gießt sich bei dem unglücksel'gen Namen Ein Frost des Todes durch die Glieder.

Isabella. Höre mich.

Beatrice. Sie hat zwei Söhne, die sich tödtlich hassen; Don Manuel, Don Cesar nennt man sie.

Isabella. Ich bin's ja selbst! Erkenne deine Mutter!

Beatrice. Was sagst du? Welches Wort hast du geredet?

Isabella. Ich, deine Mutter, bin Messinas Fürstin.

Beatrice. Du bist Don Manuels Mutter und Don Cesars?

Isabella. Und deine Mutter! Deine Brüder nennst du!

Beatrice. Weh, weh mir! O, entsetzensvolles Licht!

Isabella. Was ist dir? Was erschüttert dich so seltsam?

Beatrice (wild um sich her schauend, erblickt den Chor). Das sind sie, ja! Jetzt, jetzt erkenn' ich sie. Mich hat kein Traum getäuscht--Die sind's, Die waren Zugegen--Es ist fürchterliche Wahrheit! Unglückliche, wo habt ihr ihn verborgen?

(Sie geht mit heftigem Schritt auf den Chor zu, der sich von ihr abwendet. Ein Trauermarsch läßt sich in der Ferne hören.)

Chor. Weh! Wehe!

Isabella. Wen verborgen? Was ist wahr? Ihr schweigt bestürzt--Ihr scheint sie zu verstehn. Ich les' in euren Augen, eurer Stimme Gebrochnen Tönen etwas Unglücksel'ges, Das mir zurückgehalten wird--Was ist's? Ich will es wissen. Warum heftet ihr So schreckensvolle Blicke nach der Thüre? Und was für Töne hör' ich da erschallen?

Chor. (Bohemund.) Es naht sich! Es wird sich mit Schrecken klären. Sei stark, Gebieterin, stähle dein Herz! Mit Fassung ertrage, was dich erwartet, Mit männlicher Seele den tödtlichen Schmerz!

Isabella. Was naht sich? Was erwartet mich?--Ich höre Der Todtenklage fürchterlichen Ton Das Haus durchdringen--Wo sind meine Söhne?

(Der erste Halbchor bringt den Leichnam Don Manuels auf einer Bahre getragen, die er auf der leer gelassenen Seite der Scene niedersetzt. Ein schwarzes Tuch ist darüber gebreitet.)

Vierter Auftritt.

Isabella. Beatrice. Diego. Beide Chöre.

Erster Chor. (Cajetan.) Durch die Straßen der Städte, Vom Jammer gefolget, Schreitet das Unglück-- Lauernd umschleicht es Die Häuser der Menschen, Heute an dieser Pforte pocht es, Morgen an jener, Aber noch keinen hat es verschont. Die unerwünschte Schmerzliche Botschaft, Früher oder später, Bestellt es an jeder Schwelle, wo ein Lebendiger wohnt.

(Berengar.) Wenn die Blätter fallen In des Jahres Kreise, Wenn zum Grabe wallen Entnervte Greise, Da gehorcht die Natur Ruhig nur Ihrem alten Gesetze, Ihrem ewigen Brauch, Da ist nichts, was den Menschen entsetze!

Aber das Ungeheure auch Lerne erwarten im irdischen Leben! Mit gewaltsamer Hand Löst der Mord auch das heiligste Band, In sein stygisches Boot Raffet der Tod Auch der Jugend blühendes Leben!

(Cajetan.) Wenn die Wolken gethürmt den Himmel schwärzen, Wenn dumpftosend der Donner hallt, Da, da fühlen sich alle Herzen In des furchtbaren Schicksals Gewalt. Aber auch aus entwölkter Höhe Kann der zündende Donner schlagen Darum in deinen fröhlichen Tagen Fürchte des Unglücks tückische Nähe! Nicht an die Güter hänge dein Herz, Die das Leben vergänglich zieren! Wer besitzt, der lerne verlieren, Wer im Glück ist, der lerne den Schmerz.

Isabella. Was soll ich hören? Was verhüllt dies Tuch? (Sie macht einen Schritt gegen die Bahre, bleibt aber unschlüssig zaudernd stehen.) Es zieht mich grausend hin und zieht mich schaudernd Mit dunkler, kalter Schreckenshand zurück. (Zu Beatrice, welche sich zwischen sie und die Bahre geworfen.) Laß mich! Was es auch sei, ich will's enthüllen! (Sie hebt das Tuch auf und entdeckt Don Manuels Leichnam.) O himmlische Mächte, es ist mein Sohn!

(Sie bleibt mit starrem Entsetzen stehen--Beatrice sinkt mit einem Schrei des Schmerzens neben der Bahre nieder.)

Chor. (Cajetan, Berengar, Manfred.) Unglückliche Mutter! Es ist dein Sohn! Du hast es gesprochen, das Wort des Jammers, Nicht meinen Lippen ist es entflohn.

Isabella. Mein Sohn! Mein Manuel!--O, ewige Erbarmung--So muß ich dich wieder finden! Mit deinem Leben mußtest du die Schwester Erkaufen aus des Räubers Hand!--Wo war Dein Bruder, daß sein Arm dich nicht beschützte? --O, Fluch der Hand, die diese Wunde grub! Fluch ihr, die den Verderblichen geboren, Der mir den Sohn erschlug! Fluch seinem ganzen Geschlecht!

Chor. Wehe! Wehe! Wehe! Wehe!

Isabella. So haltet ihr mir Wort, ihr Himmelsmächte? Das, das ist eure Wahrheit? Wehe Dem, Der euch vertraut mit redlichem Gemüth! Worauf hab' ich gehofft, wovor gezittert, Wenn dies der Ausgang ist!--O, die ihr hier Mich schreckenvoll umsteht, an meinem Schmerz Die Blicke weidend, lernt die Lügen kennen, Womit die Träume uns, die Seher täuschen! Glaube noch einer an der Götter Mund! --Als ich mich Mutter fühlte dieser Tochter, Da träumte ihrem Vater eines Tages, Er säh' aus seinem hochzeitlichen Bette Zwei Lorbeerbäume wachsen--Zwischen ihnen Wuchs eine Lilie empor; sie ward Zur Flamme, die der Bäume dicht Gezweig ergriff Und, um sich wüthend, schnell das ganze Haus In ungeheurer Feuersfluth verschlang. Erschreckt von diesem seltsamen Gesichte, Befrug der Vater einen Vogelschauer Und schwarzen Magier um die Bedeutung. Der Magier erklärte: wenn mein Schooß Von einer Tochter sich entbinden würde, So würde sie die beiden Söhne ihm Ermorden und vertilgen seinen Stamm!

Chor. (Cajetan und Bohemund.) Gebieterin, was sagst du? Wehe! Wehe!

Isabella. Darum befahlt der Vater, sie zu tödten; Doch ich entrückte sie dem Jammerschicksal. --Die arme Unglückselige! Verstoßen Ward sie als Kind aus ihrer Mutter Schooß, Daß sie, erwachsen, nicht die Brüder morde! Und jetzt durch Räubershände fällt der Bruder, Nicht die Unschuldige hat ihn getödtet!

Chor. Wehe! Wehe! Wehe! Wehe!

Isabella. Keinen Glauben Verdiente mir des Götzendieners Spruch, Ein beßres Hoffen stärkte meine Seele. Denn mir verkündigte ein andrer Mund, Den ich für wahrhaft hielt, von dieser Tochter: "In heißer Liebe würde sie dereinst "Der Söhne Herzen mir vereinigen." --So widersprachen die Orakel sich, Den Fluch zugleich und Segen auf das Haupt Der Tochter legend--Nicht den Fluch hat sie Verschuldet, die Unglückliche! Nicht Zeit Ward ihr gegönnt, den Segen zu vollziehen. Ein Mund hat, wie der andere, gelogen! Die Kunst der Seher ist ein eitles Nichts, Betrüger sind sie oder sind betrogen. Nichts Wahres läßt sich von der Zukunft wissen, Du schöpfest drunten an der Hölle Flüssen, Du schöpfest droben an dem Quell des Lichts.

Erster Chor. (Cajetan.) Wehe! Wehe! Was sagst du? Halt ein, halt ein! Bezähme der Zunge verwegenes Toben! Die Orakel sehen und treffen ein, Der Ausgang wird die Wahrhaftigen loben!

Isabella. Nicht zähmen will ich meine Zunge, laut, Wie mir das Herz gebietet, will ich reden. Warum besuchen wir die heil'gen Häuser Und heben zu dem Himmel fromme Hände? Gutmüth'ge Thoren, was gewinnen wir Mit unserm Glauben? So unmöglich ist's, Die Götter, die hochwohnenden, zu treffen, Als in den Mond mit einem Pfeil zu schießen. Vermauert ist dem Sterblichen die Zukunft, Und kein Gebet durchbohrt den ehrnen Himmel. Ob rechts die Vögel fliegen oder links, Die Sterns so sich oder anders fügen, Nicht Sinn ist in dem Buche der Natur, Die Traumkunst träumt, und alle Zeichen trügen.

Zweiter Chor. (Bohemund.) Halt ein, Unglückliche! Wehe! Wehe! Du leugnest der Sonne leuchtendes Licht Mit blinden Augen! Die Götter leben, Erkenne sie, die dich furchtbar umgeben! (Alle Ritter.) Die Götter leben, die Götter leben, Erkenne sie, die dich furchtbar umgeben!

Beatrice. O Mutter! Mutter! Warum hast du mich Gerettet! Warum warfst du mich nicht hin Dem Fluch, der, eh' ich war, mich schon verfolgte? Blödsicht'ge Mutter! Warum dünktest du Dich weiser, als die Alles Schauenden, Die Nah' und Fernes an einander knüpfen Und in der Zukunft späte Saaten sehn? Dir selbst und mir, uns allen zum Verderben Hast du den Todesgöttern ihren Raub, Den sie gefordert, frevelnd vorenthalten! Jetzt nehmen sie ihn zweifach, dreifach selbst. Nicht dank' ich dir das traurige Geschenk, Dem Schmerz, dem Jammer hast du mich erhalten!

Erster Chor (Cajetan.) (in heftiger Bewegung nach der Thüre sehend). Brechet auf, ihr Wunden, Fließet, fließet! In schwarzen Güssen Stürzet hervor, ihr Bäche des Bluts!

(Berengar.) Eherner Füße Rauschen vernehm' ich, Höllischer Schlangen Zischendes Tönen, Ich erkenne der Furien Schritt!

(Cajetan.) Stürzet ein, ihr Wände! Versink, o Schwelle, Unter der schrecklichen Füße Tritt! Schwarze Dämpfe, entsteiget, entsteiget Qualmend dem Abgrund! Verschlinget des Tages Lieblichen Schein! Schützende Götter des Hauses, entweichet! Lasst die rächenden Göttinnen ein!

Fünfter Auftritt.

Don Cesar. Isabella. Beatrice. Der Chor.

Beim Eintritt des Don Cesar zertheilt sich der Chor in fliehender Bewegung vor ihm; er bleibt allein in der Mitte der Scene stehen.

Beatrice. Weh mir, er ist's!

Isabella (tritt ihm entgegen). O mein Sohn Cesar! Muß ich so Dich wiedersehen--O, blick her und sieh Den Frevel einer gottverfluchten Hand! (Führt ihn zu dem Leichnam.)

Don Cesar (tritt mit Entsetzen zurück, das Gesicht verhüllend).

Erster Chor. (Cajetan, Berengar.) Brechet auf, ihr Wunden! Fließet, fließet! In schwarzen Güssen Strömet hervor, ihr Bäche des Bluts!

Isabella. Du schauderst und erstarrst!--Ja, das ist Alles Was dir noch übrig ist von deinem Bruder! Da liegen meine Hoffnungen--Sie stirbt Im Keim, die junge Blume eures Friedens, Und keine schöne Früchte sollt' ich schauen.

