# Agnes Bernauer

## Part 1

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Produced by Michael Pullen and Mary Cicora

Agnes Bernauer

Ein deutsches Trauerspiel in fünf Aufzügen

Friedrich Hebbel

Personen:

Ernst, regierender Herzog zu München-Bayern

Albrecht, sein Sohn

Hans von Preising, sein Kanzler

Marschall von Pappenheim, Ignaz von Seyboltstorf, Wolfram von Pienzenau und Otto von Bern, Ritter auf der Seite des Herzogs Ernst

Graf Törring, Nothhafft von Wernberg und Rolf von Frauenhoven, Ritter auf der Seite des Herzogs Albrecht

Hans von Läubelfing, ein Ritter von Ingolstadt

Emeran Nusperger zu Kalmperg, Richter zu Straubing

Caspar Bernauer, Bader und Chirurgus zu Augsburg

Agnes, seine Tochter

Theobald, sein Geselle

Knippeldollinger, sein Gevatter

Hermann Nördlinger, Bürgermeister zu Augsburg

Barbara und Martha, Bürgermädchen

Stachus, ein Diener

Der Kastellan auf Vohburg und Straubing

Ein Herold des Reichs

Ein Legat der Kirche

Volk, Ritter und Reisige in großen Massen

Die Handlung ereignet sich zwischen 1420 und 1430.

Erster Akt Zweiter Akt Dritter Akt Vierter Akt Fünfter Akt

Erster Akt

Augsburg.

Erste Szene

Baderstube.

Theobald (allein, einen Blumenstrauß in der Hand). Ich weiß nicht, was ich tun soll. (Er hält den Blumenstrauß empor.) Zertret ich dich? Um die schönen Rosen wär's schade, die sind unschuldig! Oder überreich ich dich? Nein, gewiß nicht, und das hätt' ich ihm gleich gesagt, dem Herrn Ungetreu, der zu glauben scheint, daß ich keine Augen habe, und kein Herz, und kein Blut, wenn--ja, das war's ja! Ich wollte sie prüfen! Da kommt sie! Mit dem Morgensüppchen des Vaters! Oh, wie das schmecken muß! Wenn die für mich einmal kochte, ich--(Verbirgt den Strauß.)

Zweite Szene

Agnes (tritt ein mit einer Suppe). Guten Morgen, Theobald!

Theobald. Danke schön, Jungfer, danke schön! Wohl geschlafen?

Agnes. So sollt' ich Euch fragen! Ihr werdet oft herausgeklopft, wenn sie gerauft haben, und ein Pflaster brauchen.

Theobald. Das bemerkt Ihr? (Für sich.) Ich geb ihr den Strauß und bestelle alles! Wenn sie dann ein Gesicht macht und pfui sagt und mich anfährt: dazu gibst du dich her-

Agnes. Was verbergt Ihr denn hinter dem Rücken?

Theobald (zeigt den Strauß). Ja so, das hätt' ich bald vergessen!

Agnes. Ah, der ist schön! Gebt ihn mal her! (Sie riecht.) Wenn wir doch auch einen Garten hätten! Wessen Namensfest ist denn heute? (Sie will ihn zurückgeben.)

Theobald. Behüte, er gehört Euch!

Agnes. Mir? Oh, da dank ich! Aber da geht's mit Eurem alten Ohm wohl bald zu Ende?

Theobald. Mit meinem Ohm?

Agnes. Nun ja, weil er seine Blumen zu verschenken anfängt, das pflegt ein Gärtner nicht zu tun, und gekauft habt Ihr sie doch gewiß nicht?

Theobald. Er ist nicht von mir!

Agnes. Nicht von Euch? Von wem denn?

Theobald. Ratet!

Agnes. Von--Nein, Barbara kann's nicht sein, die sieht mich nicht mehr an, ich weiß zwar nicht, warum.

Theobald. Es ist keine Sie!

Agnes. Keine Sie? Und Ihr seid's auch nicht? (Sie legt den Strauß auf den Tisch.)

Theobald. Gottlob, ihr fällt sonst niemand ein!

Agnes. Aber, da muß ich Euch doch fragen-

Theobald. Scheltet nur! Ich wollt's bloß wissen!

Agnes. Was?

Theobald. Ob Ihr vielleicht in der Kirche nach ihm geblinzelt, oder ihm wohl gar bei einem Tanze die Hand gedrückt hättet!

Agnes. Wem denn?

Theobald. Es ist schon gut, wenn Ihr nicht von selbst auf ihn kommt! (Er nimmt den Strauß.) Ha, unserer alten Gertrud will ich ihn jetzt verehren, die soll ihn an die platte Brust stecken, wenn sie auf den Markt humpelt, und sich mit einem Knicks bedanken, wenn sie sich an dem Hause vorbeischiebt! (Er springt.) Ich könnte jetzt--(Er singt.)

Wenn zwei sich die Hände geben- Jungfer, es ist ein schönes Lied! (Singt wieder.)

Und wer ein guter Geselle ist, Der wird wohl auch ein Meister!

Oder ist das nicht wahr?

Agnes. Ihr seid zu früh lustig! Spät am Abend ist besser, als früh am Morgen.

Theobald. Und doch singen die Vögel, wenn sie erwachen, und nicht, wenn sie einschlafen. (Er faßt ihre Hand.)

Agnes (zieht sie zurück). Was wollt Ihr?

Theobald. Bloß nachsehen, ob--Ihr habt sie mir einmal gelassen!

Agnes. Als Ihr mir eine Ader öffnen solltet!

Theobald. Nun freilich! (Er nimmt die Hand wieder.) Ließ mein Schnepper keine Spur? Ich machte es ungeschickt!

Agnes. Zittert Ihr immer so dabei, wie damals?

Theobald. O nein! mir ward nur so wunderlich, als ich Euch weh tun sollte. Aber wie rot Euer Blut ist! (Für sich.) Aus meinen Lippen hätt' ich gern den Verband gemacht, wenn der Vater nicht dabeigestanden wäre!

Dritte Szene

Knippeldollinger (ruft ins Fenster). Guten Morgen, Patchen!

Agnes. Guten Morgen, Herr Gevatter!

Theobald. Ist der alte Geck auch schon da?

Knippeldollinger. Ich habe von Euch geträumt!

Agnes. Danke der Ehre.

Theobald. Von deinem Begräbnis hätt'st träumen sollen! Das hätt' sich besser geschickt.

Knippeldollinger. Kirschen gab ich Euch, von den großen, fremden, die ich an der Mauer aufziehe!

Agnes. Sind die schon so weit?

Knippeldollinger. O ja, es kommt heut abend ein Korb voll davon aufs Tanzhaus!

Theobald. Da werden sie gut bezahlt!

Knippeldollinger. Und während Ihr sie verzehrtet, führte ich Euch spazieren!

Theobald (laut). Auf den Kirchhof, jawohl, ich war mit dabei!

Knippeldollinger. Spaßvogel, ist Er auch da?

Theobald. Ihr tratet auf einen Totenkopf, und der schnappte nach Euch, es war der von Eurer letzten Frau!

Agnes. Pfui!

Knippeldollinger. Nicht doch, nicht doch, Patchen, ein Bader muß spaßig sein, man will doch was hören, wenn man sich den Bart oder das Haar scheren läßt. Der Theobald taugt zum Geschäft! Nur in die Ohren muß er niemanden schneiden, wie neulich mir! Nun, geh ich heute leer aus, bekomm ich das Patschchen nicht?

Agnes. Ich habe wieder die Blattern!

Knippeldollinger. Halt mir das nicht immer vor! Nun, ich werde dich nachher noch sehen, denn die Muhme wird dich zum Turnier abholen, ich habe für Plätze gesorgt. Das wollt' ich dir eigentlich sagen!

Agnes. Danke! Zwar weiß ich nicht-

Knippeldollinger. Ei, es kommt nicht alle Tage. Ritter, Grafen und Barone sind schon hier in Augsburg selten, nun gar ein Herzog von Bayern--der Tausend, da wird niemand, als der Scharfrichter mit seinen Freiknechten fehlen, der freilich gute Gründe hat, nicht unter ehrlichen Christenmenschen zu erscheinen!

Vierte Szene

Theobald. Da humpelt er hin auf seinen drei Beinen. Ihr steht doch in seinem Testament? Nun, recht hat er, es wird lustig zugehen, ich freu mich auch! (Es wird etwas durchs Fenster geworfen.) Was ist denn das? Es klirrt ja!

Agnes. Schlüssel!

Fünfte Szene

Barbara (tritt in die Tür). Darf ich sie wiederholen?

Agnes. Barbara!

Barbara. Agnes?

Agnes. Du kamst lange nicht!

Barbara (nimmt die Schlüssel auf). Und jetzt hab ich hier etwas zu tun! Siehst du?

Agnes. Wir waren immer so gut miteinander: was hast du jetzt gegen mich?

Barbara. Oh, das bin ich nicht allein!

Agnes. Heilige Mutter Gottes, was sagst du da?

Barbara. Du siehst deine Gespielinnen wohl gar nicht mehr an, daß du nicht weißt, wie sie dich ansehen?

Agnes. Es ist wahr, ich erhalte meinen Gruß nicht immer so freundlich zurück, wie ich ihn biete!

Barbara. Glaub's!

Agnes. Aber bei Gott, wenn mir das mit einer begegnete, so dacht' ich: Sie hat schlecht geträumt oder sie ist von der Mutter gescholten oder sie hat ihren Ring verloren-

Barbara. Dabei kamst du denn freilich gut weg.

Agnes. Was tu ich denn? Sag's!

Barbara. Tun! Was tun! Wenn's schon so weit gekommen wäre, so würde man leicht mit dir fertig!

Agnes. Barbara!

Barbara. Sag doch einmal, warum--(Sie zeigt auf Theobald.) Nun, da steht ja gleich wieder einer und gafft! (Zu Theobald.) Nicht wahr, ich bin gar nicht da! (Zu Agnes.) Gehst du heute? Zum Turnier, mein ich! Ja? Nun, da will ich's allen ansagen, damit sie zu Hause bleiben, ich zuerst!

Agnes. Das ist zu arg, das muß mein Vater wissen.

Barbara. Bewahre! Niemand red't dir was übles nach!

Agnes. Und doch flieht man mich? Doch will man mich ausstoßen?

Barbara. Agnes, sieh mich mal an!

Agnes. Nun?

Barbara. Wie wär' dir wohl zumute, wenn--laß uns hinaufgehen in deine Kammer!

Theobald. Ich will nicht im Wege sein, wenn gebeichtet werden soll! (Ab.)

Barbara. Ja, wie wär' dir zumute, wenn du, wie sag ich, nun, wenn du einen gern hättest, und der hätte nur Augen für mich?

Agnes. Wie soll ich das wissen!

Barbara. So will ich's dir sagen! Du würdest--Doch ich will mich nicht lächerlich machen, du weißt es selbst recht gut! Und meinst du, daß es anderen besser geht? (Bemerkt den Strauß.) Woher kommt der?

Agnes. Das weiß ich nicht!

Barbara. Nicht? Kommen so viele? Wenn er von meinem Wolfram käme, ich--Und es ist gern möglich, gerade die Blumen stehen in seinem Garten! Gestern den ganzen Tag sah ich nach seinem Vetter, zwang mich, dem gleichgültigen Menschen verliebte Blicke zuzuwerfen und dachte, er würde rasen. Abends, als wir zu Hause gingen, strich er den Burschen selbst gegen mich heraus, es war ihm recht gewesen, ich hatte ihm einen Gefallen damit getan!

Agnes. Arme!

Barbara. Daran bist du schuld, niemand schuld, als du! Als er dich noch nicht kannte, hing er an mir, wie eine Klette. In den Bärenzwinger wär' er für mich hinabgestiegen und hätte meinen Handschuh heraufgeholt. Und nun--pfui!

Agnes. Du schiltst mich, und ich weiß nicht einmal, wovon du sprichst!

Barbara (nimmt den Strauß). Ich will schon dahinterkommen, ich nehm ihn mit!

Agnes. Mir gleich!

Barbara. Allen machst du abspenstig, was ihnen gehört! Ich würde mich schämen!

Agnes. Kannst du sagen, daß ich auch nur einen ansehe?

Barbara. Das ist's vielleicht eben! Nonne und doch keine! Heilige, aber noch nicht im Himmel! Die muß man Gott abjagen! Da muß man alles daransetzen! Ei, sei, wie wir, kuck auf, sprich, und es wird sich geben!

Agnes. Tät' ich's, so würdest du wieder schmälen!

Barbara. So geh ins Kloster, wirf den Schleier über, den niemand heben darf! Ich dich um Vergebung bitten? In Ewigkeit nicht!

Agnes. Wer verlangt's denn?

Barbara. Mein Beichtvater! Glaubst du, ich kam von selbst? Aber nein, lieber auf Erbsen knien! (Hält den Strauß in die Höhe.) Den werd ich ihm jetzt schenken! Kennt er ihn nicht, so schick ich dir einen doppelt so schönen! (Ab.)

Agnes. Sie tut mir leid! Aber kann ich's ändern?

Sechste Szene

Theobald (tritt wieder ein). Die hat die arme Gertrud ja beraubt!

Agnes. Sie scheint den Verstand verloren zu haben!

Theobald. Das möcht' ich doch nicht sagen!

Agnes. So hätte sie recht?

Theobald. Ich glaube fast! Jungfer, ich könnt' Euch alle Morgen-

Siebente Szene

Caspar Bernauer (tritt mit einem Buch ein, das in ein rotes Tuch gewickelt ist; zu Agnes). Ja, ja, ja! Wenn ich nur nicht mit soll! Nun geh hinauf und lege dein Kettlein an. Sie blasen schon am Fronhof.

Agnes. Nein, Vater, ich bleibe zu Hause!

Caspar Bernauer. Wie? Was? Warum wartest du hier denn auf mich? (Zu Theobald.) An den Destillierkolben! Das Feuer wird zu schüren sein!

Theobald (geht ab).

Caspar Bernauer. Nun?

Agnes. Vater, all die Augen--es ist mir, als ob mich geradesoviel Bienen stächen! Und Er weiß ja, sie sehen alle nach mir!

Theobald (tritt wieder ein).

Caspar Bernauer. Sieh du sie wieder an! Nun, wenn du lieber deinen Rosenkranz abbetest, meinetwegen! (Sieht sich um, zu Theobald.) Noch keine Salben abgerührt? Hat der Hahn heut morgen nicht gekräht?

Theobald (geht ans Geschäft).

Agnes. Barbara war hier, alle hassen mich, ich verderb ihnen den Tag, wenn ich komme.

Caspar Bernauer. Und darum willst du ausbleiben? Nichts da! Dann dürfte der beste Ritter ja auch nicht kommen, denn der verdirbt den übrigen ja auch den Tag. Und der nächstbeste ebensowenig, und wer noch, bis auf den letzten, der nur zum Umpurzeln da ist! Torheit und kein Ende! Hinauf! (Zu Theobald.) Und du hole die Flasche mit dem Wundwasser herunter!

Beide (ab).

Achte Szene

Caspar Bernauer. Die Suppe ist kalt geworden! Ich nehm's für genossen! (Legt das Buch auf den Tisch.) Bischöfliche Gnaden haben recht, wenig bring ich heraus und gerade die Hauptsachen nicht, die vom Hippokrates, denn die sind griechisch. Ich muß es so zurücktragen.

Neunte Szene

Knippeldollinger (tritt herein). Guten Morgen, Gevatter! Ah! Das ist wohl ein Buch? Ja?

Caspar Bernauer. Und das ist wohl ein funkelnagelneues Wams?

Knippeldollinger. Nun, wenn alte Leute nichts mehr machen ließen, würde mancher Schneider hungern! (Sieht ins Buch.) Herrje, wie kraus und bunt! Und das versteht Ihr, wie der Bischof?

Theobald (tritt mit der Flasche ein und macht sich wieder zu tun).

Caspar Bernauer. Ihr müßt immer fragen!

Knippeldollinger. Wie alt das wohl ist?

Caspar Bernauer. Seit der Kreuzigung unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi sind jetzt verflossen eintausendvierhundertsechsundzwanzig Jahre, aber der Autor dieses Buches, das ist zu sagen der Urheber, nämlich der Mann, der es gemacht hat, war schon über vierhundert Jahre tot, bevor der Herr auf Erden im Fleisch unter uns erschien.

Knippeldollinger. Macht an die zweitausend Jahre! Sollte man's glauben, daß es Leute gibt, die solche Bücher so lange aufheben? Es ist doch kein Gold! Denkt nur an all die Feuersbrünste und Überschwemmungen, an Pestilenz und Seuchen! Sieh, sieh!

Caspar Bernauer. Es gab immer gelehrte Männer!

Knippeldollinger. Freilich, freilich! Was gab's nicht! Wenn man das so erwägt, Gevatter, und gehörig bedenkt--Ja, ja! Nicht wahr? Sagt selbst!

Caspar Bernauer. Ich weiß nicht, was Ihr meint!

Knippeldollinger. Ho, ho! Besser, als ich! Damit kommt Ihr mir nicht durch. Nun, wie Ihr wollt! Wo bleibt denn mein Patchen? Die Muhme wird schon warten!

Caspar Bernauer. Ja, die hatte Grillen! (Zu Theobald.) Spring einmal zu ihr hinauf! Bring gleich das Besteck mit! Wir werden's brauchen.

Theobald (ab).

Knippeldollinger. Ihr geht nicht auch? Wir könnten zusammenrücken!

Caspar Bernauer. Mich kümmern bei einem Turnier nur die Beulen und Wunden, und die krieg ich hier schon zu sehen, denn man trägt mir die Krüppel her!

Knippeldollinger. Aber der Herzog, der Herzog von Bayern-

Caspar Bernauer. Mich lüstet nicht nach seiner Bekanntschaft, und ich will ihm wünschen, daß er auch die meinige nicht suchen muß, denn dazu führt nur ein Rippenbruch! Heut abend ist das was anders.

Knippeldollinger. Denkt Euch, hinter der alten Klostermauer, wo mein Vetter wohnt, hat man letzte Nacht einen Toten gefunden!

Caspar Bernauer. Da ist viel zu wundern! Kommen jemals Reichsknechte nach Augsburg, ohne daß es etwas gibt?

Knippeldollinger. Wohl! Aber dieser ist so entstellt, daß man ihn gar nicht mehr erkennen kann!

Caspar Bernauer. So soll man drei Tropfen seines Blutes nehmen und sie um Mitternacht, mit einem gewissen Liquor vermischt, auf eine glühende Eibenkohle träufeln. Dann wird der Verstorbene im Dampf erscheinen, wie er leibte und lebte, aber in durchsichtiger Gestalt, gleich einer Wasserblase, mit einem dunkelroten Punkt in der Mitte, der das Herz vorstellt.

Knippeldollinger. Ei! Ei! Habt Ihr den Liquor?

Caspar Bernauer. Wenn Ihr ihn hättet, so ließet Ihr's durch den Ratsweibel ausrufen!

Zehnte Szene

Agnes (kommt im Putz. Theobald folgt).

Knippeldollinger. Sieh da! (Faßt ihre Hand.) Nun bekomm ich sie doch?

Caspar Bernauer (zu Agnes). Soll ich dir jetzt mit dem Korkstöpsel ein neues Gesicht machen, wie zum Schönbartlaufen, da du das alte nicht gern mehr herumträgst?

Agnes. Kommt, Gevatter!

Knippeldollinger (führt sie ab, in der Tür). Wißt Ihr, daß der Syndikus sich wieder verheiratet? Er ist zehn Jahr älter, wie ich!

Caspar Bernauer. Ihr irrt, nur fünf! Viel Vergnügen! Wenig Rippenstöße!

Knippeldollinger (mit Agnes ab).

Elfte Szene

Caspar Bernauer. Alter schützt vor Torheit nicht! Nun, Caspar, nicht hochmütig, du hast wohl auch deinen Sparren! (Zu Theobald.) Geh nur auch, aber sei zur rechten Zeit wieder da! Du siehst's ja schon! Wenn sie einen forttragen!

Theobald (ab).

Zwölfte Szene

Caspar Bernauer (nimmt das Buch wieder). Ich will's noch einmal versuchen! Ich schäm mich doch, es so wiederzubringen! Wahrhaftig, mich ärgert der babylonische Turmbau weit mehr, als der Sündenfall, denn ohne den sprächen wir mit unserer einen Zunge doch auch nur eine Sprache, und verständen uns nicht bloß, wenn wir schreien. Das hat mich schon in meiner Jugend verdrossen. Wie gern wär' ich als Geselle in die weite Welt gegangen, ob ich das Einhorntier, den Vogel Phönix, die Menschen, die auf Bäumen wachsen, irgendwo zu sehen bekäme, oder gar in der Türkei, wo sie doch gewiß viele unschuldig hängen, ein Alräunchen erwischte! Aber dann dacht' ich immer: du verstehst die Leute ja nicht und sie dich auch nicht! und blieb daheim! (Ab.)

Herberge.

Dreizehnte Szene

Herzog Albrecht, Freiherr von Törring, Nothhafft von Wernberg und Ritter Frauenhoven, vom Turnier kommend, nebst Knappen und Dienern. Bürgermeister Nördlinger.

Albrecht. Ich danke jetzt, Herr Bürgermeister, ich danke für das Geleite!

Bürgermeister. Gestrenger Herr, ich kenne meine Pflicht! (Ruft.) Wein her!

Nothhafft von Wernberg (zum Herzog). Ihr könnt ihn nicht vor dem Trunk verabschieden.

Albrecht. Frauenhoven!

Frauenhoven. Was ist's?

Albrecht. Hast du das Mädchen gesehen--Aber, du mußt ja, du mußt ja!

Frauenhoven. Welche denn?

Albrecht. Welche! Ich bitte dich, geh, ihr nach! Vom Pferd hätt' ich mich geworfen und wäre ihr gefolgt, wenn nicht (er zeigt auf den Bürgermeister) der da-

Bürgermeister (mit einem Pokal). Gestrenger Herr, die reichsfreie Stadt Augsburg heißt Euch nach ruhmvoll bestandenem Turnier in Eurer Herberge willkommen, und dankt Euch, daß Ihr ihre Patrizier einer Lanze gewürdigt habt.

Albrecht (trinkt). Sie lebe hoch, denn sie verdient's! Ha, wo solch ein wunderbares Licht der Schönheit leuchtet--(streift sich mit der Hand über die Stirn) ja, sie verdient's! (Wendet sich.) Frauenhoven, du bist noch da?

Frauenhoven. Aber-

Bürgermeister. Verhoffe demnach-Albrecht. Heute abend auf dem Tanzhaus--das versteht sich! Nichts kann mich zurückhalten, vorausgesetzt, daß auch sie--Verzeiht, ich bin ganz verwirrt! Ein Bote von meinem Vater-Bürgermeister. Ich hatte die Einladung nach Amtspflicht zu wiederholen, muß jedoch als Patrizier bemerken: es ist nicht bloß Geschlechter-Tanz. Auch die Zünfte kommen!

Albrecht. Ich wollte, die ganze Stadt wäre da!

Bürgermeister. Empfehle mich zu Gnaden! (Ab.)

Vierzehnte Szene

Albrecht (zu Frauenhoven). Und nun, du lieber, lieber Herzensfreund, schnell, schnell! Oder besser: ihr alle! Du die eine Straße hinunter, du die andere, du die dritte!

Frauenhoven. Ihr gabt mir heut morgen den Auftrag, dem Werdenberg nachzureiten! Er hat Euch Eure Braut, die Gräfin von Württemberg, entführt, wißt Ihr's noch?

Albrecht. Nenne sie nicht mehr!

Nothhafft von Wernberg. Ja, und ich sollte dem Württemberger die Schlüssel von Göppingen abfordern, weil die Heirat durch die Flucht seiner Tochter unmöglich geworden sei, und also das Reugeld herausgezahlt werden müsse!

Törring. Und ich sollte nach München zu Hof und Eurem Vater beides melden!

Albrecht. Das ist vorbei, das ist, als ob's nie gewesen wäre! Ich jauchze, daß Elisabeth eine Kette zerbrochen hat, die ich sonst selbst zerbrochen haben würde. Ich will nicht einen Dachziegel von Göppingen oder einen Pfenning zur Auslösung, denn ich könnte mir das Leben, das Atemholen, ebensogut bezahlen lassen, wie meine neue Freiheit, und was meinen Vater betrifft, so steht mir seit lange eine Bitte an ihn zu, und das soll die sein: daß er es ganz so verhalten möge, wie ich!

Törring. Dieser Wechsel ist rasch!

Nothhafft von Wernberg. Und kostet Bayern fünfundzwanzigtausend Gulden!

Albrecht. Ich kenn euch nicht mehr! Knapp', schäl mich ab, ich will selbst fort, und in diesem Aufzug schlepp ich einen Schweif von Hunderten hinter mir her.

Ein Knappe (entkleidet den Herzog des Panzerhemdes usw.).

Albrecht. Da liegt der Herzog!--Habt ihr Augen? (Schnallt sein Schwert ab.) Und da der Ritter! Blumen her, daß ich sie vor ihr ausstreuen kann, wo ich sie finde! (Setzt ein Barett auf.) Wird mich nun noch jemand erkennen?

Törring. Ohne Schwert? Jeder wird sich zu täuschen glauben!

Albrecht (indem er abgeht). Freunde, habt Geduld mit mir! (Ab.)

Törring. Begreift ihr das?

Nothhafft von Wernberg. Herzog Ernst wird Augen machen! Der besinnt sich etwas länger, wenn sich's um den Verlust von fünfundzwanzigtausend Gulden handelt.

Frauenhoven. Brüder, richten wir nicht, daß wir nicht gerichtet werden! Das haben wir alle entweder hinter uns oder vor uns. Wenn ihr's noch nicht wißt, so seht ihr's jetzt, warum unsre Altvordern für das Weib den Namen Mannrausch erfanden! Doch diesen Rausch vertreibt man durchs Trinken, wie den andern durch Enthaltsamkeit; je tiefer der Zug, je rascher die Nüchternheit! Darum müssen wir ihm beistehen!

Nothhafft von Wernberg. Aber die absonderlichen Reden wollen wir uns merken, wir können sie einmal wieder ausspielen, sei's auch nur, um uns selbst unsrer Haut gegen ihn zu wehren. "Habt ihr Augen?--Blumen her!--Ich kenn euch nicht mehr!" Damit belad ich meinen Esel. Sammelt ihr auf, was heut abend abfällt, denn ohne Zweifel trifft der neue Adam seine Eva beim Tanz. Vielleicht ist's der Engel von Augsburg!

Törring. Der Engel von Augsburg?

Nothhafft von Wernberg. So nennt man hier eine Baderstochter, Agnes Bernauer, deren Schönheit die halbe Stadt verrückt machen soll. Wollen wir die Bude ihres Vaters einmal aufsuchen? Wir können uns die Bärte stutzen lassen, und wer weiß, ob wir das Wunder bei dieser Gelegenheit nicht zu sehen bekommen.

Frauenhoven. Topp!

(Alle ab.)

Großer Saal im Tanzhause der Stadt. Festlich geschmückt mit den Panieren der Zünfte und den Wappen der Geschlechter. Abend. Die Gäste versammeln sich rasch, die Zunftmeister empfangen.

Fünfzehnte Szene

Bürgermeister Hermann Nördlinger kommt mit Nothhafft von Wernberg.

Bürgermeister. Ja, Herr Ritter, so läuft nun alles seit jenem unseligen Katharinen-Abend, wo wir den Pöbel mit in den Rat aufnehmen mußten, bei uns durcheinander! Perlen und Erbsen in einem Sack, der Herzog wird das Ausklauben mühsam finden, mich wundert, daß er kommt!

Nothhafft von Wernberg. Ihr habt Euch noch immer nicht gewöhnt? Es ist doch schon lange her.

Bürgermeister. Noch nicht lange genug, daß die Hoffnung auf die Rückkehr der guten alten Zeit schon ganz erstickt sein sollte. Seht den Dicken da, das ist der Zunftmeister der Bäcker, der macht die Ehre der Stadt. Seht doch hin! Wenn er dem ankommenden Gast, den er zu begrüßen hat, nicht mit seinem Stierkopf den Brustkasten einstößt, so zerschmettert er einem schon anwesenden ganz sicher durch den Kratzfuß das Schienbein! Was sagt Ihr? Ist's nicht, als wenn ein Pferd ausschlüge? Und das sollte man gewöhnen!

Nothhafft von Wernberg. Ihr hättet Euch besser wehren sollen!

Bürgermeister. Wir wurden überrumpelt! Kaiser und Reich hätten uns besser beistehen sollen! Was nötigte die Majestät, den vermaledeiten Zunftbrief, der uns abgezwungen wurde, hinterher mit Ihrem Siegel zu versehen? Wir hatten genug zu tun, daß wir uns nur nicht selbst unter die Metzger und Handschuhmacher aufnehmen lassen und unsere alten Namen mit neuen vertauschen mußten. Denn das wurde verlangt.

Sechzehnte Szene

Frauenhoven und Törring kommen.

Frauenhoven. Da steht der Bürgermeister, der kann es uns sagen! (Tritt zum Bürgermeister heran.) Ist es wahr, wie man im Reich erzählt, daß der Boden von Augsburg keine Ratten duldet?

Bürgermeister. Gewiß ist es wahr, man trifft dies Ungeziefer nimmer! Das war schon so zu den Zeiten des Drusus.

Törring. Kurios!

Siebzehnte Szene

Trompeten.

Bürgermeister. Seine Gnaden der Herzog! (Eilt zum Eingang und begrüßt den eintretenden Herzog Albrecht.)

